Reisebericht

Reisebericht: Einer dieser glückseligen Tage

 
 
 
 
 
Reisebericht: Einer dieser glückseligen Tage

Manchmal lässt sich eine Reise ohne langes Warten beim Check-In, nervigen Sicherheitsüberprüfungen und stundenlangen Qualen in zu eng gestuhlten Flugzeugen ganz spontan beginnen. Man tritt aus der Haustür, schaut in den Himmel und läuft dann einfach los....

Anreise Alp Meienberg

 
 
 
 
 

(28 Stimmen)

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Ab Zweisimmen (1000m) kann entweder zu Fuss via dem Weiler Mannried durch den Mariedgraben die Alp Meienberg auf 1800m erreicht werden (7Km) oder man fährt mit dem Auto via Grubenwald auf einem mautpflichtigen Bergsträsschen (5 Fr.-) dorthin hoch. (Siehe auch Reisebericht: BERGSOMMER 2010: Kein Reisebericht aber eine Liebeserklärung Vorschlag 4)



Das Seehorn ist mein Ziel

 
 
 
 
 

(34 Stimmen)

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Am bisher heissesten Tag 2011 habe ich mich entschlossen endlich einmal eine Tour auf das Seehorn zu unternehmen, obwohl ich schon fast 30 Jahre im Simmental lebe habe ich diesen Gipfel noch nie bestiegen. Die erste Strecke von der Alp Meienberg zum Seebergsee ist in der morgendlichen Frische genau das Richtige um sich einzulaufen, die schönen Kühe auf den saftigen Matten sehen aus wie frisch lackiert und entsprechen dem gängigen Bild der heilen Alpenwelt, warum nur denke ich an Milka? Es sind an diesem Montag nur ganz vereinzelt andere Berggänger unterwegs und ich geniesse die Einsamkeit, ein egozentrisches Gefühl "Mein ist die Welt" steigt auf. Den See lasse ich hinter mir liegen, durchquere das Hochtal und stehe schon bald vor der ersten Höhenstufe, dem Beginn des Bergwegs auf den Gipfel. Der Einstieg führt durch einen wunderbar archaischen alpinen Wald, grosse schattenspendende Nadelbäume wechseln mit Lichtungen und unbewirtschafteten Wiesen. Lücken lassen den Blick auf den gegenüberliegende mächtigen Felsabsturz des Menniggrats zu, der wenig begangene Pfad schlängelt sich stetig bergauf und der manchmal tückische Untergrund zwingt mich dazu die Augen offen zu halten. Langsam erreiche ich die Baumgrenze, die von riesigen Steinen durchsetzten Hänge leuchten im Schmuck der Alpenrosen: Es ist einfach nur schön!



 
 
 
 
 

(30 Stimmen)

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Es wird mir furchtbar warm

 
 
 
 
 

(15 Stimmen)

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Weiter oben wird's nun steil und steinig, die Sonne brennt mir auf die Rübe und der Schweiss fliesst in kleinen Bächen am Körper entlang. Kein Windhauch kühlt die Stirne, die Vorstellung was für ein Backofen es weiter unten in den Betonwüsten sein muss tröstet mich aber sehr. Auf der nächsten Höhenstufe gehts eine zeitlang fast horizontal weiter, die kühlen dunkelgrünen Fluten des Seebergsees locken aus der Ferne; warum nur muss ich mich den Berg hochquälen, dabei könnte ich doch faul an dessen Ufer liegen und den Wolken nachträumen. Aus dem Pfad ist mitlerweilen nur noch eine wage Spur geworden, rote Farbkleckse auf Steinen zeigen den weiteren Routenverlauf an. Die Zunge klebt am Gaumen und die aufgeheizte Luft - die zäh wie Sirup - in meine Lungen wabbert hat Wüstenqualität. Eine leicht nervige Stimme in meinem Kopf raunt etwas von zu vielen Zigaretten und Völlerei in den letzten Wochen, davon will ich jetzt ganz bestimmt nichts Wissen und verlange Ruhe.



