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Zweiter Weltkrieg Operation Enigma - der stille Kampf der Codebrecher

Als der Weltenbrand beginnt, wird der unscheinbare Landsitz Bletchley Park zu einem der wichtigsten Stützpunkte der alliierten Geheimdienste. Eine exzentrische ­Gruppe genialer Denker versucht hier, den ­geheimen Funkverkehr der Deutschen zu entschlüsseln
Bletchley Park, Geheimdienst

In Bletchley Park untersuchen Hunderte Männer und Frauen im Auftrag des britischen Geheimdienstes Funksprüche der Wehrmacht, die mithilfe der deutschen Chiffrier­maschine »Enigma« – der damals besten der Welt – verschlüsselt worden sind

Winston Churchills Kolonne erreicht am Vormittag des 6. September 1941 die Kleinstadt Bletchley, 80 Kilometer nordwestlich von London. Die Wagen passieren ein Torhaus, hinter dem sich ein Park öffnet, Teil eines weitläu­figen Landsit­zes. Rosenbeete, rechts ein Teich, davor, auf einer gepflegten Wiese, ein Mammut­baum. Von dessen Wipfel spannt sich der Draht einer Antenne hin­über zu den dünnen Schornsteinen eines fast 60 Jahre alten Herrenhauses.

Bletchley Park ist mit seinen spitz­gie­beligen Erkern, dem gedrungenen Türm­chen, den Zinnen und den steinernen Greifen vor dem Eingang eine ku­rio­se viktorianische Stilmischung.

Und die perfekte Tarnung. Denn das Anwesen birgt das wohl bestgehütete Geheimnis des Zweiten Weltkrieges. Bletchley Park ist die „Station X“, die ­zehnte war station des britischen Secret Intelligence Service. Der Auslands­geheimdienst MI6 hat dort die ihm angegliederte „Schule für Kodierung und Verschlüsselung“ untergebracht.

Auch das eine Täuschung: Ziel dieser Abteilung ist nicht das Kodieren und Verschlüsseln, sondern das Dekodieren feindlicher Nachrichten. Das Anwesen von Bletchley Park ist das Zentrum eines weltweiten Netzes aus Horchposten, die alle erreichbaren deutschen Funksprüche abfangen – Meldungen, die von Regierungsstellen, der NSDAP-Führung, vor allem aber von der Wehrmacht versendet werden: verschlüsselt und als Morsezeichen. Station X soll diese Codes knacken.

Fantasie und Mathematik als Waffen der Station X

An diesem 6. September 1941 arbeiten fast 1000 Männer und Frauen auf dem etwa 400 mal 400 Meter messenden Parkgrundstück. Zu beiden Seiten des alten Haupthauses mit seinen zwei Geschossen und der Fassade von 40 Meter Länge haben Handwerker mehrere Holz­baracken errichtet, um Platz für die zahlreichen Abteilungen zu schaffen.

In Friedenszeiten waren die Menschen von Bletchley Park Hochschul­lehrer oder Militärs, Übersetzerinnen oder Bankiers, Schachmeister, Mathe­matiker, Studenten oder Künstler. Jetzt sind sie Codebrecher und zu allerhöchster Geheimhaltung verpflichtet.

Sie schlagen eine der wichtigsten Schlachten des Zweiten Weltkrieges – auf eine sehr eigene, sehr stille Weise: Ihr Schlachtfeld ist die Kom­munikation, ihre Waffen sind Logik, Mathematik, Fantasie und Intuition.

Und ihr Gegner ist gefährlich und ­fintenreich: eine Maschine, die ihre Erfinder, die Deutschen, für unbesiegbar halten. Deren innerer Aufbau es ihren Benutzern ermöglicht, jede Nachricht in ein unentwirrbar erscheinendes Kauderwelsch aus Buch­staben zu verwandeln, das nur derjenige wieder in sinnvolle Sätze verwandeln kann, der sowohl über das Gerät verfügt als auch seine geheimen Einstellungen kennt.

Der Erfinder dieser Maschine, der deutsche Ingenieur Arthur Scherbius, hat sie nach dem griechischen Wort für Rätsel benannt: „Enigma“.

Und das Projekt, mit dem sich der MI6 in Bletchley Park daranmacht, dieses Rätsel zu lösen, trägt den Deck­namen „Ultra“. Er steht als Kurzform für ultra secret: höchst geheim.

Churchill wundert sich über die versammelten Exzentriker

Stewart Menzies, der oberste Chef des Geheimdienstes, führt Churchill an diesem Tag persönlich über die Anlage. Zeigt ihm Baracken, in denen große, laut ratternde Maschinen stehen, Frauen auf schreibmaschinengleiche Apparate eintippen, durchgeistigte Männer vor großen Papierstapeln hocken.

Nach der Besichtigungsrunde erklimmt der Premier im Freien einen Stapel Baumaterial. Er will eine Ansprache halten – und wundert sich über die Versammlung von Exzentrikern, die ihm an diesem sonnigen Septembertag gegen­übersteht. „Wenn man Sie so ansieht, mag man kaum glauben, dass Sie irgendwelche Geheimnisse kennen“, setzt er an.

Da ist Dillwyn Knox, Griechischprofessor und Ägyptologe am King’s College in Cam­bridge und nun Leiter der Enigma-Entschlüsselung. Knox gilt als verschrobe­ner Tüftler. Zuweilen erscheint er im Morgenmantel zur Arbeit, weil er bei der Toilette einen Einfall hatte und darüber vergessen hat, sich vollständig anzuziehen. Der Marinegeheimdienst hat Knox bereits im Ersten Weltkrieg als Codebrecher angeheuert, seine ana­lytischen Fähigkeiten sind legendär. In Bletchley Park kursiert die Geschichte von einem ungarischen Text, den er entschlüsselt hat, ohne die Sprache zu beherrschen: Er behandel­te das Ganze als rein abstraktes Problem.

