Station einer Tschechien-Reise: Telč / Telc - Weiher und Arkaden

Reisebericht

Station einer Tschechien-Reise: Telč / Telc - Weiher und Arkaden

Reisebericht: Station einer Tschechien-Reise: Telč / Telc - Weiher und Arkaden

Auch im Mittelalter wetteiferten die Hausbesitzer um die prächtigste Fassade; das einst politisch und wirtschaftlich bedeutende Telc zeugt davon. Doch dann folgten Jahrhunderte der Stagnation - und mit ihnen die Konservierung dieses außergewöhnlichen Ortes. An einem strahlenden Oktobernachmittag besuchen wir das tschechische Kleinod.

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Das versteckte Keinod

Die Straße von Budweis zum kleinen Städtchen Telc (deutsch: Teltsch) führt durch eine reizvolle hügelige Wald- und Wiesenlandschaft, durch von Industrie und sozialistischen Bauten geprägte Städte und teilweise verlassene, verfallende Dörfer.
Es fällt schwer zu glauben, dass sich dazwischen ein wahres Kleinod befinden soll, das sich komplett aus dem Mittelalter in die Gegenwart hinüberretten konnte, nämlich das von drei Seiten von großen Fischteichen umgebene Telc. Selbst wenn man direkt vor dem Städtchen steht, wie wir beim Fotografieren obigen Bildes, sieht man nicht viel mehr als Seen und buntbelaubte Bäume. Wir haben von Leuten gehört, die den Ort mehrfach umfahren mussten, ehe sie einen Eingang fanden. Dieser befindet sich rechts im Bild unter dem Torbogen.



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Und genau dahin begeben wir uns. Dabei stoßen wir wir auf drei freundlich miteinander palavernde Personen, der Kleidung und dem Inhalt des Handkarrens nach sicherlich keine Touristen.



Telc, Marktplatz



Durchschreitet man das Tor, steht man plötzlich wie in einer erhabenen Theaterkulisse. Um einen langgezogenen Marktplatz gruppieren sich die schönsten pastellfarbenen Renaissance- und Barockhäuser, die man sich denken kann.



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Das Städtchen, das den kompletten Raum der länglichen Landzunge einnimmt, ist von einer harmonischen Geschlossenheit. Der nordwestliche Teil wird platzmäßig fast ganz vom exzellent erhaltenen Schloss eingenommen (rechts im Bild).
Links sieht man Teile des Kloster-Komplexes vom ehemaligen, im 17. und 18. Jahrhundert hier sehr mächtigen Jesuitenorden. Auffallend sind die Türme der barocken Namen-Jesus-Kirche.
1773 wurden unter josephinischem Einfluss im Zuge der damals einsetzenden Germanisierungswelle das Jesuiten-Kolleg und die dazugehörige Lateinschule geschlossen und zu einer Kaserne umgewandelt.



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Äußerst elegant hat sich dieser Hund in der Mitte des Platzes niedergelassen.



Die Stadtgeschichte

Telc wurde im 13. Jh. gegründet und von Karl IV. gefördert. Anfangs errichtete man vor der schlichten gotischen Wehrburg ebenfalls schlichte gotische Häuser, die alle einen einheitlichen Grundriss von 8-11m Breite und ca. 30m Tiefe aufwiesen.



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Einen unvergleichlichen Aufschwung nahm die Stadt ab 1550, als der wohlhabende Landadlige Zacharias von Neuhaus die Burg zu seiner Residenz erklärte und die reiche Katharina von Waldstein ehelichte. Von einer Bildungsreise nach Italien inspiriert, holte er italienische Baumeister nach Telc und ließ das Schloss im Renaissancestil umbauen und erweitern.
Der Besitzer des rechts gezeigten Hauses war der Bäcker des Ortes, der das Glück hatte, mit der Tochter des Schlossverwalters verheiratet zu sein, und sich so ebenfalls den Schloss- Stuckateur leisten konnte.

Als sei sie seine Visitenkarte, die zeigen sollte, wer man ist, wurde die Hausfront mit Scraffitti bemalt, die über den Backwaren die Wappen Neuhaus/Waldstein darstellen und auf der Giebelfront bedeutende alttestamentliche Personen.



