Naturschutz Exkursion mit Schwarzmilan

Jetzt aber raus ins Grüne! Unsere Autorin ist schon mal vorgelaufen. Sie hat sich im schwäbischen Kochhartgraben einer Nabu-Führung angeschlossen und sich die bedrohten Schätze der Natur zeigen lassen

So könnte es hier auch vor einem halben Jahrhundert ausgesehen haben: Links erheben sich Kalkfelsen mit schroffen Kanten, darunter wogt das Grün der Wiesen. Vom Kirchberg, wenige Kilometer westlich von Tübingen, schlängelt sich der Pfad hinab ins Tal. Wie eine Perlenkette zieht sich die Kolonne der Exkursionsteilnehmer am Hang entlang. Vorneweg Karin von Hacht, Ende vierzig, Kurzhaarfrisur. Seit zwölf Jahren arbeitet sie ehrenamtlich für den Nabu, Ortsgruppe Tübingen. Sie leitet die Vogelexkursion durch das Naturschutzgebiet Kochhartgraben. Im Schlepptau: 15 Frauen und Männer in Jeans, Stoffhosen, praktischem Schuhwerk, alle schon länger nicht mehr im Studentenalter. Immer wieder bleibt einer kurz stehen, schaut, lauscht, senkt den Blick wieder - der Pfad ist holprig und steil. Ihr Kollege, Wolfgang Siewert, Student der Geoökologie, ebenfalls ehrenamtlich tätig, bildet die Nachhut.

Exkursion mit Schwarzmilan

Fast unberührte Natur: Der Kochhartgraben bei Reusten, gesehen vom Kirchberg

Nach wenigen Metern der erste Halt. "Da, da!" Ein Mann mit Brille hebt eine Hand ans Ohr und streckt sich so sehr, dass er fast das Gleichgewicht verliert. "Eine Goldammer! Ta-ta-ta-taaaaaa! Wie Beethovens Fünfte." Und dann geht es auch schon weiter, ohne Eile bergab, durch das magere Gras der Hänge. Der Pfad mäandert durch die Auen, gesäumt von Wiesenkerbel und Witwenblumen. Seltene Arten wie den Enzian und das Helm-Knabenkraut, eine Orchidee, soll es hier auch geben.

Im Naturschutzgebiet unerwünscht: Stickstoff

Exkursion mit Schwarzmilan

Rot- und Schwarzmilan (im Bild): Sie profitieren von der Artenvielfalt im Naturschutzgebiet

Wie Boden und Pflanzen- und Tierwelt zusammenhängen, erläutert Wolfgang Siewert. Er spricht vom Stickstoff im Boden, den die Brennnesseln verraten; davon, wie die intensive Landwirtschaft, die in Deutschland jahrzehntelang Millionen Tonnen Stickstoff in Form von Düngemitteln auf die Äcker trug, das Gleichgewicht ausgehebelt hat. Denn Stickstoff, an sich ein wichtiger Nährstoff der Pflanzen, verhält sich in unnatürlich großen Mengen ähnlich förderlich für die Natur wie das tägliche Glas Rotwein für den menschlichen Organismus, wenn es zu einer Literflasche heranwächst. Viele Pflanzenarten reagieren sehr empfindlich auf zu viel Stickstoff. Etwa die Orchideen. Und mit den Pflanzenarten sind auch die Spezialisten unter den Insekten bedroht, die auf bestimmte Pflanzen als Futterpflanzen angewiesen sind.

Siewert zählt weitere unerwünschten Nebenwirkungen des Kunstdüngers auf: Nitrat im Grundwasser, Uran auf den Äckern - und das klimaschädliche Lachgas, ein Abbauprodukt des Stickstoffs, in der Atmosphäre. Die Überdüngung rückgängig zu machen, ist gar nicht so einfach, erklärt Wolfgang Siewert: "Die Wiesen müssen im Frühjahr geschnitten werden. Was abgeschnitten ist, muss weg, sonst kommt der Stickstoff ja wieder in den Boden."

Die letzten Worte seiner Ausführungen unterbricht ein Ruf aus der Gruppe. "Ein Rotmilan!" Alle greifen zu ihren Ferngläsern oder Fotoapparaten. "Da ist er - und so nah!" Karin von Hacht erklärt, woran man einen Milan erkennt. "Sie müssen auf den gespaltenen Schwanz achten. Wenn Sie darin etwas Rotes sehen können, dann ist es ein Rotmilan." Dass die Zahl der Milane rapide zurückgeht, das sagt sie dann auch noch. Dabei fällt Deutschland mit einem Anteil von einem Drittel aller Brutpaare weltweit eine besondere Verantwortung zu. Allein von 1994 bis 1996 ging ihre Zahl um ein Viertel zurück. Für den Neuntöter und die Goldammer gibt es mit einer Abnahme von 20 Prozent zwischen den Jahren 2004 und 2008 ebenfalls einen negativen Trend. Knapp ein Drittel aller Arten der offenen Agrarlandschaft zeigt laut dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) einen negativen Langzeittrend.

Intensive Landwirtschaft versus Artenvielfalt

"Die Monokulturen machen es der Natur schwer", sagt Wolfgang Siewert. "Auf den Feldern wächst nur noch, was Geld bringt." Dabei geht es schon lange nicht mehr nur darum, die eigene Bevölkerung zu ernähren. Seit der Wiedervereinigung haben sich die deutschen Agrarausfuhren verdreifacht; Deutschland ist heute weltweit der drittgrößte Exporteur von landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Der Anbau von Silomais, für die Tiermast oder als Biogassubstrat, hat sich seit 1995 nahezu verdoppelt. "Im Wald schaut es auch nicht besser aus", fährt Wolfgang Siewert fort. Darum sei auch der Bannwald so wichtig. In diesen von der Bewirtschaftung ausgeschlossenen Schutzzonen gibt es über 5000 Tier- und Pflanzenarten - auf nicht einmal einem Prozent der deutschen Waldfläche.

Karin von Hacht hat einen Neuntöter erspäht. Ihr Kollege ist sofort zur Stelle und baut behände das Stativ auf. Rasch bildet sich eine Traube. Jeder möchte durch das Spektiv, ein Spezial-Fernglas, sehen. Der Neuntöter, ein Vogel, der in manchen Regionen auf der Roten Liste der bedrohten Arten steht - hier, in diesem Tal, kann man ihn noch sehen. Heute allerdings nicht. Noch ehe Karin von Hacht die deutende Hand wieder herunter genommen hat, ist er davongeflogen.

Der Wind frischt auf. Es wird kühler. Gänsehaut bei denen, die keine Jacke dabeihaben. Sobald wir die Talsohle verlassen haben, zeigt sich in der Ferne der blecherne Strom einer vierspurigen Straße. Am Himmel kreisen Greifvögel, ein Rot- und ein Schwarzmilan, wie Karin von Hacht erläutert. "Der Schwarzmilan lebt gerne an Flüssen, denn Fische gehören zu seinem Speiseplan ..." "Und Aas!", ruft jemand aus der Gruppe. "Darum lebt der auch gerne an der Autobahn."

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