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Psychologie Wie Forscher versuchen, unsere Moral zu ergründen

Über moralische Fragen theoretisch zu urteilen ist das eine. In realen Situationen handeln wir allerdings oftmals anders. Was uns dabei antreibt, versuchen Wissenschaftler mit möglichst realitätsnah gestalteten Experimenten zu erkennen. Wir stellen einige vor
Moral

Nr. 1: Der Samariter

Der amerikanische Psychologe John Darley und der Theologe Daniel Batson wollten 1970 an der Universität Princeton herausfinden, wie hilfsbereit Menschen sind. Und wie sehr äußere Umstände ihre moralischen Entscheidungen beeinflussen.

Experiment: Die Forscher luden Theologiestudenten zu einer angeblichen Studie über religiöse Erziehung und Berufung ein. Eine Gruppe von ihnen sollte einen Vortrag über Berufsaussichten vorbereiten, die andere einen über die biblische Parabel vom barmherzigen Samariter. Die Wissenschaftler schickten die Studenten dann zu einem anderen Gebäude, wo sie ihre kleine Rede halten sollten. Ein Drittel der Teilnehmer setzten die Psychologen leicht unter Zeitdruck: Sie sollten geradewegs zum Vortragsraum gehen, man erwarte sie bereits. Einem weiteren Drittel erzählten die Forscher, sie seien schon zu spät dran, höchste Eile sei geboten. Die übrigen hatten ausreichend Zeit für die kurze Strecke. Unterwegs kamen die angehenden Theologen an einem Mann vorbei, der zusammengekrümmt dalag, stöhnte und hustete. Wer würde sich um ihn kümmern?

Ergebnis: 63 Prozent der Versuchsteilnehmer, die viel Zeit hatten, halfen in irgendeiner Form. Sobald sich die Studenten jedoch unter Druck fühlten, sank die Hilfsbereitschaft: Von denen, die zügig zu ihrem Vortrag gehen sollten, boten immerhin 45 Prozent Hilfe an. Bei denen, die dachten, sie seien zu spät, waren es nur zehn Prozent. Ironischerweise ignorierten auch solche, die einen Vortrag über das Gleichnis des barmherzigen Samariters vorbereitet hatten, den Hilfsbedürftigen. Der Versuch zeigt, wie neben Gruppendruck auch Zeitstress unsere moralische Grundeinstellung beeinflusst. Und wie leicht wir dann die innere Stimme überhören, die uns sagt, was gut und was böse ist.

Nr. 2: Der Wert eines Lebens

Selbstfahrende Autos sollen bald in größerer Zahl auf Fernstraßen und in Innenstädten verkehren. Wie aber soll ein Auto reagieren, wenn ein Unfall unausweichlich ist und nur noch infrage steht, ob das Fahrzeug mit einem Mann, einem Kind oder einer Mülltonne kollidiert? Wie entscheiden Menschen in solchen Situationen? Lassen sich ethische Regeln finden, nach denen autonome Fahrzeuge programmiert werden können?

Experiment: Wissenschaftler der Universität Osnabrück versetzten Probanden mittels einer Brille in eine virtuelle Vorstadtkulisse und ließen sie durch die Straßen kreuzen. Dabei tauchten verschiedene Hindernisse auf der Fahrbahn auf, zufällig paarweise ausgewählt: etwa ein Mülleimer, ein Autoreifen, ein Erwachsener, ein Junge, ein Hund, ein Junge mit Ziege. Die Versuchsteilnehmer konnten die Straßenseite wechseln und so entscheiden, was oder wen sie retten wollten.

Ergebnis: Die ethischen Entscheidungen lassen sich mit einem Modell beschreiben, bei dem die Hindernisse nach der Wertigkeit des Lebens geordnet sind, die ihnen die Probanden zuschreiben. Sie überfahren lieber einen Erwachsenen, wenn sie dadurch das Leben eines Kindes retten können. Das Leben eines Menschen hat einen höheren Wert als das eines Tieres – wobei ein Hund als wertvoller gilt als etwa eine Ziege. Tiere wiederum stehen über leblosen Objekten wie Mülltonnen. Hatten die Probanden in der Unfallsituation weniger Zeit für eine Reaktion, waren die Prioritäten nicht mehr so deutlich. Für die Wissenschaftler zeigt das Experiment, dass sich menschliches moralisches Handeln mit Regeln beschreiben lässt, die sich prinzipiell auch für die Programmierung von autonomen Fahrzeugen eignen.

