Elektromobilität "Wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, ein E-Bike an sich wäre schon umweltfreundlich"

Elektroräder werden als Baustein einer nachhaltigen Mobilität gepriesen. Das ist in den meisten Fällen ein falsches Versprechen und zu kurz gedacht, findet unser Kolumnist
E-Bike

Umweltschutz oder -frevel? Auch für die Spritztour in die Berge gibt es inzwischen geländegängige E-Bikes

+++ Kolumne "Alles im grünen Bereich" +++

Ich war neulich in meinem Fahrradladen, Ersatz für eine gebrochene Speiche holen. Vorne am Verkaufstresen stand ein Gefährt, das zwar zwei Räder hatte und auch entfernt an ein Mountainbike erinnerte. Eigentlich war es aber ein elektrischer Geländewagen. Für 3999 Euro.

Der SUV unter den Zweirädern steht stellvertretend für den beispiellosen Boom der E-Fahrräder. Für die Hersteller, aber auch für den Handel ist das ein warmer Regen. Und das ist gut so, denn wir brauchen auch in Zukunft eine flächendeckende Versorgung mit Fachhändlern und Reparaturbetrieben.

Fragwürdig wird der Trend erst durch eine Schieflage der öffentlichen Kommunikation.

"Baustein für eine nachhaltige Mobilität"?

Selbst das Umweltbundesamt jubelte vor fünf Jahren: "E-Räder sind ein wichtiger Baustein für die nachhaltige Mobilität von heute." Und rechnete vor, dass sich die produktionsbedingten Emissionen eines E-Bikes schon nach 165 Kilometern in Luft aufgelöst hätten. Der Vergleichspunkt ist allerdings ein PKW. Soll heißen: E-Bikes sind dann ein Vorteil für Klima und Umwelt, wenn sie einen PKW – etwa für Fahrten zur Arbeit und zurück – ersetzen. So weit die Theorie.

Die Praxis sieht allerdings anders aus: 2018 wurden fast eine Million E-Bikes verkauft. Und die wenigsten von ihnen dürften heute einen PKW ersetzen – oder sogar überflüssig machen. Belastbare Zahlen dazu gibt es nicht. Ich wage hier mal die – nicht sehr steile – These, dass die Mehrzahl der verkauften hochgerüsteten Zweiräder zusätzlich zu gewöhnlichen Fahrrädern gekauft und mehr oder weniger zum Spaß gefahren werden. Weil es halt bequemer ist.

In den Urlaubsorten zwischen Alpen und Ostsee dominieren inzwischen behelmte Vorruhestandspaare das Straßenbild, die sich von ihren E-Kutschen durch Einkaufsstraßen tragen lassen. Ganz mühelos - und oft gefährlich schnell. Die Bequemlichkeit des Hilfsmotors, anfänglich noch belächelt, ist inzwischen sogar im Sportsektor angekommen. Rennräder mit E-Motor sind für Hersteller längst kein Tabu mehr.

E-Bikes sind ein Gewinn für Mobilitätseingeschränkte

Um das klarzustellen: Für Menschen, die mobilitätseingeschränkt sind, ältere zumal, kann das E-Bike eine Bereicherung sein. Es kann emissionsarm ihren Aktionsradius erhöhen und so für mehr Lebensqualität sorgen. Wer sein Auto stehen lässt und auf zwei Rädern - ob motorisiert oder nicht - in die City pendelt, tut sich und der Umwelt einen Gefallen. Und wenn E-Lastenräder Fahrten mit Diesel-Transportern ersetzen, ist das ein Gewinn für alle.

Wir sollten uns nur nicht der Illusion hingeben, ein E-Rad wäre an sich schon ein Segen für Umwelt und Klima. (Irritierend: Nicht einmal das renommierte Umweltzeichen "Blauer Engel" berücksichtigt die immensen Schäden für Mensch und Natur, die die Lithium- und Kobalt-Gewinnung für die Akkus mit sich bringt.)

Es kommt eben darauf an, wie wir das elektrische Velo nutzen – und womit wir es vergleichen. Klug eingesetzt, kann es tatsächlich ein "Baustein einer nachhaltigen Mobilität" sein.

Peter Carstens
Kolumne
Alles im grünen Bereich
In seiner Kolumne schreibt GEO.de-Umweltredakteur Peter Carstens über das einfache, nachhaltige Leben, über Öko-Sünden, Greenwashing und richtig gute Ideen