Illegal bei einer Familie auf Kuba

Reisebericht

Illegal bei einer Familie auf Kuba

Reisebericht: Illegal bei einer Familie auf Kuba

Illegal habe ich bei Einheimischen auf Kuba gewohnt -
und tolle Trekking-Touren auf der wunderschönen Karibikinsel gemacht

Illegal bei Einheimischen auf Kuba und tolle Trekking-Touren auf der wunderschönen Karibikinsel

Mit all seiner Kraft reißt Sarmiento das riesige Lenkrad seines robusten allradgetriebenen russischen Lastwagens auf der holprig unbefestigten Gebirgsstraße hin und her. Schweißgebadet versucht er allen größeren Felsbrocken und riesigen Schlaglöchern zu umkurven. Derweil halten wir uns krampfhaft auf der Ladefläche an den beiden äußeren Seitenrelingen fest und schauen abwechselnd durch die kleine vergitterte Luke zu Sarmiento und auf die vorbeiziehenden Kaffeeplantagen. Bewusst haben wir diese Art der Beförderung gewählt, weil es hier im Osten von Cuba im Nationalpark La Gran Piedra die übliche Beförderung der lokalen Landbevölkerung ist und uns in Gegenden bringt, die sonst nicht für uns zu erreichen wäre. So winken und kreischen spielende Kinder zu uns hinauf, wenn sie uns als Touristen im Vorbeifahren entdeckt haben. Man hat den Eindruck, dass diesen Menschen die Fröhlichkeit bereits in die Wiege gelegt worden ist. Die in den grünen Kaffeeplantagen arbeitenden Menschen können es nicht fassen, dass reiche Touristen nicht im klimatisierten Bus fahren. Für uns ist diese Art der Beförderung jedenfalls eine ganz neue Erfahrung. Ausgelassen winken wir den mit Lockenwicklern vor den Haustüren sitzenden hübschen Frauen zurück und schnuppern nach allen Kochgerüchen, die aus den wunderschönen alten Kolonial-Holzhäusern dieser Karibikinsel entweichen. Hier scheint die Zeit im Überfluss vorhanden zu sein. Verträumt, ja fast verschlafen mutet uns das ländliche Kuba mit den vielen Pferdekutschen in der östlichen Sierra Maestra an. Und immer wirkt die Landschaft beruhigend für unser Auge, nie aber eintönig oder langweilig. Waren es doch auf diesem kleinen Teil im heutigen Reich Fidel Castros französische Kaffeeplantagenbesitzer, die 1792 während der Sklavenrevolution aus Haiti in diesen Teil geflohen waren, um hier auf Kuba, der größten Insel der Antillen, in Frieden ihre Plantagen anzulegen.

Tags zuvor haben wir die Ladefläche im winzigen malerischen Fischerdorf Boca de Mata verlassen, nachdem sich unser robustes Ungetüm über die geologisch interessanten Meeresterrassen von La Punta del Fraile mit laut aufheulendem Motor gequält hat. Die eine Hälfte unserer kleinen Reisegruppe entschied sich in diesem etwas unwirklich wirkenden, unberührten Fischernest dafür, den einheimischen Frauen beim Wäschewaschen an einer Flussmündung zuzuschauen, während die andere Hälfte die kleinen Holzhäuser bestaunt hat, die auf Pfählen direkt am Wasser standen. Dabei kam die kleine Holzhütte einer jungen Familie wieder in Erinnerung, in der wir auf dieser abenteuerlichen Reise am Rio Toa im Regenwald ohne jeglichen Komfort übernachtet haben. Dort haben wir uns nach einer Tageswanderung erst einmal am häuslichen Quellwasser vom Schlamm unserer Flussdurchquerungen befreit, der uns noch bis zu den Hüften reichte. Zur Belohnung gab’s dann köstlichen Kakao aus eigener Ernte mit frisch gepflückten Zimtblättern.