Oder Frank Birch, ebenfalls Entschlüsselungsveteran des Ersten Weltkrieges. Der kleine, glatzköpfige Mann hat sich erst als Historiker in Cambridge, dann als Schauspieler und Pantomime einen Namen gemacht. Jetzt, in Bletchley Park, ist er Chef der für die deutsche Kriegsmarine zuständigen Abteilung.

Oder Stuart Milner-Barry, der Schachkorrespondent der „Times“, der von einem früheren Kommilitonen in Cambridge für den Entzifferungsdienst geworben worden ist.

Oder Geoffrey Tandy, der frühere Direktor des Natural History Museum in London. Er verdankt seine Anwesenheit in Bletchley Park einem Irrtum: Er ist Experte für „Kryptogamen“, für Sporenpflanzen – Moose, Farne und Algen. Die Anwerber des Militärgeheimdienstes haben diese Spezialisierung offensichtlich als „Kryptogramme“ missverstanden: verschlüsselte Meldungen. Tandy ist trotzdem dabeigeblieben.

Auch Alan Turing hört Churchill zu, ein Ma­the­ma­tiker, wie Knox zuvor Dozent in Cambridge. Der schüchterne Forscher mit dem stets ungebügelten Anzug gilt als mathematisches Genie und größter Den­ker von Bletchley Park.

Ungewöhnliche Wege

Alle, die sich hier versammeln, sind auf ihre Weise genial – Bletchley Park ist ein Ort konzentrierter Geisteskraft. Genau so hat es der Premier­ sich vorgestellt. Wenn auch vielleicht etwas weniger exzentrisch. Vor seiner Abreise wendet er sich daher noch einmal dem Geheimdienstchef zu. Er erinnere sich natürlich, ihn angewiesen zu haben, bei der Rekrutierung des Personals „jeden Stein umzudrehen“ – „aber ich hätte nicht gedacht, dass Sie mich so wörtlich nehmen“.

Doch ist nicht die Enigma ein Gegner, wie es ihn für Geheimdienstler bis dahin noch nicht gegeben hat? Wer ­diese Maschine besiegen will, muss ungewöhnliche Wege gehen.

Sichere Verschlüsselungsmethoden gesucht

Im Frühjahr 1918 hat Arthur Scherbius seine Chiffriermaschine zum Patent angemeldet. Auf Messen offerierte er sie vor allem Firmen, die ihren Nachrichtenverkehr verschlüsseln wollten – die deutschen Militärs waren an der teuren Maschine, die von 1923 an als „Enigma“ vermarktet wurde, nicht interessiert.

Das änderte sich 1925, als der Reichswehr klar wurde, dass ihre für ­sicher gehaltenen Kodierungsverfahren im Ersten Weltkrieg aufgedeckt worden waren. Damals hatte die Nachrichten­übertragung per Funk noch am ­Anfang gestanden, und so waren viele Meldungen verschlüsselt und dann übers Kabel direkt an den Empfänger telegraphiert worden.

Seither aber war der Einsatz von Radiowellen auch im militärischen Nachrichtenverkehr zur Regel geworden – mit dem Nachteil, dass Funksprüche nun von allen empfangen werden konnten. Der technische Fortschritt zwang die Militärs daher, nun nach neuen, auch bei draht­loser Kommunikation sicheren Verschlüsselungsmethoden zu suchen.

14000 Jahre bräuchte es zur Dechiffrierung der Enigma

Und warb nicht Scherbius damit, dass keine Chiffriertechnik so sicher sei wie die der Enigma? Rechnete er nicht vor, dass all jene, die sie allein überwinden wollten, 14000 Jahre benötigen würden, wenn sie in jeder Minute eine andere Maschineneinstellung ausprobierten?

1926 stellte die deutsche Marine auf das Enigma-System um. Ein Jahr ­später sicherte sich Scherbius ein ähnliches ­Patent des Niederländers Hugo Koch und verbesserte die Enigma nochmals. 1928 erwarb das Heer diese Version und modifizierte sie mit weiteren Elementen.

Und nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten übernahmen auch Luftwaffe, militärische Abwehr, SS, Reichs­sicher­heitsdienst, Reichsbahn und mehrere Ministerien die scheinbar si­chere Verschlüsselungstechnik.

Denn sie hatte offenkundige Vor­züge: Die Geräte waren kaum größer als eine elektrische Schreibmaschine und batteriebetrieben. In der einfachsten Variante wogen sie zwar zwölf Kilogramm, waren mit ihrer hölzernen Ummantelung aber gut zu transportieren und deshalb überall einzusetzen, auch an der Front.

Die Deutschen verrätseln ihre gesamte Funkkommunikation

Die Deutschen verrätseln ihre gesamte Funk­kommunikation. Gibt ein Offizier einen Befehl, chiffrieren die Funker die Order mithilfe der Enigma (unten im Bild) und einem bis zu dreimal täglich wechselnden Code für jede Waffengattung, sowie einem zweiten, der nur für den jeweiligen Funkspruch gilt

Der Nimbus der Unbesiegbarkeit

Die Arbeitsweise der Enigma unterscheidet sich von den bis dahin üblichen Verschlüsselungsverfahren, weil sie mehrere dieser Techniken in ­einer Apparatur vereint. Und sie funk­tioniert nicht nach ­einem von außen erkennbaren, logischen Prinzip, das sich bei der Chiffrierung immer wiederholt – wie etwa jenes, dessen Erfindung Gaius Iulius Caesar zugeschrieben wird. Der römische Herrscher soll Geheimtexte geschrieben ­haben, indem er das Alphabet um eine festgelegte Anzahl von Stellen verschob: Ein Zweier-Schlüssel macht so aus jedem A ein C, bei einem Vierer-Schlüssel ergibt sich immer ein E. Die Enigma ist anders. Auch sie macht aus einem A mal ein C, mal ein E. Allerdings im selben Text. Oder sogar im selben Wort.

