Khun Khane - Das Yak-Blood-Drinking Festival im Himalaya

Reisebericht

Khun Khane - Das Yak-Blood-Drinking Festival im Himalaya

Reisebericht: Khun Khane - Das Yak-Blood-Drinking Festival im Himalaya

Eine Wanderung abseits der viel begangenen Touristenpfade des Kali Gandaki Tals wollten wir machen. Unvermittelt, ungeplant und unvorbereitet gerieten wir dabei in eine der archaischsten Zeremonien, die sich im Himalayaraum noch erhalten haben. Und durften hier miterleben, dass der Glaube selbst am Fuß eines Achttausenders Berge versetzen kann.

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Wir hören Stimmengewirr, wo wir Stille erwartet hatten. Heisere Schreie, Befehle, Hähne krähen. Noch hat die Sonne den Talboden des Boksi Khola nicht erreicht.



Schatten im Tal



Wir sind unterwegs in dieses Tal, wollen den viel begangenen Weg entlang des Kali Gandhaki hinter uns lassen, dieses Trekking-Eldorado im tiefsten Tal der Welt, suchen einsame Pfade am Fuß des Achttausenders Dhaulagiri. Sind sehr früh am Morgen gestartet mit einem Abstieg in dieses einsame Seitental. Nur die höchsten Gipfel sind bereits von der Sonne beschienen, wir stehen noch im Schatten zwischen den Bäumen und versuchen zu erspähen, was hier, wo es keine Dörfer gibt, den Lärm verursacht.



Erste Wärme



Kaum erreicht die Sonne den Talboden, sehen wir klarer. Zelte stehen da. Viele Zelte. Doch eine andere Trekkinggruppe? Nein, viel zu viele Zelte. Eine Expedition, vielleicht zum Dhaulagiri? Nein, viel zu weit unten.



Lagerplatz



Unser Guide grinst. "Khun Khane" erklärt er uns, "yak blood drinking festival!"
Irgendwann hatte ich mal gelesen, dass es sowas gab. Aber immer noch? Im modernen Nepal? Vollkommen überrascht, völlig unvorbereitet auf dieses Ereignis stolpern wir mitten hinein!



Lager unter Traumkulisse



Unter der grandiosen Kulisse von Dhaulagiri und Tukuche Peak stehen die Zelte in zwei akkuraten Reihen. Kein Chaos, alles wohlgeordnet. Die langgestreckten Tunnelzelte sind alle nach dem selben Prinzip errichtet: eine Rückwand aus gestapelten Steinen, darauf der First aus einem Kiefernstamm. Wie Gräten sind Bambusstangen darübergebogen und mit Rindenfasern festgezurrt, auf diesem Gerüst befestigt sind die wetterfesten Plastikplanen.



Komplettausstattung



Auch die Ausstattung ist überall dieselbe. Der Boden ausgelegt mit einer dicken Isolierung aus Wacholderzweigen, darüber partiell Yakfelle. Ein massiver Herd steht in jedem Eingang - mit Rauchabzug nach außen. In vielen Zelten zischt ein Dampfdrucktopf, es ist Frühstückszeit!



goTT



In jedem Zelt entdecken wir eine dünne Elektrostrippe, die eine Energiesparbirne nährt. Auf den ersten Blick können wir die Stromquelle nicht ausmachen, später finden wir eine Autobatterie auf dem Gelände.
Hinten an der steinernen Rückwand stapeln sich die Vorräte. Kistenweise Bier entdecken wir (das sind die Kartons, wo "Everest" draufsteht!) - es sieht nach mehr aus als nur einem Festwochenende.
Wir erfahren nun, dass das Festival 9 Tage dauert. Die ortsansässigen Gasthausbesitzer stellen diese Zelte auf und vermieten sie an die Besucher, die von weit her aus ganz Nepal kommen.
Tunnel-like-tents heißen die Zelte, werden aber von allen nur "goTTs" genannt. Tunnelzelte in denen man gehen kann...



Frauenarbeit



Der Service der Vermieter ist umfassend. Zwischen den Zeltreihen sind in regelmäßigen Abständen Wasserstationen errichtet - Geschirr spülen, Körperpflege, Teewasser, für alles ist gesorgt.



