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Reisebericht: Zwei Aspekte Barcelonas
Über die Ramblas und die Boqueria
Ramblas – Rummelplatz der Sinne
Ramblas – das sind eigentlich die Fluss- oder Bachbetten katalanischer Küstenorte, die in mehr als 11 Monaten des Jahres als Straße benutzt werden und nur für etwa 2 Wochen während der Schneeschmelze in den Pyrenäen Wasser führen. Die Einheimischen riechen, wann das Wasser kommt. Ahnungslose Urlauber aber parken in der gefährlichen Zeit ihre Fahrzeuge in den Ramblas, um sie später vor Brücken oder im flachen Meer wieder zu finden.
Auf Barcelonas Ramblas lauern solche Gefahren nicht mehr, dafür haftet ihnen ein Hauch von Jean Genet, dem literarisch ambitionierten Strichjungen und Kultautor von "Tagebuch des Diebes", bis heute an. Daran erinnern auch jene Künstler, die in Barcelona Station machten, um sich vom Bodensatz der Stadt inspirieren zu lassen. Picasso etwa, der zwischen 1895 und 1904 in die Malerlehre ging. Nach zehn Jahren des verwilderten Bohemien-Daseins hatte er alles gelernt, was ihn diese Stadt lehren konnte: Schau' dich stets um und rechne mit allem und dem Gegenteil davon! Was für die Gaukler der Ramblas ein alter Hut war, wurde für Picasso der künstlerische Durchbruch: Er malte Augen an alle Stellen des Kopfs und sicherheitshalber auch noch jede Menge Ohren dazu.
Auch wenn die Langfinger hier nach wie vor mit Hilfe einer Fülle unglaublich raffinierter Tricks die Arbeitslosenquote senken : die Ramblas (Rambla de Canaletes, Rambla dels Estudis, Rambla de Sant Josep, Rambla dels Caputxins und die Rambla de Santa Mònica) sind Laufsteg und Lebensader der pulsierenden Mittelmeermetropole. Barcelona ist auch eine Metropole der Gegensätze. Oder, wie der Katalane sagt, eine Stadt zwischen "rauxa y seny", zwischen Rausch und Vernunft. Das sei der Charme der Stadt, sagen die Einwohner. Denn Barcelona ist viel mehr als die Hauptstadt Kataloniens und heimliche Hauptstadt Spaniens. . Sie ist eine Stadt des Reichtums und der Weltoffenheit, der Lebenslust und der Geschäftigkeit, des Genusses und der Pragmatik. Die Quintessenz dieser Gegensätze findet sich auf den Ramblas.
Südliches Savoir-vivre neben nördlicher Effizienz, diskutierende Fans des FC Barcelona, die alten Feuerbräuche während der Stadtfeste Sant Joan und Mercè, ungezügelte Leidenschaft, Lebenslust, Fatalismus. Gotische Monumentalgewächse und die Schlingpflanzen-Architektur des Jugendstils neben schöner, verruchter Hafenromantik. Exzentrische Bauten, die von rauschhaften Aktivitäten erzählen, vom Sprengen der Konventionen, von gebrochenen Tabus, vom freien Lauf der Fantasie.
Die Ramblas: halb Allee, halb Rummelplatz - vierundzwanzig Stunden lang, sieben Tage die Woche von Leben erfüllt. Blumen- und Gemüsestände, Vogelmärkte, Strassenkünstler, der Mercat de la Boqueria, Lotterieticketverkäufer, Schuhputzer, Straßentheater, avantgardistische Galerien, Cafés, Musiker, Pantomimen, Opernsänger, Maler, schrille Bars, Designhype-Shops, spleenige Museen, Souvenirs, Kitsch, clowneske Taschenspieler, Flamenco-Ensembles und immer wieder lebende Statuen, allesamt Geschöpfe aus diesem Treibhaus der Fantasie.
Barcelona wuchert, ist ein ewiges Experiment, und droht , so der Bürgermeister, ‚am Erfolg der talentierten touristischen Selbstvermarktung zugrunde zu gehen.’
Auf der extrovertierten Flaniermeile der Stadt ist davon nichts zu merken. Traditionelles und Ursprüngliches besteht souverän neben Modernität und Design.
Egal, wie und wohin man geht: man kommt immer wieder auf die Ramblas. Ob über den Mittelpunkt der Stadt, den Plaça de Catalunya, oder über die Hafenpromenade, wo Kolumbus stolz auf einer 50 Meter hohen Säule nach Westen zeigt, in Richtung der Kolonien, die Spanien einst enormen Reichtum brachten.
