Rückkehr nach Bam - der lange Weg des Phönix

Reisebericht

Rückkehr nach Bam - der lange Weg des Phönix

Reisebericht: Rückkehr nach Bam - der lange Weg des Phönix

Eine Reise nach Bam, sieben Jahre nach dem verheerenden Erdbeben. Eine Geschichte über Menschen, die mit starkem Willen und viel Kraft Raum für eine neue Zukunft geschaffen haben.

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Es war der 26. Dezember 2003, der das Leben aller Menschen in Bam genauso wie die Stadt selbst für immer veränderte. Ein Erdbeben der Stärke 6,5 hatte die Stadt im Südosten des Irans wörtlich in Schutt und Asche gelegt. Nur zwölf Sekunden bebte die Erde unter der Wüstenstadt Bam, dann fielen rund 40.000 Gebäude in sich zusammen wie Kartenhäuser. Kaum etwas war übrig geblieben von der Stadt und ihrer weltberühmten Festung. 30.000 Tote gab es offiziell, manche sagen aber es seien doppelt so viele gewesen, die in den Tagen und Wochen nach dem Beben auf den Friedhöfen am Rande der Stadt begraben wurden.

Die einfachen Blechschilder auf den Gräbern sind heute zum großen Teil durch Gedenksteine ersetzt. Heute, genau sieben Jahr nach dem Erdbeben, kommen wieder viele Überlebende, beten, zünden Kerzen an, legen Blumen nieder, erinnern sich an die vielen Angehörigen und Freunde, die ein jeder verloren hat. „Mein Herz ist an diesem Tag gebrochen“, sagt die 26-jährige Zahra am Grab ihrer Eltern und Geschwister. Der Wiederaufbau in Bam ist inzwischen abgeschlossen, Journalisten und Hilfsorganisationen längst weitergezogen – doch die vielen unsichtbaren Wunden noch lange nicht verheilt.

Wir sind zurückgekommen, um drei Jahre nach Abschluss der Maßnahmen durch die Diakonie Katastrophenhilfe noch einmal die Hilfsempfänger zu besuchen und zu sehen wie sich Bam verändert hat.



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„Als wir damals nach Bam kamen“, erinnert sich Sema Genel an die ersten Tage nach dem Erdbeben, „waren die Not und der Hilfsbedarf riesig“. Wasser, Nahrungsmittel, Decken, Zelte, Toiletten – an allem habe es gefehlt, so die Leiterin des Regionalbüros der Diakonie Katastrophenhilfe für West- und Zentralasien. Tausende Kinder waren auf sich allein gestellt, unzählige Überlebende waren schwer verletzt, wer „nur“ mit dem Schrecken davongekommen war, war stark traumatisiert. Sie erzählt weiter: „Es waren ja nicht nur die Wohnhäuser zerstört, sondern auch die Infrastruktur, Straßen, Strom- und Wasserleitungen, Schulen, beide Krankenhäuser der Stadt. Und viele Ärzte und Krankenschwestern waren gestorben.“

Das vergleichsweise gar nicht so starke Beben hatte eine solch zerstörerische Wirkung, weil in Bam und der Provinz Kerman Häuser traditionell aus sonnengetrockneten, ungebrannten Lehmziegeln gebaut werden. Die Ziegel zerbarsten durch die Erdstöße, zerfielen in kleine Stücke und zu Staub. So hätten sich keine lebensrettenden Hohlräume bilden können, erklärten später Bauingenieure und Wissenschaftler.

Die größte Herausforderung für die Diakonie Katastrophenhilfe begann erst mit dem Wiederaufbau. „Wobei nicht nur das Ausmaß der Zerstörung und die Auswahl der Begünstigten ein großes Problem war“, erzählt Tommy Bouchiba, Wiederaufbau-Experte der Diakonie Katastrophenhilfe. Beim Wiederaufbau, so Bouchiba, werde versucht Fehler aus der Vergangenheit auszubessern, Gebäude möglichst gut sowohl an die Bedürfnisse der künftigen Bewohner als auch an die lokalen Gegebenheiten anzupassen und sie resistenter gegen Katastrophen zu konstruieren. „Und gleichzeitig sollen die neuen Häuser möglichst schnell bezugsfertig sein“, sagt er.



