Zwei Monate ohne Ziel durch Skandinavien

Reisebericht

Zwei Monate ohne Ziel durch Skandinavien

Reisebericht: Zwei Monate ohne Ziel durch Skandinavien

Im Sommer 2005 bin ich mehr oder weniger spontan mit meinem VW-Bus nach Skandinavien aufgebrochen und hab mich dort von einer Ecke in die nächste treiben lassen. Insgesamt ca. 12000 km mit lustigen Bekanntschaften, atemberaubender Landschaft und herrlicher Kultur.

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Polen und das Baltikum

14.06.05
Aufbruch in der fränkischen Heimat war schon vor paar Tagen, bis gestern wurde noch das Hurricane mit unserer Anwesenheit beehrt, von da dann zurück nach Lohne, wo ich am Donnerstag schon Ina + Annika aufgegabelt hab. Die 2 haben sich dann sofort bereit erklärt mich zwecks Erholung und Kultivierung noch eine Nacht aufzunehmen. Heut Mittag ging’s dann los mit Kurs auf Polen, wobei mir der Atlas verraten hat, dass mein Weg durch Berlin läuft, was zwangsläufig einen Absacker bei Freddy zur Folge haben wird. Hab ihn leider erst nach x Versuchen erreicht, neue Telefonnummer, die es erst über 3 Ecken und den Alex in Erfahrung zu bringen galt. KM technisch lieg ich derzeit bei ca. 1500 seit Heimatstart, das Klopfen, das hinten rechts so verdächtig geklopft hat, klopft nicht mehr seit ich das Bett wieder waagrecht hab und ich hab noch Bier in Massen, dank den Mädels, die mir eine Palette überlassen haben. Bisherige Komplettbilanz: Herrlich! Außerdem heizt der Kühlschrank wie ein Kachelofen, auch auf 12V, muss nur lange genug laufen. Also kein Problem mit Gasmangel. Sitz nun hier in Berlin, hab mir eine halbe Dose schmackhafte Ravioli durch eine Zwiebel verfeinert und warte auf den studierenden Freddy Leikauf......

15.06.05
Bin gestern dann gegen 10 hoch zum Fred, wurde noch schwer lustig, Konsum war hoch, die Stimmung genauso. Sind dann beide irgendwann vorm TV eingepennt, da der Film auf Englisch in unserem Zustand ziemlich unverständlich war. Morgens wurde dann noch mal geduscht, Freds letzte Frühstücksreserven dezimiert und dann irgendwann Richtung Ausland aufgebrochen. Zwischenstop nach schnell am örtlichen Walmart, Wasser fassen, Papier kaufen und die Ausrüstung um ein Überbrückungskabel erweitert, hab meines leider daheim vergessen. Dann noch kurz ins I-Cafe, kurzes Heimatupdate, dann wieder auf die A 10 Richtung Frankfurt/Oder und Polen. Tagesziel: Warschau, über 600km....
Grenze war absolut stressfrei, ein Polizist, Perso, Weiterfahren. Kurz hinter der ersten Siedlung dann Tankstop, Diesel für 85 ¢. Der Fahrstil der Polen ist ziemlich derb, muss ich hier mal vermerken, aus 2 Spuren werden schon mal 3, im Extremfall 4. Und sie erwarten beim Überholen dass der Gegenverkehr ausweicht, gibt ja fast nur Landstraßen. Hab mich aber schnell dran gewöhnt, weiche brav nach rechts aus wenn von hinten einer drängelt, er bedankt sich anschließend durch kurzen Warnblinker, sogar die Cops. Irgendwann kam dann ein Schild dass auf eine Autobahn nach Warschau verwiesen hat, ich also aus der kargen Landschaft mit seinen halbverfallenen Dörfern raus auf die überraschend gut ausgebauten Schnellstraße. Gute Fahrbahn, wenig Verkehr und Rastplätze mit sauberen Scheißhäusern. Bin dann irgendwann raus, den Rest der Ravioli verdrückt und hab Siesta gehalten. Noch 300 km bis Warschau. Gegen 10 hab ich dann beschlossen auf einem LKW-Rastplatz zu übernachten. Der wenige Verkehr auf der Autobahn ist, denk ich, auf die Maut die sie hier alle 50 km verlangen zurückzuführen. Kostet jeweils 11 Zloty, so ungefähr 2,50 €, geht also noch. Heut früh hab ich dann die Sanitäranlagen zwecks Waschung besucht und bin fast rückwärts wieder raus. Und ich darf sagen ich bin einiges gewohnt was das Thema betrifft. Dschungelplumpsklos in Kolumbien haben mehr Hygiene als polnische Rastplatzbunker. Außerdem hab ich meine Zahnpaste im Tran von gestern morgen in Berlin liegen gelassen, werde also meine Mautwechsel-Zlotys, die ich bekommen habe als ich mit Euros bezahlt habe, in Zahnreinigungsutensilien investieren. Ach ja, es wird mir ziemlich langweilig ohne Gesellschaft, denke ich werde in Helsinki mal ein Hostel anlaufen.