Man kommt immer wieder zurück auf die Ramblas, so wie man immer wieder nach Barcelona zurück kommt, denn beide taugen nicht zu ‚One-Night-Stands’: sie machen stets Lust auf mehr. Rauxa y seny.......
Spaniens Märkte, La Boqueria
Ich kenne keinen größeren Gourmet als meinen Freund Henry, und muss ihm zugute halten, dass er alle kulinarischen Tempel meidet, wenn sich der Gourmand in ihm rührt. Er kennt sie alle, die großen Märkte und Markthallen Europas. Les Halles de Lyons, die Rue Mouffetard im 5. Arrondissement in Paris und die Markthallen in L'Orient an der Küste der Normandie, den Vucceria Market in Palermo und die Pescheria in Venedig, den Borough Market in London, den Old English Market in Cork, den Viktualienmarkt in München, die Központi Vásárcsarnok in Budapest und den Kauppatori in Helsinki.
Aber so richtig in ekstatische Begeisterung gerät er über die Märkte Spaniens, über die Markthallen am Plaza de Abastos in Santiago de Compostela am Ende des Jakobswegs – den allerdings kennt er nur vom Hörensagen -, über Jerez und Sevilla, Madrid und Cordoba, ach, er kennt sie alle.
Alles dort ist Poesie für ihn. Feuerwerk der Farben, Gerüche und des Lärms. Der Duft von Gebackenem, Bitterem, Scharfem. Berge von runden, reifen Früchten, Pilzen, Gemüse und Kräutern. Schinken und Käse. Fleisch und Fisch. Gewürze und süße Köstlichkeiten, Lärm und Abfall. Verhandlungen, Feilschen, Geschrei. Das labyrinthische Gewirr, bevölkert von Händlern, Käufern, Gauklern und Marktschreiern ist pure Magie, ist alter Orient und Moderne zugleich.
„Auf dem Markt“, sagt er, „erfahren Menschen etwas über die Welt. Der Markt ist der Ort der Sprache. Der Ort, an dem wir lernen, dass es einen Preis gibt, einen Wert und den Wert von Beziehungen. Er ist das Zentrum des Ortes, das verletzliche Herz der menschlichen Kultur, die erste Sphäre der Öffentlichkeit und des Sozialen.“
Jetzt wird es philosophisch, denke ich, und unterbreche ihn. „Macht Dir dort aber Deine Demophobie nicht zu schaffen?“ Er denkt nur kurz nach.
„Am besten ist man schon kurz nach sieben dort, wenn überall die Rolläden hochrasseln. Wenn in den Gängen noch die Pfützen von der nächtlichen Reinigung stehen. Wenn die Männer auf Sackkarren die neue Ware bringen. Wenn die Frauen die Tomaten, Äpfel und Orangen stapeln, die Weintrauben, sogar die Kartoffeln und die breiten grünen Bohnen zu kunstvollen Pyramiden stapeln. Wenn noch alle Sinne auf Empfang stehen, noch nicht betäubt sind von den Eindrücken des Tags. Wenn die Fischverkäuferinnen, die hübschesten Marktfrauen der Welt, noch ein bisschen verschlafen und verfroren hinter ihren Bergen von Trockeneis stehen, mit ihren frisch gemachten Haaren, den geschminkten Lippen, mit den Hackmessern in den Händen.“
Aber jetzt ist es kurz nach zehn, und wir sitzen an der Bar Pinotxo, in der Boqueria, im ‚Bauch’ Barcelonas. Der Mercat Sant Josep, wie die Jugendstilhalle offiziell heißt, gilt als die schönste Markthalle der Welt. Die winzige Bar ist wie ihr Besitzer Joan Bayén eine Instititution in der Stadt. Neben Fischverkäuferinnen, Gemüsehändlern, tratschenden Hausfrauen und Yuppies treffen sich die Chefs der renommiertesten Restaurants, Kulturschaffende, Bürgermeister, Bestsellerautoren und Stardesigner bei Joan, den sie Pinotxo nennen, der einst die olympische Flamme die Ramblas entlang trug. Seine Mutter kam aus Andalusien, sein Vater aus Saragossa. Sie sprachen Spanisch. Joan aber spricht Katalanisch mit seiner Schwester María, die mit ihm den Stand betreibt, mit seinen Neffen Raul und Albert, mit den meisten seiner Gäste. Er ist Barceloneser, ist wie Barcelona selbst: lebhaft, kommunikativ, umtriebig und geschäftstüchtig. Er mag populärer als andere sein, aber authentische Typen wie ihn findet man überall auf Spaniens Märkten. Von den Wüsten Almerias bis zum satten Grün Galiziens, von den Pyrenäen bis zu den kanarischen Inseln.
Und überall ist ein Marktbesuch ein Fest der Sinne.
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