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Reisebericht: Der Moloch Jakarta
Drei Tage in Jakarta, mit Jetlag, Taxis und zu Fuß zu den Höhepunkten der Stadt, die im Dumontreiseführer beschrieben werden.
Nachtflug
Unabwendbar fliegen wir der Nacht entgegen, die östlich von Indien dann auch das Flugzeug mit uns darinnen verschluckt. Der Flug nach Doha war am elften September und nichts passierte, außer unzähligen Trauerfeiern in den USA, die nun undenkbar weit von unserer momentanen Luftraumposition entfernt sind. Was hingegen passiert ist, dass ich gelernt habe, dass die feuchten Tücher, die man vor dem Essen im Flugzeug erhält um sich Hände und Gesicht abzuwischen, Oshibori heißen. In Europa sieht man sie selten auf Flügen und wenn, werden sie meistens abgelehnt. Hier nimmt sie jeder. Der Flug nach Jakarta erfolgt in einer Vollmondnacht und während wir wegen der Zeitverschiebung kontinuierlich älter werden als wir sein sollten, färbt die Sonne für einen Augenblick den Horizont jenseits des Fensters rot, um rasant hinter der Wolkendecke über dem Indischen Ozean zu verschwinden und dem Mond Platz zu machen. Ich muss mit Händen, Decken und Kissen den Sichtwinkel beschatten, da im Inneren des Flugzeugs zur Jetlagvorbeugung das Licht nicht gedimmt wird und es sich in der Scheibe spiegelt. Die Wolken hängen dicht an dicht und scheinen fahl und friedlich im Mondlicht dort, wo das Meer sein sollte, und manchmal klafft dann doch ein Loch und in pechschwarzer Tiefe blinkt ein Licht, das ein Schiff, ein Gebäude, ein Hafen, eine Straße, von Elektrizität beleuchtet, sein könnte.
Über Sumatra lichten sich die Wolken ein wenig mehr und Feuerschein ist zu sehen. Welches Feuer kann uns so hoch mit seinem Schein erreichen? Der Wunsch einer Antwort, dass es die Vulkane Sumatras sind, die das Flugzeug nach Java lotsen, reift, aber von wo soll ich eine richtige Antwort bekommen, in 10.000 Meter Höhe, mit 1000 Kilometern pro Stunde, zwischen Vollmond und Sumatra? Richtung Norden schimmern Gewitter durch die Schemen der Wolken, ist dort Singapur oder sind es bereits die Taifune vor Vietnam? Wie weit sieht man in einer Vollmondnacht? Immer wieder tauchen die roten Feuerpunkte auf, die Flugroute am Bildschirm vor mir zeigt an, dass wir über Padang fliegen, in dessen Nähe der Kerinci liegt, der erst vor zwei Jahren ausbrach. Schon lange fliegen wir über indonesisches Staatsgebiet und doch noch eine Stunde bis Jakarta. Ich beschließe für mich, dass die aufblitzenden Gewitter im Norden über Borneo hängen müssen, wir aber in das sich auflösende Wolkenmeer Richtung Südosten fliegen, immer den Vollmond vor uns, dessen Lichtreflexionen sich nun nicht mehr auf den Wolken widerspiegeln sondern das Meer in der Tiefe erreichen. Die Sicherheit und Weichheit vorgaukelnden Wolken verschwinden zunehmend unter uns, das Wasser, das an ihre Stelle tritt, wirkt hart wie Beton, dunkel, unheimlich, unergründlich. Das Flugzeug neigt sich zum Sinkflug, der Mond bleibt auf seiner Position, die Gewitter leuchten auf Augenhöhe und ein Lichtball erscheint direkt vor dem Fenster, glüht ein letztes Mal auf und fällt. Bis ich begriffen habe, dass Sternschnuppen, von gleichem Höhenniveau aus gesehen, nicht über das Firmament schießen, sondern wie Leuchtkugeln einfach fallen, ist sie längst verglüht und der mögliche Wunsch hinfällig.
Das treibende U-Boot Sumatra, zwischen Malaysia und Java eingezwängt und noch zu feige sich alleine Richtung Indischen Ozean zu bewegen, nimmt unter mir ein Ende, Lichter häufen und sammeln sich, verdichten sich zu einem Meer. Das dritte Meer nach dem tatsächlichen und dem Wolkenmeer zuvor während dieses Fluges. Als ich schon Jakarta für diese Ansammlung an elektrischem Licht, nun nur mehr 3000 Meter unter mir verantwortlich machen möchte, sehe ich die schwarze Härte der Sundastraße dazwischen, suche Krakatau, ohne es zu finden, sehe die Schiffslichter verschwimmen mit den Straßenlichtern Javas. Mit jedem gesunkenen Höhenmeter mehr Lichter, keine Gewitter, Vulkane, Monde oder Sternschnuppen mehr, nur mehr Lichter, die Jakarta sind. Wir fliegen noch eine halbe Stunde über die Lichter, immer tiefer nach Java hinein, bis wir aufsetzen, zwanzig Kilometer von der Hauptstadt Indonesiens entfernt, deren Lichter von Oben gesehen keine Dunkelheit am Boden zuließen.
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