Shanghai: "One City, Nine Towns"

Reisebericht

Shanghai: "One City, Nine Towns"

Reisebericht: Shanghai: "One City, Nine Towns"

Geisterstädte in China. Immer wieder ist in der internationalen Presse von ihnen zu lesen. Hinzu kommt ein Stadtentwicklungsprogramm, das vor etwa 10 Jahren in Shanghai lief und den Bau von 10 Satellitenstädten vorsah, die internationalen Vorbildern folgen sollten. Zeit, sich selber ein Bild zu machen …

Der Plan

1999 bemängelte der damalige Parteisekretär Shanghais, Chen Liangyu, die Charakterlosigkeit und mangelnde Identität in Shanghais äußeren Bezirken.

Einhergehend mit dem Konzept, die Kernstadt zu entlasten und den Siedlungsdruck von ihr zu nehmen, wurde 2001 der Ausbau der äußeren Bezirke beschlossen. Eine Stadt sowie neun Ortskerne wurden auserkoren, als neue Bezirkszentren ausgebaut zu werden. Vorgesehen war jeweils die Ansiedlung von bis zu 50.000 Einwohnern. Ich hatte im Frühjahr 2011 die Gelegenheit, vier von den zehn Satellitenstädten zu besuchen und möchte meine Eindrücke hier vorstellen.

Das Programm durchlief in seiner Entwicklung eine Reihe von Änderungen. Zur Identitätsstiftung wurde für jede Siedlung ein Thema bestimmt, welche zumeist internationalen Vorbildern folgten. Umgesetzt wurden: Anting (Deutschland), Songjiang (England), Gaoqiao (Holland), Luodian (Skandinavien), Pujiang (Italien), Qingpu (China), Fengjing (Kanada), Chengqiao (China), Chengqiao (Eco City), Linggang (International Harbour City).

Die neue chinesische Mittelschicht sowie Heimkehrer, die im Ausland studiert und gelebt hatten, waren als Zielgruppe möglicher Bewohner visiert.

Zehn Jahre später ist Chen Liangyu im Gefängnis und die Satellitenstädte gleichen Geisterstädten …



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Anting New Town (Deutschland)

Mit der Metro Linie 11 erreicht man seit 2009 den Jiading District. Vorsicht ist geboten, da nur etwa jeder dritte Zug den Abzweig nach Anting befährt. Stolze 45 Minuten Fahrzeit sind es noch von der Haltestelle der Ringlinie in der Caoyang Lu.

An der Haltestelle Anting angekommen, ist erst einmal nicht viel zu sehen. Weder von „Anting New Town“ noch von Anting überhaupt. An der Straße warten Schwarz-Taxis auf Kunden. Darauf sollte man sich grundsätzlich nicht einlassen. Und darüber, dass man von den Fahrer Schulter zuckend ausgelacht wird, sollte man sich grundsätzlich auch nicht aufregen.

Da „normale“ Taxi kaum zu sehen, bzw. schon vollbesetzt sind, kann man durchaus zu Fuß gehen. Allerdings sollte man grob die Richtung vor Augen haben – nämlich gen Süden, die Hauptstraße entlang. Schön ist die nicht, aber immerhin kommt man am dem doch sehenswerten Automuseum vorbei. Hin und wieder kommt einem eines der Schwarz-Taxis von der Metro Haltestelle entgegen, hupt vielleicht wild oder hält gar an, ob man nicht doch mitfahren wolle. Nein, wolle man noch immer nicht. Und nach einer knappen Viertelstunde ist man dort: „Anting New Town“.



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Schon die Lage irritiert. Von der Hauptstraße zweigt eine verhältnismäßig kleine Nebenstraße ab. Diese erschließt die Kreisförmig angelegte Siedlung, die nach einem Masterplan des Frankfurter Büros Albert Speer & Partner entstanden ist. Schnell hat man tatsächlich das Gefühl, in einer deutschen Kleinstadt gelandet zu sein. Das ist so beeindruckend wie beängstigend. Eine ganze Reihe deutscher Architekten durfte hier planen und Projekte umsetzen. Vieles sehr farbenfroh. Zu farbenfroh vielleicht – leuchtend rote Gebäude etwa sind nicht jedermanns Sache.

Es fehlen die in China so typischen kleinen Geschäfte und Restaurants, die für ein quirliges Leben in den Straßen sorgen. Nur sehr wenige sind auszumachen. Ein großer Marktplatz, an der sogar von einem Kirchturm überragt wird, ist menschenleer. Überhaupt fehlen Menschen in Anting New Town. Auf den Straßen, in der Siedlung. Überall. Überall sind nur Sicherheitskräfte zu sehen oder Putzfrauen, die das Laub auf den Straßen zusammenharken.

