Von New Mexiko nach Kalifornien Teil 1

Reisebericht

Von New Mexiko nach Kalifornien Teil 1

Reisebericht: Von New Mexiko nach Kalifornien Teil 1

Zwischen Albuquerque und San Franzisco liegt der Südwesten der USA. Die Spanier waren die Ersten, die den Indianern ihre angestammte Heimat streitig machten, später eroberten und kauften die Amerikaner die riesigen Landschaften. Heute sind die Route 66, zahlreiche Nationalparks und der Mythos des Westens, die "dark and bloody grounds" immer mehr als nur eine Reise wert.

"EIN GUTER ABGANG IST MANCHMAL SCHWERER ALS EIN GUTER ANFANG" (Henry Fonda)

„Wenige Städte in Neu-Mexiko zeichnen sich durch eine schöne Lage aus. In breiten Thälern, die in der Ferne von nackten Felsen begrenzt werden, erheben sich die einstöckigen Häuser der Ansiedelungen, die theilweise von Obstbäumen versteckt werden, welches außer einigen Alamos fast die einzigen Bäume in dortiger Gegend sind. Eine solche Lage hat auch Albuquerque, welches etwa 500 Schritte vom Rio Grande entfernt, dem Wanderer einen unfreundlichen ruinenartigen Anblick gewährt. Nur die Kirche mit den beiden Thürmchen ragt etwas hervor, so daß man aus der Ferne dadurch auf eine bedeutende Ansiedelung schließen kann. Häuser, Kirche, so wie die Baracken und Ställe der Besatzung sind auf mexikanische Weise von an der Luft getrockneten Steinen ( adobes) ausgeführt; das Material, aus welchem diese Steine bestehen, ist die Erde des Thales, der, um größere Festigkeit zu erzielen, Stroh und kleine Steine beigefügt werden. Die Wände und Mauern sind 2 bis 3 Fuß dick und außer der Thüre nur spärlich mit Lichtöffnungen versehen. Die Wohnungen sind alle zu ebener Erde, oder nur durch eine Lehmanhäufung etwas erhöht; das Innere derselben ist einfach, doch entbehren sie nicht einer gewissen Art von Bequemlichkeit, und man findet besonders bei den mehr begüterten Bewohnern Räumlichkeiten, die durch Sauberkeit und den weißen Kalkanstrich einen angenehmen Eindruck machen. Gedielte Fußböden sind freilich dort unbekannt, bei Reich und Arm kennt man nur dieselbe festgestampfte Tenne, die hin und wieder bei der wohlhabenden Klasse mit Strohmatten und Teppichen belegt wird. Durch die amerikanische Militairbesatzung hat Albuquerque in neuerer Zeit einige Wichtigkeit erlangt und seit deren Hineinlegung bedeutend an Ausdehnung gewonnen, doch wird es von Santa Fe und El Paso weit überragt, welche Städte seit langer Zeit schon die Haupthandelsplätze dieser westlichen Regionen gewesen sind, während erstere eben nur als eine Tochterstadt von Santa Fé angesehen werden kann. Die Zahl der Einwohner von Albuquerque mag sich auf 600 bis 800 Seelen belaufen; die meisten derselben treiben Handel oder Viehzucht, doch besteht ein großer Theil der Bevölkerung aus ziemlich verworfenen Individuen; Spieler, die immer bereit sind, den Soldaten den eben empfangenen Sold abzunehmen, Räuber, die stets auf Gelegenheit warten, um mit Pferden und Maulthieren der Einwohner davon zu reiten, und zur Sicherung ihres Diebstahls selbst den Mord nicht scheuen, treiben sich vielfach umher und werden dem friedlichen Theile der Bevölkerung zur nicht geringen Plage. Den Eingriffen der umherstreifenden Apache- und Navahoe-Indianer ist die Stadt selbst nicht mehr in so hohem Grade ausgesetzt, seit die Militairbesatzung einigen Schutz gewährt, doch ziehen die wilden Horden in der Nachbarschaft umher, eifrig nach Heerden und Gefangenen spähend. Nicht selten ist es der Fall, daß auf solchen Raubzügen eine Rotte dieser Wilden von einem Mexikaner geführt wird, der seinen Antheil am Raube bezieht und sich auf diese schändliche Weise zu bereichern sucht.“ (Balduin Möllhausen, 1857: Wanderungen durch die Prairien und Wüsten des westlichen Nordamerika)