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Im Iran aber, wo es neben viel Reichtum und hohen Ausbildungsstandards auch viel Vorbehalte und Misstrauen gegen die ausländischen Hilfsorganisationen gab, musste nicht nur jeder Schritt mit den Behörden abgestimmt werden, die zu verrichtenden Arbeiten wurden von der Verwaltung vorgeschrieben und intensiv kontrolliert. Zum Beispiel wurden von allen Betonarbeiten Proben genommen und Bruchtests durchgeführt. „Dafür haben wir einige der am besten gegen Erdbeben gesicherte Häuser der Welt gebaut“, erzählt Tommy Bouchiba weiter, „auch wenn wir dafür unter strenger Kontrolle, starker Einmischung und einer Vielzahl von Regularien arbeiten mussten, die auch ein gewisses Maß an Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Behörden erforderten“. Entscheidungen wurden nur langsam getroffen. „Eine Baugenehmigung zu erhalten war ein langwieriger Prozess“, erinnert sich auch Kai Henning, der nach dem Beben für die Projektbetreuung bei der Diakonie Katastrophenhilfe in Stuttgart zuständig war, „und selbst dann konnte es passieren, dass von einer anderen Instanz neue Änderungen vorgeschrieben wurden“.



325 Wohnhäuser konnte das evangelische Hilfswerk bauen. Der letzte Schlüssel wurde im März 2006 an die neuen Besitzer übergeben. In Bam, Baravat und den Dörfern Biderane Now, Biderane Kohneh, Gazdar sowie Nizamwafa wurden Fundamente, Stahlskelette und Dächer für die Empfänger errichtet. Diagonal verlaufende Balken, Drahtnetze und Metallklammern sollten Sicherheit bei weiteren Erdbeben bieten. Alle anderen Arbeiten vom Aufziehen der Wände bis zur Elektroinstallation mussten von den Empfängern selbst verrichtet werden – so die Vorschrift der Behörden. „Es ist zwar immer wichtig, dass die Menschen an den Arbeiten mitwirken, damit sie nicht in die Rolle von reinen ‚Hilfsempfängern‘ gedrängt werden“, erklärt Sema Genel, „aber viele Menschen in Bam hatten weder die Kraft, noch die nötigen Kenntnisse oder Mittel, um die Häuser wie von der Verwaltung angeordnet selbst fertigzustellen“. In einigen Fällen konnte eine Einigung erzielt werden und die Häuser komplett von der Diakonie Katastrophenhilfe gebaut werden.



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Aber auch damit war es nicht getan – als Ergänzung zu den Baumaßnahmen mussten die Menschen auch Möglichkeiten bekommen ihre Lebensgrundlage wieder herzustellen, wieder ein Ein- und Auskommen zu erwirtschaften. In vielfältigen Begleitprogrammen wurden Ausbildungen zum Beispiel in den Bereichen Fremdsprachen oder Bauhandwerk angeboten, psychologische Unterstützung angeboten und Werkstätten für kleine Handwerksbetriebe neu ausgestattet. Damit das Leben weitergeht.

„Wir sind immer noch überglücklich und können es kaum fassen welche Hilfe für uns alle geleistet wurde“, sagt Abas Kalandari, der vor vier Jahren in sein neues Heim in Biderane Now eingezogen ist. „Das Haus ist gut. Und es ist sicher für meine Familie und mich“, erzählt er und macht eine weit ausschweifende Geste, „kein Riss, alles in Ordnung“. Schon mehrere kleinere Erdbeben hat sein Haus überstanden, das letzte Mal konnten wir wenige Tage vor Weihnachten 2010 die Erde bei Bam beben spüren.

Auch Ahmad Bideroni, der mit seinen drei Kindern in einem neuen Haus in Biderane Kohneh lebt, kann wieder lachen: „Das Leben ist wieder gut.“ Durch die Diakonie Katastrophenhilfe konnte er auch einen neuen Laden aufmachen. Mehl, Zucker und Öl verkauft er in seinem Hof, das Geschäft könnte kaum besser laufen.



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„Eifer. Eifer und Motivation“, sagt Azade Madahiyan. Das seien die wichtigsten Charakteristika eigentlich aller Kinder und Jugendlichen in ihrer Schule. Mehrmals in der Woche kommt die junge Logopädin in das Gebäude, das die Diakonie Katastrophenhilfe in Baravat gebaut hat. Körperlich und geistig Behinderte werden hier unterrichtet, lernen ein Handwerk und werden gleichzeitig medizinisch und therapeutisch begleitet. Durch das Erdbeben wurden nicht nur viele Menschen gelähmt oder verloren Körperteile, sondern mit dem Verlust der Familie ging auch das soziale Netz verloren. Die iranische Sepehr Bam Charity Organisation, die das Gebäude von der Diakonie Katastrophenhilfe übernommen hat, konzentriert sich deshalb auf Waisenkinder, Senioren und behinderte Menschen, die auch lange nach dem Beben weiter auf Hilfe angewiesen sind.