Um der chinesischen Wohn-Typologie der „Gated Communities“, der „geschlossenen Nachbarschaften“, Genüge zu tun, wurden nachträglich Schranken und kleine Wachhäuschen aufgestellt. Dies wirkt in dieser ansonsten nach deutschen Vorbildern gestalteten Siedlung geradezu paradox.

Wenige Häuser scheinen bewohnt. Wenige Bewohner sind auf den Beinen.



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Wahrscheinlich gibt es kaum welche. Ich frage in einem kleinen Geschäft nach, als ich etwas zu trinken kaufe, warum hier niemand wohnt. Naja, einige wenige Leute würden hier schon leben. Aber es sei halt zu weit draußen. Wir reden zwar noch einen Moment länger, aber leider reicht mein Chinesisch nicht aus, um viel mehr wahrzunehmen, als das ich für meine Aussprache gelobt werde und von mir selbst zu berichten.

2007 wurden die Arbeiten an der Stadt fertiggestellt. Der Bausubstanz nach zu urteilen müssten die Bauwerke jedoch deutlich älter sein. Nach einem erstaunenden Rundgang sollte man sich nun schnell anderen, belebteren Gegenden Shanghais widmen.



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Songjiang Thames Town (England)

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Auch Songjiang liegt etwa eine Dreiviertelstunde von der Innenstadt entfernt. Auch „Thames Town“ ist eine in sich geschlossene Siedlung, die durch Nebenstraßen erschlossen wird. Auch „Thames Town“ war für ca. 10.000 Einwohner vorgesehen – und ist heute fast leer.

Im Gegensatz zu Anting gibt es in Songjiang unter anderem eine reine Villensiedlung, die als Gated Community ausgeführt ist. Sie scheint bewohnt, ihre Typologie entspricht den anderen Villen Compounds in China. Auch ist die Anbindung von „Thames Town“ an die umliegenden Wohngebiete Songjiangs großzügiger ausgebaut, eine engere Verknüpfung mit der Umgebung ist gewahrt.

Eine putzige kleine Stadt wurde hier geschaffen, die einem fast den Eindruck vermittelt, man sei in einer alten englischen Ortschaft.



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Der Kernbereich der Siedlung wirkt jedoch ähnlich verlassen, wie Anting. Einige Geschäfte sind hier zu finden. Doch „Leben“ findet im Grunde nur um die Kathedrale herum statt. Sie entspricht einer exakten Kopie – das Original befindet sich in Bristol. Sie bildet einen gefragten Hintergrund für die in China so wichtige Hochzeitsfoto-Industrie. Daher laufen Unmengen von künftigen Brautpaaren ihrem Fotografen und seinem Gefolge umher.

Abseits der Kathedrale werden auch in dieser Siedlung die Straßen jedoch von Wachleuten und Putzkräften dominiert. Durch eine umfangreiche Begrünung wirkt die Siedlung nicht komplett sehr verloren. Außerdem gliedert sich die Siedlung in verschiedene Bereiche. Neben dem Villenkomplex und dem Kernbereich gibt es noch einen modern gestalteten Bereich für Verwaltung und Kultur. Ambitioniert, und dennoch leer. Immerhin hat hier eine Statue Platz gefunden, die verdächtig an Harry Potter erinnert …



Luodian (Skandinavien)

Wieder einmal steht eine 45 minütiger Fahrt mit der Metro am Beginn der Reise. Dieses Mal in den Norden der Stadt, in den Baoshan District. Die ebenfalls niegelnagelneue Metro Linie 7 durchquert enorm dicht bewohnte Quartiere und bindet auch die Shanghai University an das Metronetz an.

Unterwegs passieren wir zwei unterirdische Bahnhöfe, die noch nicht in Betrieb sind. Dunkel liegen sie im Tunnel. Die auf dem Bahnsteig aufgestellten Netzplätze leuchten jedoch schon. Wahre Geisterbahnhöfe. Wie auch in Anting wird die Trasse aus dem Tunnel hinaus geführt. In den weniger dicht bebauten Außenbezirken hat man sich den Tunnelbau gespart und die Metro stattdessen in Höhenlage auf einem Viadukt gebaut.