Das Herzstück der Enigma sind drei drehbare Walzen, sogenannte Rotoren, auf denen jeweils die 26 Buchstaben des Alphabets zu sehen sind. Jedes Zeichen wird elektrisch von Walze zu Walze weitergeleitet und dabei immer neu chif­friert. Zudem rückt nach jedem Buchsta­ben mindestens ein Rotor auto­matisch um jeweils eine Position weiter.

Auf diese Weise verwandelt die Maschine das Getippte in den chiffrierten Text. Der erscheint, Letter für Letter, oberhalb der Tastatur auf einem Feld mit Leuchtbuchstaben.

Obendrein sind die Rotoren austauschbar und auf eine besondere Weise in ihrem Inneren elektrisch miteinander verdrahtet. Während in den Vorkriegsjahren nur drei Walzen in wechselnder Reihenfolge eingesetzt werden, können die Funker von 1938 an aus fünf, später sogar aus acht verschiedenen Walzen ihre Dreier-Kombinationen bilden.

Auf diese Weise chiffriert die Enigma jedes einzelne Zeichen mit einem in­di­viduellen Schlüssel und ermöglicht in der einfachsten Reichswehr-Ausführung theoretisch mehr als 2×1023 Ko­die­rungs­varianten – eine Zwei mit 23 Nullen, mehr als ein Fünftel einer Quadrillion. Eine Technik, die der Enigma den Nimbus der Unbesiegbarkeit verleiht.

Codebücher der Enigma gehören zu den geheimsten Dokumenten des Krieges

Vier Personen sind normalerweise an der Ver- und Entschlüsselung einer Nachricht beteiligt: Ein Funker gibt den Klartext auf der Tastatur ein und diktiert die auf dem Leuchtfeld erscheinen­den verschlüsselten Buchstaben einem Kameraden; der überträgt sie ins Morsealphabet und versendet sie. Die Empfänger verfahren andersherum.

Doch das System funktioniert nur, wenn beide Maschinen exakt gleich eingestellt sind. Deshalb hat jedes Netz aus Enigma-Benutzern spezielle „Schlüsselbücher“, in denen angegeben ist, wie die Maschinen einzurichten, welche Walzen zu verwenden und in welche Ausgangsstellung sie zu bringen sind.

Die Schlüssel werden für jeweils einen Monat im Voraus festgelegt und wechseln alle 24, später sogar alle acht Stunden. Die Codebücher zählen zu den geheimsten Dokumenten des Krieges. Die Kriegsmarine etwa druckt sie auf leicht wasserlöslichem Papier – damit kein Taucher ein solches Buch aus einem versenkten Schiff bergen kann.

Enigma

Die Enigma (griech. für »Rätsel«) kodiert mit elektrischen Schaltungen und einem komplizierten Walzenmechanismus den auf der Tastatur eingegebenen Text. Die chiffrierten Buchstaben erscheinen nacheinander auf dem Lampenfeld in der Mitte

Sicherheitsmaßnahme entpuppt sich als Schwachstelle

Die Deutschen wissen, dass die ­Gefahr eines Einbruchs in den Code zunimmt, wenn viele Nachrichten mit derselben Grundeinstellung der Maschine chif­friert werden. Zusätzlich zu der vom Code­buch vorgegebenen Tagesverschlüsselung erhält jede einzelne Nachricht daher noch einen eigenen Code aus drei Buchstaben, den „Spruchschlüssel“.

Diesen denkt sich der absendende Funker selbst aus und verschickt ihn, mit der Grundeinstellung kodiert, zur Sicherheit zweimal nacheinander an sein Gegenüber. Dann stellt er die Walzen gemäß den Buchstaben des Spruchschlüssels noch einmal um und schreibt seinen Funkspruch. Weil der Empfänger das­ gleiche Codebuch und damit dieselbe Grund­einstellung verwendet, erhält er den Spruchschlüssel im Klartext, kann nun seinerseits die drei Walzen der eigenen Enigma in die Position dieser drei Buchstaben bringen – ohne dabei an­dere ­Parameter der Grundeinstellung zu verändern – und so die Nachricht lesen.

Ein komplexes Verfahren, das den Funkverkehr sicherer machen soll. Tatsächlich aber ist es eine Schwachstelle.

Enigma landet im Warschauer Zollamt

Denn im Jahr 1928 erreicht ein Irrläufer das Zollamt von Warschau: eine schwere Holzkiste aus Deutschland. Sie erregt den Argwohn eines Zöllners, weil der Adressat in Warschau nachdrücklich verlangt, die Sendung ungeprüft und unverzüglich an den Absender zurückzuschicken. Der Zoll beschließt, die Kiste zu inspizieren – und findet eine Enigma.

Die Beamten informieren den polnischen Generalstab, der zwei Chiffrier­experten ins Zollamt entsendet. Die untersuchen die geheimnisvolle Maschine. Dann verpacken sie sie wieder und schicken sie zurück nach Deutschland. Dort bemerkt niemand etwas.

Die Polen kennen nun die Kon­struktion der Enigma und ihr Arbeits­prinzip – nicht aber ihre innere Ver­drahtung. Denn die Maschine auf dem Warschauer Zollamt war die kommer­zielle Version, von der sich der polnische Geheimdienst bald ein eigenes Exemplar besorgt. Die deutsche Wehrmacht aber verwendet ein Modell, das anders verdrahtet ist. Für dieses Modell fehlen den Polen die technischen Details.

