VG-Wort Pixel

Ökologische Waldbewirtschaftung "Der Wald ist für das Gemeinwohl unerlässlich"

Ökologische Waldbewirtschaftung: Der Biologe Christoph Nowicki koordiniert alle Vorarbeiten zum neuen Studiengang „Ökologische Waldbewirtschaftung“
Der Biologe Christoph Nowicki koordiniert alle Vorarbeiten zum neuen Studiengang „Ökologische Waldbewirtschaftung“
© Evgeny Makarov
Unser Projekt, einen neuen Studiengang „Ökologische Waldbewirtschaftung“ anzustoßen, ist einen wichtigen Schritt weiter: Der Biologe Christoph Nowicki hat die Aufgabe übernommen, alle Vorarbeiten zu koordinieren – mit einer Stelle, die durch die Umweltstiftung Greenpeace und die Stiftung „Zukunft Jetzt!“ ermöglicht wird.

Jens Schröder: Christoph, Glückwunsch zum neuen Job! Du koordinierst jetzt einen Studiengang, den es noch gar nicht gibt. Was genau machst Du da?

Christoph Nowicki: Also als erstes koordiniere ich die Konzeption: Wir haben die Möglichkeit, einen neuen Studiengang zu entwickeln. Es geht um eine neue Disziplin, in der Waldbewirtschaftung von Grund auf anders gedacht wird als bisher. Wichtig ist dabei das ökologische Primat: Erst muss gesichert sein, dass die Waldökosysteme – auch unter den Bedingungen der menschgemachten Klimakrise – bestmöglich funktionieren. Erst auf dieser Grundlage kann ausgehandelt werden, welche Bedürfnisse und Bedarfe der Menschen mit Produkten und Leistungen aus dem Wald befriedigt werden. Was dieses Primat genau für das Curriculum des Studiengangs heißt, das werden wir jetzt auf der Grundlage von wissenschaftlichen Befunden und Konzepten ausarbeiten.

Macht Ihr das im kleinen Kreis oder gibt es dazu eine Art Beratungsverfahren?

Wir werden dazu viele Gespräche mit Partner*innen führen. Viele haben schon Input angeboten, die Wald-Expert*innen von Greenpeace natürlich, die Wissenschaftler*innen der Universität Koblenz-Landau und anderer Hochschulen sowie auch etliche Waldbesitzer*innen und forstliche Expert*innen aus Praxis und Wissenschaft, die sich für unser Projekt begeistern. Wir kooperieren auch mit Kommunen, die bei der Waldbewirtschaftung neue Wege beschreiten wollen.

Es kommt ja manchmal der Einwand: Wozu wollt ihr das Rad neu erfinden? Die Hochschulen entwickeln ihre Forstwirtschaft und Forstwissenschaft auch jetzt schon immer weiter. Das ist heute auch schon viel ökologischer als früher.

Natürlich entwickeln sich auch die bisherigen Studiengänge immer weiter. Es sind sowohl innerhalb der Forstfakultäten als auch außerhalb, in angrenzenden Gebieten neue Ideen entstanden – aber sie haben bislang nicht zu einem Primat der Ökologie geführt. Und zu der Frage: Wie wir das mit unseren menschlichen Nutzungsbedürfnissen vereinbaren können. Das wollen wir jetzt leisten.

Also doch das Rad neu erfinden?

Nein, wir starten ja nicht im luftleeren Raum. Wir haben ja selbst langjährige Erfahrung mit der Lehre in und Entwicklung von waldbezogenen Studiengängen. Die Beteiligten kennen sowohl die ‚Schule‘ der Forstwissenschaften als auch die der Ökologie. Es gibt ein erhebliches Wissen auch aus dem internationalen Bereich. Das alles soll ja einfließen. Und sicherlich wird es auch darum  gehen, besser zu verdeutlichen, was ökologisch bedeutet – das ist ein Wort, das ja inzwischen auch in der Umgangssprache missbraucht wird. Es steht für die Lehre vom Haushalt und vom Wirtschaften in der Natur. Wälder selbst „wirtschaften“ ja mit knappen Ressourcen, um zu wachsen und sich zu entwickeln. Vielleicht ergibt sich ja ein anderes Bild auf den Wald, wenn man diese Befunde an den Anfang stellt. Viele Praktiken der  Forstwirtschaft werden ja bislang auch schon als "ökologisch" bezeichnet – wenn man sich den Zustand der Wälder anschaut, muss man da aber ins Grübeln kommen. Konventionelle Forstwissenschaftler*innen sagen vielleicht, die vielen Schäden seien vor allem eine Folge des Klimawandels. Ich glaube, das muss man diskutieren.

Am Ende geht es aber doch auch um das Wirtschaften der Menschen. Kannst Du verstehen, dass Waldbesitzer um ihre Einnahmen fürchten?

