Sibiu - Eine Stadt macht sich schön

Reisebericht

Sibiu - Eine Stadt macht sich schön

Reisebericht: Sibiu - Eine Stadt macht sich schön

Während einer Rumänienrundreise besuchen wir Sibiu, das alte Hermannstadt der Siebenbürger Sachsen. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs blüht die Stadt auf und bereitet sich mit Volldampf auf ihren würdigen Auftritt als Europäische Kulturhauptstadt 2007 vor.

Es passiert so allerhand in und um Sibiu! Nicht nur, dass viele Straßen in der Umgebung einer Generalsanierung unterworfen werden, sondern auch der historische Stadtkern präsentiert sich als eine einzige Baustelle. Eigentlich wurden wir von der Campingplatzbesitzerin vor den Zuständen in der Stadt gewarnt ('Die Rumänen lassen ein Bauvorhaben so lange schleifen, bis sie dann plötzlich unter Zeitdruck alle Baustellen gleichzeitig eröffnen'). Und tatsächlich: Die Zeit drängt! Zeitgleich mit dem Beitritt Rumäniens zur EU wird Sibiu (mit Luxemburg zusammen) 2007 Europäische Kulturhauptstadt.
Diese erste, im 12.Jh von den Siebenbürger Sachsen gegründete Stadt müssen wir unbedingt anschauen. Soll sie doch aussehen wie ein mittelalterliches deutsches Städtchen. Auch das Drumherum nähert sich in Sibiu mehr als bei jeder anderen von uns besuchten Stadt westlichen Zuständen an. Metro feiert lauthals sein 10jähriges Jubiläum, und im breiten Industriegürtel schießen große Firmen wie Pilze aus dem Boden: Continental, Siemens etc.



Keine Bildinformationen verfügbar


Die Stadtbefestigung

Wir irren einige Zeit um die Altstadt herum, ohne sie wirklich zu finden, bis sie sich plötzlich mit diesem Gebäude vor uns manifestiert. Es heißt, wie es aussieht: 'Dicker Turm'. Einst Teil der städtischen Befestigungsanlage und 1788 zum ersten Siebenbürger Theater umgebaut, beherbergt es heute die Philharmonie. Der Turm ist Teil des dritten Rings der Befestigung, die im Laufe der Jahrhunderte um die Stadt gelegt wurde.



Keine Bildinformationen verfügbar

39 Wehrtürme hat die Stadt einst entlang ihrer 3 Befestigungsringe besessen. Vom ehemaligen Stadtgraben aus, der heutzutage als gern frequentierter Park dient, blicken wir hier auf einen davon, den Zimmermannsturm.
Die Türme der Stadt waren den Zünften gewidmet und tragen noch heute deren Namen. Die entsprechende Zunft hatte für die Instandhaltung des entsprechenden Turms zu sorgen.



Keine Bildinformationen verfügbar

An dieser Seite der Stadt sind einige alte Zunfttürme und auch ein Stück Wehrgang erhalten geblieben. Im Vordergrund steht der Töpferturm.



Keine Bildinformationen verfügbar


In der Innenstadt

Nachdem wir eins der ehemaligen Stadttore durchschritten haben, stehen wir hier vor der Rückseite des 'Dicken Turms'. Er wurde 1788 zum Thalia-Theater erweitert.
Zahlreiche Steinmetze arbeiten an der tiefer liegenden Marmortreppe. Die Zeit drängt, da nächstes Jahr sicher viele Veranstaltungen in Bezug auf die Europäische Kulturhauptstadt hier in der Philharmonie stattfinden werden.



Keine Bildinformationen verfügbar


Das heutige Sibiu zeigt sich dynamisch und attraktiv, auch wenn es wie ganz Rumänien noch erkennbar unter der wirtschaftlichen Auszehrung des Ceausescu-Regimes zu leiden hat. Für den Besucher wirkt es, als müsse innerhalb kurzer Zeit die gesamte Stadt generalsaniert werden. Im Jahr 2000 wurde übrigens zum ersten Mal seit 70 Jahren wieder ein Deutscher zum Bürgermeister einer rumänischen Stadt gewählt, Karl Johannis, der 2004 mit fast 90% der Stimmen wiedergewählt wurde.



Einkaufsmeile



Wir sind bei unserem Schlendern entlang der markanten Wehrtürme bei einer recht großen Ausgrabungsstätte römischer Relikte nach rechts abgebogen und befinden uns auf der beeindruckenden Einkaufspassage des alten Ortskerns, der N. Balcescu-Straße.
Sibiu, das unter dem Verkehr in seinem mittelalterlichen Stadtkern sehr litt, hat es geschafft, den Autoverkehr aus seinem Zentrum zu verbannen. Wenn in einigen Monaten die Bauvorhaben beendet sein werden, wird das Bummeln hier sicherlich zu einer höchst vergnüglichen Angelegenheit.