Muster verbergen sich in den verschlüsselten Botschaften

Die erhalten sie drei Jahre später vom französischen Geheimdienst, mit dem sie ein Kooperationsvertrag verbindet. Die Franzosen haben einen Agenten in der Chiffrierstelle des deutschen Reichswehrministeriums und leiten das ausspio­nierte Enigma-Material an die Polen weiter. Die können jetzt Replikate der Maschine anfertigen lassen.

Aus der ebenfalls zugespielten Dienst­vorschrift für den Enigma-Einsatz erfahren die Kryptologen auch von jenem Spruchschlüssel aus drei Buchstaben, der am Anfang jeder Meldung zweimal hintereinander gesendet werden muss.

Das bedeutet: In der Abfolge der ersten sechs chiffrierten Buchstaben ­einer Meldung entspricht das erste dem vierten Zeichen, das zweite dem fünften, das dritte dem sechsten. Ein Muster, das die Entzifferung deutlich erleichtert.

Außerdem finden die Polen in den verschlüsselten Texten gewisse Regel­mäßigkeiten bei der Zeichenfolge.

Auschwitz, Überlebende
Holocaust
Die Stimmen von Auschwitz: Häftlinge beschreiben das Unbeschreibliche
Keine Beschreibung eines Außenstehenden vermag den Zuständen in dem größten Vernichtungslager des NS-Regimes gerecht zu werden; das können nur die Berichte der Häftlinge selbst

Die Erfindung der kryptologischen Bombe

Anfang 1933 gelingt es einer Gruppe um den jungen Mathematiker Marian Rejewski erstmals, abgehörte deutsche Nachrichten zu dekodieren. Fünf Jahre später konzipiert Rejewski ein System mit 18 Rotoren, das alle denk­ba­ren Walzenkombinationen und Grundstellungen der Enigma automatisch si­mu­lieren kann. „Bomba Kryptologiczna“ (kryptologische Bombe) nennen die Polen ihre Erfindung.

100 bis 120 Minuten benötigt die Bomba, um für eine kodierte Nachricht die Lage und Stellung der Walzen zu ermitteln. Ist eine mögliche Einstellung gefunden, wird auf einem Enigma-Nachbau ausprobiert, ob damit ein sinnvoller deutscher Text herauskommt.

Doch schon Ende 1938 ist die Bomba weitgehend nutzlos. Die Wehrmacht rüstet die Enigma von Heer und Luftwaffe um zwei weitere Walzen auf, also auf insgesamt fünf. Damit verzehnfacht sich die Zahl der möglichen Walzenkombinationen. Rejewski und seine Leute bräuchten nun sehr viel größere Maschinen – doch dafür fehlen ihnen die Mittel.

Polen berichten Franzosen und Briten von ihren Erfolgen

Weil Polen zudem befürchtet, dass ein deutscher Überfall bald bevorsteht, beschließt der Generalstab, Franzosen und Briten einzuweihen.

Unter höchster Geheimhaltung kommt es Ende Juli 1939 zu einem denkwürdigen Treffen. Die Polen haben ­Marian Rejewski geschickt. Aus England sind Dillwyn Knox und Alastair Denniston angereist, der Chef der Schule für Kodierung und Verschlüsselung.

Die Engländer wissen noch nichts von den Erfolgen der Polen. Seit mehreren Monaten schon sucht Knox vergebens nach einem Weg, in die Enigma einzubrechen. Umso erstaunter sind die Briten, als sie nun Rejewskis Be­richte hören.

Bomba kommt nach Bletchley Park

Die Polen übergeben ihren Gästen zudem den Bauplan für die Bomba – und zwei ihrer Enigma-Replikate.

Nur gut einen Monat nach dem Treffen marschiert die deutsche Armee in Polen ein. Rejewskis Abteilung wird in aller Eile aufgelöst, die Bomba zerstört, bevor sie den Deutschen in die Hände fallen kann. Die Männer, die dem Rätsel der Enigma am dichtesten auf der Spur waren, müssen untertauchen.

Marian Rejewski und die anderen Kryptologen setzen sich nach Rumänien ab, dann nach Frankreich. Als die Deutschen dort einmarschieren, flieht die Gruppe über Spanien, Portugal und Gibraltar nach Großbritannien.

Rejewski wird als Dechiffrierer vom MI6 übernommen, hat mit der Enigma je­doch nichts mehr zu tun. Sein Wissen und der Nachbau der Chiffriermaschine aber haben längst Bletchley Park erreicht.

Geheimdienst wirbt mit Kreuzworträtsel-Wettbewerb neues Personal an

Spätsommer 1939. Der Landsitz bevölkert sich zusehends, Station X wird aufgebaut. Rund 140 Leute gehören zur ers­ten Besatzung. Da sich das Herrenhaus schnell als zu klein ­erweist, beginnen Handwerker mit dem Bau von Baracken für Arbeitsplätze.

Am 3. September erklärt Groß­britannien Deutschland den Krieg. In Bletchley Park wächst nun der Druck, den Funkverkehr des Feindes so schnell wie möglich offenzulegen. 30 Personen arbeiten anfangs in ­jenem Team, das unter der Leitung von Dillwyn Knox die Codes brechen soll, darunter Veteranen, die schon im Ersten Weltkrieg geheime Nachrichten des Feindes entschlüsselt haben, aber auch viele Neulinge, die Knox und seine Mitarbeiter in den Monaten zuvor an den Eliteuniversitäten von Oxford und Cambridge rekrutiert haben: Linguisten, Mathematiker, Historiker – sowie Ägyptologen, die durch den Umgang mit ­Hieroglyphen im Ergründen rätselhafter Zeichensysteme versiert sind.

Bei der Anwerbung des Personals geht der Geheimdienst ungewöhnliche Wege. So ruft der „Daily Telegraph“ ­seine Leser zu einem Geschwindigkeitswettbewerb im Lösen von Kreuz­wort­rätseln auf. Kurz darauf meldet sich der MI6 bei den schnellsten Teilnehmern: mit Jobangeboten für Bletchley Park.

