Zum Weinen schön - eine Stunde im Himalaya

Reisebericht

Zum Weinen schön - eine Stunde im Himalaya

Reisebericht: Zum Weinen schön - eine Stunde im Himalaya

"Was willst du denn SCHON WIEDER im Himalaya?" Das werde ich ständig gefragt. Darauf gibt es viele Antworten. Eine davon hier!

Begnas Lake, April 2011, 5.30 früh.
Biolärm. Fremde Vogelstimmen wecken mich in einer fremden Welt. Oder sind es Affen? Meine Vorhänge sind nicht zugezogen, draußen ist es grau. Schwindende Nacht oder immer noch Wolken? Gestern kamen wir im typischen Nachmittagsgewitter des Vormonsuns hier an, der Regen hörte zwar bald auf, die Wolken jedoch verzogen sich nicht mehr. Nichts zu sehen außer dem leise glucksenden Wasser des Begnas Lake. Jetzt treibt mich die Neugier hoch. Gibt es hier Berge? Auf der Bettkante sitzend verschlägt es mir den Atem.



Lichtspitzen



Die heilige Pyramide des Macchapuchare in der Mitte steht noch im Dunkeln. Also ist alles, was hier schon Licht hat, über 7000 m hoch. Die Annapurnas! Ich muss eine Entscheidung fällen. Anziehen - und damit entscheidende Minuten des zu erwartenden Schauspiels verpassen? Oder auf der Bettkante hocken bleiben und genießen? Ein bisschen bleibe ich noch sitzen ...



Heiliger Berg



Das Licht kriecht langsam den heiligen Berg hinunter. Ich beschließe, ihm entgegen zu gehen. Bis wir uns treffen, wird es allerdings noch eine Weile dauern - der Manaslu, ein mächtiger Achttausender, steht zwischen der aufgehenden Sonne und mir.



Aura



Ich steige die steilen Stufen hinter der Lodge hinauf, so kann man sich auch wärmen. Ganz alleine bin ich im Salbaumwald, die Menschen im Hotel schlafen noch, das Dorf ist weit. Die fremden Tiergeräusche haben hier draußen eine völlig andere Wirkung. Hat nicht mal jemand erzählt, dass es in der Gegend noch Leoparden gibt?



Zwei Welten



Die Berge scheinen mit jedem Schritt nach oben zu wachsen. Es zieht mich immer höher hinauf, vielleicht finde ich ja den perfekten Aussichtspunkt?
Obwohl ich noch im Schatten laufe, ist es nicht wirklich kalt. Nepal liegt in den Subtropen, allein die Höhe über dem Meeresspiegel entscheidet über wohlige Wärme oder eisige Kälte. Ich befinde mich hier unter 1000 m Meereshöhe. Trotzdem - das ewige Eis schimmert durch Bambus und Bananen, ist zum Greifen nahe, ist immer präsent in diesem Land. Was für Gegensätze!



Südfrüchte



Wir haben es geschafft, die Sonnenstrahlen und ich, sind hoch oben auf dem Grat zusammengekommen. Hier thront auch das Dorf, und genau in diesem Moment beginnt es zu leben. Hinter mir erklingt das nepaltypische Räuspern und Rotzen. Eine freundliche Geste lädt mich zum Ausblick auf die Veranda.



Zimmer mit Aussicht



Ich schlendere weiter die Dorfgasse entlang. Rauch steigt aus Häusern und Höfen auf. Der erste Tee, der erste Reis. An der Wasserstelle werden Kanister gefüllt, Zähne geputzt.
Als ich bemerkt werde, die Kamera auf die hohen Berge gerichtet, ein selbstbewusstes Nicken. Die Nepali verstehen zwar nicht wirklich, was uns Fremde von der reichen Seite der Welt hierher führt, aber sie sind stolz, dass wir kommen, sind stolz auf ihr Land.



Langsames Erwachen



Mit einem Mädchen unterhalte ich mich ohne zu sprechen.
Gesten reichen, Mimik, und als besonderes Kommunikationsmittel die Bilder auf meinem Kameradisplay. Sie berichten darüber, woher ich komme, was ich schon erlebt habe, was mir wichtig ist und im Gedächtnis bleiben soll.
Sie muss nun ihre Morgentoilette verrichten, die Hühner füttern und später wird sie zur Schule gehen.
Ich trete den Rückzug an, hinunter zum See in meine Lodge, wo ich den Rest der Gruppe noch schlafend finden werde. Eine Stunde wurde mir geschenkt, der schreienden Vögel sei Dank, eine Stunde zum Weinen schön.