16.06.05 Eintrag II 23:30, Litauen
Habe die Fahrtaktik umgestellt, nicht mehr versucht den Todpunkt am Nachmittag zu überwinden, sondern einfach wieder Siesta am nächsten Rastplatz abgehalten. Zeit war genug vorhanden, warum also Stressen und unnötig km runter reisen? Danach konnte ich dann locker bis ca. 120 km vor Riga vorstoßen. Litauen war also betreten worden. Die Kontaktdepression hat mir dann ein polnischer Polizist genommen, welcher mich gestoppt hat weil ich eine doppelt durchgezogene Linie (Überholverbot, wie in D auch) überfahren habe. Den polnischen Fahrstil hab ich mir dann wohl doch zu schnell angewöhnt. Wollte bei Gegenverkehr einen Bus überholen, haben auch brav alle Platz gemacht, nur war dann eben der Streifenwagen 100m weiter gestanden. Wollte erst mal alle möglichen Papiere. Ich hatte alle möglichen, was ihn auch sichtlich gefreut hat. Problem Nummer 1 dann: Ich spreche Deutsch, Englisch und schlecht Spanisch, er nur Polnisch und Russisch. Irgendwie kommen wir aber klar, er kann doch paar Zahlen auf Deutsch. Dann hat er mir anhand eines absolut verständlichen (kein Scheiß!) Busgeldkatalogs mit Symbolen und allem drum und dran erklärt, dass mich der Spaß 200 Zloty kostet. Hatte ich nicht, also frag ich ihn nach einer Bank. Er schaut mich an, überlegt, fragt ob ich nach Russland weiter will. Ich: „Nix! Finnland!“ Er überlegt wieder, schaut auf die Uhr - es war kurz vor 6 abends - und merkt dass er wohl bald Feierabend hat, schaut mich wieder an, grinst und sagt: „No Straf!“, untermalt durch die international verständliche Handbewegung die ungefähr bedeutet „Schau dass du weiter kommst, sonst überleg ich's mir noch mal!“. Sehr geil! Ein hoch auf diesen Mann, genau die Art von Polizist mit denen ich keine Probleme hab, tun ihre Arbeit, sind aber nicht Dienstgeil, und mit korrupt hat das auch nichts am Hut. War aber bisher auch das einzig positive in Polen, ein hässliches Land ohne gleichen. Zumindest die Geegnd in der ich unterwegs war. Beschissene Straßen, alles platt, ohne irgendwas Sehenswertes. Und die komplette Landschaft ist mit ca. 100 Werbetafeln auf 1 km total verschandelt. Einzige Abwechslung zur Reklame sind die Leuchtschilder von den Bordellen und Absteigen, die es hier in jedem Ort ab 3 Häusern gibt. An der Grenze zu Litauen war’s dann wieder stressfrei, Pass und Papiere, kurz checken, Gute Reise. Sehr freundliche Leute, kamen sehr locker und entspannt rüber, passte irgendwie gar nicht zu der gesteiften Uniform. Von Litauen bin ich derzeit sowieso schwer begeistert: Saubere Straßen, freundliche Leute die dir sogar beim Tanken alles mit Händen, Füßen, Stift und Papier erklären. Die Landschaft ist wahnsinnig gut, es fährt sich entspannter, der Verkehr ist absolut locker und nicht so extreme Hetze wie in Polen. Außerdem bauen die hier Straßen wie die Irren, alles noch nicht auf der Karte und alles was alt ist, ist gerade Baustelle.