Etwas nördlich der Stelle, an welcher heute der Interstate 40 den Rio Grande schneidet, liegt der alte Stadtkern von Albuquerque. Die ehemals spanische Ansiedlung duckt sich heute zwischen dem Fluss und der Forest Meadow Range, welche den Rio Grande einige Meilen parallel folgt. Bleich und gezeichnet von flirrender Hitze, streckt sich hier New Mexico, wie ein Masernpatient von zahllosen Kreosotbüschen besprenkelt, bis zum Horizont. Der Rio Grande, der spanisch auch Río Bravo del Norte genannt wird, ist noch nicht so breit wie in seinem südlichen Verlauf. Er fließt noch ziemlich frisch durch die trockene Hochebene, die im Nordosten mit der Sangre de Cristo Range die Ausläufer der Rocky Mountains berührt und im Westen ins Colorado-Plateau übergeht.

Es waren fast zehn Jahre vergangen, seit ich zum letzten Mal in den Vereinigten Staaten war. Damals, im September 2001, hatten sich die Ereignisse überschlagen. Mein erster Kontakt mit den amerikanischen Sicherheitsbehörden verlief zwar skurril, letztlich jedoch harmlos. Anders die Anschläge in New York und späteren, weltpolitischen Folgen wie der Irakkrieg und der Einmarsch in Afghanistan. All das lag jahrelang wie ein dunkler Schatten über Globalisierung und freier Demokratie. Ich bevorzugte in jenen Jahren die kanadische Wildnis, die letzten roten Sonnenstrahlen auf Kuba und ließ an einem hellen Lagerfeuer im Himalaya mit den Einheimischen die deutsch-tibetische Freundschaft hochleben. Doch lockten mich immer wieder die „dark and bloody grounds“, die alten Goldgräber- und Indianererzählungen und jener Landstrich, an dem sich Himmel und Erde am Horizont berührten. Ich wählte den Weg westwärts und wollte den alten Routen der Siedler und Goldgräber folgen, die sich, auf der Suche nach Land und Reichtum, nach Heimat und Abenteuern, entlang der Arkansas-Route, dem Oregon-California-Trail oder dem Old Spanish Trail nach Kalifornien aufmachten. Ich wählte Albuquerque als Ausgangspunkt meiner Reise, die mich auf mehr als dreitausend Meilen über das Colorado Plateau zum Grand Canyon und südlich des Großen Beckens über die Sierra Nevada an den Pazifik führen sollte.

Unter mir lagen die weiten Ebenen von New Mexico. Eine trockene, von Canyons und vom Rio Grande zerfurchte Landschaft. Es war Samstagabend und der Anflug auf Albuquerque bereits eingeleitet. Hinter mir lagen fünfzehn Stunden Flug; ich war seit etwas mehr als fünfundzwanzig Stunden unterwegs. Der Flug von Amsterdam nach Atlanta verlief dank True Grit und Harry Potter Kinoprogramm relativ zügig. Die amerikanische Art des Gepäcktransportes irritierte mich in Atlanta, dem ersten Ankunftsort auf US-amerikanischem Boden etwas; mussten doch alle Passagiere trotz verschiedener Reiserouten ihre Gepäckstücke persönlich von einem Transportband auf das andere legen. Ich war erst beruhigt, als ich meinen Rucksack auf dem Transportband meines Flugzeuges entdeckte.

