Ein hoch gehandelter Geheimtipp

Reisebericht

Ein hoch gehandelter Geheimtipp

Reisebericht: Ein hoch gehandelter Geheimtipp

Das Land wird mit viel Überschwang als Geheimtipp gehandelt. Die Individualreisenden-Bibel „Lonley Planet“ hatte es sogar zum Topreiseziel 2011 gekürt. Tatsächlich hat sich Albanien so recht noch nicht auf den Tourismus eingestellt, was das Reisen und Erleben mal hinreißend abenteuerlich, mal ernüchternd beschwerlich gestaltet.

4 Wochen Albanien

Einfach hinreißend zum Beispiel ist Albaniens Bergland. Die Wege in die Täler sind lang und beschwerlich. Früher kaum überwindbar, führen heute zumindest Pisten dorthin. Die Abgeschiedenheit ließ ganz eigene Gesellschaften und Regeln entstehen. Davon zeugen Bluttürme, Blutrache, schwörende Jungfrauen und mehr. Viele Familien überwintern heute nicht mehr in den Bergen. Im Sommer entwickelt sich eine Mischung aus Landwirtschaft und Tourismus. Entwicklungshilfeprojekte haben erste Strukturen für den Tourismus geschaffen. Erste Wanderwege sind großzügig markiert, auch wenn man sich nie so ganz darauf verlassen darf, wohin genau sie denn führen. So genannte Homestays, die Unterkunft bei Familien, bringen Wanderer und Bewohner zusammen. Für die einen ein willkommenes Zubrot für ihre kargen Verdienstmöglichkeiten. Die anderen erhoffen und erleben Gastfreundschaft und Herzlichkeit. Übrigens: Wer ein Faible für einfaches aber gutes Essen hat, ist in Albanien genau richtig. Vom gegrillten Gemüse über frisch gebackenes Brot und den immer wieder neuen Varianten von Schafskäse. Supermärkte gibt es kaum, und so schmeckt alles anders und Albanien erweist sich als überraschendes Geschmackserlebnis.

Reiseliteratur ist spärlich und oftmals eher Ärgernis als Hilfe. Hier helfen Internetforen und –seiten wie www.albanien.ch, in denen sich zum Beispiel für den bergigen Norden eine Reisevariante im positiven Sinne besonders aufdrängt: Vom Valbona Tal zu Fuß mit Gepäck über den Pass ins nächste Tal nach Theth. Wer ins Valbona Tal gelangen will, wählt am besten die Fahrt von Koman nach Fierze mit der Fähre. Diesem Gefährt zu bescheinigen, es habe schon besserer Tage gesehen, ist immer noch heillos übertrieben. Aber es fährt! Die letzten Schotter-Kilometer ins Valbona Tal frisst beharrlich das Taxi der Marke Mercedes, älterer Jahrgang. Der Autoverkehr in Albanien ist fest in deutscher Hand, der solide Stuttgarter die absolute Nummer 1. Transporter mit Aufschriften wie „Frisch vom Bauernhof“ oder „Brathendl“ amüsieren den deutschen Gast beständig.

Das „touristischste“ Haus in Valbona, das Rilindja, führt eine Amerikanerin. Gute Betten, Dusche, gutes Essen: Sie weiß, wovon Wanderer nach einem langen Tag träumen. Dazu noch markiert sie beharrlich die Wege im Tal und sorgt sich, dass keiner davon in die Irre führt. Der Gast ist König: Ganz sicher werden sich die Albaner schon bald auch auf diese Art von Tourismus einstellen – noch ist der Gegensatz zwischen dem fürsorglichen Haus der Amerikanerin und dem touristischen Verständnis der Albaner augenfällig. Sie sind gastfreundlich, sehr sogar. Und doch scheint man sich in diesem Land oftmals eher zu wundern über Wünsche, Neugier, Interesse und Abenteuerlust der Gäste. Kein Wunder aber, veränderte sich das Land in den vergangenen 30 Jahren doch rasant: Nach Jahrzehnten kompletter Isolation ist Albanien seit dem Sturz des sozialistischen Regimes 1990 nun offen für eine ganze Welt. Die Jugend lernt Englisch. Touristen aus Deutschland haben das Glück und treffen immer wieder auf Albaner mit „deutschen Erlebnissen“. Sie haben hierzulande gelebt und gearbeitet und beantworten stolz und gerne Fragen nach ihrer Heimat.

