Vietnam - Pralle Brüste aus blutbehaftetem Marmor

Reisebericht

Vietnam - Pralle Brüste aus blutbehaftetem Marmor

Reisebericht: Vietnam - Pralle Brüste aus blutbehaftetem Marmor

Napalmbomben töteten früher Vietcongs in den Bergen von Hoi An. Heute werden aus diesem blutbehafteten Marmor für Touristen lachende Buddhastatuen und Jungfrauen mit prallen Brüsten geschlagen!

Vietnam - Pralle Brüste aus blutbehaftetem Marmor

Einfache Hütten neben alten französischen Kolonialhäusern mit morbidem Charme zwischen überfluteten Feldern und jungen grünen Reissprösslingen ziehen langsam an uns vorbei. Aus kleinen Geisterschreinen, die auf Pfählen ruhen, qualmen parfümierte Büschel von purpurfarbenen Räucherstäbchen vor sich hin. Unter strahlend blauem Himmel haben wir unseren klimatisierten kleinen Reisebus gegen gemietete Fahrräder eingetauscht. Wir lächeln den freundlichen, fleißigen, Betelnuss kauenden Reisbauern mit ihren unverwechselbaren Strohhüten zu. So sind wir der quirlig alten ehemals kosmopolitischen Handelsstadt Hoi An in der Mitte des Landes und nur einen Steinwurf vom Südchinesischen Meer entfernt entkommen. Strampeln jetzt gelassen über die kleine Insel Cam Nam im Thu-Bon-Fluß. Genießen die himmlische Ruhe nach den nicht abreißen wollenden Massen aus knatternden und hupenden Mopedfahrern, die wie Ameisen alle durcheinander fahren.

Hier lernen wir auch Le thi Hong kennen, deren haselnussbraunen Augen wir eine geschälte Ananas nicht abschlagen können. Dabei läßt sie die mit Würde getragene lange Bambusstange mit den beiden hoch beladenen Körben an den Enden von ihrer Schulter gleiten. Le thi Hong gehört zu der Generation, die weit nach der Apokalypse aufgewachsen ist. Sie erzählt von den amerikanischen Soldaten, die seinerzeit per Luftbrücke hierher an den China Beach zur Erholung geflogen wurden. Gleich nebenan - auf einem der fünf hügeligen Marmorberge - war damals ein Lazarett eingerichtet. Die Amerikaner schickten Napalmbomben und töteten viele Vietcongs dort oben. Heute werden große und kleine lachende Buddhastatuen und Jungfrauen mit prallen Brüsten aus diesem feinen blutbehafteten Marmor geschlagen und sorgfältig für Touristen poliert.

Später treffen wir Le thi Hong an einer dieser vielen, im kakaobraunen Wasser dümpelnden Hochseedschunken wieder. Durch sie bekommen wir Einblick in das einfache Leben an Bord. Nachts fahren sie zum Fischen hinaus und tagsüber lebt die Familie ausschließlich an Bord. Wird wohl einmal eines der herumkrabbelnden Kinder zur Schule gehen? Dabei ist das Schulsystem hervorragend und uns kommen die Bilder des kleinen Bretterverschlages mit den zwei Schulklassen hoch oben im Hoang Lien-Gebirge an der Chinesischen Grenze in den Sinn. Dort schrieben die kleinen quirligen Geister in ihrem leuchtenden Rot und Pink, dem satten Grün auf tiefschwarzem Grund ihrer traditionellen Trachten algebraische Formeln mit Kreide an die Tafel. Wir haben uns immer schwer getan mit der Unterscheidung der „Montagnards“, wie die Franzosen während ihrer Herrschaft die Hochländer nannten. Dabei leben im Norden und im zentralen Hochland 54 anerkannte Minderheiten. Ihre bereits seit tausenden von Jahren angestammten Hüttendörfer sind häufig durch bestimmte Höhen festgelegt, was unsere Beine durch stundenlange Aufstiege vorbei an schmalen Reisterrassen zu spüren bekamen. Entlohnt wurden wir jedoch für diese Strapazen mit der sehr eigenen Lebensweise dieser Halbnomaden und ihren verschiedenen Kulten und Religionen.