Alan Turing bereichert Station X

Am 4. September 1939 trifft der 27-jährige Mathematiker Alan Turing ein. Vor vier Jahren hat er die theoretischen Grundlagen für eine (nie realisierte) Maschine entworfen, die jede denkbare Berechnung anstellen kann, indem sie ein mit markierten und leeren Rechtecken versehenes Band abliest und beschriftet – das Grundprinzip des Computers.

Turing ist homosexuell, zu jener Zeit in Großbritannien ein Straftatbestand, was ihn erpressbar machen ­könn­te. Dazu ist er ein Sonderling, seine Arbeitsweise chaotisch. Im Sommer radelt er mit aufgesetzter Gasmaske zur Arbeit – aus Angst vor Heuschnupfen.

„Nur ich habe gerade noch ge­nug Autorität und Geschick, um ihn und ­seine Ideen in einer gewissen Ordnung und Disziplin zu halten“, schreibt Knox in einer Notiz an Direktor Denniston.

In jedem Fall ist Turing eine unbedingt notwendige Verstärkung für die Gruppe von Knox. Denn die ist immer noch weit davon entfernt, den deutschen Code zu brechen. Der polnische Nachbau der Enigma hilft dem Team, ist aber schon veraltet; auch die übrigen Erkenntnisse der Polen reichen nicht aus.

So bleibt den Codebrechern nur, sich in die Baracken mit den Beton­böden, den nackten Glühbirnen und schlecht heizenden Koksöfen zurüc­k­zuziehen und zu tüfteln. Immer wieder zu probieren, zu kombinieren, zu über­legen.

Kryptologen arbeiten mit Papierschablonen und Vermutungen

Es gibt also Wahrscheinlichkeiten, die die Entzifferung erleichtern. Von den theoretisch möglichen 17576 Spruchschlüsseln müssen womöglich nur 20 bis 30 durchgeprüft werden.

Ein weiterer Schwachpunkt sind Wendungen, die im deutschen Funkverkehr immer wieder auftauchen – „OBERKOMMANDO“ etwa, oder „KEINE ­BESONDEREN VORKOMMNISSE“. Sowie eine Wortkombination, die fast immer am Schluss einer Nachricht zu finden ist: „HEIL HITLER“.

Weil die Enigma niemals einen Buchstaben mit sich selbst verschlüsselt, lassen sich mithilfe der festen Wortkom­binationen Rasterschablonen aus Papier fertigen. Die schieben die Kryptologen an jenen Positionen der abgefange­nen Nachricht, wo sie diese Wendungen vermuten, so lange über den Text, bis ­etwa in der Schablone mit dem Wort „Vorkommnisse“ kein O mehr als O, kein M als M und kein S als S verschlüsselt ist. Dann haben sie einen Einstieg.

Beschwerliche, aber erfolgreiche Arbeit

Um von diesen Anhaltspunkten auf die verwendeten Walzen und die genauen Einstellungen der Enigma zu schließen, müssen die Tüftler an den Nachbauten manuell alle denkbaren Varianten testen. Haben sie eine Maschinenstellung gefunden, bei der an der entsprechenden Position die verschlüsselte Redewendung erscheint, können sie testen, ob mit dieser Einstellung auf dem Leuchtfeld der Enigma auch für den Rest der Nachricht ein sinnvoller deutscher Text erscheint. Wenn nicht, war alles vergebens, müssen die Codebrecher von vorn beginnen.

Es ist eine beschwerliche Arbeit, die für eine einzelne Meldung oft Tage, Wochen, Monate braucht – aber sie ist schließlich erfolgreich.

Bletchley Park kämpft mit Meldungsflut

Im Januar 1940 entziffern die Krypto­logen in Baracke 4 die erste Enigma-­Meldung des Krieges. Sie entstammt einem Funknetz, das Knox in seinen ­Organisationsplänen mit ei­nem grünen Buntstift markiert hat und das deshalb in Bletchley Park als „Schlüsselkreis Grün“ firmiert. In Station X sind die Funknetze der Deutschen in den ersten Kriegsjahren wie aus dem Tuschkasten markiert worden: Neben Grün gibt es Rot, Gelb, Braun, Blau ­sowie diverse Mischfarben.

Die erste Grün-Meldung ist inhaltlich zwar enttäuschend – eine Abfolge von Belanglosigkeiten wie etwa der Wetterbericht –, aber sie ist ein Anfang.

Am 9. April 1940 marschiert die Wehrmacht in Dänemark und Norwegen ein, und noch am selben Tag taucht ein neuer Enigma-Schlüssel auf. Die Briten dechiffrieren auch den. Aus den abgehörten Nachrichten erfährt London detailliert von den Aktionen der Deutschen – wenn auch mit Verspätung. Denn auf eine solche Meldungsflut ist man in Bletchley Park nicht vorbereitet. Bislang sind die entzifferten Meldungen des jeweiligen Tages immer abends in einem Postsack per Lieferwagen zum Hauptquartier des MI6 nach London gebracht worden, von wo aus sie unter anderem ans Kriegs­ministerium weitergeleitet wurden.

„Quelle Boniface“ an MI6-Zentrale

Nun aber muss alles schneller gehen. Auch intern: In drei Schichten arbeiten die Teams bald rund um die Uhr. Die ­abgefangenen Nachrichten kommen per Fernschreiber und Motorradkurier nach Bletchley Park, wo sich zunächst die Codespezialisten ihrer annehmen.

Schaffen sie es, den Code für den Tag zu brechen, wandeln in einem anderen Raum derselben Baracke Mitarbeiter sämtliche Meldungen in deutschen Klartext um, an britischen Kodiermaschinen, die so umgebaut sind, dass sie wie Enigmas funktionieren.