 
 
 
 
 

(24 Stimmen)

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Die Steinöde oder das solare Kraftwerk

 
 
 
 
 

(27 Stimmen)

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Auf einer senkrechten Steinplatte verkündet ein roter Pfeil unmissverständlich hier musst Du hoch,das letzte Grün verschwindet und ich beuge mich dem Diktat der Senkrechten. Kreuz und quer türmen sich scharfkantige Blöcke vor mir auf, die vielgestaltigen Flächen scheinen die Kraft der Sonne zu multiplizieren und mein Herz schlägt im Galopp. Zeit für eine Pause, ich brauche einen Apfel, ein kühles Bier (leider nicht zur Hand) eine Zigarette (leider vorhanden) Wasser (leider lauwarm) und einen Plan. Wenn ich nach oben schaue sehe ich nur Steine, Geröll, Schutthalden und man glaubt es kaum: Mir ist heiss, furchtbar heiss! Das Teufelchen Bequemlichkeit wispert in meinem Ohr "Dort unten ist die Alpwirtschaft mit einem eiskalten, sauren Most", ich nehme sogar das Fernglas hervor und sehe mir die Ausflügler auf der Terasse an...
Nix da du schlaffer Sack, es gibt für dich nur die Richtung aufwärts, mit jedem Höhenmeter wird die Aussicht grandioser, ganz weit unten blinkt der Thunersee. Mit dem Binokular kann ich - mir scheint schon fast im Himmel - das Gipfelkreuz erkennen.



 
 
 
 
 

(21 Stimmen)

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Zauber einer unerwarteten Begegnung

 
 
 
 
 

(18 Stimmen)

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In einem Mix aus Bergwandern, Balancieren und Klettern überwinde ich das Trümmerfeld eines alten Bergsturzes und danke dem Erfinder der Wanderstöcke für seinen Einfallsreichtum. Die vielen tollen Ausblicke fordern immer wieder ein Innehalten und die Bildermaschine kommt zum Einsatz. Dass dabei jedesmal eine kleine Pause fällig wird ist mir noch so recht...
Plötzlich werde ich hellwach, was habe ich soeben im Sucher entdeckt? Im Gegenlicht zeigen sich am Grat ganz typische geschwungene Hörner, das müsen Steinböcke sein! Zwei veritable Tiere liegen faul auf einer Grasmatte hinter dem Grat, keine 50m entfernt. Die Hitze, der Durst und die schweren Beine sind vergessen, lautlos wie weiland Lederstrumpf steige ich in einem weiten Bogen weiter nach oben und hoffe dabei die Tiere nicht aufzuscheuchen. Als ich endlich über den Grat sehe traue ich meinen Augen nicht, ein ganzes Rudel dieser wundervollen Tiere präsentiert sich unter mir. Auf dem Hosenboden rutsche ich die Matte ein Stück nach unten, die Tiere schauen mir interessiert zu und lassen mich bis auf 20m herankommen ohne die geringste Scheu zu zeigen. 14 Stück in allen Altersklassen ruhen sich fast schläfrig in der Mittagshitze aus. So viele Steinböcke und dann auch noch so nah habe ich noch nie erlebt. Mein Trockenfleisch mit Zopf geniessend bleibe ich lange bei der Herde sitzen und freue mich über dies ganz besondere Erlebnis. Den Tieren scheint die für diese Höhe ungewohnte Wärme ebenso wie mir die Energie zu rauben, nur ein paar Halbwüchsige messen ihre Kräfte aneinander. Ein leiser Windhauch streicht über den Grat, die Hummeln umkreisen leise brummend geschäftig die Blüten und mir werden die Augenlieder schwer. Erinnerungen an andere wundersame Tierbegegnungen steigen auf, die Grizzlys in Kanada, Eisbären und Walrosse auf Svalbard, Elche und Hirsche in Alaska, grosse Meeresbewohner wie Mantas und Walhaie, Orcas, Blauwale... Es ist immer wieder ein ganz grosser emotionaler Moment solche Begegnungen hautnah erleben zu dürfen, nun auch noch die Bewohner der Hochalpen die mir diese unglaubliche Nähe gewähren. Ich bin ein Glückskind, solche Momente sind gottseidank nicht zu kaufen!