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Dieser Artikel stammt aus GEO 12/2017

Titelthema: Wie gut sind wir wirklich? Wie Moral entsteht. Wer sie gefährdet.

​Schon Kleinkinder unterscheiden zwischen Gut und Böse. Woher kommt die menschliche Moral? Psychologen und Neurobiologen warten mit neuen, überraschenden Erkenntnissen auf.

Nr. 3: Elektroschocks gegen Geld

Wie viel Leid fügen Menschen anderen um des eigenen Vorteils willen zu? Sind wir tatsächlich so egoistisch, wie viele Ökonomen behaupten, und stellen unsere Interessen stets über die unserer Mitmenschen?

Experiment: Ein Team um die Neurowissenschaftlerin Molly Crockett von der Universität Oxford ließ Studienteilnehmer 2014 entscheiden, wie viel Schmerz sie bereit waren für eine bestimmte Geldmenge selbst zu erdulden oder einem Fremden zuzufügen. Die Forscher teilten die Probanden in Zweiergruppen ein. Einer der beiden durfte wählen, wie viele Elektroschocks für eine bestimmte Summe ausgeteilt werden sollten – an ihn oder an seinen anonymen Partner. Der „Entscheider“, wie ihn die Forscher nannten, hatte etwa die Alternativen „sieben Stromschläge für zehn Pfund“ (das entspricht 1,43 Pfund pro Elektroschock) oder „zehn Schocks für 15 Pfund“ (1,50 Pfund pro Schock). Maximal waren 20 Pfund zu verdienen, dafür waren im Höchstfall 20 Stromschläge (ein Pfund pro Schock) fällig.

Ergebnis: Die Entscheider waren bereit, auf Gewinn zu verzichten, um ihrem Partner Schmerz zu ersparen. Sich selber muteten sie mehr Elektroschocks zu, um an Geld zu kommen. Aus den vielen Entscheidungen, die sie Proban- den treffen ließen, errechneten die Wissenschaftler, dass die Versuchsteilnehmer im Schnitt auf 0,2 Pfund verzichteten, um sich selbst einen Stromschlag zu ersparen. Bei ihrem Gegenüber war ihnen ein Elektroschock weniger sogar 0,4 Pfund Gewinnverlust wert. Am Ende des Experiments hatten die Teilnehmer die Gelegenheit, von ihrem Profit für wohltätige Zwecke zu spenden. Dabei zeigten sie sich deutlich weniger altruistisch: Sie gaben durchschnittlich nur 20 Prozent ab.

Nr. 4: Wie großzügig ist der Mensch?

Wie fair verhalten sich Menschen, wenn sie einen Geldbetrag zwischen sich und einer anderen Person völlig frei aufteilen können? Stimmt die These vieler Wirtschaftslehrbücher, dass wir uns wie ein Homo oeconomicus benehmen, der in jedem Fall seinen Gewinn maximiert?

Experiment: In mittlerweile weit über 100 Versuchsreihen haben Psychologen und Verhaltensforscher Probanden eine gewisse Menge Geld – häufig zehn Dollar – ausgehändigt und beobachtet, ob und wie viel die derart Begünstigten von der Summe an einen meist unbekannten Empfänger abgaben.

Ergebnis: Christoph Engel vom Max-Planck-Institut für Gemeinschaftsgüter in Bonn wertete die Experimente aus aller Welt aus. Das Fazit dieser sogenannten Metastudie: Die Hypothese von der absoluten Gewinnmaximierung stimmt nicht. Die meisten Versuchsteilnehmer – fast 64 Prozent – waren so fair, von dem Geld, zu dem sie unversehens gekommen waren, etwas abzugeben. Im Durchschnitt reichten sie rund 43 Prozent der Summe an einen Empfänger weiter. Ein gewisser Eigennutz war bei den meisten also durchaus gegeben. Ältere Menschen zeigten sich dabei viel großzügiger – sie spendeten gut ein Drittel mehr als der Durchschnitt. Kinder dagegen waren etwas geiziger. Wussten die Teilnehmer, dass der Empfänger Unterstützung brauchte, gaben sie mehr Geld ab.

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