Valparaiso - die kranke, alte Diva

Reisebericht

Valparaiso - die kranke, alte Diva

Reisebericht: Valparaiso - die kranke, alte Diva

Einige sagen: morgens rein und abends wieder raus! Reicht völlig!!
Andere sagen: nimm dir Zeit, du wirst es nicht bereuen.

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Wer ein fernes Land, seine Kultur und besonders seine Menschen kennen lernen möchte, sollte nicht glauben, eine Stadt, die einmal die Perle und der Nabel des ganzen Landes war, an einem Tag kennen zu lernen.
Vielen macht diese Stadt wahrscheinlich Angst, weil der ehemalige Glanz und die Ehrfurcht, die diese Stadt aufgrund ihrer Geschichte noch heute in Teilen einfordert, immer noch zu erkennen sind.
Es ist nicht einfach damit umzugehen, zumal all die vergangenen Geschichten von Glanz und Gloria, vom Handel, Reichtum und vom schnellen Geld, immer noch wie ein hypnotisierender Schleier über allem liegen.
Die mittlerweile zum Teil recht herunter gekommenen, einstmals aber imposanten Gebäude der Handelsfirmen, der Banken und der Börse wirken von außen mittlerweile eher unauffällig mit ihren, von zahllosen Erdbeben in Mitleidenschaft gezogenen Fassaden. Viele private Eigentümer lassen ihre Gebäude nach unseren Vorstellungen eher verkommen und setzen sie somit dem langsamen Verfall aus.



Es gibt Städte, die besucht man um sich hineinfallen zu lassen, in das Leben und die Kultur. Dort besucht man Cafés, Museen, Theater, Baudenkmäler, moderne Gebäude, Konzerte und vielleicht sogar noch Disneyworld. Das funktioniert, weil all diese Städte jetzt und heute das Besondere ausstrahlen, das wir sehen und fühlen wollen.

Valparaiso ist anders. Valparaiso war einmal. Jetzt ist die Stadt nur noch Weltkulturerbe. Aber auch dieser Status hält sie nicht davon ab, immer weiter und weiter zu verfallen. Bedeutungslos ist sie eh schon längst. Zumindest was die Werte angeht, die sie einmal zu dem gemacht haben, was sie war: begehrt, wunderschön, vornehm und der Mittelpunkt der chilenischen Wirtschaftswelt und des kulturellen Lebens des Landes.



Cerro Alegre

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Nur wenige Umstände haben dazu beigetragen, dass alles sehr schnell ganz anders wurde. Dass sich der Niedergang der Stadt in Windeseile vollzogen hat und sie dem Vergessen und der Belanglosigkeit preisgab.
Drei Gründe sind die Ursache hierfür gewesen:
1.)Das schwere Erdbeben von 1906, dem 6000 Menschen und ein großer Teil der Gebäude und der Infrastruktur zum Opfer fielen.
2.)Die Herren Haber und Bosch (BASF) aus Deutschland. Sie hatten in 1910 ein Verfahren zur künstlichen Herstellung von Ammoniak entwickelt. Hierdurch konnte Ammoniumnitrat (Salpeter) weitaus kostengünstiger industriell hergestellt werden als es aus Chile zu importieren. Innerhalb kürzester Zeit hatte kein industrialisiertes Land der Welt mehr Bedarf an chilenischem Salpeter, der ein wichtiger Baustein für die Herstellung von Kunstdünger und insbesondere Sprengstoff war/ist. Da die chilenischen Häfen zu Beginn des ersten Weltkriegs für deutsche Schiffe gesperrt wurden, eröffnete erst die zeitgleiche industrielle Erzeugung von Salpeter im eigenen Land den Deutschen die Möglichkeit, den 1. Weltkrieg in dem Ausmaß zu führen wie es leider geschehen ist. Hierzu muss man sich darüber im Klaren sein, dass bis dahin der Export von Salpeter für den chilenischen Staat die Haupteinnahmequelle des Landes darstellte und fast von einem auf den anderen Tag völlig weggebrochen ist.
3.)Die Eröffnung des Panamakanals im Sommer 1914. Seit der Eröffnung des Panamakanals fielen alle internationalen chilenischen Hafenstädte in einen Dornröschenschlaf, der bis heute anhält. Für die überschaubare Produktpalette der chilenischen Exportindustrie und für einige handwerkliche oder biologische Produkte wird der kleine Containerhafen weiter betrieben und heute sogar wieder etwas ausgebaut.



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Cerro Concepcion

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Trotz dieser herben Rückschläge geht die vornehme Würde dieser Stadt niemals so ganz verloren. Sie verfällt lediglich langsam aber permanent. Puder und Schminke sitzen ziemlich schräg in dem Gesicht, sind aber noch als ehemals farbenfrohes Ensemble zu erkennen. Die durchweg in verschiedensten Pastelltönen bunt gestrichenen Hausfassaden der Wohnhäuser auf den Hügeln vermitteln das Gefühl von karibischer Lebensfreude.

Ich hoffe, dass mein kurzer Bericht über Valparaiso ein wenig dazu beitragen kann, der Stadt etwas von dem Angenehmen und Menschlichen wiederzugeben, das unter dem Schutt der teilweise verfallenen Gebäude begraben liegen mag. Wir hatten es zumindest so empfunden.



