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Reisebericht: FRÜHLINGSREISE DURCH OSTDEUTSCHLAND 8. ETAPPE: DIE MÜRITZ
Die Müritz, Deutschlands tausend Seen
Beschaulich gleiten Acker- und Waldgebiete an uns vorüber. Die frühsommerliche Sonne verleiht den in Blüte stehenden Rapsfeldern genau das leuchtende Gelb, um den Eindruck von einer ländlichen Welt einzufangen, die für das Deutschland steht, das jenseits der nicht mehr bestehenden Grenze dem technischen Fortschritt geopfert wurde.
Eingebettet in die Uferlandschaft der Müritz haben wir in Röbel das Hotel Müritzgarten erreicht und dieses Haus verdient Aufmerksamkeit.
Mit dem richtigen Riecher für den Individual-Tourismus führt hier ein Ehepaar eine kleine feine Hotel-Anlage bestehend aus mehreren einstöckigen Gebäuden mit Flair und Komfort einer 4-Sterne-Landresidenz. Die zu annehmbarem Preis gebuchte Suite erfüllt jeden Wunsch an Platz für den Aufenthalt in traumhafter Umgebung.
Nicht weit entfernt vom Müritzgarten-Hotel erwartet uns das touristisch aufbereitete Seeufer von Röbel.
Die Marienkirche mit ihrem 58m hohen Turm überblickt die Szenerie der kleinen Stadt, die als wichtigster Grenzort zwischen den Bistümern Schwerin und Havelberg bereits 1226 das Stadtrecht erhielt.
Röbel ist einer der Orte des zunehmend angesagten neuen deutschen Ferienparadieses, von wo aus die Ausflugsboote zu einer informativen Rundfahrt über die Müritz starten.
Auch wir beginnen unseren 3-Tage-Aufenthalt im Binnenland von Pomm-Mec, wie diese Region seit der Wende liebevoll genannt wird, mit einer Fahrt über den See, der als größtes deutsches Binnengewässer den nicht rein deutschen Bodensee abgelöst hat.
Rasch verlässt das Touristenboot das hübsch zu Recht gemachte Ufer von Röbel. Im kleinen Hafen dümpeln Yachten, warten darauf, im Verlauf der zurzeit noch nicht eröffneten Saison endlich wieder durch die Wellen des großen Sees zu reiten.
Eine Reihe spitzgiebliger kleiner Häuser – sind es Fischerhütten oder Ferienappartements für Badegäste? – säumen das Schilf bewachsene Seeufer. Sie signalisieren die Verbindung zwischen dem vom See durchzogenen brettflachen Landstrich mit dem Eingriff des Menschen in eine in die Gegenwart hinein gerettete unbeschädigte Natur.
Während das Schiff die weite Wasserfläche des Sees durchpflügt, erinnere ich mich an die Seenlandschaft Finnlands, die ich zum ersten Mal in meiner Jugend erlebte und von der ich damals begeistert war. Unbekannt war mir, dass die letzte große Eiszeit unseres Planeten auch im Osten Deutschlands eine riesige Landschaft aus Seen hinterlassen hat. Mauern und Stacheldraht, die bis vor 20 Jahren unser Land und die Welt in zwei feindliche Hälften teilten, suggerierten Finnland für den Westler einst näher als den Osten des eigenen Landes.
Ca. 1500 mehr oder weniger große Seen zählt Mecklenburg-Vorpommern zu seinem Staatsgebiet. Den mit 117 qkm größten davon nannten die in alten Zeiten hier lebenden Slawen Morcze – kleines Meer. Aus dieser Bezeichnung entstand der heutige Namen: Müritz, der gleich für eine ganze Region steht, die dank ihrer landschaftlichen Schönheit zunehmend als Feriengebiet bekannt wird.
Das Schiff nähert sich der Kreishauptstadt Waren am nördlichen Ende des Sees. Immer näher kommen Türme und Mauern der alten Stadt.
Während der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts galt Waren als Zentrum florierender Binnenschifffahrt, das durch angelegte Kanäle die Müritz mit der Welt außerhalb verband. Mehr als 200 ankommende und auslaufende Schiffe schlugen damals rund 22000 Tonnen Güter jährlich um.
Nur kurz legt das Boot in Waren an und wir beschließen, auf dem Landweg zurückzukommen.
Und schon schippern wir wieder über den See zurück nach Röbel. Auf dem Oberdeck genieße ich die wärmende Frühlingssonne, die das direkt am Ufer aufwartende Schloss Klink, einen Neorenaissance-Bau von 1898 ins richtige Licht rückt.
Nach dem Vorbild der Schlösser an der Loire errichteten sich hier damals Artur und Hedwig von Schnitzler einen angemessenen Landsitz. Erweitert durch moderne Neubauten wird das Schloss jetzt als Hotel genutzt.
Richtig was los ist jetzt im zum Zeitpunkt unserer Abfahrt noch still gewesenen Röbel. Bis auf den letzten Platz besetzt sind die jetzt startbereiten anderen Schiffe. Der Tourismus scheint zu boomen.
Und auch die Einwohner von Röbel sind auf den Beinen. Sie feiern den 1. Mai mit einem richtigen Volksfest begleitet von den Klängen einer Volksmusik-Kapelle.
Inwiefern sich die Älteren unter all den fröhlich plappernden Leuten, die entlang der aufgestellten Tische an langen Bänken sitzen, noch daran erinnern, dass sie vor mehr als 20 Jahren am 1. Mai in streng organisierten Kundgebungen dem Sozialismus zu huldigen hatten, habe ich leider nicht erfahren.