Keine Bildinformationen verfügbar


Der große Ring

Keine Bildinformationen verfügbar

Die bekannte Einkaufspassage mündet direkt auf den größten Platz der Stadt, den sog. 'Großen Ring' (Piata Mare), der auch der größte Marktplatz ganz Siebenbürgens ist. Er ist von einer eindrucksvollen Geschlossenheit, schöne Bürgerhäuser stehen neben prächtigen Kirchen und Museen. Von links nach rechts sieht man die dunklen Umrisse des Brukenthal-Palais, daneben die besonnte Fassade der Bodenkreditanstalt aus dem Neubarock, der sich die katholische Kirche, das Jesuitenkolleg und schließlich der ehemalige Ratsturm, das Wahrzeichen der Stadt, anschließen. Es folgen weitere Bürgerhäuser und Hotels. Man darf gespannt sein, wie sich der Platz in wenigen Monaten präsentiert, wenn das Ergebnis der Restaurationsarbeiten sichtbar werden wird.



Das schöne Portal des Bruckenthal-Palais, das im oberen Bild links im Schatten stand. Das heutige Museum ist eines der schönsten Beispiele des Barock in Siebenbürgen.
Der ehemalige Gouverneur Samuel von Bruckenthal zählt zu den größten Staatsmännern der Siebenbürger Sachsen. Sein Stadtpalais wurde zwischen 1778-1785 erbaut. In seinem langen Leben sammelte er bedeutende Kunstwerke, u.a. Gemälde von Rubens, Tizian, Cranach etc. sowie Werke bedeutender rumänischer Künstler, aber auch kunsthandwerkliche Gegenstände. Er stiftete das Museum dem Hermannstädter Gymnasium.
An diesem späten Nachmittag finden wir keinen Einlass mehr, doch wenn die Möglichkeit besteht, sollte man dieses Museum unbedingt anschauen.



Keine Bildinformationen verfügbar


Dafür ist die Tür der römisch-katholischen Kirche offen. Die Jesuiten legten den Grundstein in den Jahren 1726-1733. Die Kirche konnte sich ihr ursprüngliches barockes Aussehen bewahren.



Der Platz 'Huet'

Eines der herausragendsten Kennzeichen der alten Sibiuer Oberstadt, in der die reichen und gebildeten deutschstämmigen Bürger wohnten (im Gegensatz zur Unterstadt, die den Handwerkern und ärmeren Bewohnern zugedacht war), sind drei große Plätze, die an mehreren Stellen miteinander verbunden sind. Läuft man hinter der katholischen Kirche eine kleine Stichstraße entlang, befindet man sich schon auf dem nächsten Platz, der 'Piata Huet'.
Aus seinem Mittelpunkt ragt die evangelische Kirche empor, die ohne ihren Turm wie eine mittelalterliche Häuserzeile wirken würde. Sie wurde zwischen 1320 und 1520 in drei Etappen gebaut.
Die dreischiffige Kirche ist leider bereits verschlossen. Innen sollen u.a. schöne Wandmalereien, eine große Orgel und ein Bronzetaufbecken von 1438 zu bewundern sein.



Keine Bildinformationen verfügbar

Diese Kirche mit dem sie umgebenden Platz ist die eigentliche Keimzelle der Stadt. Sie wurde wie viele andere Kirchen in Siebenbürgen als “Kirchenburg” mit einer Mauer umgeben, dem ersten Befestigungsring, hinter dem die Bewohner bei Angriffen der Tartaren oder Türken Schutz suchen konnten. Da die Stadt schon bald kräftig wuchs, wurde ein weiterer Platz, der 'Piata Mica' hinzugefügt und mit dem zweiten Befestigungsring umgeben. Der große Platz, Piata Mare, mit dem dritten Befestigungsring und weiteren zahlreichen Wehrtürmen wurde in einer dritten Phase hinzugefügt. Diese drei Plätze bilden zusammen die eigentliche Oberstadt.

Vor dem Eingangsportal steht das Denkmal von Bischof Teutsch (1817-1893). Er vertrat die sächsische Nation erfolgreich gegenüber der ungarischen Regierung.
Die siebenbürgische Kirche war im 16.Jh. geschlossen der Reformationsbewegung im Sinne Martin Luthers beigetreten, hatte daraufhin das Bildungswesen und die Fürsorge reformiert und die Beziehung zum 'Mutterland' Deutschland ausgebaut. Der evangelische Glaube wurde so ein Kennzeichen der Sachsen, da die sie umgebenden anderen Nationen katholisch blieben oder griechisch-orthodox.



