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Den Menschen verstehen

Interview: Die Perfektionismus-Falle

Jeder Anforderung gerecht zu werden, das ist der Wunsch vieler Menschen. Manchmal aber wächst einem alles über den Kopf, gerade wenn Kinder und Beruf vollen Einsatz erfordern. Besonders Mütter seien dann gefährdet, sagt die Psychologin Christine Altstötter-Gleich

GEO WISSEN: Frau Dr. Altstötter-Gleich, was entsteht für ein Bild vor Ihrem inneren Auge, wenn ich Ihnen Folgendes vorlese: "Ich bin 30 Jahre jung. Ich habe drei Töchter, ein Haus, einen Ehemann, einen Job, Träume, die ich mir noch erfüllen möchte. Weihnachten steht vor der Tür – und ich bin kurz davor zu sterben. Die Ursache dafür bin ich selbst!"?

Dr. Christine Altstötter-Gleich: Ich sehe eine extrem leistungsorientierte, vermutlich gut aussehende Frau vor mir, die sicher auch noch Sport treibt, beruflich erfolgreich ist und auf allen Gebieten perfekt sein will. Vor allem natürlich auch als Mutter. Perfekt bis zum Zusammenbruch.

Interview: Die Perfektionismus-Falle

Die Psychologin Dr. Christine Altstötter-Gleich, 55, forscht zum Thema Perfektionismus

Das ist ziemlich genau getroffen. Geschrieben hat das die schwedische Autorin Elizabeth Gummesson in ihrem Buch "Mir reicht's: So befreist du dich aus Perfektionismus und Burnout". Sie war tatsächlich beruflich sehr erfolgreich, baute einen TV-Sender mit auf. Bis sie nicht mehr konnte. Was ist daran aus Ihrer Sicht typisch?

Dass sich der Drang nach Perfektionismus so gut wie immer durch alle Lebensbereiche zieht: Beruf, Partnerschaft, Kinder, Hobbys, der eigene Körper. Es gibt kaum Menschen, die entweder beruflich oder privat alles bestmöglich machen wollen und das jeweils andere einfach laufen lassen. Typisch ist auch das Weiterfunktionieren, bis es einfach nicht mehr geht.

Nun ist der Drang nach exzellenten Leistungen ja nicht per se bedenklich. Niemand möchte von einem Chirurgen operiert werden, der einen Bypass schlampig annäht. Niemand möchte Ingenieuren die Konstruktion eines Flugzeugs überlassen, die nicht penibel auf alle Schwachstellen achten.

Absolut richtig. Als ich bei einem Vortrag vor Zahnärztinnen von denen zu hören bekam, dass sie sich alle für perfektionistisch halten, war ich sehr froh. Wenn es in der Menschheitsentwicklung nicht immer wieder Perfektionisten gegeben hätte, würden wir unsere Wäsche vermutlich noch heute mit der Hand waschen. Viele Höchstleistungen sind darauf zurückzuführen, dass Menschen mit dem Status quo nicht zufrieden waren. Das gilt für Künstler, für Sportler, das gilt für Unternehmensgründer wie Steve Jobs, der eine Inkarnation des Perfektionisten war.

Interview: Die Perfektionismus-Falle

Kinder, Partner, Beruf – Mütter sind heute mit den unterschiedlichsten Erwartungen konfrontiert

Wo genau liegt dann das Problem mit diesem Wesenszug? Ist die schwedische Autorin und ihr Zusammenbruch womöglich ein Einzelfall?

Zwei Drittel der von uns Befragten haben – in unterschiedlicher Ausprägung – perfektionistische Tendenzen, übrigens Frauen und Männer gleichermaßen. Das ist das Ergebnis einer Studie, für die wir Hunderte Deutsche mehrere Fragebögen haben bearbeiten lassen. Nur etwa ein Drittel gab an, dass ihnen ihre Leistungen eher nicht so wichtig sind.

Von den Personen, die zum Perfektionismus neigen, können etwa die Hälfte als "funktionale Perfektionisten" bezeichnet werden: Das ist die gesunde Variante dieses Persönlichkeitsmerkmals. Es sind Menschen, die zwar richtig gut sein wollen, die aber keine Angst davor haben, auch Fehler zu machen, vielleicht auch mal zu versagen. Die dann nicht gleich ihre gesamte Persönlichkeit infrage stellen. Die den Erfolg ihres Handelns auch genießen können und nicht sofort an die nächste Hürde denken. Und die vor allem auch auf ihre eigenen Bedürfnisse achten, darauf, dass sie Erholung brauchen. Dann lässt es sich bestens mit Perfektionismus leben.

Und was zeichnet einen ungesunden Perfektionismus aus?

"Dysfunktionale Perfektionisten" setzen sich hohe Standards, haben aber zugleich Angst, Fehler zu machen. Sie zweifeln oft an ihrer Leistungsfähigkeit und fürchten, den Erwartungen anderer nicht gerecht zu werden. Wenn etwas nicht klappt, geben sie sich selbst die Schuld, nicht gut genug gewesen zu sein. Von außen betrachtet, erscheinen einem solche Versagensängste völlig übertrieben. Aber für die Betreffenden gibt es nur Gut oder Schlecht, keine Zwischentöne, keinen Trost wie "Ich habe zwar nicht alles hinbekommen, aber doch einiges". Sie sagen eher: "Wenn ich auch nur zum Teil versage, ist das genauso schlecht, als hätte ich im Ganzen versagt."

