FRÜHLINGSREISE DURCH OSTDEUTSCHLAND 4. ETAPPE: QUEDLINBURG

Reisebericht

FRÜHLINGSREISE DURCH OSTDEUTSCHLAND 4. ETAPPE: QUEDLINBURG

Reisebericht: FRÜHLINGSREISE DURCH OSTDEUTSCHLAND 4. ETAPPE: QUEDLINBURG

Quedlinburg - Urzelle des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation

Im Harz

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Durch Wald, der eigentlich zum Wandern einlädt, fahren wir in der Mittagszeit nach Quedlinburg. Nur rund vierzig Kilometer trennen Stolberg von der Stadt, die vielleicht am prägnantesten für die Urzelle des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation steht. Mühsam und gefährlich war der Weg vor 1000 Jahren für die Gefolgschaften der Wanderkönige Deutschlands, die einstmals unablässig unterwegs waren, in unendlicher Reisetätigkeit von Pfalz zu Pfalz zu ziehen.



Quedlinburg - Stadtmauer

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Wehrhaft erscheinende robuste Mauern umfassen bis heute die kleine Stadt Quedlinburg, die sich seit 2006 im Rausch touristischer Aufmerksamkeit nicht zu Unrecht als Wiege der Nation bezeichnet.
Mauern wie diese schützten während der immerzu kriegerischen Zeiten des Mittelalters das aufkeimende Bürgertum der allmählich zu Wohlstand gekommenen Städte. Entlang ihrer Schutz bietenden solide errichteten Steinblöcke suchen wir uns Einlass in das Gefüge von rund 1300 erhaltenen Fachwerkhäusern aus acht Jahrhunderten.



Wir erreichen den Marktplatz – das Zentrum der Stadt. Seine weite Fläche umgibt sich lückenlos mit prächtig restaurierten alten Gebäuden, in deren Erdgeschosslagen Cafes und Restaurants auf Gäste warten und zahlreiche Geschäfte ihre Waren anbieten.



Quedlinburg - Marktplatz



Einst lebten hier die Patrizier, Bürger, die es verstanden, ihr Dasein mit den Insignien des Wohlstandes zu versehen, hinter künstlerisch gestalteten Fassaden. Und so konkurrieren die Häuser miteinander um das gelungenste Dekor. Schon zu der Zeit, als Quedlinburg, dem das Schicksal einen Platz jenseits des Eisernen Vorhanges zugewiesen hatte, bemühte sich die damalige Staatsmacht entgegen üblicher Gepflogenheiten darum, nicht alles verrotten zu lassen, was sich hier erhalten hatte. Profilierte polnische Restauratoren begannen im Auftrag der DDR mit ersten Wiederherstellungsarbeiten in der Stadt, die das deutsche Königtum im zehnten Jahrhundert als seinen Stammsitz auserkoren hatte.



Quedlinburg - Fachwerkfassaden am Markt



Und so war Quedlinburg auch bereits kurz nach der Wiedervereinigung im Jahr 1991 durchaus einen Besuch wert – wie ein Bild von damals veranschaulicht.



Quedlinburg - Marktplatz im Frühjahr 1991



Quedlinburg - Rathaus

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Dominantestes Gebäude des Platzes ist das Efeu bewachsene Rathaus. Im Jahr 1310 wurde es zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Sein heutiges Aussehen erhielt es indes im Jahr 1616, nach der Hinzufügung seines Renaissance-Portals. Hinter dem Rathaus überwacht der hohe Turm der Marktkirche die Szenerie.



Quedlinburg - Roland vor dem...

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Erst im Jahr 1869 wiederhergestellt wurde die etwas unauffällige Figur des Rolands. Sie stand bis 1477 für Quedlinburgs Mitgliedschaft im Hansebund. Revoltierende Bürger hatten sie damals im Kampf gegen die Äbtissin Mathilde zerstört.



Die 1976 von Wolfgang Dreysse hergestellte Skulptur „Die Münzenberger Musikanten“ verewigt eine fröhliche Wandermusikantengruppe aus dem Ortsteil Münzenberg, die während Hochzeiten und Volksfesten aufzuspielen pflegte. Kein Sakrileg in Gegenwart alter Baukunst – so empfinde ich – ist die moderne Skulptur auf dem quirligen Platz, der ansonsten voll und ganz die Vergangenheit zelebriert.



Quedlinburg - Die Münzenberger Musikanten



Prächtige Fachwerkfassaden begleiten unseren Weg durch die ein bewohntes Freilichtmuseum darstellende Stadt. Nur rund 21000 Einwohner zählt Quedlinburg gegenwärtig. Die Wiederherstellung eines mittelalterlichen Stadtbildes stellt auch unter Berücksichtigung von EG-Mitteln und bundesdeutschen Subventionen für eine derart kleine Kommune ein Mammutvorhaben dar. Hinzukommen 45 Jahre sozialistischer Mangelwirtschaft und hohe Arbeitslosigkeit der Bürger in der Folge wirtschaftlicher Neuorientierung. Nicht nachvollziehbar erscheint mir da die harsche Kritik einer Autorin im Internet, die mit Fotos von maroder Bausubstanz in Quedlinburg die angeblich nicht vorangehenden Restaurierungsmaßnahmen anprangert – zumal unser Weg durch die Stadt hinauf zum Schlossberg die alte Königs- und Kaiserstadt durchaus so zeigt, wie sich das Herz eines Kulturtouristen es sich erträumt.