Gänzlich flach dagegen das Mekong Delta im Süden. Im drittgrößten Mündungsgebiet der Welt lebt man in der unendlich erscheinenden Reiskammer mit dem jährlichen Hochwasser gelassen. Da werden von Ruderbooten, die aus Bambusstreifen geflochten und mit Teer versiegelt sind, Fischernetze in die Fluten der überschwemmten Reisfelder geworfen. Da wird eine Fahrt zu einem der vielen schwimmenden Märkte zu einem bleibenden Erlebnis. Bunte Berge von Lychee, Mango und Papaya werden von unseren Augen aufgesogen. Frisches Gemüse wandert von den Fluten in den Kochtopf. Dabei haben China und die umliegenden Länder, aber auch Frankreich, ihre kulinarischen Spuren hinterlassen. Dampfende Reisnudelsuppen mit knackig frischem Gemüse werden uns wohl nie wieder so gut schmecken. Und abends auf einer dieser schönen überdachten Hotelterrassen im Kolonialstil mit langsam laufendem Ventilator gut gekühltes einheimisches Bier zu schlürfen, rundet einen strapaziösen Tag voller Höhepunkte in dieser abwechslungsreichen Landschaft genüsslich ab. In so einer stillen Stunde tauchen Erinnerungen auf an das unglaubliche, vom Vietcong angelegte Tunnelsystem von Cu Chi nahe Saigon aus den zwei Indochinakriegen und auch an die alte Kaiserstadt Hue, die in Wirklichkeit nur Könige beherbergt hat. Die atemberaubende Halong Bucht mit ihren 3000 bizarren Kalksteininseln im Golf von Tonkin wird wohl in absehbarer Zeit an ihrem Ausgangspunkt mit Hotels zugepflastert sein.

Zum letzten Mal sehen wir Le thi Hong an diesem Tag. Sie winkt uns freundlich zum Tee in ihr bescheiden kleines Haus mit der Yin-Yang-Symbol verzierten Türe und dem kunstvoll geschnitzten großen Holzauge, das sie und ihre Familie vor Unglück schützen soll. Als sie später mit geschlossenen Augen vor ihrem kleinen Hausaltar steht, machen wir uns leise auf unseren Weg. Sie hingegen hält mit beiden Händen das Räucherstäbchen vor ihre Stirn und verbeugt sich tief. Jetzt wird ihr Gebet zu den Göttern oder Ahnen über die sich im Sonnenlicht brechenden Schwaden aufsteigen.
Gerd Krauskopf

Weitere Informationen:

Besonderer Tipp
Das Land ist noch relativ ursprünglich. Daher sollte man jetzt reisen.

Reiseführer
Zur Einstimmung, Vor- und Nachbereitung den APA Guides Vietnam, für unterwegs den Polyglott Vietnam.

Veranstalter
Ich habe diese Reise mit 'Hauser exkursionen', durchgeführt.

Land und Leute
In der Sozialistischen Republik leben 80 Millionen Menschen auf ca. 330 000 km². Davon sind 50 % unter 25 alt. Statistisch 2,6 Kinder pro Familie. Rate der Säuglingssterblichkeit 3,4 %. Lebenserwartung: 68 Jahre.
Auf den Straßen fahren ca. 8 Mill. Mopeds, die Hälfte nur mit Führerschein, fast keiner hat eine Versicherung!
10 % Analphabeten.
Es kann keine beste Reisezeit empfohlen werden, da auf Grund der unterschiedlichen Klimazonen das Wetter im ganzen Land zu keiner Jahreszeit auch nur annähernd gleich ist. Südlich (Mekong Delta) befindet man sich in den Tropen, nördlich (ab Wolkenpaß) subtropisches Klima.

Einreise
Man benötigt einen mindestens 6 Monate gültigen Reisepaß, Viesumpflicht.



Vietnamesin mit schwerer Last

Keine Bildinformationen verfügbar

Teilen auf

Mein Interessenprofil

Bitte melden Sie sich an, um Reiseziele zu Ihrem Interessenprofil hinzuzufügen.

Kommentare

  • daggeo

    Ein sehr interessanter und autentischer Bericht mit z.T. sehr ausdruckstarken Fotos.

  • NinaB

    Ein guter und zutreffender Bericht. Auch die Bilder haben viel Landes-typisches professionell eingefangen. Was sie allerdings nicht zeigen - und das finde ich persönlich recht schade - sind das "leuchtende Rot und Pink, das satte Grün auf tiefschwarzem Grund", die "bunten Berge von Lychee, Mango und Papaya" ...
    Vietnam ist überwältigend auch und ganz besonders in seinen Farben.

  • winni

    Ein gelungener Reisebericht über Vietnam. Ich war im letzten Jahr in Südvietnam. Die schwarz-weiß Bilder sind sehr gut. Hätte mir aber auch farbige Bilder gewünscht. Außerdem hätte ich alle Bilder klein eingestellt und im Text einfliessen lassen. vg winni

  • anna.laselva

    Eine klasse Idee mit den Fotos in schwarz/weiß. Diese Reduktion auf das Wesentliche und nicht abgelenkt werden von Farbe! Sehr eindrucksvoll und ausdrucksstark! Hast Du s/w fotografiert oder sie am Computer nachträglich bearbeitet?

  • immerFernweh

    Ein interessanter Bericht ,vorallem die s/w Bilder lassen einen den Kontrast von Licht und Schatten und den Ausdruck der Menschen noch deutlicher sehen. Toll

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. Vietnam - Pralle Brüste aus blutbehaftetem Marmor 3.63 8

Beliebte Community-Inhalte: AustralienNorwegenThailandVietnamItalienBarcelonaIndien ReiseführerIndien Tipps