Hinzu kommt: Dysfunktionale Perfektionisten haben oft das Gefühl, dass andere Menschen sie nicht mehr mögen oder respektieren, wenn ihnen etwas nicht gelingt. Denn sie gehen wie selbstverständlich davon aus, dass sie als Person nur nach ihren Leistungen beurteilt werden. Das erhöht dann wiederum die Angst vor Fehlern.

Welche Folgen kann das haben?

Es hat negative Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl und die Selbstwirksamkeitserwartung – also den Glauben daran, schwierige Situationen aus eigener Kraft meistern zu können. Bezieht sich der Perfektionismus vor allem auf einen erhofften makellosen Zustand des eigenen Körpers, können Essstörungen oder sexuelle Funktionsstörungen auftreten.

In den meisten Fällen aber kommt es aufgrund einer allgemeinen Überlastung zu Symptomen von Depressivität oder zum Burnout-Syndrom. Ein leitender Klinikpsychologe sagte mir kürzlich, es würde ihn nicht wundern, wenn das Burnout-Syndrom künftig als "perfektionistische Persönlichkeitsstörung" bezeichnet würde. In den Therapiegesprächen stelle sich oft heraus, dass die Betroffenen ihre Situation auf die eigenen perfektionistischen Verhaltensweisen zurückführen.

Tritt die ungesunde Form des Perfektionismus überdurchschnittlich oft bei Frauen auf, die Kinder haben?

Mütter sind zumindest besonders gefährdet. Denn die Gefahr für einen dysfunktionalen Perfektionismus wächst, wenn die Standards für gute Leistungen unklar sind. Wer Weltrekord über 5000 Meter laufen will, weiß genau, was er zu tun hat. Bei der Mutterschaft ist das anders: Ist es gut, das Kind in eine Krippe zu geben? Wenn ja, ab wann und wie lange? Sollte ich als Mutter arbeiten? Ganztags oder lieber halbtags? Ab wann darf das Baby Fleisch essen, ab wann sollte das Kind sprechen? Der eine sagt dies, der andere das. Es gibt die unterschiedlichsten Erwartungen an das Handeln einer guten Mutter. Dann kommt rasch Unsicherheit auf, die Angst, etwas falsch zu machen.

Interview: Die Perfektionismus-Falle

"Vor allem in den ersten Wochen nach der Geburt möchte eine Mutter möglichst alles richtig machen. Oft kommt sie aber in eine labile Situation, bis hin zur Depression", sagt Christine Altstötter-Gleich

Interview: Die Perfektionismus-Falle

Perfektionisten haben schon früh gelernt, dass Leistung wichtig ist – und geben dieses Lebensmotto an ihre Kinder weiter

Gibt es Zeiten der Mutterschaft, in denen Frauen besonders gefährdet sind?

Die Wochen nach der Geburt sind oft problematisch. Als Mutter will man gerade dann alles richtig machen, kommt aber oft in eine psychisch labile Situation, bis hin zu einer postpartalen Depression. Die hat zwar auch hormonelle Ursachen, wird aber durch perfektionistische Tendenzen verstärkt. Beides zusammen kann die Selbstwirksamkeit beeinträchtigen – also das Vertrauen darauf, dass es einem gelingt, mögliche Probleme zu bewältigen.

Das Problem kann aber auch auftreten, wenn die Kinder älter werden: Besonders in wirtschaftlich schwierigen Zeiten sehen sich viele Mütter unter erheblichem Druck, ihrem Kind einen erfolgreichen Übergang ins Erwachsenenleben, in die Berufsausbildung zu ermöglichen. Das bringt hohe Leistungserwartungen mit sich – an das Kind und an das eigene Handeln.

Bedeutet dies, dass schon im Elternhaus die Grundlage für den Perfektionismus in der nächsten Generation gelegt wird?

Ja, denn Eltern sind wichtige Modelle für ihre Kinder. Grundsätzlich haben alle Perfektionisten schon früh im Leben gelernt, dass Leistung wichtig ist. Das ist auch nicht negativ. Es kommt aber sehr darauf an, wie Eltern damit umgehen, wenn Kinder Fehler machen: Schimpfen sie und strafen, oder werden Fehler auch verziehen?

Kinder sollten Zuwendung erhalten, wenn sie Fehler gemacht haben, dabei unterstützt werden, daraus zu lernen. Und wenn sie erleben, dass man über Fehler auch mal lachen kann, dann gehen sie später in der eigenen Familie entspannter mit nicht erfüllten Anforderungen um.

Und wenn das nicht so ist?

Wenn eine emotional kalte Erziehung kombiniert ist mit hohen Leistungsanforderungen, ist das die beste Voraussetzung für einen dysfunktionalen Perfektionismus. Denn die Kinder suchen nach Anerkennung durch Leistung, bekommen sie aber nicht, weil nur auf die Fehler geschaut wird. Sie strengen sich daraufhin noch mehr an, um endlich die erhoffte Aufmerksamkeit zu erringen. Gleichzeitig macht sich in ihnen aber ein Gefühl der Hilflosigkeit breit. Das prägt für das Leben und wird oft wiederum an die eigenen Kinder weitergegeben.

Das ganze Interview lesen Sie in der neuen Ausgabe von GEOWISSEN "Mütter".

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