 
 
 
 
 

(28 Stimmen)

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Der Gipfel und das lange Ende danach

 
 
 
 
 

(16 Stimmen)

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Irgendwann muss ich mich dann doch schweren Herzens von den Steinböcken trennen und die letzten Höhenmeter bis zum Gipfel unter die Schuhe nehmen. Ich werde mit einer fantastischen Rundumsicht belohnt, gegen Süden Spillgerte und in der Ferne der Wildstrubel und die Plaine Mort, im Westen die Freiburgeralpen mit Dent de Ruth, nach Nordosten der Niesen und der Thunersee und im Osten das Winterhorn und dahinter in den Wolken verschwindend die Drei- und Viertausender des Alpenhauptkamms. Auf der Ostseite fällt das Seehore fast senkrecht 1000m tief ab, wenn ich Flügel hätte könnte ich mich einfach in die Tiefe schwingen.... So aber zwingen mich die aufziehenden Gewitterwolken und der zunehmende Wind (endlich!) den Weg ins Tal unter die Füsse zu nehmen, die vorher schweisstreibend erklommenen Höhe wird nun in Bremsenergie umgewandelt. Die Steinböcke haben sich unterdessen leider verzogen, da ich alleine unterwegs bin und das Handy keinen Empfang hat lasse ich es vorsichtig angehen; wie gerne hätte ich die Leichtigkeit trittsicherer Hufe. Unten angekommen schaue ich nochmals zurück zum Berg, unglaublich, ich habe den ganzen Tag da oben keine Menschenseele gesehen. Am Schluss geniesse ich endlich meinen wohlverdienten Most in der Alpwirtschaft Seeberg und nehme dann gestärkt und total Happy die letzten drei Kilometer bis zur Alp Meienberg unter die müden Füsse.



 
 
 
 
 

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Epilog

Man tritt in die Haustür, schaut noch einmal in den Himmel und denkt zurück an eine ganz besondere Reise die jeden vergossenen Schweisstropfen mehr als wert war.



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Kommentare
  • Hortensie7 17.07.2011 | 13:19 Uhr

    Ein sehr schöner Sonntagsausflug war das!!! lg Petra

  • ursi67 17.07.2011 | 13:43 Uhr

    Super! Nach solchen Wanderungen ist man total zufrieden. Bist ja ein richtiger Glueckspilz, dass Du sooo viele Steinboecke gesehen hast! Lg, Ursi

  • BuWe 17.07.2011 | 14:05 Uhr

    Schweißtreibend, ja, aber umso schöner, wenn man angekommen ist.

  • freeneck-farmer 17.07.2011 | 15:36 Uhr

    Wow, was für ein Glück so viele Steinböcke zu sehen.
    Dein Bericht ist sehr gut geschrieben,die Anstrengung konnte ich fast Lesen :-)) und auch die Bilder sind schön.
    Ich kenne diese Gegend um Zweisimmen herum nur im Winter. Wir haben in Zweisimmen mal mit unser Wohnmobill auf ein Camping gestanden und sind Ski gefahren.

    https://picasaweb.google.com/afreihalsbouwer/GSTAAD_ZWEISIMMEN

    War auch schön.
    LG Anneken

  • mamaildi 17.07.2011 | 20:52 Uhr

    Endlich gefunden, deinen neuen Bericht - komischerweise gabs keine Links neben den Bildern.
    Diese Glückseligkeit kann ich dir völlig nachempfinden, das Steinbockerlebnis muss umwerfend gewesen sein. Jetzt freu ich mich auf nächste Woche doppelt - endlich ab in die Berge...

  • doubleegg 18.07.2011 | 15:24 Uhr

    Wer bei diesem Schmankerl keinen Bock auf Bergwandern bekommt sollte zum Arzt gehen. Mir hüpft das Herz. Danke und einen schönen Wandersommer! Elke

  • RC-Redaktion 19.07.2011 | 09:59 Uhr

    Ganz toll geschrieben und wirklich ein Erlebnis! Die heutige Empfehlung unseres Teams.