Keine Bildinformationen verfügbar

Der über die Jahrhunderte zunehmenden Druck von außen, die Bemühungen Josephs II., den rumänischen oder ungarischen Volksgruppen, die zahlenmäßig sehr gewachsen waren, die gleichen Bürgerrechte einzuräumen wie den Deutschen, die einsetzende Gegenreformation und die schließlich aufgelöste Nationsuniversität, eine Art siebenbürgisches deutsches Parlament mit Sitz in Hermannstadt, all dies bewirkte, dass die evangelische Volkskirche der Zufluchtsort der Siebenbürger Sachsen wurde - und durch die bedrückenden kommunistischen Zeiten hindurch bis heute blieb.

Bischof Teutsch und sein Sohn verfassten das vierbändige Werk 'Geschichte der Siebenbürger Sachsen', das in Teilen die Vergangenheit glorifizierte, doch damit das Selbstbewusstsein der Landsleute stärkte. Auf ihr Wirken geht zurück, dass die Siebenbürger Sachsen bis heute ein ausgeprägtes Geschichtsbewusstsein besitzen.



Keine Bildinformationen verfügbar


Dem Kirchenportal direkt gegenüber steht das Bruckenthal-Gymnasium. Seit dem Anschluss an die Reformation im 16.Jh. wird an den Siebenbürger sächsischen Schulen auf Deutsch unterrichtet, auch heute noch, obwohl nach der Übersiedlung fast aller Sachsen nach Deutschland am Ende des letzten Jahrhunderts über 90% der Schüler rumänischer Abstammung sind. Diese Schulen genießen einen guten Ruf.
Das Benehmen der Schüler scheint demjenigen anderer Schüler in Westeuropa recht ähnlich zu sein (Bild rechts).



Keine Bildinformationen verfügbar

Es ist klar, wie die offizielle Botschaft lautet: Rumänien auf dem Weg in die EU! Auch wenn einzelne Rumänen Bedenken uns gegenüber äußern und meinen, der Beitritt käme zu früh oder der Nutzen für Rumänien könne zu gering sein, da es nichts mehr zu verteilen gibt.



Keine Bildinformationen verfügbar


Diese nostalgische Häuserreihe begrenzt den 'Platz Huet' hinter der ev. Kirche, gehört also zum ersten Befestigungsring. Tritt man durch den schmalen Hausdurchbruch rechts, steht man direkt vor dem 'Kleinen Ring', der 'Piata Mica'.



Sibiu, Rumänien



Der kleine Platz

Dieser ebenfalls prächtige 'Kleine Platz' war einst der Marktplatz der Handwerker. Er ist umgeben von Wohnhäusern und den eindrucksvollen Häusern der Zünfte. Die breite Fingerlings-Stiege führt links unten im Bild über die berühmte Pempflinger Stiege hinab in die Unterstadt. Im Gebäude direkt darüber befanden sich die Fleischerlauben, heute ist dies das Haus der Künste. Der Rathausturm ganz rechts war Teil des zweiten Befestigungsrings, jetzt beherbergt er ein Geschichtsmuseum.
Auf einer Erinnerungstafel ist der Besuch von Prinz Charles 1998 festgehalten. Geht man durch die Turmarkaden hindurch, steht man wieder auf dem 'Großen Platz'.



Keine Bildinformationen verfügbar

Auch hier wird wird an allen Ecken und Enden, besonders aber auf den Dächern, restauriert und renoviert. Wir erschaudern ob der Turnübungen, die der völlig ungesicherte Dachdecker da vollbringt.



Keine Bildinformationen verfügbar


Die Konfessionen

Ein weiteres Kulturdenkmal ist das ehemalige Ursulinenkloster aus dem 15. Jh. Heute dient es der griechisch-katholischen Kirche als Gotteshaus.
Die Konfessionszugehörigkeiten haben sich im Verlauf des letzten Jahrhunderts gewaltig verändert. Waren 1910 noch 41% der Bevölkerung evangelisch, so sind es heute 1 Prozent, von ehemals 20% römisch-katholischen Glaubens blieben noch 2%. 18% der Bürger Sibius waren 1910 rumänisch-orthodox, heute sind es 91%. In der Stadt mit 180000 Einwohnern, in der einst nur Deutsche das Bürgerrecht besaßen, leben heute noch ca. 1600 Deutsche. Das 'Deutsche Forum' in Sibiu bemüht sich, sie zum Bleiben zu bewegen.