Blutspender



Gerade in dem Moment, in dem wir ins Lager kommen, ändert sich die Geräuschkulisse: Die Stimmen werden lauter, zwei Yaks, die vor uns hineingezerrt werden, stoßen merkwürdige Schreie aus. "Grunzochsen" werden die Tiere ja auch genannt - und ein panisches Grunzen, das hört sich ausgesprochen urzeitlich an.
Zunächst einmal sind wir überfordert von der Fülle der Eindrücke, wissen nicht, was in diesem Moment wichtiger ist - ob Fragen stellen oder fotografieren?
Und so nimmt mal wieder eine Stunde dieser Reise ihren Lauf, die ich im Leben nicht vergessen werde.



Alles im Griff



Bereits in der Nacht wurden ausgewählte Yaks von ihrer Alm heruntergetrieben zum Lagerplatz. Nur Tiere, die älter sind als 2 Jahre und die momentan keine Milch geben, kommen als "Blutspender" in Frage.
Kaum ist die Sonne aufgegangen, werden sie an den Hörnern gepackt, mit Seilen an den Vorderbeinen gefesselt und von Horn zu Schwanz fixiert. Geübte Helfer erledigen das mit wenigen Griffen.



Fest im Griff



Ist das Tier ruhiggestellt, tritt der Amtschi, der Medizinmann, auf den Plan. Während er seiner Arbeit nachgeht, wird es an anderer Stelle zwischen den Zelten lebhaft.



Anstehen für Blut



Eine geduldige Schlange bildet sich vor einem alten Holztisch. Trotz tadelloser Disziplin liegt knisternde Spannung in der Luft.



Rupien für Blut



Vorne angekommen, reichen die Wartenden zerknüllte Rupienscheine über den Tisch. Der Kassierer prüft jede einzelne Note, streicht sie glatt, und wenn seine Erwartungen erfüllt sind, bekommen die Zahler einen Plastikbecher ausgehändigt (die Becher erinnern mich an ein IKEA-Modell in unserem Haushalt, das für unsere Jungs und deren durstige Freunde im Kindergartenalter angeschafft wurde und uns heute noch gute Dienste bei Picknicks im Freien leistet). Leider habe ich, benebelt von den zahlreichen Eindrücken, völlig versäumt zu fragen, wieviel die Menschen für einen dieser Blutbecher zu berappen haben.



Blutspende



Zurück zum Yak. Hier hat der Amtschi inzwischen seines Amtes gewaltet. Die Kehle rasiert, wie es vor einer Operation am lebenden Objekt gang und gäbe ist. Die große Vene am Hals gesucht und mit einem scharfen Messer einen flinken Schnitt gesetzt. Sein Helfer, beidhändig agierend, hält nun die oben erwähnten Becher, die ihm unablässig gereicht werden, unter die sprudelnde Öffnung. Kein einziger Tropfen wird verschenkt, nichts geht zu Boden.
Der erste Schluck gebührt dem Yakbesitzer. Er trinkt seinen Becher mit dem warmen, dampfenden Lebenselixier in einem Zug.



Ex und hopp



ich habe leer

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Wenig zimperlich und mit einer guten Portion Erfahrung gesegnet präsentiert sich nun die Gruppe älterer Damen.
In der Rechten den Blutbecher, in der Linken eine Flasche Wasser. Ex und hopp - das Wasser gleich hinterher, da bleibt kein schaler Nachgeschmack. Und nach der Medizin direkt zum Frühstück, in Gesellschaft der ganzen Familie, so ist das Ritual durchaus zu ertragen. Der Rest des Tages ist Spaß und Unterhaltung.