Ein Helfer schiebt die entzifferten Funksprüche anschließend in einem Kar­ton durch einen kleinen, oberirdischen Holztunnel in die benachbarte Baracke.

Dort übersetzt ein Team aus Lin­guisten und Deutsch-Experten, die um einen großen Tisch herumsitzen, die Meldungen ins Englische und versucht zugleich, mögliche Lücken im Text zu schließen. Offiziere helfen, die militärische Bedeutung der jeweiligen Nachricht zu beurteilen und sie zu sortieren.

Am Ende schreibt ein weiterer Militär die Nachrichten so um, dass sie den Eindruck erwecken, als stammten sie von einem (fiktiven) Geheimagenten mit dem Decknamen „Boniface“. Denn was immer auch geschieht – keinesfalls dürfen die Deutschen erfahren, dass ihr Geheimfunk entschlüsselt wird. So sind es also offi­ziell Berichte der „Quelle Boniface“, die schließlich per Fernschreiber die MI6-Zentrale in London erreichen.

Dechiffrierung in nur 15 Minuten – ein neuer Erfolg

Im Mai 1940 hat John Herivels Idee, sich auf 20 bis 30 Spruchschlüssel zu konzentrieren, ihren ersten großen Erfolg: Dem Team in Bletchley Park gelingt der Einbruch ins Netzwerk Rot. Schnell stellt sich heraus, dass Rot ein Schlüsselkreis der Luftwaffe ist. Einer der wichtigsten, wie sich zeigen wird.

Einzig der Funkverkehr der deutschen Kriegsmarine ist den Codebrechern noch völlig verschlossen.

Seit seiner Ankunft in Bletch­ley Park arbeitet Alan Turing an den Plänen für eine bahnbrechende Maschi­ne: einen Enigma-Simulator, der in nie gekannter Geschwindigkeit die Einstellung der Chiffriermaschine ermitteln soll. Das Gerät soll Marian Rejewskis Bomba ­erheblich verbessern. Turing nennt sein Modell „Bombe“ – als Reminiszenz an die Vorarbeit der polnischen Kollegen.

Mitte Mai 1940 ist die erste Version einsatzbereit: In einem Gehäuse rotieren mit hohem Tempo 30 Buchsta­benwalzen. Sie erledigen nun, was die Codebrecher zuvor per Hand machen mussten: das Testen der unterschiedlichen Walzen­einstellungen.

100000 Pfund Sterling, eine gewaltige Summe, hat der MI6 für den Bau mehrerer „Bomben“ bereitgestellt. Das erste Exemplar taufen die Briten auf den optimistischen Namen „Victory“: Sieg.

Turing aber ist unzufrieden, Vic­tory ist noch zu langsam. Gemeinsam mit dem Mathematiker Gordon Welchman entwickelt er eine verbesserte Variante. Und schon wenige Monate später rotieren in Bletchley Park die Walzen von Dutzenden Bomben. Jetzt dauert es im günstigsten Fall nur noch etwa 15 Minuten, bis die Walzenstellung der chiffrie­renden Enigma entschlüsselt ist.

Deutsche Decknamen verraten geplante Angriffsziele

Als die Deutschen im August 1940 England aus der Luft angreifen, verraten die mithilfe von Turings Maschinen entschlüsselten Enigma-Meldungen aus dem Netzwerk Rot den Briten die möglichen Angriffsziele und sogar die Zahl der ­beteiligten Flugzeuge. Die Deutschen erleichtern der Flug­abwehr die Arbeit dadurch, dass sie bri­ti­sche Städte mit Begriffen belegen, die die gleichen Anfangsbuchstaben haben: „Liebe“ etwa ist Liverpool, „Bild“ entspricht Birmingham.

In einem Fall müssen die Briten allerdings passen – obwohl sie wissen, dass ihnen ein nächtlicher Angriff bevorsteht. Selbst den Code­namen der Attacke kennen sie: „Mondscheinsonate“. Nur mit dem Decknamen des Ziels wissen sie nichts anzufangen: „Korn“. Eine Großstadt mit „Ko“ gibt es in Großbritannien nicht. Erst im Nachhinein wird ihnen klar, dass „Korn“ für Coventry stand.

Briten provozieren mit Angriffen bestimmte Wortkombinationen

Gleichzeitig mit dem Bombenterror ­gegen England starten die Deutschen im Atlantik den uneingeschränkten U-Boot-Krieg, bei dem sie Handels­schiffe der Alliierten ohne Vorwarnung versenken. Doch trotz Turings neuer Maschinen können die Briten die Enigma der Marine weiterhin nur äußerst selten entschlüsseln. Denn die deutsche Kriegs­flotte ­arbeitet mit einer Variante des Chiffriergerätes, die mit insgesamt acht einsetzbaren Walzen noch weitaus komplexer ist als die von Heer und Luft­waffe.

In dringenden Fällen müssen die britischen Codebrecher selbst dafür sorgen, dass ihnen die deutschen Kriegsschiffe die passenden Wortkombinationen liefern. Die Royal Air Force wirft dazu in der Nordsee Minen ab; die ­Minenwarnung der Deutschen mit den ­genauen Positionsangaben können die Leute von Bletchley Park anschließend für ihre Entschlüsselungen nutzen.

Oder die RAF zerschießt in der Nähe eines deutschen Schiffes eine Leucht­boje: Mit Sicherheit tauchen ­Minuten später die Worte „LICHT ­ERLOSCHEN“ oder „LEUCHTBOJE ZERSTOERT“ in einer deutschen Nachricht auf. „Gartenpflege“ nennen die Briten dieses Verfahren, und es ist mühsam und zeitaufwendig.