In einem kurzen Bogen, die Nase der Boeing 717 neigte sich steil nach unten, überflogen wir die Forest Meadow Ranch und landeten pünktlich zum Dinner. Als ich aus dem klimatisiertem Flughafengebäude trat, schlug mir die Abendhitze New Mexicos ins Gesicht. Nichts sollte in diesem weiten Land ohne Klimageräte gehen. Die Entfernungen dieses Kontinents und seine Wüsten sollten erst in den 1930er Jahren schrumpfen. Doch darauf ist noch später zurückzukommen. Mit einem Shuttlebus für ich zur Mietwagenstation, wo ich die Wahl zwischen kleinen Trucks und anderen SUV’s hatte. Ich entschied mich für einen Jeep vom Modell Compass. Der Wagen sollte mir, trotzdem die Öllampe ständig an die Wartung erinnerte, treue Dienste leisten.

Für mich blieb Albuqerque nur erste Rast. Ich war nach dem langen Flug übermüdet, hungrig und nicht mehr in der Stimmung, meinen Beinen im kühlen Nass des Rio Grande etwas Erholung zu gönnen. Die Sonne verschwand ziemlich zügig, mein Motelzimmer, welches ich mir von Deutschland aus bereits reserviert hatte, war klimatisiert und im mexikanischen Stil hergerichtet. Nachdem ich geduscht hatte, schloss ich meinen ersten amerikanischen Abend mit einem kühlen Bier und hausgemachten Tapas inklusive grünem Chili ab. Albuquerque schien sich seit den Zeiten des Balduin Möllhausen nicht sehr geändert zu haben. Old town lag am folgenden Morgen einsam und träge im Sonnenlicht. Nur einige Kirchgänger liefen über die kleine Don Luis Plaza zum Gotteshaus hinüber. Auf Schnüre gezogenen Chilischoten baumelten lustlos zwischen Andenkenläden und Galerien. Aus einem Fenster griente mir la Catrina, die mexikanische Skelett-Dame, entgegen und bewies den langen Einfluss des südlichen Nachbarn. „Homeland-Security since 1492“ verkündete dagegen ein Aufkleber mit dem Konterfei des Apachen Geronimo und verwies auf die blutige Geschichte der Indianer.

Heute zählt die auf über 1.500 Meter Höhe gelegene Stadt mit 480.000 Einwohnern zur größten in New Mexiko. Einige Museen wie das für Klapperschlangen, jenes für die frühen spanischen Cowboys oder das über die Entwicklung der Nuklearbombe im Manhattan-Projekt zeugen von der kulturellen Evolution der Stadt. Einige Straßenschilder erinnern an die hier durchführende legendäre Route 66. Doch der „Mutter aller Straßen“ stattete ich erst in Arizona einen längeren Besuch ab.

Ich gab meinem Jeep die Sporen, fuhr über den Coronado Freeway zum Interstate 25 und folgte diesem nordwärts nach Santa Fe. Etwa 12 Meilen nördlich von Albuquerque liegt der Sandia Pueblo mit seinem weit erkennbaren Kasino-Ressort. Seit dem 1975 verabschiedeten Indian Self-Determination Act sind die Spielkasinos zum Hoffnungsträger der Indianer geworden. Das Leben für viele Indianer ist nach wie vor erbärmlich; die Arbeitslosigkeit beträgt nahezu 50 Prozent und die Lebenserwartung liegt in den Reservaten bei 47 Jahren. Bernadillo, San Felipe und Santo Domingo Pueblo reihen sich längs des Rio Grande. Die Dörfer (spanisch „Pueblo“) sind meist kleine Häuserreihen in Adobe-Bauweise, den getrockneten Lehmziegeln, einigen staubigen Pisten und im günstigsten Falle einer Versammlungshalle und Basketballplatz. Heute sind in New Mexiko nur noch etwa 19 von ehemals 100 Pueblos bewohnt.