18.06.05 Seefahrer 10:00
Bin am 16. nach einem Tankstop an einer Raststätte rausgefahren und hab kurz vor der lettischen Grenze übernachtet. Schlafsack war noch nicht nötig, ist bisher warm wie in den Tropen und das Busaggregat heizt den Schlaftrakt zusätzlich mit. Hab zwecks finnischem Zoll den Schnaps sowie die Bierreserven ins Dach verfrachtet und Hannes alten Schlafsack zum Schmuggeldepot umfunktioniert. Wollte noch bis Tallinn vorstoßen und da eine Fähre nach Helsinki entern, wurde aber zu stresig. Vorher wurden bei knackigen 26° die wieder sehr freundlichen Grenzer von Lettland beehrt, Riga passiert und irgendwann das erste Stück Ostsee erspäht, mit Sandstrand und allem was dazu gehört. Man fragt sich, warum die Leute aufs überfüllte Mallorca fliegen, wenn sie hier im Osten das gleiche bekommen können. Genau dort wurde dann erst mal Pause gemacht, in der Sonne gesessen, gemütlich was gekocht und relaxed. Nachmittags wurde dann weitergezogen, Kurs Nord, und nach nur einem Tag war Lettland abgehakt, Estland wurde erreicht. Tallinn, die Hauptstadt, und der Fährhafen nach Finnland sind schon an der Grenze ausgeschildert. Die Landschaft ist nach wie vor wahnsinnig schön: Kurvenreiche Landstraßen, kleine Gehöfte, dazwischen Felder auf denen die europäischen Subventionen noch nicht angekommen sind und die Arbeit noch mit Hand und Pferd erledigt wird. Die Stimmung ist gut, Spirtualized und Turbonegro erheitern das Gemüt, der Bully läuft astrein und das Klopfen kommt nur noch selten und wird deshalb gekonnt ignoriert, da nach einem eingehenden Check nix zu finden war was sorgen bereiten könnte. Irgendwann kam dann Tallinn und der Wegweiser zur Fähre, 40km außerhalb. War nur die Falsche, und ich hab’s erst geschnallt als ich mich dort schlau gemacht hab. Die dortige fährt nur nach Schweden und da will ich erst später hin. Also Kommando Zurück, mit der Info dass ich quer durch die ganze Stadt muss um zur Fähre nach Finnland zu kommen. Zackdiflack, 100 km Umweg, Tank noch mal zu Baltikumspreisen vollgelassen, dann endlich am Ziel. Nach ewiger Suche hab ich mich dann kurzerhand auf den Reisebusparkplatz geschmuggelt. Der normale war kostenpflichtig und ich hatte keine EEK (estnische Währung). Dann rein in den Glasbau und Fähre klären. Hab die nette Frau am Schalter dann auch nur schlappe 20 min aufgehalten bevor ich mich entschlossen hab noch eine Nacht auf meinem Busparkplatz am Terminal zu verbringen und mit der Express um 10:00 am nächsten Tag überzusetzen. Die langsamere, eigentlich billigere Nachtfähre setzt eine Kabine voraus, wodurch das ganze wieder teurer wird, und die langsame Tagesfähre für 18:00 war schon voll. Also Express. Dann zurück zum Bully, wo schon ein 2. VW neben meinem Stand um die Parkgebühr zu umgehen, Pritschen-DoKa mit Aufbau aus Braunschweig. Ein Rentnerehepaar, auch auf dem Weg nach Finnland, kurz geplaudert, paar Infos getauscht, noch ein allabendliches Bier, Wecker gestellt und noch eine Runde gelesen, wobei ich hier mal eben vermerken muss, dass es hier schon fast nicht mehr dunkel wird, nur ewige Dämmerung, dann kurz dunkel und um 3:30 schon wieder taghell. Heute früh dann zeitig aufgewacht, noch einen Kalender gemalt, da ich vergessen hab mir einen zu besorgen, dann Fähre einchecken, verzurren etc, schwups und hier sitz ich jetzt grad an Deck. Plan für heute:
Finnland anektieren, Supermarkt suchen, Vorräte aufstocken, Campingplatz irgendwo außerhalb suchen, DUSCHEN! Die öffentlichen Sanitäranlagen am litauischen Parkplatz haben leider noch nicht funktioniert, deshalb stink ich inzwischen wahrscheinlich wie ein Tier das irgendwann mal in einen Dieseltank gefallen ist.


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Kommentare

  • A1B2CC

    Hallöchen, ich habe den Bericht gerade ganz spannend gelesen. Super toll. Vor allem die Beschreibung der Regionen und den Erlbnissen. Hattest ja richtig Mut ganz alleine zu fahren. Aber ist sicherlich auch ganz spannend, oder? Vor allem kann man ja auch selbst entscheiden, ob man weiterfährt oder nicht. Einfach nur spannend. Gruß Christian!!!

  • 238EWT

    Ein Dank an den Zufallsgenerator, der einen Erlebnisbericht vier Jahre nach Erscheinen aus dem GEO-RC-Archiv ans Tageslicht gespült hat. Dank vor allem dem Autor, dem ich auf seiner höchst unterhaltsamen Reise gern gefolgt bin. Die schnörkellose Verarbeitung seiner Tagebucheinträge, die Verbundenheit mit Technik und Natur, stechwütigen Nordlandinsekten und asketischer Lebensweise, verdienen auch unter literarischem Aspekt ein "summa cum laude".

    LG Eberhard

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