Not im U-Boot-Krieg

Die Admiralität aber treibt die Codebrecher zur Eile; die deutschen U-Boote sind drückend überlegen. Um die Konvois der alliierten Handels­schiffe warnen und umleiten zu können, muss das Oberkommando wissen, wo sich die Unterseeboote formieren. Für eine schnelle Entzifferung der Marine-Enigma aber benötigen die Briten ein deutsches Code­buch. Und zwar dringend.

So reift im September 1940 der Plan zur „Operation Ruthless“ – ruthless wie mitleidslos. Sein Verfasser: Ian Fleming, als Mitarbeiter der Marinegeheimdienst­zentrale in London Verbindungsoffizier nach Bletchley Park.

„Gebraucht wird eine harte Crew von fünf Männern“, schlägt Fleming vor, „einschließlich eines Piloten, eines Funkers und eines Mannes, der perfekt Deutsch spricht. Sie müssen deutsche Luftwaffenuniformen tragen und blut­verschmiert sein.“ Diese Truppe solle nach einem der nächsten Bombenan­griffe auf London mit einem gekaperten deutschen Bomber zurück über den Ärmelkanal fliegen, dort SOS funken, einen Absturz simulieren und notwassern. Die Crew solle sich dann auf ein Schlauchboot retten und von einem deutschen Minenräumboot auffischen lassen.

„Wenn an Bord des Schiffes, deutsche Besatzung erschießen und über Bord werfen“, notiert Fleming lakonisch. „Boot in englischen Hafen steuern.“

Bletchley Park ist von der Idee begeistert. Tatsächlich wird in Dover ein erbeuteter Heinkel-Bomber nach Flemings Vorschlägen für den nächsten ­Angriff der Deutschen präpariert.

Doch das Flugzeug bleibt am Boden – die Briten entdecken kein geeig­netes deutsches Schiff, von dem sich die Besatzung „retten“ lassen könnte.

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Kameradschaft und Geheimnisse

Die Teams von Bletchley Park arbeiten in den folgenden Monaten weiter, ohne wirklich voranzukommen. Absolvieren Schicht um Schicht in ihrem eigentümlichen Mikrokosmos aus Geheimnis­trägern. In der Kantine, wo es noch um drei Uhr morgens Kabeljau mit Kartoffelbrei gibt, treffen sich Hiero­glyphen-Experten und Air-Force-Offiziere, Telegraphistinnen und Naturwissenschaftler.

Sie alle verbindet eine besondere Kameraderie. Doch reden dürfen sie über ihre Arbeit nicht. Die Teams in einer Baracke haben nur eine grobe Ahnung von dem, was die Menschen in den ande­ren Bretterbuden tun, selbst wenn sie ein­ander unmittelbar zuarbeiten. Sogar die Tatsache, dass Enigma entschlüsselt worden ist, ist lange Zeit kaum bekannt.

Eines Abends folgt ein Offizier ­einer Ein­ladung zum Dinner mit Kollegen einer anderen Abteilung. Bei einer anschließenden Bridge-Partie ist der Soldat verwundert über die hervorragenden taktischen Fähigkeiten seines Mitspielers – und erfährt später, dass es sich um einen Schach-Großmeister handelt.

Briten kommen an Marine-Codebücher

Ein Dreivierteljahr nach Beginn des uneingeschränkten U-Boot-Krieges kommt Bletchley Park endlich das Glück zu Hilfe. Im Mai 1941 kapert die Royal Navy das deutsche Wetterschiff „München“ und erbeutet die Tagescodes für Juni, ein paar Tage darauf auch das Codebuch und eine Enigma von „U110“: Die Besatzung hatte das U-Boot auf­gegeben, ohne es zu zerstören – in der Annahme, dass es gleich sinken werde. Etwas später kapern die Alliierten ein weiteres Schiff samt den Codes für Juli.

Nun können Knox, Turing und Kollegen für zwei Monate die Geheimnachrichten des wichtigsten Marine-Netzes „Heimische Gewässer“ mitlesen, von den Deutschen unbemerkt und fast in Echtzeit. Sie sammeln so viele Informationen, dass sie bis Jahresende die deutschen Absichten zur See fast vollständig und vor allem schnell entschlüsseln können.

Es scheint die Wende im U-Boot-Krieg zu sein. Die unterseeischen „Rudel“, wie die deutsche Marine die in Gruppen angreifenden U-Boote nennt, stoßen immer häufiger ins Leere. So ­erfolgreich sind die Logik-Krieger von Bletchley Park, dass Anfang September 1941 Premier Winston Churchill persönlich vorbeischaut, um sich zu bedanken.

Doch dann rüstet der Feind abermals auf. Am 1. Februar 1942 führt ein Teil der deutschen U-Boote eine neue, leistungsfähigere Enigma ein, in der jetzt bei jeder Chiffrierung vier statt drei ­Rotoren zum Einsatz kommen. Der neue vierte Rotor ist allerdings nicht austauschbar. In Bletchley Park geben die Mitarbeiter dem Funknetz dieser U-Boote den Namen „Shark“ – Hai.

Totaler Blackout auf Station X

Auf einen Schlag ist ein großer Teil der Erkenntnisse zunichte, die sich die Codebrecher in den vorangegangenen Monaten und Jahren mühsam erarbeitet haben. Selbst Turings Maschinen sind vorerst keine Hilfe mehr. Es ist der to­tale Black­out, fast ein Jahr lang. Auf Station X schwindet die Moral.

Obendrein gelingt es dem „Beobachtungsdienst“ der Kriegsmarine – dem deutschen Pendant zu Bletchley Park –, umgekehrt jenen Code zu brechen, der fast den gesamten alliierten Funkverkehr mit den Geleitzügen im Atlantik verschlüsselt. Da die Briten die Meldun­gen der deutschen U-Boote nicht mehr lesen können, erfahren sie monatelang nichts von diesem Einbruch.