Warum tun die Menschen das?
Viele, die hier Yakblut trinken, kommen von weit her. Aus Pokhara, aus Lumbini, aus dem tiefen Süden Nepals von der indischen Grenze kommen sie, aber auch aus den Tälern in der unmittelbaren Umgebung. Viele verschiedene Ethnien sind zu identifizieren in diesem Lager. Hinduisten, Buddhisten, Animisten - alle sind sie da. Und allen gemeinsam ist wohl, dass sie die medizinischen Hintergründe nicht erklären können, trotzdem aber wissen, dass es ihnen nach dem Blut-Drink in irgendeiner Weise besser geht.
Insbesondere gegen Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes soll das Yakblut helfen, aber auch dem allgemeinen Wohlbefinden ist es zuträglich. Die Heilkraft des Blutes geht zurück auf die Kräuter der Hochweiden, die die Yaks zu sich nehmen. Das wichtigste dieser Kräuter ist Yarka ghumba (summer grass winter insect) in Symbiose mit dem Pilz Cordyceps sinensis; Antibiotikum, Immunstimulans und Antitumorwirkung in einer Person! (siehe auch GEO 07/2009)
Ärzte konnten, wir haben es geahnt, eine medizinische Wirksamkeit in klinischen Versuchen bisher nicht nachweisen.
Die Erfolge, die sich unbestritten einstellen, sind wohl wie so oft psychisch und sozial bedingt.
Und die Kehrseite der Medaille? Keines der Yaks im Tal unterliegt medizinischer Kontrolle. Tuberkulose und Brucelliose sind weit verbreitet, die Ansteckung der Menschen unvermeidlich.



Blutbart


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Kommentare

  • astrid

    Was für ein aufregender Bericht - vielen Dank!
    LG, Astrid

  • Blula

    Oh Ildiko! Dieser wieder so lesenswerte Erlebnis-Bericht von Dir wird bei mir auf jeden Fall nachhaltige Wirkung hinterlassen. Ich danke Dir, dass Du uns hier an diesem Geschehen so direkt hast teinehmen lassen.
    LG Ursula

  • Aries

    Liebe Ildiko,
    es gibt diese Erlebnisse, die immer völlig unvermutet auftauchen und die dich deiner Zeit und deinem Raum entheben.
    Wie schmal ist doch das Segment von Leben, welches für uns das alltägliche bedeutet. In Augenblicken solcher Erfahrung, wie du sie gemacht hast, bekommt man für einen Moment die Ahnung von der unendlichen Vielfalt von Existenz und Lebensverständnis.
    Das prägt und verändert - das ist das Beste, was Reisen zu bieten haben!
    LG Hedi

  • Zaubernuss

    Liebe Ildiko
    Du hast einen sehr beseelten Bericht über eine Tradition geschrieben, die wohl in die frühesten Menschheitserfahrungen zurückgeht. Auch wenn es mich bei der Vorstellung, frisches Blut zu trinken schauert, finde ich den sinnlich einprägsamen Bericht wunderbar. Das Blut als Sitz des Lebens, als Seele Deines schön beschriebenen Rituals, ist ja mehr als unser und der Tiere Lebenssaft... Ich habe auch den Wacholder in den Tunnellzelten gerochen und bin mit den Menschen und Dir in der Bergwelt des Kali Ghandaki Tals gefolgt. Danke für gerade DIESEN Bericht! Liebe Grüsse: Ursula

  • mamaildi

    Vielen Dank ihr Lieben - ich bin stolz, so viel Lob zu bekommen, aber es freut mich auch, euch mitzunehmen in diese fremde Kultur, die mich so fasziniert.
    @ Beate: Nenri Nannen ist definitiv ein paar Nummern zu groß, trotzdem freut es mich natürlich, wenn du meine "runde" Geschichte würdigst! :-)))))))))))))))))

  • moho

    Liebe Ildiko,
    ich hab Gänsehaut!
    was für ein Miterleben in deinen Zeilen, Und dazu die spektatukären Aufnahmen.
    Danke dir fürs mitnehmen auf deine Reise.
    Bin wieder hart auf Couch gelandet! LG Moni

  • yunnanfoto

    Was für ein spannender Bericht ! Und Deine fotos dazugeben sehr gut die ganze Geschichte wieder. So ein Festival würde ich auch gerne miterleben.
    Wurde Euch eigentlichauch ein Becher angeboten ?
    LG, Herbert

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  • u18y9s26

    Ja, wo befindet man sich als Tourist, in der Mitte oder am Rande des Geschehens? Wolltet ihr überhaupt teilhaben? Ich glaube, ich selbst würde gerne Mäuschen spielen.
    LG Ursula
    P.S.Dein Bericht hat mich gepackt und mitgerissen.