Telc, Marktplatz



Der Wettbewerb um die schönste Fassade

Doch wie man sieht, war der Bäcker nicht der Einzige, der beeindrucken wollte. Das ständische Bürgertum, das unter der geschickten ökonomischen Umsicht des Zacharias von Neuhaus aufblühte, konnte es sich leisten, die schlichten gotischen Häuser aufzustocken, vor den Fronten Fassaden hochzuziehen und unter diesen miteinander verbundene Laubengänge. Ein einzigartiger Wettlauf um das beeindruckendste Blendwerk kam in Gang.



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Der 30-jährige Krieg

Zacharias von Neuhaus starb kinderlos, und so war die Goldene Zeit der Stadt erstmals beendet. Wilhelm Slawata heiratete die letzte Erbin Neuhaus und wurde neuer Schlossherr.
Slawata war einer der kaiserlichen Statthalter in Prag, die von dem aufständischen protestantischen Adel 1618 aus dem 15m hohen Fenster des Prager Hradschin geworfen wurden (Prager Fenstersturz). Er überlebte, weil er auf einen Misthaufen unter dem Fenster fiel. Durch diesen Sturz wurde der 30jährige Krieg ausgelöst.
Auch Telc wurde durch die katholischen kaiserlichen Truppen und das plündernde schwedische Heer schwer in Mitleidenschaft gezogen.



Die Mariensäule

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Blick auf die Mariensäule und einen Zierbrunnen im oberen Bereich des Platzes.
Nach Beendigung des 30-jährigen Krieges hatte der 'rechte' Glauben gesiegt, Kirchen und Heiligenbilder wurden erbaut und die Stadt geriet aufgrund der Förderung durch die letzte Gräfin Slawata immer mehr unter den Einfluss der Jesuiten.
Die fromme und reiche Witwe Hodowa wünschte sich zu ihren zwölf Heiligenbildern, dem Tafelsilber, Juwelen und vollen Weinkeller auch noch den den direkten Blick auf eine Marienstatue durch ihr Schlafzimmerfenster hindurch und gab deshalb diese Säule in Auftrag. Da es lange dauerte, bis ein passender Baumeister gefunden war, blieb ihr der Blick auf die vollendete Statue leider verwehrt.



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Die Barockzeit

Da modisch jetzt Barock angesagt war und sich die Stadt wirtschaftlich erholte, musste mal wieder umdekoriert werden. Setzte der eine üppige Engelsfiguren auf seinen Giebel, konterte sein Nachbar mit barockem Stuck und Vasen auf den Dächern. So kam es, dass die Häuserfronten heute eine reizvolle Mischung aus Renaissance- und Barockelementen enthalten. Jedes Haus weist dabei seine ganz eigene Entwicklungsgeschichte auf.



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Im Abseits

Im 18. Jh. wurde es ruhiger in Telc. Die Stadt, einst ein Knotenpunkt zwischen Prag und Wien und reich geworden durch die Bierbrauerei und den Salzhandel, geriet wirtschaftlich ins Abseits und stützte sich lange Zeit hauptsächlich auf Handwerk und Bauerntum.
Ihre relative Abgeschiedenheit konservierte die Stadt durch die Wirren des 2. Weltkriegs und die kommunistische Mangelwirtschaft hindurch in fast unveränderter Form. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zählte Telc mit Prag und Cesky Krumlov 1992 zu den ersten drei tschechischen Städten, die in die UNESCO Welterbeliste aufgenommen wurden.



Telc, Tschechien



Über den Teichen

So wir wir anfangs durch ein kleines Stadttor hineingelaufen sind, laufen wir am entgegengesetzten Ende des Platzes durch ein solches auch wieder hinaus. Nach einer kurzen Wegstrecke über eine mit Heiligenstatuen geschmückte Brücke blicken wir gebannt auf die zauberhafte gespiegelte Stadtkulisse mit dem ehemaligen Jesuitenkolleg.