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  • morepics 19.07.2011 | 10:26 Uhr

    Zweisimmen, wir kommen ; - ) Nach diesem wunderbaren Bericht, wahrscheinlich das Haupturlaubsziel für die nächste Saison.
    LG morepics

  • ursuvo 19.07.2011 | 10:43 Uhr

    ...wirklich ein schöner Bericht - ich bin gemütlich mitgewandert:-)))) (habe aber ähnliche schweißtreibende Aufstiege auch schon erlebt)

  • Lioness 19.07.2011 | 13:51 Uhr

    ..schön, wenn das gute so nah liegt! beneide ich dich drum!
    ein rundum gelungener bericht!

  • Zaubernuss 19.07.2011 | 14:29 Uhr

    Sehr schöner Reisebericht mit dem Hore und den Gehörnten! Bist Du der Steinbockflüsterer? (Ich habe Dich auch schon anderswo angetroffen, doch es scheint, Du bist ein Kind der Berge... )Schön, dass ich Deinen Spuren folgen durfte. LG: Ursula

  • Blula 19.07.2011 | 19:26 Uhr

    Dein wunderschöner Bericht ist die reinste Animation, mal wieder eine Wanderung durch die herrliche Bergwelt zu unternehmen, Landschaften und Natur zu genießen. Du hattest hier noch das besondere Glück, auf so viele Steinböcke zu treffen. Das war natürlich der sprichwörtliche Gipfel von einem Erlebnis, das einem nicht allzu oft geboten wird. Deine Fotografien sind großartig.
    LG Ursula

  • ingepeter (RP) 19.07.2011 | 19:33 Uhr

    ... Deine egozentrischen Gefühle teile ich gerne! So eine große Gruppe Steinböcke! Toll, Deine Fotos beweisen die Wahrhaftigkeit, denn es sonst kaum zu glauben, so einfach auf einem "Spaziergang" mal eben Steinböcke zu besuchen. Ich beneide Dich aufrichtig, dieses Erlebnis vergißt man nie! Obwohl ich gerne in der Ferne reise, so lebt bei mir der Satz auf .... warum in die Ferne schweifen, sieh das Gute liegt so nah! .... Dein fabelhafter Ausflugsbericht ist ein guter Werbeträger dafür! Gruss Inge

  • nach oben nach oben scrollen
  • A1B2CC 19.07.2011 | 20:18 Uhr

    Klasse diesen ehrlichen Bericht gelesen zu haben. Du hast eine wunderbare Tour gemacht und diese so klasse beschrieben. Mit allen schönen, aber auch leidigen Dingen, die nun mal auftreten, wenn man so eine Tour macht. Und für die Steinböcke Gratulation. Das war sicherlich ein super Ereignis. Lg Christian.

  • u18y9s26 20.07.2011 | 19:52 Uhr

    Es war ein Vergnügen, deien Spuren zu folgen!
    LG Ursula

  • cirrus 21.07.2011 | 17:58 Uhr

    Auch mir hat es viel Freude gemacht Dich zu begleiten....

  • brandriba 21.07.2011 | 19:29 Uhr

    Ganz herzlichen Dank an Euch ALLE, schön dass ihr an meiner Wanderung teilgenommen habt und Euch mein Stil angesprochen hat. Ich komme ursprünglich aus "dem Unterland", bin aber inzwischen wohl wirklich ein Kind der Berge geworden...
    Dern Titel als Steinbockflüsterer nehme ich sehr gerne entgegen. :-))) LG DAni

  • mamatembo 30.10.2011 | 02:15 Uhr

    DAni, ich bin tief beeindruckt von Deinem wunderbar geschriebenen und bebilderten Bericht und freue mich mit Dir über das großartige Erlebnis "direkt vor Deiner Haustür". Und ich bin ziemlich sicher: in Deinem vorigen Leben warst Du ein Steinbock! :-)))
    GLG Beate

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