Noch Jahre nach dem Erdbeben berichteten Medien von der Hoffnungslosigkeit und dem schleppenden Wiederaufbau in Bam. Jetzt, nach sieben Jahren, ist die an einem Zweig der Seidenstraße gelegene Stadt wieder voller Leben. Nur noch wenige Ruinen gibt es im Stadtbild. Die größte ist die alte Zitadelle, Arg-é Bam, die einst viele Touristen anzog. Doch ansonsten ist das Stadtbild von kleinen und mittelgroßen Häusern geprägt, oft unverputzt als wollten sie die querliegenden Stahlträger stolz zur Schau stellen, die den Wänden die notwendige Stabilität bringen. Auch das Band aus Dattelhainen und Gärten mit Zitrusfrüchten, das sich um die Stadt in der Wüste Lut zieht, ist wieder ergrünt. Auf dem neuen Bazar der Stadt wird das wichtigste Exportgut der Region, die Dattel, von emsigen Händlern an den Mann gebracht.

„Mein Herz ist an diesem Tag gebrochen“, hatte Zahra am Morgen gesagt. Und als sie die weißen Blumen auf das Grab ihrer Familie gelegt hatte, fügte sie hinzu: „aber ich kann wieder leben.“



alte Dame


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Kommentare

  • globetrotter

    Sehr stimmungsvoller Bericht mit vielen Informationen und eindrucksvollen Bildern:)))))
    LG Ute

  • astrid

    Was für ein eindrucksvoller Bericht! Danke!
    LG Astrid

  • Blula

    Liebe Carolin!
    Ja, dieser Bericht über den Iran ist ganz stark und verdient eigentlich eine Extraauszeichnung. Nicht nur Deine Schilderungen über die armen Menschen, die nach dem verheerenden Erdbeben wieder die Kraft für ein neues Leben, eine neue Zukunft finden, nein, ich habe hier so viel über die Lebensumstände dieses Landes erfahren, wie ich sonst es sonst wohl kaum irgendwo nachlesen könnte.
    Ich sage DANKE!
    LG Ursula

  • RC-Redaktion

    Ein bewegender, eindrucksvoller Reisebericht. Unsere Empfehlung auf der Startseite für Samstag.

  • poseydon

    Danke für die positiven Wertungen, Kommentare und die Empfehlung - euch lieben Lesern möchte ich dann bei dieser Gelegenheit auch noch den Reisebericht zur gesamten Iranreise (dies ist ja nur ein Auszug zum Aufenthalt in Bam) ans Herz legen...
    "Reisebericht: Wüsten, Datteln und Moscheen - Unterwegs im Iran" mit viel Text und noch viel mehr Bildern, zu finden unter diesem Link:
    http://www.geo-reisecommunity.de/reisebericht/434470/1/Wuesten-Datteln-und-Moscheen-Unterwegs-im-Iran

    Danke & Viele Grüße
    Carolin


  • agezur

    Meine ehrliche Bewunderung gilt diesen Organisationen und den Menschen die dahinter stehen! Nur ein so intensiv geplanter Wiederaufbau ist die wirkliche Langzeithilfe für diese furchtbar betroffene Region!
    Danke für diesen Bericht!
    Liebe Grüße Christina

  • ingepeter (RP)

    .. ein Reisebericht, der kein Urlaubsbericht ist, welch Unterschied zu den meisten Berichten hier - doch umso beeindruckender. Dein Bericht zeigt auf, dass Katastrophenhilfe und Entwicklungshilfe sinnvoll eingesetzt jeden finanziellen und humanitären Einsatz wert ist. Wie oft fragt der Spendenwillige sich doch, was hat das Geld gebracht? Wie oft hört man von korrupten Machthabern, die sich das gespendete Geld aneignen oder einfach nur totale Fehlinvestitionen! Ich bewundere die Geduld und Ausdauer der eingesetzten Helfer vor Ort und ich danke Dir für Deinen Bericht. Deinen Reisebericht "unterwegs im Iran" werde ich bald lesen.... Gruss Inge

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