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Hier liegt die skandinavisch geprägt Siedlung immerhin schon einmal in Sichtweite der Metro Haltestellte. Wieder einmal können die Schwarz-Taxis guten Gewissens ignoriert werden. Jeder, aber wirklich jeder, Fahrer hat das gleich lustige Mini-Auto. Und ich glaube jeder, aber wirklich jeder, spricht mich an, bei ihm mit zu fahren. Mir wird es auf ewig ein Rätsel bleiben, warum weiter gefragt wird, wenn ich bei den ersten beiden bereits abgelehnt habe …

Im „Eingangsbereich“ zur Siedlung ist ein Kongresszentrum entstanden. Ein vorgelagerter Kernbereich bietet verschiedene Outlet Stores. Themen also, mit denen man Besucher anziehen möchte. Zumindest heute Morgen zeigte dieses Vorhaben keinen Erfolg. Auch hier teile ich mir die Straßen lediglich mit Wach- und Reinigungspersonal.

Eine Fußgängerzone „Nordic Style Walking Street“ bildet hier den Kernbereich. Leere Schaufenster und rissige Mauern gibt es um mich herum. Ansonsten nichts. Überhaupt kein kleines Geschäft, überhaupt kein kleines Restaurant. Dies hatte es wenigstens vereinzelt in Anting oder Thames Town gegeben.



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Um den Kernbereich herum sind wieder einige abgeschottete Wohngebiete angelegt, sie scheinen bewohnt. Schwer zu sagen, wie die Auslastung ist. Immerhin habe ich unterwegs noch eine Statue vom Weihnachtsmann in seinem Schlitten mit Rentieren und Geschenken entdeckt.

Zurück an der Metro Station war mein Plan, mit einem Taxi weiter zu fahren, da ich nicht mit der Metro wieder in die Stadt wollte. Doch außer den lustigen Mini-Autos, mit denen ich eine längere Fahrt auf der Autobahn gar keines Falls auf mich nehmen wollte, war keines in Sicht. Nicht einmal auf den Weg, zwei Kilometer zur nächsten Metro Station zu Fuß zurück war eines auf der Schnellstraße zu entdecken. Deprimierend, aber auch wieder ein Hinweis auf die Anwohnerdichte in dieser Gegend. Gab es in China irgendwo keine Geschäfte, Restaurants oder Taxis, lebten dort nicht viele Menschen ...



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Gaoqiao (Holland)

Auch für Gaoqiao Holland Village gilt: Zentral ist anders. Dieses Mal mit dem Taxi kommend, lag die holländisch geprägte Siedlung zwar eingebettet in chinesischen Wohngebieten, war dennoch ebenso leer wir die anderen von mir bereits besuchten Satellitenstädte. Auffällig war hier, dass in der Umgebung hingegen sehr wohl Menschen lebten – in den typischen chinesischen Hochhäusern eben.

Dabei stellte der Kernbereich mit einer Straße bestehend aus lauter schmalen holländischen Stadthäusern durchaus eine attraktive Kulisse dar. Es ist eine angenehme Mischung entstanden aus historisch anmutenden Repliken und modernen Interpretationen holländischer Architektur. Geschäfte und Restaurants waren auch hier wieder kaum zu finden.



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Die Bausubstanz machte noch einen relativ guten Eindruck. Vielleicht war diese Siedlung etwas später gebaut als die anderen?

Der Rückweg in die Zivilisation war wieder abenteuerlich. Knapp 20 Minuten Fußweg zur nächsten Metrostation. Die dortige Linie 6 ist in Shanghai übrigens Anlass für massive Beschwerden der Fahrgäste. Man hatte bei der Planung offenbar das Fahrgastaufkommen unterschätzt – obwohl die Linie durch dicht bewohnte Viertel im Pudong District führt, entschied man sich zum Bau einer „Light Rail“, die zum einen schmaler als die üblichen Metrozüge ausfällt und zum anderen hier mit sehr kurzen Zügen fuhr. Entsprechend sind die Züge durchgehend überfüllt. Der Betreiber versucht nun Abhilfe zu schaffen, in dem die Züge mit kurzen Abständen fahren.
Dieses Mal sind es allein 45 Minuten, bis wir eine Haltestelle erreichen, an der zu einer Linie in Richtung Innenstadt umgestiegen werden konnte …



Was ist schief gelaufen?

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Schon nach wenigen Jahren rückte man vom Programm „One City, Nine Towns“ ab. Mittlerweile redet man in Shanghai lediglich noch von einem „Pilotprojekt“. Grund dafür mag nicht zuletzt die Politik sein, die sich nach der Verhaftung des Parteisekretärs sicherlich ein Stück weit geändert hat.