Nur noch ein Grat



Und um die Mittagszeit, da werde ich auf diesem Grat vor dem Macchapuchare stehen. Mein Lunchpaket picknicken und eine neue einzigartige Stunde erleben ...




Teilen auf

Mein Interessenprofil

Bitte melden Sie sich an, um Reiseziele zu Ihrem Interessenprofil hinzuzufügen.

Kommentare

  • daniel.olzien

    Der Bericht ist wirklich auch sehr schön. Auch wenn die meisten von uns dort nie hinkommen werden, dort nie hinkommen können, habe ich den eingebundenen Hoteltipp für Morgen auf der Startseite empfohlen. Sozusagen als Tipp und als Inspiration.
    Gruß, Daniel (Olzien)

  • mamaildi

    Danke für euer positives feedback. Es war mir einfach ein Bedürfnis, diese Stunde voller Emotionen mit euch zu teilen.
    Und dort hin zu kommen, das ist eigentlich gar nicht so schwer und gar nicht abwegig. Nicht schwieriger als, sagen wir mal, Miami Beach zu erreichen. 10 Stunden Flug nach Kathmandu, ein 30-minütiger Anschlussflug nach Pokhara. Dort erwartet den Reisenden der Hoteljeep, der ihn in 15 Minuten zum Schiffsanleger bringt. Keinesfalls muss man also ein ambitionierter Bergfex sein, um den Himalaya in seiner vollen Pracht genießen zu können ;-))

  • trollbaby

    Dank Deiner Schilderungen und Deiner eindrucksvollen Fotos hat man das Gefühl, den anbrechenden Tag in dieser einzigartigen Kulisse gerade selbst zu erleben! Traumhaft!
    LG Susi

  • mamaildi

    Dann hast du es ja noch erlebt, bevor die Maos es abgebrannt haben! Inzwischen ist es wieder aufgebaut, fast genau so wie vorher.

  • Aries

    Deine Gefühle, deine Gedanken kommen ungefiltert rüber.
    Sehr anrührend geschrieben und mit Bildern in zauberhaftem Licht versehen.
    Nein, Berge sind nichts mehr für mich (gesundheitsbedingt), aber mit solchen Beschreibungen kann man die Faszination wieder spüren.
    LG Hedi

  • Blula

    Dort werde ich wohl auch nie hinkommen, liebe Ildiko.... aber, wie schön, dass ich hier diesen wunderbaren Bericht von Dir lesen durfte.... so kann ich mindestens davon träumen. Danke!
    LG Ursula

  • mamaildi

    Ursula und Hedi: Das Begnas Lake Resort liegt auf nur 800 m Meereshöhe (also wie meine Heimatorte auf der Schwäbischen Alb und im Allgäu), ist mit 10 Stunden Flug (also nicht mehr als USA) plus einer Kahnfahrt von 20 Minuten zu erreichen. Vom Bett aus, bei geöffnetem Fenster, sieht man die komplette Annapurna Range (inklusive der Achttausenderspitze der Annapurna 1). Man muss sich nur ein bisschen rauslehnen, dann rücken Manaslu und Dhaulaghiri, zwei weitere Achttausender, ins Blickfeld. Kein Trekking notwendig, keine Aufstiege über 1000 Stufen. Das Hotel hat westlichen Standard, wirklich westlichen, als eines von zwei Hotels in ganz Nepal. So what ...

  • nach oben nach oben scrollen
  • moho

    Atemraubende Bilder (schnapp) und Mund wieder erfolgreich zugeklappt fühle ich mich hineinversetzt, schlaftrunken das leuchtende Feuer der ersten Sonnenstrahlen auf den hohen Gipfeln sehend. Als ich mich lesen lassest, auf der Bettkante hocken bleiben und geniesen, habe alle meine Sinne geschrieren, RAUSLAUFEN und von Draußen genießen!
    Toller fessenlder Bericht. 10 Sterne reichen reicht aus.