Wir stellen uns ja nicht gegen eine wirtschaftliche Nutzung. Ökologische Waldbewirtschaftung bedeutet doch, dass Wald bewirtschaftet wird. Und wo gewirtschaftet wird, muss man mit Ressourcen haushalten und kann daraus Vorteile generieren. Schon jetzt wird mit Wald Geld verdient, ohne dass ausschließlich Holz vermarktet wird. Die Nutzungsweisen vervielfältigen sich, der Markt für die sogenannten Ökosystemleistungen entsteht gerade erst. Das werden wir systematisch bearbeiten. Unsere Kritiker bemängeln manchmal, dass unsere Idee einer Ökologische Waldbewirtschaftung den Menschen nicht in den Blick nimmt. Das Gegenteil ist der Fall; der Wald ist für das Gemeinwohl unerlässlich. Aber wir wollen darauf hinarbeiten, dass hier ein wohlverstandenes Gemeinwohl als Gradmesser gilt, und nicht ein Gemeinwohl-Begriff, der die Erlöse aus dem Holzeinschlag im Vordergrund sieht.

Wenn man einen neuen Studiengang plant, sind vermutlich auch viele formale Fragen zu klären. Was beschäftigt Dich da?

Das sind enorm wichtige Themen: Wir werden zum Beispiel eine Berufsfeldanalyse machen. Denn wenn eine Hochschule Student*innen eine Ausbildung anbietet, dann muss vorher klar sein, wo die Absolvent*innen später gefragt sein werden. Ich werde also mit kommunalen und privaten Waldbesitzer*innen sprechen, auch mit Kirchen und Landkreisen um herauszufinden: Was ist denen als potenzielle Arbeitgeber*innen wichtig, wenn sie Ökologische Waldbewirtschaftung betreiben wollen? Das müssen wir dokumentieren, denn bei der Akkreditierung eines Studienangebots werden solche Analysen zu Recht erwartet.

Ist nicht der natürliche Arbeitsplatz für die Absolvent*innen ein staatliches Forstamt?

Zu Beginn vermutlich noch nicht. Die Forstverwaltungen auf Landesebene haben ganz bestimmte Kriterien, was sie von Forstleuten erwarten. Diese Kataloge werden von den Landesforstchefs aufgestellt und sind in der Tradition der Forstwirtschaft verwurzelt. Und diese Anforderungen können und wollen wir mit unserem Studiengang ja gerade nicht alle erfüllen, weil wir anders an die Sache herangehen wollen. Aber wer weiß, wie es sich zukünftig entwickelt…

Wo siehst Du bei der Entwicklung des Projekts die größten Hürden?

Ich sehe eigentlich keine wirklichen Hürden, denn wir haben ideale Startbedingungen für die Studiengangsentwicklung und ein hochmotiviertes Team. Das öffentliche Interesse an dem Thema Wald ist gerade ganz besonders groß, weil alle Welt die abgestorbenen Fichten und die Kahlschläge sehen kann. Das alles gibt ein gutes Momentum. Aber in dem geplanten Zeitraum von der Entwicklung des Konzeptes, über die noch ausstehenden Festlegungen und Beschreibungen bis zum Start des Studiengangs zu gelangen, ist durchaus als ‚sportlich‘ zu bezeichnen.

Der Plan ist ja, 2023 mit dem Studiengang an den Start zu gehen, vorausgesetzt das Geld für die Stiftungsprofessuren ist bis dahin eingeworben. Weißt Du schon, wo die Ausbildung dann angeboten werden könnte?

Das ist jetzt bewusst noch offen. Erst wenn wir das Konzept fertig haben und dazu auch das finanzielle Angebot steht, ist der Moment gekommen, dass sich Hochschulen darum bemühen können.

Aber soll der Studiengang nicht an einer traditionsreichen Forsthochschule angesiedelt werden?

Das wäre sicherlich sehr interessant. Es geht doch um die Weiterentwicklung von Wissenschaft und akademischer Ausbildung. Der Diskurs ist wichtig, und er muss geführt werden. Natürlich gibt es zwischen den Erfahrungen und Ideen der heutigen Forstwissenschaftler*innen und den Überlegungen, einmal neue Wege zu gehen, auch viele denkbare Synergien. Die lassen sich vielleicht besser finden, wenn man im selben Laden ist, sich kennen lernt, und manche gemeinsamen Interessen schneller sehen kann. Es hängt auch vom Profil einer Institution ab. Ich mache die Vorarbeiten ja hier an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde. Es gibt hier nicht nur einen Studiengang Forstwirtschaft, sondern auch das International Forest Ecosystem Management. Eigentlich ein guter Ausgangspunkt, um weiterzudenken und das Angebot zu erweitern. Viele Forstkolleg*innen hier in Eberswalde haben das Angebot und die Idee jedoch leider als Frontalangriff auf ihre Arbeit aufgefasst. Aber ich fände es schon sehr schade, wenn eine Hochschule mit der nachhaltigen Entwicklung im Namen und im Herzen sich gegen ein solches Experiment entscheiden würde. Ich persönlich hielte unser Projekt hier immer noch für sehr gut aufgehoben und werde mich dafür einsetzen.


Mehr zum Thema