Zurück in die Berge. Die Rückfahrt von Theth nach Shkoder nahe der montenegrinischen Grenze braucht sechs Stunden und gute Nerven. Shkoder, das ist ein bisschen italienisches Flair und ganz viel sozialistisches Erbe. Wer mag, steigt im Hotel Rozafa ab. Die Lobby ist bereits frisch, prunkvoll und mit wagenradgroßen Kronleuchtern gerichtet - dagegen kann man die Zimmer wohl am besten als pastellfarben übertünchte Bruchbuden bezeichnen. Es sind viele Gegensätze, die das Land derzeit ausmachen. Bis 1985 regierte ein paranoider Staatschef Enver Hoxha, der es sich zum Ziel gesetzt hat, das Land mit dem Bau von 750.000 Bunkern vor dem Rest der Welt zu beschützen. Diese Zeugen der Vergangenheit stehen heute neben den ersten Hotelbunkern am Meer.

Wohin kommen die Touristen zuerst? An die Küste. Tolles Wasser und tolle Strände erwarten sie in Albanien. Nur leider auch schon so manche Bau- und Umweltsünde. Viel Spaß beim Baden, wenn die Hänge mit Müll übersät sind und unvollendete Hotels zu Bauruinen verrotten. Nichts desto trotz gibt es die kleinen Oasen zu entdecken. Und die Hoffnung auf baldige Einsicht.

Dreh- und Angelpunkt ist die Hauptstadt Tirana. Eine entspannte Hauptstadt, zwar ohne große Sehenswürdigkeiten, aber doch mit einem gewissen Etwas. Mit viel Grün und mit bunt bemalten Häusern. Wie in allen größeren Städten des Landes füllen sich direkt nach der großen Hitze des Tages die Straßen schlagartig – beim „xhiro“, dem fast schon rituellen Schlendern durch die Stadt, will keiner fehlen. Von hier aus gelangt man in alle Richtungen des Landes. Die Infrastruktur ist schlecht und wird wohl noch einige Jahre lang die Entwicklung des Landes behindern. Mit Geduld bringen den Touristen aber Busse und Minibusse an fast jedes Ziel.

Etwa gen Osten. Echte Sehenswürdigkeiten sind dort die Städte Berat und Gjirokaster, sie zählen aufgrund ihrer osmanischen Bauweise zum Weltkulturerbe der UNESCO. In diesen Museumsstädten ist man bestens eingerichtet auf Gäste, nicht wenige Griechenland-Touristen machen einen Abstecher dorthin. Hier ist der Tourismus längst angekommen, anderswo im Land bleibt es spannend, auf welche Weise Albanien und der Tourismus sich in Zukunft weiter annähern wollen.



Valbona Tal


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Kommentare

  • agezur

    Wer war schon in Albanien? Danke fürs Mitnehmen und für einen guten Überblick . Man ahnt zwar was man zu erwarten hätte, aber dein Bericht bestätigt es!
    LG Christina

  • Blula

    Ich war auch noch niemals in Albanien, habe nur einmal von Korfu aus hinüber blicken können und mir Gedanken darüber gemacht, ob...... ich mich da mal hinwagen könnte.
    Nun, Deinen Bericht zu lesen, fand ich wahnsinnig interessant. Auch ich sage Dir vielen Dank für's Mitnehmen. Hier konnte ich aus nächster Quelle viel erfahren. Ein wirklich sehr guter Bericht von Dir.
    LG Ursula

  • globetrotter

    Interessanter Bericht, hat Erinnerungen geweckt- wir waren nämlich vor 2 Jahren auf eigene Faust in Albanien: eine Woche quer durchs Land mit einem Mietauto. Wir sind übrigens auch mit der Komanfähre gefahren, allerdings mit der Autofähre.
    LG Ute
    PS: ich habe auch einen Bericht über unsere Reise hier in der RC geschrieben:)

  • Zaubernuss

    Vier Wochen in Albanien ist wahrscheinlich eine echte Herausforderung. Ich finde es schön, dass Du uns hast teilnehmen lassen. Ein Land, das wahrscheinlich noch länger unbeachtet bleiben wird...

  • Schili

    Vor drei Jahren wollte ich eigentlich nach Albanien.Beziehungsweise eine Reise durch Ex-Jugoslawien incl. Albanien/Kosovo. Seit ich vor vielen Jahren Peter-Scholl Latours Buch "Im Fadenkreuz der Mächte" gelesen hatte, reizte mich Albanien irgendwie. Nach Abwägung aller Kriterien & Recherche hinsichtlich Attraktivität der Natur/Strände, Infrastruktur, Freizeitangebot, Kultur etc, etc. ...entschied ich mich dagegen. Und - ganz ehrlich - selbst dein wirklich informativer und toll verfasster Beitrag haben mich argumentativ (noch) nicht wirklich dahingehend beeinflussen können, dass Albanien in nächster Zeit der Urlaubsagenda doch noch mal zugefügt wird. Aber wer weiß...;-)

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