„Wir haben die U-Boote wieder!“

Die Admiralität setzt die Mitarbeiter von Station X unter Druck, das Netzwerk Shark endlich zu knacken. Der Kampf mit den U-Booten sei so entscheidend, dass „der Krieg verloren werden kann, wenn Bletchley Park nicht hilft“.

Ein Einsatz der Marine bringt die Rettung. Im Mittelmeer bergen die Briten die Signalbücher von „U559“. Während Matrosen der Royal Navy das U-­Boot durchsuchen, sinkt es bereits. Zwei britische Seeleute werden mit in die Tiefe gerissen. Doch ein Schiffsjunge rettet das wertvolle Dokument. Am 13. Dezember 1942 stürmt ein Mitarbeiter gegen alle Geheimhaltungs­regeln in die Kantine von Bletchley Park und ruft: „Wir haben die ­U-Boote wieder!“

Kryptologen analysieren in Bletchley Park eingegangene Nachrichten

Kryptologen analysieren in Bletchley Park eingegangene Nachrichten. Sie suchen unter anderem nach Mustern in den Zeichenfolgen, die einen ersten Anhalts- punkt auf den verwendeten Code geben können. Doch die Deutschen ändern ihre Codes ständig und verbessern zudem die Enigma-Geräte. Das Entschlüs­seln einer einzigen Meldung kann deshalb Stunden dauern – oder Monate

Keine Geheimnisse mehr vor Bletchley Park

Erneut sammelt Station X so viele Informationen über die Kodierung, dass sie langfristig Nachrichten entschlüsseln kann. Fortan haben die Deutschen keine Geheimnisse mehr – und wissen es nicht.

Jetzt zeigt sich, wie wichtig die Codebrecher sind. Die Meldungen aus Bletchley Park spielen eine entschei­dende Rolle bei den Niederlagen des Deutschen Afrikakorps unter General Erwin Rommel. Die Briten sind bis ins Detail über dessen Pläne informiert.

Auch die Landung der Alliierten auf Sizilien im September 1943 wird von Bletchley Park mit vorbereitet. Um die Deutschen aus Süditalien wegzulocken, wird den Spaniern die Falschmeldung zugespielt, eine Invasion in Sardinien stehe unmittelbar bevor. Den Erfolg dieser Finte, die Verbreitung der Nachricht, verfolgt Station X in Echtzeit.

Beim D-Day in der Normandie, der großen Landung der Alliierten ein Dreivierteljahr später, rettet ein einziger entschlüsselter Funkspruch vermutlich 15000 Fallschirmjägern das Leben – an der ursprünglich vorgese­henen Absprungzone hatten die Deutschen starke Truppenverbände zusammengezogen.

Vermutlich verkürzt Station X den Krieg um Jahre

Gegen Ende des Krieges arbeiten in Bletchley Park fast 9000 Männer und Frauen. Inzwischen ist das Anwesen zu einer regelrechten Dechiffrierfabrik geworden, mit zahlreichen großflächigen und bombensicheren Anbauten.

Jeden Morgen halten Busse mit Mitarbeitern aus der Umgebung vor den Toren der Anlage, steigen Hunderte Pendler aus Cambridge an einer speziellen Eisenbahnstation aus.

Täglich fließt ein Strom von mehr als 1000 entzifferten Meldungen allein des Heeres und der Luftwaffe aus Sta­tion X. Doch längst nicht alle Mitarbeiter beschäftigen sich jetzt noch mit Enigma: Auch die japanischen „Purple“-Chiffriermaschinen werden hier entschlüsselt, ebenso die Nachrichten aus den deutschen „Lorenz“-Maschinen – Funkfernschreibern, über die Hitler direkten Kontakt zu seinen Generälen hält.

Die Codebrecher sind auf ganzer Linie erfolgreich. So sehr, dass Churchill nach Ende des Krieges in einem ­Gespräch mit König Georg VI. geäußert haben soll, der Sieg sei vor allem Ultra zu verdanken. Nur wenige Historiker würden heute wohl so weit gehen, aber alle be­tonen, dass die Arbeit der Station X den alliierten Sieg beschleunigt und so den Welten­brand womöglich um Jahre verkürzt hat.

Das Leben der Codeknacker nach Station X

Der Codebrecher Dillwyn Knox erlebt diesen Triumph nicht mehr; er ist bereits 1943 an Krebs gestorben. Frank Birch bleibt auch nach Kriegsende beim Dechiffrierdienst.

Gordon Welchman wandert 1948 in die USA aus und wird einer der ersten Computer-Theoretiker am Massachusetts Institute of Technology.

Auch Alan Turing arbeitet nach 1945 wieder als Computer-Theoretiker und Mathematiker. Doch 1952 wird er wegen Homosexualität vor Gericht gestellt und zu einer Hormonbehandlung gezwungen. Zwei Jahre später nimmt er sich das Leben.

Ian Fleming zieht nach Jamaika und beginnt Geheimdienstromane zu schreiben. 1953 erscheint sein erster, mit dem Titel „Casino Royale“. Die Hauptfigur ist ein MI6-Agent namens James Bond.

Enigma kommt nach Russland

Die War Station in Bletchley Park wird bereits 1946 aufgelöst, die meisten Maschinen werden zerstört. Aber noch 30 weitere Jahre bleibt die Arbeit der Codebrecher auf dem Anwesen nordwestlich von London streng geheim, aus strategischen Gründen.

Denn nach Kriegsende gelangen zahlreiche Enigma-Exemplare in die Sowjetunion. Moskau benutzt die erbeuteten Maschinen noch viele Jahre für ­eigene Verschlüsselungen – ohne zu wissen, dass die Briten deren Mechanismus längst durchschaut haben.

Und erleichtert damit dem Geheimdienst seines früheren Verbündeten – und neuen Gegners im Kalten Krieg – ganz entscheidend die Arbeit.

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