Die genauen Gründe für das Scheitern des Programmes sind nach dem kurzen Besuch auf nur oberflächlich zu analysieren. Lage, Erreichbarkeit, Kosten und Typologie sind spielen in das Scheitern des ambitionierten Vorhabens mit hinein.



Die Mittelschicht und insbesondere Heimkehrer aus dem Ausland sind eher urban orientiert. 30 Kilometer vom Stadtzentrum zu leben, ist für diese offensichtlich keine Option. Die Anschlüsse an das Schnellbahnnetz der Stadt wurden erst in den vergangenen zwei Jahren fertiggestellt. Ihr Betrieb endet gegen 22:00 Uhr, was Pendler zu einem Verzicht auf längere Abendausflüge zwingt, wenn sie nicht gerade mit dem Taxi heim fahren wollen.

Vermutlich hohe Kosten – unter anderem verursacht durch Mitwirkung ausländischer Planer und die niedrige Bauweise – mögen abschreckend sein. Die Qualität der Bausubstanz erscheint selbst für chinesische Verhältnisse schlecht.
Der chinesische Wohnungsmarkt bietet fast ausschließlich große, nach Süden orientierte Wohnungen in „Gated Communities“, die den subjektiven Sicherheitsbedürfnis ihrer Bewohner nachkommen. Themen, die die internationalen Vorbilder nur zum Teil erfüllen.

Letztlich fragt man sich, ob diese Kopien nötig sind, ob die chinesische Architektur nicht genügend eigene Vorbilder hat. Kritiker sprechen gar von einer „Selbst-Kolonialisierung“ oder „Disney-Architektur“.

Schade, dass dieses ambitionierte Stadtentwicklungsprogramm gescheitert ist. Meiner Ansicht nach hatte es Potenzial. Aus Erfahrungen mit China wird sich zeigen, ob die entstandenen Siedlungen überhaupt die nächsten 5 bis 10 Jahre überstehen werden oder ob man sie zu Gunsten anderer wieder abreißt …



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Kommentare

  • RC-Redaktion

    Geisterstädte und Geisterbahnhöfe. Ein aufrüttelnder und tiefgründiger Bericht über die Fehlplanungen in den Außenbezirken von Shanghai. Heute unsere Empfehlung.

  • Weina

    ...interessanter Bericht. Ich habe schon von Linggang, (Harbour City) gelesen, und auch das Viertel Songjiang Thames Town mit den Heiratskulissen kommt mir bekannt vor. Wie bist du auf die Idee gekommen das ganze zu besichtigen? Schließlich ist es kein Touristenhighlight das man bei einem Shanghai besuch gesehen haben muss....
    mfg Weina

  • Dennis.Deng

    Hallo,

    ich habe bis vor 2 Jahren in Shanghai gelebt, es aber nie geschafft, mir die Siedlungen anzusehen. Jetzt war ich gerade im Urlaub wieder "drüben" und hatte es mir vorgenommen. Die dortige Stadtentwicklung zählt zu meinen Hobbies ;) Außerdem sind die Außenbezirke mittlerweile gut mit der Metro zu erreichen. In Linggang war ich auch, aber das passte hier thematisch nicht ganz rein ...

  • Weina

    ist Linggang denn auch so leblos? soweit ich weiß liegt es doch am neuen Hochseehafen....

  • Dennis.Deng

    Ja, noch lebloser ... war ganz erschrocken - dort stehen kaum Gebäude. Es ist wohl so, dass man sich die letzten Jahre städtebaulich auf die Expo konzentriert hat. Linggang soll das nächste große Projekt werden, eine neue Ausbauphase auf 1 Mio Einwohner ist Ende letzten Jahres beschlossen worden.

  • Weina

    hm, die Expo als Prestigeobjekt für ganz China hatte bestimmt vorrang. Mann wollte ja unbedingt alle Rekorde brechen, ink. Besucherrekord. Die digitale Anzeigentafel am Eingang/Ausgang zeigte uns damit an unserem Tag 800.000 Besucher anwesend waren. ...so gesehen doofer Zeitpunkt, vorletztes Wochenende und auch noch Sonntag! :-).....

  • freeneck-farmer

    Sehr interressantes Bericht. Wenn mann in Shanghai ist kommt man nicht auf die Gedanke sich so etwas an zu sehen.
    Wäre schade wenn diese Wohngebiete wieder abgerissen werden.
    LG Anneken

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