Waldverlust Satellitenbilder zeigen: Europas Wälder sind durchlöchert

36 Millionen Lücken sind in den vergangenen 30 Jahren in Europas Wäldern entstanden. Das konnten jetzt Forscher der TU München anhand von Satellitendaten nachweisen
Bayrischer Wald

"Öffnung im Kronendach": abgestorbene Fichten im Nationalpark Bayrischen Wald

Keine andere Landschaftsform ist in der Klimakrise so wichtig wie der Wald. Denn Bäume speichern Wasser und binden das Klimagas CO2 aus der Luft. Umso bedenklicher, was Forscher der Technischen Universität München (TUM) und der Universität für Bodenkultur Wien nun anhand von Satellitenbildern herausgefunden haben: In den vergangenen drei Jahrzehnten sind im geschlossenen Kronendach der europäischen Wälder mehr als 36 Millionen Lücken entstanden. Das entspricht einem Verlust von 17 Prozent des Kronendaches.

Für ihre im Magazin Nature Sustainability veröffentlichte Pionierarbeit werteten Rupert Seidl und Cornelius Senf 30.000 Satellitenbilder aus, die der United States Geological Survey zur Verfügung stellte. Der Befund: Insgesamt sind Europas Wälder offener geworden. Und sie werden häufiger durch größere oder kleinere Freiflächen unterbrochen. Eine begleitend veröffentlichte interaktive Karte verzeichnet die identifizierten Lücken im Kronendach und das Jahr ihrer Entstehung.

WaldEN Magazin 03/2019
Wald im Klimastress
"Schon wenige Grad können darüber entscheiden, ob ein Wald lebt oder stirbt"
Wegen der anhaltenden Hitze und Trockenheit sterben in deutschen Wäldern Sommer für Sommer Bäume zu Millionen. Im Interview spricht der Forstexperte László Maráz vom Forum Umwelt und Entwicklung über Maßnahmen und Konsequenzen

Die Ursachen des Waldverlusts sind vielfältig und reichen von regulärem Holzeinschlag bis zu Sturmschäden oder Waldbränden. Die größten Öffnungen im Kronendach hat demnach Schweden zu verzeichnen. Die entstandenen Lücken sind hier im Schnitt zwei Hektar groß – entsprechen also etwa zwei Fußballfeldern. Die größte einzelne Öffnung dokumentierten die Forscher in Spanien. Hier hatte im Jahr 2012 ein Waldbrand auf einen Schlag 17.000 Hektar vernichtet.

Karten könnten bei der klimagerechten Wiederherstellung von Wald helfen

Nicht alle der dokumentierten Flächen gleichen Wüsten. Als „Öffnung im Kronendach“ zählen auch Flächen mit jungen, nachwachsenden Bäumen. Die Forscher konnten zudem nachweisen, dass auf den gestörten Flächen im Lauf der Jahre immer häufiger Bäume überleben – möglicherweise ein Hinweis darauf, dass statt großflächig zu roden, vermehrt nur noch „reife“ Einzelbäume oder Baumgruppen entnommen werden.

Die Forscher der TUM weisen auf den positiven Aspekt ihrer Arbeit hin: „Die Karten können zum Beispiel helfen, Flächen zu identifizieren, wo durch gezieltes Pflanzen die Regeneration gefördert werden muss, oder wo der Wald sich selbst verjüngen kann“, sagt Rupert Seidl. So könne der Wald durch gezieltes Nachpflanzen für den Klimawandel „fit gemacht“ werden. Eine Aufgabe, so Seidl, die gerade in den vergangenen zwei Jahren an Dringlichkeit gewonnen habe.