Quedlinburg



Eng verbunden mit dem Ursprung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ist Quedlinburg. Hier soll im Jahr 919 Heinrich aus dem Geschlecht der Liudolfinger am Fuße des Schlossberges an seinem Vogelherd gesessen haben, als ihm die Abgeordneten der deutschen Fürsten Krone und Reichsinsignien überreichten, ihm, dessen Urgroßeltern noch von Karl dem Großen mit Gewalt gezwungen wurden, der germanischen Götterwelt abzuschwören.



Quedlinburg - Finkenherd am Schlossberg



Heinrich erhob die Quitlingaburg zur Königspfalz. Auf dem Schlossberg wurden seine sterblichen Überreste bestattet. Heinrichs Sohn Otto bestimmte seine Mutter Mathilde zur Leiterin des gegründeten Domstiftes. Jahrhunderte lang bestimmten ihre Nachfolgerinnen in vorweg genommener Emanzipation die Geschicke der Stadt.



Quedlinburg - Schloss



Die ersten deutschen Kaiser Otto, der 1. und Otto, der 2. erhoben Quedlinburg zur Reichshauptstadt mit Markt-, Münz- und Zollrechten, wenngleich sie sich nur selten hier aufhielten. Wie oft Theophanu, die nach dem Tod ihres Mannes kaiserliche Regentin in Quedlinburg besuchte, ist unbekannt. Ihr Grab befindet sich in Köln.
Obwohl Quedlinburg nicht nur als Königshof, sondern auch als Marktort großen Wohlstand erlangte, gingen all die zerstörerischen Kriege im Verlaufe der Zeit an dieser Stadt vorbei. Hätten nicht die Abrissbirnen allzu sozialistischer Führungsstrukturen nach dem 2. Weltkrieg einen Teil seiner vernachlässigten Baustrukturen entsorgt, wäre alles noch da, was die Vergangenheit errichtet hatte.



Das bundesrepublikanische Deutschland ist immer noch dabei, die ehrwürdige Bausubstanz der gewaltigen Burg zu restaurieren und ich ärgere mich, das Innere der Stiftskirche mit seinen historischen Erinnerungen an die Frühzeit des deutschen Reiches nicht besichtigen zu können. Heute ist Ruhetag für Besuche der Einrichtungen auf dem Schlossberg.



Quedlinburg - Stiftskirche am Schlossberg



Quedlinburg - Finkenherd am...

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Und so beschließen wir unseren Besuch von Quedlinburg an der Stelle, an der Heinrichs Vogelherd touristenwirksam aufbereitet ist mit dem Genuss eines Erfrischungsgetränkes an einem sommerlichen Frühlingstag, während ich mich der Ballade von Nepomuk Vogl, einem Dichter der Romantik „Herr Heinrich sitzt am Vogelherd“ – irgendwann einmal gehört während der Schulzeit – lebhaft erinnere.



Durch die geheimnisvolle Ruhe des dichten Waldes, den sich der Harz trotz tausend Jahre intensivem Bergbau und schon früher Industrialisierung erhalten konnte, reisen wir mit der Schnelligkeit des 21. Jahrhunderts von Stolberg nach Goslar. Wie einst Heinrich Heine auf seiner legendären Harzreise, nur erheblich flüchtiger erleben wir – so wie er sich ausdrückte „mannigfaltige grüne Bäume, die von der lieben Sonne goldig angestrahlt werden“.



Im Harz



Neugierig auf den weiteren Verlauf unserer Reise durch Deutschlands neuen Osten? Es geht weiter mit einem Besuch jenseits der nicht mehr vorhandenen Grenze in

Goslar


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Kommentare

  • Blula

    Liebe Astrid! Wie schön muss doch diese alte Fachwerkstadt Quedlinburg sein.... Schade, ich habe sie bisher noch nicht kennengelernt. Das werde ich, auch nachdem ich nun Deinen sehr guten Bericht hier lesen durfte, sicher einmal nachholen.
    LG Ursula

  • ingepeter (RP)

    Es ist sehr schade, dass praktisch kaum jemand diesen "Stadtrundgang" in Quedlinburg gelesen hat. Er ist sehr informativ, flüssig geschrieben und reichlich mit Fotos versehen.
    Also ein Reisebericht, der sehr gut schon als Stadtführer vor einem Besuch oder nur aus Interesse für diesen Ort dienen kann. Mir hat es gut gefallen mit Dir durch diese alte Fachwerkstadt zu laufen und werde es bald mit meinen eigenen Beinen tun. Gruss Inge

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