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Fossile Energien Wie "klimafreundlich" ist Erdgas tatsächlich?

Röhren für die Pipeline Nord Stream 2
Sassitz auf Rügen: Röhren für die fast fertiggestellte Gas-Pipeline Nord Stream 2
© Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa
Im aktuellen Streit um die Pipeline Nord Stream 2 geht es auch um die Frage, wie nachhaltig und klimafreundlich Erdgas ist. Wir klären die wichtigsten Fragen

Inhaltsverzeichnis

Welche Klimabilanz hat Gas im Vergleich zu anderen Energieträgern?

Oft wird Gas im Vergleich zu Kohle und Öl als „klimafreundlicher“ bezeichnet. Und tatsächlich sind die Emissionen beim Verbrennen – gemessen am Heizwert – bei Gas in der Regel niedriger als bei anderen fossilen Energieträgern. Im Vergleich zu Braunkohle sind es nur rund die Hälfte; Heizöl rangiert bei den Emissionen etwa zwischen Erdgas und Braunkohle.

Das Umweltbundesamt (UBA) schätzt, dass Gaskraftwerke, die mit Gas aus Russland, Norwegen oder den Niederlanden betrieben werden, rund 40 Prozent weniger Treibhausgase in die Atmosphäre entlassen als Kohlekraftwerke. Eingerechnet sind hier schon Methan-Leckagen bei der Förderung und beim Transport.

Welche Rolle spielt Methan bei der Klimabilanz von Gas?

Anders sieht das Ergebnis aus, wenn man etwa die Klimabilanz von Fracking-Gas aus den USA betrachtet. Der Grund: Methan, das bei der Förderung aus undichten Bohrlöchern und beim Transport entweicht.

Erdgas besteht überwiegend aus Methan (CH4). Gelangt es unverbrannt in die Atmosphäre, ist es laut Weltklimarat IPCC in den ersten 20 Jahren etwa 87 Mal schädlicher für das Klima als das wichtigste Klimagas, CO2. Bezogen auf 100 Jahre, wirkt es immer noch 36 Mal stärker. Das Fazit einer US-Studie: Fracking-Gas wirkt bei dieser Art der Gewinnung möglicherweise genauso klimaschädigend wie Kohle.

Ist Gas eine „Brückentechnologie“ ins Zeitalter der Klimaneutralität?

Gas wird dennoch oft pauschal als "klimafreundlicher" Energieträger beworben, der den Übergang zur Klimaneutralität erleichtern soll. Hinzu kommt, dass es für die Nutzung von fossilen Energien kaum noch Spielräume gibt, wenn wir es mit dem in Paris 2015 beschlossenen 1,5-Grad-Limit ernst meinen. Einem Bericht zufolge könnte diese kritische Marke selbst dann überschritten werden, wenn die Welt sofort die extrem klimaschädliche Verbrennung von Kohle beendete – dafür aber die schon erschlossenen Öl- und Gasfelder weiter ausbeuten würde.

Wenn die Welt bis zur Mitte des Jahrhunderts klimaneutral wirtschaften wolle, so das Unisono der Umwelt- und Klimaschutzorganisationen, bleibt keine Zeit für sogenannte "Brückentechnologien“. „Anstatt von der Nutzung eines umweltschädlichen Energieträgers auf einen anderen umzuschwenken, muss Europa seine Abhängigkeit von Atom, Kohle, Öl und Gas beenden, den Stromverbrauch reduzieren, in Energieeffizienz investieren und die Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen fördern", sagt BUND-Klimaexpertin Ann-Kathrin Schneider in einer Pressemitteilung.

Wie viel Erdgas passt zu einer klimafreundlichen Zukunft?

Kohle und Öl einfach durch Gas zu ersetzen, wird nicht funktionieren. Legt man das Pariser Klimaabkommen mit einer maximalen Erwärmung von zusätzlichen 1,5 Grad gegenüber vorindustriellen Zeiten zugrunde, ergibt sich folgendes Bild: Innerhalb der kommenden fünf Jahre müsste der Gasverbrauch leicht sinken, danach um jährlich vier Prozent. Zur Jahrhundertmitte müsste das weltweite Energiesystem komplett klimaneutral sein. Das zeigt eine Studie des Institute for Sustainable Futures (ISF) an der University of Technology Sydney.

Im "Klimaschutzplan 2050" ist festgelegt, dass die deutschen CO2-Emissionen bis zur Jahrhundertmitte um bis zu 95 Prozent sinken sollen. In allen Szenarien zur Energieversorgung, die sich daran anlehnen, verliert Gas an Bedeutung – und müsste bis 2040, spätestens aber 2050, ganz aus dem Energiemix verschwinden.

Welche Alternativen gibt es zu Erdgas?

Umweltverbände argumentieren, Energie aus Wind und Sonne sei heute schon konkurrenzfähig und weiter ausbaubar. Zudem setzen sie auf die voranschreitende Forschung zu geeigneten Speichermedien – und auf die Umwandlung von Windkraft in Gas (Power-to-Gas). Dabei wird mit überschüssiger elektrischer Energie aus Windkraftanlagen Wasserstoff oder Methan erzeugt. Diese Gase lassen sich – im Unterschied zu elektrischer Energie – gut speichern und zum Beispiel als Treibstoff einsetzen.

Worum geht es beim Streit um Nord Stream 2?

Beim Streit um die neue Erdgas-Pipeline geht es nicht in erster Linie um den Klimaschutz - sondern um Marktchancen: Russland möchte sein Gas vermehrt nach Europa verkaufen, die USA drängen auf denselben Markt, allerdings mit eigenem Fracking-Gas, das gekühlt und verflüssigt nach Europa verschifft werden soll. Die Kritiker des Pipeline-Großprojekts, neben den USA viele EU-Länder, halten dagegen: Eine größere Abhängigkeit von russischem Gas sei geostrategisch riskant.

Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) kam schon 2018 zu dem Schluss: Deutschland und Europa verfügten bereits jetzt über ein gut ausgebautes Netzwerk von Pipelines und Lieferregionen, das weiter diversifiziert und im Bedarfsfall durch Flüssiggaslieferungen ergänzt werden könne, wie es in einer Pressemitteilung des DIW heißt. Nord Stream 2 sei "betriebswirtschaftlich unrentabel und politisch motiviert".

Kritik kommt auch von Umweltverbänden wie dem NABU, die sich nicht nur um die deutschen Klimaziele, sondern auch um Vogelschutzgebiete sorgen, durch die die Pipeline schon verlegt wurde - und noch verlegt werden soll.


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