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Hier nochmals ein größerer Ausschnitt der Stadtansicht, von der Brücke aus aufgenommen. Der romanische Kirchturm rechts, mit 49m das höchste Gebäude der Stadt, wurde im 13. Jh. als Wehrturm errichtet und befindet sich an der eigentlichen Keimzelle des Ortes.



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Die Laubengänge von innen betrachtet



Das Schloss

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Jetzt nähern wir uns dem Schloss, das Zacharias von Neuhaus umbauen ließ. Es enthält heute ein Museum, kann aber auch selbst besichtigt werden. Wunderschöne Säle (Goldener, Blauer, Theater- und Rittersaal), verziert mit edelsten Holzkassettendecken sowie die komplett möblierten Wohnräume der letzten Bewohner (Familie Podstatzky-Lichtenstein, die 1945 nach Österreich umgesiedelt wurde) ermöglichen einen tiefen Einblick in das Leben innerhalb des Schlosses.



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Vor dem Schloss wurde ein Garten angelegt, der wegen der umlaufenden Arkaden ganz abgeschieden wirkt, obwohl er sich mitten in der Stadt befindet. Unter dem Türmchen links befindet sich das Stadttor, durch das wir anfangs eintraten.



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Im Schloss ist alles noch so, wie Zacharias von Neuhaus es ausgeschmückt und hinterlassen hat. Die Familie selbst ruht in der wunderschön verzierten Kapelle (Bild links).
An einer Mauer im Garten befindet sich diese Darstellung von Adam und der etwas männlich wirkenden, apfelbewehrten Eva (Bild rechts).
Die früheren Bewohner sind noch so präsent, dass man erwartet, sie würden wie nach einem längeren Spaziergang plötzlich eintreten und das verlassene Schloss wieder mit Leben füllen.



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Eine traumhaft friedliche Atmosphäre herrscht auch bei den Teichen.



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Noch ein letztes Panoramabild von Telcs beindruckendem zentralen Platz.

Dieser Bericht ist Teil einer Rundreise durch Tschechien. Den kompletten Bericht mit größeren Bildern finden Sie unter
http://capper-online.de/Travel/Czech_Rep/html/CzechRep.htm


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Kommentare

  • Peter_und_Thomas

    Sehr gute Fotografien und wunderschöne Panorama-Aufnahmen, hier spürt man Eure Vorliebe.

  • globi

    Eure großartigen Bilder haben mich neugierig gemacht, den Süden Tschechiens mal per Fahrrad zu erkunden.
    Manfred

  • J_und_E

    Südtschechien können wir nur wärmstens empfehlen! Es gibt so viele Schätze zu entdecken, neben Telc auch Cesky Krumlov, Budweis, Lednice/Valtice und vieles mehr. Für Radtouren sicher bestens geeignet. Elli und John

  • Dudi

    Sehr schöne Fotos, aber das Städtchen heißt Telč [sprich: teltsch] und nicht Telc [sprich: telz].

  • J_und_E

    Vielen Dank, Dudi, dass Sie uns darauf aufmerksam gemacht haben. Normalerweise verfahren wir mit Sonderzeichen so, dass wir sie im Titel zeigen (was wir hier vergessen haben), im Text jedoch weglassen. Ganz korrekt ist das natürlich nicht. Dies ist unserer (evtl. überholten?) Erfahrung zuzuschreiben, dass Sonderzeichen manchmal nicht korrekt wiedergegeben werden.

  • arrakeen

    Telc ist wirklich ein schmuckes Städtchen. War letzten Sommer auch da.
    Ein weiteres Highlight in Tschechien ist Kutna Hora. Guckt ihr hier: http://www.arrakeen.ch/rpc/czech2007.html

  • juergen.k

    Telc ist ein Traum mit seinem riesig grossem Platz und all' seinen alten Häusern. Ein Kleinod bei diesem winzigen Ort. Ich war dort im Winter am Spätnachmittag. Einfach nur traumhaft gut! Und in Ihrem Bericht hervorragend geschildert.
    Ich kenne viele Stadtplätze in Tschechien, dieser ist mir am Deutlichsten in Erinnerung geblieben.

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  • Willy12

    vielen Dank für den schönen Reisebericht. Wir werden uns auf Eure Spuren begeben ....


    LG Willy12

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