Wir sind zurückgekehrt nach Waren, an dessen Seeufer das Ausflugsschiff nur kurz angehalten hatte. Eine Burg und ein slawisches Dorf bildeten einst die Urzelle der im Jahr 1260 entstandenen Stadt, die damals als Anrainer der Handelsstraße zwischen Stargard und Wismar erblühte.
Regelmäßige Stadtbrände und der 30 jährige Krieg verwüsteten die mittelalterliche Bausubstanz gründlich. Und das, was durch den wirtschaftlichen Aufschwung im Zuge der bereits erwähnten großflächigen Kanalisierung im Seengebiet Waren städtischen Glanz einbrachte, vernichteten die Folgen des Zweiten Weltkrieges, die der kleinen Stadt die Wonnen des Arbeiter- und Bauernstaates servierten.
Nicht die Bomben der alliierten Feinde des 3. Reiches vernichteten die immer wieder aufbereitete Bausubstanz der einst mittelalterlichen Stadt. Es war die Stadtplanung der SED, die einen Großteil der zunehmend verfallenen Altstadt niederzureißen begann.
Dass Waren dennoch heutzutage einem damals nicht erwarteten Heer von Touristen so etwas wie historischen Charme bieten kann, verdankt es einer Bürgerbewegung mehr als 10 Jahre vor dem Ende der DDR, die es schaffte, einen Teil des romantischen Flairs zu erhalten. Die Städteförderung nach der Wende begann 1991 damit, Waren das Gesicht zu geben, mit dem es jetzt seine Besucher erwartet.
Wichtigste Institution von Waren ist das Müritzeum. Auf einer Ausstellungsfläche von 20000 qm informiert hier seit 2007 der Landkreis Müritz über Flora und Fauna des Landes der weit mehr als 1000 Seen.
Wir folgen zunächst der Außenanlage des Museums rund um den Kleinen Herrensee und beobachten den Alltag der heimischen Wasservögel, deren Geschnatter verkündet, dass sie sich so richtig wohl fühlen in dieser Landschaft, die die schmelzenden Eismassen lange vor unserer Zeit bei ihrem Rückgang hinterlassen hatten.
Geschmolzene Gletscher hinterließen Seen und Sumpfgebiete. Für die Entstehung der Wälder sorgte die fortschreitende Erwärmung der Luft. Für Menschen geeignetes Siedlungsgebiet entstand.
Den Bewohnern der Seen, einer großen Auswahl einheimischer Fische nähern wir uns im Museumsgebäude. Mittels moderner Aquaristik schaut hier der Gast den Seen unter die Oberfläche. Trockenen Fußes beobachtet er hier das Dasein von Barsch und Flunder, von Zander und Stör, Barbe und Schmerle.
Neugierig auf die Tierwelt, die den Müritz-Nationalpark bevölkert, verbringen wir den Spätnachmittag im Wisentgehege am Damerower Werder. Ca. 20 Exemplare des europäischen Wildrindes leben hier mit ganz viel Platz eingezäunt und geschützt, aber dennoch jenseits der Enge eines zoologischen Gartens.
Von errichteten hölzernen Tribünen aus erhält der Besucher Gelegenheit, den eine Schulterhöhe von 2 Metern erreichenden Waldbewohnern relativ garantiert zu begegnen. Einst bevölkerten ihre Ahnen die unermesslichen Wälder Mittel- und Osteuropas in großer Zahl.
Indes bietet sich dem objektiv meiner Kamera zunächst nur ein im Tiefschlaf ruhender Bulle direkt am Begrenzungszaun. Die tägliche Fütterung um 15.00 Uhr haben wir verpasst.
Die unkontrollierte Jagd nach Fleisch, der der Mensch zunehmend frönte, dezimierte das europäische Wildrind im Verlaufe der zeit auf fast null.
Wir haben inzwischen unseren Beobachtungsstandort gewechselt und gewahren teilweise versteckt hinter Bäumen den Auftritt der Wisente, die sich geschützt wieder ein ungestörtes Herdenleben leisten können.
Frühe Erhaltungsprogramme zu Beginn des 20. Jahrhunderts beendete der 1. Weltkrieg. Doch bereits 1921 beschlossen die Teilnehmer eines Zoologenkongresses in Paris die Rettung des Wildrinds mit planmäßiger Zucht und Aussetzen der Tiere in geeigneten Waldgebieten.
1952 kehrte das Wisent zurück in seine polnische Heimat im Urwald von Bialowieza, wo 1979 ca. 2000 Exemplare gezählt wurden.
An der Müritz leben bislang nur wenige. Jede Geburt wird für die Besucher auf einer Anzeigetafel vermerkt, denn jede Geburt ist in Erfolg, auch hier das gewaltige Tier wieder heimisch zu machen, das in alten Zeiten die deutschen Wälder bevölkerte.
Güstrow - Alt-Schwerin und Neu-Strelitz,
nahezu uns im Westen unbekannte Orte, besuchen wir im nächsten Teil unserer Frühlingsreise durch Ostdeutschland.
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Liebe Monika! Diesen Abschnitt durch die beschauliche Landschaft der Müritz habe ich, ehrlich gesagt, ganz besonders genossen. Dazu erzählst Du wieder so viel Wissens- und Sehenswertes, dass man wirklich Lust bekommt, sich nach dorthin auf den Weg zu machen und Deinen Spuren zu folgen. Vielen Dank, auch für die wieder so eindrucksvollen Fotografien dieser wunderschönen Gegend.
Ich freue mich schon auf den nächsten Teil Eurer Frühlingsreise durch Ostdeutschland.
LG Ursula
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