Und heute, jetzt, hier am Ende unserer Holperstrecke mitten im Nationalpark La Gran Piedra, springen wir mit unseren festgeschnürten Wanderstiefeln von der Ladefläche und begrüßen Carlos, einen Guajiros, einen örtlichen Bauern. Mit seiner Machete und dem dicken schwarzen Schnäuzer sieht er zum Fürchten aus, schlägt uns aber mit seinen schelmisch leuchtenden Augen den verwilderten steilen Weg mit der scharfen Klinge frei. Wir trotten hinter ihm her, schwitzen stundenlang aus allen Poren. Carlos bleibt nur ab und an stehen und schabt seinen nassen Oberkörper gekonnt mit der scharfen langen Klinge frei. Bis wir auf stolzen 1226 Meter den Gipfel Gran Piedra erreicht haben.

Das Glücksgefühl nach solchen Anstrengungen nimmt kein Ende. Dabei wandern die neugierigen Augen durch das dichte Blätterdach und bleiben bei rosafarbenen Orchideen fasziniert stehen. Weiter lassen sie sich tragen über goldene Fäden einiger Sonnenstrahlen vorbei an mannshohen Farnen, mächtigen Urwaldbäumen und zartgrünen Stauden. Und dann lässt ein kleiner Spalt tief unten in weiter Ferne die Küste von Santiago erahnen.

Dort, ja dort in der Ferne, in Santiago de Cuba, der ersten Hauptstadt Kubas unter spanischer Herrschaft, dort werden sich für einige Tage unsere Wege trennen. Während die Reisegruppe den höchsten Berg Kubas, den Pico Turquino mit stolzen 1974 Metern besteigt, freue ich mich auf Kubas heiße Rhythmen. Ich freue mich auf eine legendäre Stadt, in der der Nationalrhythmus Son geboren wurde. Auf pralles, einfaches leben, legendäre Amischlitten der 50er-Jahre. Ich freue mich ganz einfach auf Kuba live – und auf den leckeren Mojito!

Bevor sich aber unsere Gruppe für fast eine Woche trennt, trinken wir noch gemeinsam bei Lifemusik in Santiago de Cuba unseren lieb gewonnenen, köstlichen Mojito. Noch benommen von der guten Musik treten wir zu später Nachtstunde auf die Straße. Und dort fällt mir eine alte Dame auf, die mitten auf der Straße nach dieser tollen Musik alleine tanzt. Sie ist völlig in ihrem Element und hält in der einen Hand eine dicke, brennende Zigarre und in der anderen Hand ihre schicke Handtasche.
Durch gute Beziehungen bin ich illegal bei einer Familie untergekommen, was nach deren Gesetz streng verboten ist. Aber nur dort kann ich die Nöte und Sorgen dieser Menschen kennenlernen. Wie sie mit ganz wenig Geld ihr tägliches Leben meistern. Improvisation ist tägliches Geschäft. Nicht nur für die Frauen in ihrer einfachen Küche, sondern auch für die Männer beim täglichen Kampf ums liebe Geld und auch bei ihrem Hobby: ihren alten, legendären Amischlitten. Meistens ist unter der Haube dieser Oldtimer nicht das, was man zwangläufig vermutet. Da stecken mehr Lada-Teile drunter als man sich vorstellen kann.

Mit einem solchen Wagen, den man sich von den Nachbarn extra für mich ausgeliehen hat, machen wir uns an einem dieser schönen Tage auf, um die kleine Welt dieser lieben Menschen zu erkunden. Mit drei gefüllten Benzinkanistern im Kofferraum machen wir uns auf den Weg in einen kleinen Fischerhafen. Dort wollen wir mit deren Fischerboot hinaus fahren. Haben eine gute Flasche Rum und einige Leckereien dabei, die uns den Tag auf dem Wasser versüßen sollen.