Cerro Concepcion

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Zwei Tage mit zwei Übernachtungen vor Ort waren also eingeplant.
Unser Ausgangspunkt in Santiago war wieder einmal das gemütliche Hostal „El Patio Suizo“ in Providencia, einem sehr angenehmen und gut zur Innenstadt gelegenen Vorort der Hauptstadt.
Im Hostal liegen Flyer aus, auf denen der „deutsche Pirat“ (Peter?) seine Stadtführungen durch Valparaiso anbietet. Jemanden für einen Tag als Führer zu engagieren, der sich sehr gut auskennt und zudem noch unsere Sprache spricht, sollte Sinn machen. Peter hatte aber keine Zeit - Familientreffen. Aber Jürgen hätte Zeit. Er kennt sich genauso gut aus und hat Stadtführungen durch Valparaiso bei Peter gelernt. Also von Peter sehr empfohlen. Uns sollte es egal sein. Jürgen würde uns nach unserer ersten Nacht in Valparaiso am dortigen Hostal abholen und dann sollte es losgehen.

Anders als in Santiago (hier hält sich die Kriminalität gegenüber Touristen, abgesehen vom Volkssport Taschendiebstahl, sehr in Grenzen) sollte man in Valparaiso nicht zu unbedacht die falschen Viertel betreten. An Touristen hängt eben alles dran, was gut und teuer ist (Geld, Schmuck und Kameras). Hier greift die fremde Hand angeblich schon mal etwas fester zu. Entsprechendes hatte ich vor unserem Urlaub im Internet gelesen und in Chile auch von anderen Reisenden berichtet bekommen.
Beim Erkunden der Stadt sollte man in den Bereichen oberhalb der Via Morrison und der Via Alemania noch mehr Vorsicht walten lassen, als im Rest der Stadt. Das Selbe gilt aber auch für die Gegend um die alte verfallene Markthalle herum, die sich in der Nähe des Containerhafens befindet.



In aller Frühe hatten wir uns aufgemacht um per Taxi zum großen Busterminal San Borja an der Estación Central von Santiago zu gelangen. Von dort aus fahren die Busse vieler Gesellschaften in den Norden, den Süden und auch in das bisschen Westen, dass zwischen Santiago und der Küste noch vorhanden ist. Überwiegend werden in westlicher Richtung die Küstenstädte Valparaiso, Viña del Mar und einige wenige andere angefahren.
Für die 170 Straßenkilometer benötigen die Busse einschließlich aller Stops ca. zwei Stunden.
Die Fahrt ist schön. Es geht wilde Serpentinenkilometer hinunter zum Meer. Die Strecke durchschneidet große Weinbaugebiete und saftig grüne Ebenen. Irgendwann waren wir dann aber doch unten angelangt.


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Kommentare

  • Schili

    Inhaltlich und stilistisch ein ganz toller Reisebericht! Mehr davon.

  • rolo88

    Hallo Schili,
    danke für deine Anmerkungen. Hab' ich sehr gerne zur Kenntnis genommen. Falls du weiterlesen möchtest, habe ich aus dem Urlaub noch drei weitere Reiseberichte ins Netz gestellt.

  • agezur

    Sehr informativ und absolut leicht zu lesen! Du hast einer für mich unbekannten Stadt ein "Gesicht" gegeben!
    Danke dafür!
    LG Christina

  • rolo88

    Hallo Angela,
    auf jeden Fall ist auch ein "Tagsüberaufenthalt" in Valpo eine schöne Sache, zu der ich euch viele Interessante Eindrücke wünsche. falls ihr vorhern noch die Zeit habt, nehmt wegen einer Führung durch die Stadt ruhig Kontakt zu Michael, dem deutschen Piraten auf. Findet ihr im Netz unter -deutscher Pirat Valparaiso-. Falls er keine Zeit hat, lasst euch Jürgen weiterverweisen. Ich wünsche euch eine Schöne Zeit in Chile, Rolf

  • Blula

    Valparaiso ... der Name klingt wie Musik.
    Ich habe noch niemals so viel über diese Stadt erfahren können wie in diesem wirklich ganz hervorragenden Bericht von Dir. Habe ihn mit großem Interesse gelesen. Vielen Dank!
    LG Ursula

  • rolo88

    Hallo Ursula,
    es freut mich, dass du dich über den Bericht so gefreut hast. Tatsächlich hat uns die Stadt umgehauen. Irgendwie schwebt auch ein gutes Stück Melancholie über allem, was man dort sieht. Zum Teil liegt es sicherlich daran, dass diese Stadt, die zu großen Teilen Weltkulturerbe ist, an einigen Stellen (nicht wenigen) trotzdem so unwiederbringlich verfällt.
    In Venedig ist es das Wasser in Valpo sind es Erdbeben, das fehlende Geld und der Verschleiß, der unter anderm dazu führt, dass immer weniger von den Ascensres, den traditionellen Aufzügen, fahren.
    Wenn du also in den nächsten Jahren noch nach Chile willst, solltest du die Priorität aus vorgenannten Gründen (in Bezug auf Valpo) relativ hoch setzen.
    LG, Rolf

  • INTERTOURIST

    Valparaiso war immer en Wunschziel mit hoher Priorität.
    Dann kam das große Feuer, ich glaube Anfang 2014.
    Ich befürchte die Stadt hat nun viel on seinem Flair verloren.

    Trotzdem und gerade deshalb ist den Bericht ein bemerkenswerter Blick in eine "verlorene" Welt.

    Grüße Jörg

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  • rolo88

    hallo Jörg,
    von Bekannten, die bei Valparaiso leben, hatte ich seinerzeit erfahren, dass das Feuer zwar furchtbar gewütet hatte, aber nicht in den Bezirken bzw. auf den Hügeln, die für die Stadt touristisch bedeutungsvoll sind. Hört sich hart an, aber heißt im Ergebnis, dass du auch in den nächsten Jahren die Stadt noch problemlos besuchen kannst.
    LG Rolf

  • INTERTOURIST

    Danke

    LG Jörg

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