Santa Fe war letztlich wirklich nicht eine dieser typischen amerikanischen Städte. Der Ort passte sich der sanften Hügellandschaft an. Die zahllosen Adobe-Einfamilienhäuser duckten sich zwischen Büschen, Yukapalmen, dem hier noch schmalen Rio Grande und der Sangre de Cristo Range. Kein Wolkenkratzer verschandelte die Landschaft und wies den Weg nach Downtown. So benötigte ich etwas mehr als eine Stunde, verfuhr mich mehrmals und mindestens der mal dieselbe Strasse auf und ab, bis ich in der E Water Street einen Parkplatz fand. Santa Fe erinnerte mich an die kleine Spielzeuglokomotive, mit der ich als Zehnjähriger durch das Wohnzimmer fuhr und stets die Indianer gewinnen lies. Ishta’s Treasures war eine der vielen kleinen Künstlerläden, die den typischen Silber- und Türkisschmuck anbot. Die alte Dame erinnerte mich in ihrer Lederkluft an eine Altachtundsechzigerin und entpuppte sich wahrhaftig als Österreicherin mit schlechtem Akzent. Am alten Gouverneurspalast boten Indianer immer noch ihre selbst gefertigten Schmuckstücke feil und wenige Meter weiter sorgten Steak- und Hotdogbuden für eine kalorienhaltige Nahrungsgrundlage. Ich nutzte die letzten Stunden des Tages und fuhr weiter in Richtung Los Alamos.

Der ehemals streng abgeschirmte Stadtkomplex ist die Wiege der amerikanischen Nuklearforschung und Atombombe. Los Alamos ist von typisch amerikanischer Gleichmütigkeit. Die Jemez Mountains strecken sich hier wie die Finger einer gespreizten Hand in die Ebene hinein und die breiten Straßen werden von flachen Holzhäusern mit Flagge und Pickup flankiert. Ein einsamer Ort, wenn nicht das nahe Skigebiet wäre, das historische Bandelier National Monument und eben der Name, der mit Einstein, Oppenheimer und dem Manhattan-Projekt seit den 1940er Jahren so eng verbunden ist. Doch mir fielen in erster Linie die trockenen und teils verbrannten Wälder auf, die Forschungsgelände und kilometerlange Sicherheitszäune vor neugierigen Blicken schützen. Einige Wochen später sollten erneute heftige Waldbrände das mit Plutonium und anderen nuklearem Material vollgestopfte Forschungsgelände bedrohen.

In den folgenden Tagen fuhr ich über furchtbar lange und einsame Straßen und über teils zerrüttete Schotterpisten. Vereinzelte Blockhütten, Wohntrailer und kleine Ansiedlungen dösten am Wege dahin. Einige Pferde grasten zwischen den zahllosen, winterharten Beifußbüschen, die hier „sagebrush“ genannt werden und sich endlos bis zum Horizont hinziehen. Zerschossene Verkehrsschilder wiesen darauf hin, dass Fahren unter Alkoholeinfluss verboten ist und ein zerschlissenes Werbeplakat markierte den Beginn der Jicarilla-Apachen Reservation und das nahegelegene Spielkasino. Counselors, Lybrook und Blanco Trading Post waren jene typischen Nester, in denen man seinen Stiefel nicht verlieren möchte und hofft, das der Sprit bis zur nächsten Tankstelle reicht.

Ich ignorierte unglücklicherweise den Chaco Canyon als „Heiligen Gral der archäologischen Pueblostätten“ und stoße erst in Aztec auf die letzten Reste der verschwundenen Anasazi-Hochkultur. GEO-Epoche hatte sich vor Jahren der Indianer angenommen und einen interessanten Beitrag über jenes Volk geschrieben, dessen Name („die Alten“) erst von den Navajo stammt und deren Verschwinden ebenso rätselhaft wie deren Kultur selber ist. Die Ruinen von Aztec gehörten vermutlich zu einem weit verbreiteten Handelsnetz, dessen Zentrale der Chaco Canyon bildete und die von den Archäologen „Ausleger“ genannt werden.



Cliff Palace


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Kommentare

  • Schili

    Mir hat Dein Bericht wirklich gut gefallen. Meiner Ansicht nach solltest Du trotzdem Deine eigens zitierte Fonda-Weisheit beim Verfassen von Reiseberichten nicht zu Deinem Credo erklären. ;-)

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