    Danke fürs Mitnehmen. LG Moni

  • agezur

    Diese atemberaubende Bergwelt konnte ich genau so erleben wie du es beschreibst!
    Ein überwältigendes, unvergessliches Erlebnis,das ich jedem wünschen möchte.
    Ein winziger Unterschied - wir wohnten in der Fish Tail Lodge in Pokhara. Ebenfalls ein ganz ausgezeichnetes Hotel.
    LG Christina

  • RC-Redaktion

    Und weil es so schön ist, wird heute der Reisebericht auf der Startseite empfohlen. Emotionen pur, das macht Lust zum Nachmachen!

  • Jabba

    Vielen Dank! Ich bin hin und weg! LG, Kathrin

  • Zaubernuss

    Eine geschenkte Stunde: Dein Reisebericht hat mich an einen Ort geführt, wo die Götter wohnen. Zwischen den Zeilen kann ich ihre Sprache vernehmen, tauche ich ein in das, was Du erlebt hast. Einfache Dinge, von Dir gesehen, gespürt und einfühlsam interpretiert. Danke und liebe Grüsse: Ursula

  • freeneck-farmer

    Wunderschön, Bild und Text. Und wie du uns Mut machst das jeder da hin kann.
    Ein Lichtblick in mein Tag, Danke!
    LG Anneken

  • nach oben nach oben scrollen
  • Wilfried_S.

    Das klingt ja richtig einladend! Danke für Deinen sehens- und lesenswerten Bericht, der Urlaubsplanungen wieder völlig durcheinanderbringen könnte.
    lg Wilfried

  • pleuro

    Ich bin sehr berührt von Deiner emotionalen Schilderung. Natur mit allen Sinnen zu erleben und zu empfinden ist eine wunderschöne Gabe. Es gibt im Leben immer wieder besondere Momente, von denen man lange zehrt. Dieser war sicher einer davon. Mir ist´s, als wäre ich dabei gewesen.
    Liebe Grüße
    Anne

  • Hortensie7

    Natur pur - mit allen Sinnen zu genießen.... Sehr "mitnehmend" geschrieben... lg, Petra

  • siro.reise

    Einfach herrlich. Gruß Robert

  • Kappi (RP)

    Toll geschrieben und wunderschön in Szene gesetzt. So ähnlich durfte ich den Himalaya vor Jahren am Kanchenjunga in Sikkim erleben. Die Erinnerung daran war durch den treffenden Bericht sofort wieder da.
    Gruß, der Jürgen

  • Guido

    Liebe Ildiko,
    was für ein Gänsehaut Bericht. Beim Lesen deiner einfühlsamen Schilderung und dem Betrachten deiner fantastischen Bilder bekam ich nasse Augen. Danke dass du uns auf diesen Morgenspaziergang mitgenommen hast Ein besonders Erlebnis der Spitzenklasse.
    Liebe Grüsse
    Guido

  • nach oben nach oben scrollen
  • Korallenriff

    Liebe(r) Ildiko,
    ein wirklich toller, ergreifender Bericht, der mich an eine meiner schönsten Reisen, nach Nepal, erinnert. Und schon ist es wieder da, das Fernweh!!!!!!!
    Liebe Grüße
    Bernd

  • Schili

    Ich kann die Gefühle und Empfindungen zu 100% nachhalten....:-) Gruss aus Köln .

  • ursuvo

    ...und so kann ich mich all diesen positiven Kommentaren nur voll anschließend - ich bin richtig mit Dir durch den Morgen gelaufen!!!

  • widix

    Liebe Ildiko,
    bei solch fantastischen Bildern und der hautnahen Beschreibung des Sonnenaufgangs im Himalaya muss man wohl nichts mehr anfügen. Einfach klasse!!!
    Liebe Grüße
    Sabine

  • sandrella2706

    Danke für den schönen Einblick, ich will nächstes Jahr wieder in den Himalaya- Nepal und Tibet. Liebe Grüße Sandra

  • niglotraveller

    Was für wunderschöne Impressionen vom (fast-) Dach der Welt. Mich jedenfalls haben sie träumen angeregt und mir eine neue Reisedestination in Aussicht gestellt - sofern das Land nach zwei heftigen Naturkatastrophen wieder zur Ruhe kommt.

    LG

    Nicolás

  • nach oben nach oben scrollen
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. Zum Weinen schön - eine Stunde im Himalaya 4.98 41

Beliebte Community-Inhalte: AustralienNorwegenThailandVietnamItalienBarcelonaIndien ReiseführerIndien Tipps