Keine Bildinformationen verfügbar


Zwei Blicke in ein schmales mittelalterliches Gässchen, im Hintergrund das Ursulinenkloster.



Kleiner Ring, Sibiu, Hermannstadt



Zum Abschluss nochmals ein Panorama vom 'Kleinen Platz' über der Fingerlingsstiege.
Der selbe Handwerker im roten Pullover ist auf jedem der ursprünglich vier Einzelbilder zu sehen.
Die Altstadt Sibius steht seit einigen Jahren auf der Kandidatenliste des UNESCO-Weltkulturerbes. Man hofft, dass sie diesen Status bald erreichen wird. Als Europäische Kulturhauptstadt 2007 wird Sibiu bestimmt unzählige Besucher verzaubern, so wie sie auch uns verzaubert hat.

Dieser Bericht ist Teil einer Rumänien-Rundreise. Den vollständigen Bericht finden Sie unter:
http://www.capper-online.de/Travel/Romania/html/Romania.htm


Teilen auf

Mein Interessenprofil

Bitte melden Sie sich an, um Reiseziele zu Ihrem Interessenprofil hinzuzufügen.

Kommentare

  • DoerteBrilling

    Vielen Dank für diesen interessanten Beitrag. Ich habe vor kurzem von einem Pfarrer gehört, der jeden Sonntag in einer menschenleeren Kirche in Siebenbürgen auf deutsch predigt. Könnte das in Sibiu gewesen sein?

  • sfintu (RP)

    Ich habe Hermannstadt auch auf meiner Liste. Es ist sicher auch interessant zu sehen, wie es nach dem Kulturhauptstadtjahr ausschaut.

  • Peter_und_Thomas

    Ein wunderschön gestalteter Bericht mit tollen Panoramen und Fotografien. Wir hatten Rumänien überhaupt gar nicht auf der Liste, allerdings wird sich das nun ändern.

  • J_und_E

    Rumänien hat uns gefesselt wie kein anderes europäisches Land zuvor. Das Drama eines Untergangs (der Kultur der Siebenbürger Sachsen), das Elend einer riesigen Minderheit (der Roma) und gleichzeitig ein beispielloser gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Aufbruch kennzeichnen dieses gebeutelte, gespaltene Land. Dazu kommen noch landschaftliche Highlights und Kulturschätze ohne Ende. Wir freuen uns sehr, wenn wir daran Interesse wecken konnten!

  • Maronde

    Ihr Bericht lässt die Liebe zum Reiseziel, zur Stadt Sibiu/Hermannstadt spüren, im Text wie in den Fotos. Ihn anzuschauen macht Freude. Danke schön.

  • winni

    Mal schön auch so ein Land kennenzulernen. Sehr schöne Bilder im Bericht. vg winni

  • hano

    Der Bick hinter die Kulissen und Ihr Fragen nach der Geschichte und den Geschichten. Ihre Art aus Urlaubseindrücken Eninnerungen zu machen gefällt mir sehr.

  • nach oben nach oben scrollen
  • reisekatze

    Ich war 2005 und 2006 mal kurz dienstlich dort in Vorbereitung des EU Beitritts. Mich beeindruckte insbesondere die doch recht gut erhaltene Innenstadt, wie die Illustration für ein Märchenbuch mit diesen wunderbaren Stadttoren. Ansonsten waren die Eindrücke schon zwiespältig. In den Städten hatte man den Eindruck von Aufbruch - auf dem Land doch viel Armut und Rückständigkeit

  • johber

    ..ein sehr Interessanter Bericht, hat uns Beindruckt. Auf der Rückreise ( Transsylvanien ) wäre ein Abstecher nach Sibiu kein Fehler.

  • sfintu (RP)

    Ich war inzwischen dort und habe alles so schön vorgefunden wie oben beschrieben. Noch schöner, muss man sagen. Sibiu/Hermannstadt (seit 2007 trägt die Stadt offiziell wieder beide Namen) ist wirklich ein Schmuckstück geworden. Kein Wunder, dass der langjährige (deutschstämmige) Bürgermeister jetzt sogar zum Präsidenten von Rumänien gewählt wurde. Er hat dort wirklich viel geleistet (auch wenn immer noch viel zu tun bleibt)!

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. Sibiu - Eine Stadt macht sich schön 3.58 12

Beliebte Community-Inhalte: AustralienNorwegenThailandVietnamItalienBarcelonaIndien ReiseführerIndien Tipps