Und dort warte und warte ich. Eine Stunde, zwei Stunden, und nichts tut sich. Bis meine Gastgeber resigniert zurückkommen und mir sagen, dass die Fischereibehörde ihnen verboten hat, mit mir auf die spiegelglatte See hinaus zu fahren.

Ich darf mir stattdessen ein neues Ziel aussuchen und entscheide mich für einen hübschen Strand ohne Touristenrummel, an dem wir unser kleines Picknick gemütlich zelebrieren können. Und den gibt’s auch nach einer einstündigen Fahrt weit hinaus.

Dort angekommen bleiben wir im Wagen sitzen. Ich verstehe es nicht, will meine freundlichen Gastgeber aber auch nicht unnötig fragen. Sie jedenfalls schauen sich um, bleiben noch einige Zeit am gleichen Fleck stehen und starten dann ihren Wagen neu und fahren in die Stadt zurück. Was ich nun gar nicht mehr verstehen kann.

Sie bemerken mein fragendes Gesicht und erzählen mir, dass sie am Strand den Wagen eines Geheimpolizisten gesehen haben. Und wenn der sie mit mir als Tourist gesehen hätte, wäre eine hohe Strafe für sie fällig gewesen. Touristen dürfen nicht – so klärte man mich auf – mit Einheimischen zusammen in deren Fahrzeug mitgenommen werden. Auch dürfen Einheimische nicht einfach – ohne triftigen Grund und Genehmigung der Behörde – von Santiago de Cuba in die Hauptstadt Havanna fahren.

Gerd Krauskopf



Kubanisches Ehepaar in ihrer Küche

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Kommentare

  • desertflower

    Interessanter Bericht, tolle Fotos!

  • freeneck-farmer

    Sehr schöne Schwarz-Weißfotos!!

  • salsito

    Hallo, Herr Krauskopf,

    habe das Foto aus Santiago und den Bericht in der letzten Geo gelesen und mich masslos geärgert, weil hier vor einer grossen Leserschaft Gerüchte verbreitet werden, die aufgrund von Vorurteilen über das ach so schlimme cubanische "System" getragen sind.
    Aktuell hat ein Bekannte aufgrund unserer Vermittlung bei Freunden in Santiago
    4 Wochen ohne Probleme gewohnt und ist mit ihnen zusammen in deren Auto völlig unbehelligt bei der ganzen Grossfamilie im Osten Cubas rumgefahren. Kein
    Problem!
    Vielleicht sollte einem auch auffallen, was man in Cuba von Leuten erzählt bekommt, die sich an Touris ranhängen in der Hoffnung auf ein paar leichtverdiente Dollars. Die wissen ziemlich genau, was Touris gerne hören möchten ...
    Nun ja, unseren Schäuble scheinen sie ja wohl nicht zu kennen ...
    Nix für ungut.







  • werneredgar

    Solcherart Berichte führen dann dazu, dass die Touristen, die nicht so toll drauf sind mit "illegal das System untergraben und so" in halbleeren Mietautos aus lauter Angst an den an den Kreuzungen wartenden Kubanern vorbeifahren. Ich habe immer Kubaner mitgenommen, und es war immer lustig, und die Kubaner haben immer ihr völliges Unverständnis über die unsozialen Touristen geäußert, die niemanden mitnehmen, obwohl sie prima Platz hätten.
    Und dass die Regierung nicht gerade begeistert ist über eine steuer- und abgabenfreie Schattenwirtschaft mit Dienstleistungen für Touristen kann man ihr wohl nicht verdenken.

  • werneredgar

    P.S.
    Aber die Fotos sind wirklich gut.

  • RELDATS

    Dieser Bericht hat es wirklich in sich, ganz toll. Die Fotos genial !
    Ich hatte in Havanna auch ein paar Begegnungen der privaten Art, was für beide
    Seiten nicht ganz ungefährlich war. Diese Einblicke hinter die Kulissen haben aber
    mein Verständnis von Kuba nachhaltig geprägt.
    Nette Grüsse von Josef

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