Im Dezember 1988, im Nirgendwo des Pazifiks, hört Terry Kennedy einen Aufprall – und glaubt zunächst, mit seiner Segelyacht einen verlorenen Schiffscontainer oder ein anderes Boot gerammt zu haben. Ein dumpfer Schlag erschüttert den Rumpf seines 14-Meter-Schiffs vor der Küste der abgelegenen Vulkaninsel San Benedicto.
Doch als der Segler über die Reling blick, sieht er kein Werk von Menschen, kein Treibgut. Stattdessen: einen gigantischen Mantarochen, der mit den Flossen gegen das Schiff schlägt. Kennedy zögert nicht lang: Er nimmt seine Tauchausrüstung und springt über Bord.
Ich konnte nicht anders.
Der Rochen nähert sich ihm "wie ein riesiger schwarzer Flieger, der aus dem Nichts auftaucht. Ich konnte nicht anders, als mich an ihn dranzuhängen", wird Kennedy sich erinnern. "Es schien ihm Spaß zu machen. Nach einer 20-minütigen Tour durch das Blau setzte er mich wieder ab. Und am nächsten Morgen war er für dasselbe Spiel wieder da."
Es ist der Beginn einer engen, 19-jährigen Freundschaft zwischen dem Aussteiger Terry Kennedy und dem Riesenmanta mit 6,5 Meter Spannweite, den er "Willy" nennt. Immer wieder kehrt Kennedy mit seiner Segelyacht zu den Revillagigedo-Inseln zurück. Und immer wieder kommt Willy aus der pazifischen Weite zu ihm. Der schwebende Riese habe ihn durch die Canyons der Riffe geführt, ihm gefährliche Fischernetze im Meer gezeigt und ihn manchmal sogar vor Haien beschützt, berichtet der Segler. Weil ihm wenige glauben, beginnen Kennedy und seine Partnerin Joyce Clinton, die Begegnungen unter Wasser zu filmen.
Die seltenen Aufnahmen haben weitreichende Konsequenzen: Sie inspirieren den kalifornischen Biologen Robert Rubin zu einer ersten systematischen Untersuchung der Riesenmantas im Golf von Kalifornien. Bis heute ist über die großen Nomaden der Spezies Manta birostris noch wenig bekannt. Sie ernähren sich von Plankton, das sie durch ihre Kiemenreusen hindurchfiltern.
Menschen haben vor ihnen nichts zu befürchten. Im Gegenteil: Mantarochen gelten als außergewöhnlich neugierig und intelligent. Umgekehrt allerdings setzt die Fischerei schon seit Jahren den Mantabeständen schwer zu. Mit seinen Filmaufnahmen kann Terry Kennedy die blutige Jagd vor den Revillagigedo-Inseln erstmals dokumentieren, was schließlich zur Einrichtung eines Schutzgebiets führt.
Als Kennedy in Baja California später den Segler und Filmregisseur Cody Sheehy kennenlernt und ihm seine Bilder zeigt, beschließt dieser, die ungewöhnliche Freundschaft in einem Film nachzuzeichnen: "Terry wollte der Welt und sich selbst entkommen", sagt Sheehy.
Kennedy, ein traumatisierter Vietnam-Veteran, war über Jahre im kriminellen Milieu unterwegs. Er gehört den "Hells Angels" an, zog als Teil der berüchtigten Motorrad- und Rockergang durch den Westen der USA, war in Schlägereien und Schusswechsel involviert. Nach einer Gefängnisstrafe flüchtete Kennedy sich nach Mexiko – in ein Leben als Segler und Taucher. "Durch seine Freundschaft mit Willy hat er ins Leben zurückgefunden", sagt Sheehy. Willy hat Terry gerettet, könnte man sagen – und umgekehrt.
Er hat durch Willy ins Leben zurückgefunden"
Inzwischen ist Terry Kennedy 82 Jahre alt und hat seinen Freund in der Tiefe schon lange nicht mehr gesehen. Längst ist auch anerkannt: Unter Wasser sollte man kein Tier berühren. Manche sind giftig. Andere, auch Mantarochen, haben einen schleimigen Schutzfilm auf ihrer Haut, der schnell verletzt werden kann.
Für Terry Kennedy wäre der größte Wunsch: Ein letztes Mal noch mit Willy zu schwimmen – auch ohne Kontakt. Und selbst wenn es ihm nicht gelingen sollte: Das Schutzgebiet um die Revillagigedo-Inseln, das mit seiner Hilfe geschaffen wurde, gilt inzwischen weltweit als Vorbild.
"Terry ist anders, als man sich einen Naturschützer vorstellt", sagt Regisseur Sheehy. "Aber die Geschichte von seiner Freundschaft mit Willy zeigt: Jeder hat eine zweite Chance verdient. Daraus kann Großartiges entstehen."