  • mamaildi

    Moni, Herbert und Ursula - auch euch vielen Dank fürs Lesen, Bewerten und die interessierten Kommentare!
    Da dies kein religiöses Festival ist, bei dem man respektvollen Abstand halten sollte, ist man als Tourist wirklich mittendrin. Sowohl beim Blut abzapfen wie auch beim Bogenschießen, beim Kochen und beim Trinken natürlich. Wie überall gibt es Menschen, die freudig Auskunft erteilen und solche, die lieber ihre Ruhe wollen.
    Wenn wir einen Becher Blut gewollt hätten, müssten wir uns anstellen und zahlen - no problem!
    Und wenn du dabeisein willst, Herbert: Jedes Jahr in der zweiten Aprilhälfte, nach Nepali New Year, gehts los. Thasang ist ein kleines, sehr ursprüngliches (und von Touristen aufgrund der Lage oberhalb der Trekkingroute zumeist übersehenes) Dorf über dem Kali Ghandaki Tal, lohnt allein schon den Besuch.
    Das Lager ist unten am Boksi Khola, einem Nebenfluss des Kali Ghandaki. Bist damals direkt dran vorbei gelaufen ...

  • freeneck-farmer

    Ein sehr spannender Bericht. So soll Reisen sein, voll überraschungen. Und dan die Bilder dabei und spannend geschrieben. Ein großes Lob.
    Danke, LG Anneken

  • Vinni

    Beeindruckend, berühren dund auch ein bißchen gruselig. Aber sehr echt, so wie du es geschrieben hast und wie es rüberkommt. Danke fürs Teilen. :)

  • siro.reise

    Super Bericht, vielen Dank. Gruß Robert

  • Schalimara

    Kein Bericht über die üblichen Touristenerfahrungen - interessant und informativ, ein klein wenig grusselig bei der Vorstellung dieses Rituals, aber auf jeden Fall eine Bereicherung für den Leser.
    Danke, LG. Schalimara

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  • Guido

    Liebe Ildiko,
    fantastische Erlebnisse, hervorragender Bericht und grandiose Bilder!
    Liebe Grüsse
    Guido

  • shootingstar

    Wirklich ein Erlebnis der besonderen Art !!!!! Sehr spannend geschildert und mit dem passenden Bildmaterial unterlegt. Hoffentlich bleibt dieses Festival den Einheimischen weiterhin erhalten und fällt nicht bald dem schon in nächster Nähe lauernden Touristenstrom zum Opfer.
    LG Claudia

  • mamaildi

    Claudia, die Chancen stehen gut für den Erhalt des Festes. Die Touristenströme an dieser Stelle lassen eher nach. Durch das Kali Gandaki Tal wird ja momentan eine Jeep-Piste gebaut. Das hält Trekker davon ab, die einstmals legendäre Annapurna-Umrundung tatsächlich als Runde zu laufen, viele fliegen schon weiter oberhalb von Jomsom aus weg. Und die restlichen weichen zunehmend auf die andere Talseite aus - wer will schon im Staub von Bussen und Jeeps wandern...
    Danke dir fürs Lesen und Bewerten :-))

  • trollbaby

    Liebe Ildiko!
    Was für ein schaurig faszinierendes Festival habt Ihr da durch Zufall besucht! Deine Schilderungen und die tollen Fotos sind fesselnd, sodass man sich als Leser mittendrin fühlt! Ganz große Klasse!
    LG Susi

  • reisefreudig

    Servus Ildiko,
    ... mußte schon weit zurückgehen, um noch einen - nicht von mir bewerteten Reisebericht von Dir zu finden.
    Aber dieser ist ja eine große Freude für mich, da ich endlich in eine Gegend entführt wurde, welche ich noch nie gesehen, bereist habe. Deine Bilder dazu sind fantastisch und man kann dadurch einen richtigen Einblick ins Leben vor Ort gewinnen. Gratuliere der Bericht ist ein Volltreffer und außerdem spannend und besser als in einem Reiseführer geschrieben. Das sind noch die Touren, welche mich auch persönlich interessieren.
    lg Harald

  • mamaildi

    Danke Harald,
    ja, das Yak Blood Drinking Festival ist wirklich seeehr speziell und unbedingt zu empfehlen. In den üblichen Reiseführern ist es nicht erwähnt, das ist ein Fest von und für Einheimische, zeitlich auf die 2. Aprilhälfte begrenzt. Aber da das eine gute Reisezeit für das Kali Gandaki Tal ist: unbedingt machen, sowohl das Tal als auch das Fest :-))))

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