Auszeit in Australien

Reisebericht

Auszeit in Australien

Reisebericht: Auszeit in Australien

Wer könnte Namen wie Sydney, Great Barrier Reed oder Outback hören, ohne den Wunsch zu haben, dorthin aufzubrechen. Fünf Wochen unverplante Zeit, ganz ohne Verpflichtungen, das ist die richtige Gelegenheit, um ganz große Sprünge zu machen: ins Land der 'No-worries-Mentalität'. Eine Reise in Episoden

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Des Australiers oberste Maxime

Hamburg - Den Meister der Reportage habe ich durch Zufall gefunden. Zwischen zerfledderten Büchern, in der Unordnung eines Antiquariats. Da, plötzlich: Egon Erwin Kischs „Landung in Australien“ von 1937. Zwölf Euro fünfzig nur für Buch und Staub. Kisch erzählt vom „Märchen Sydney“ von der „bizarr gezackten, von Hügeln umsäumten Bucht“. Wach beobachtet, brillant geschrieben. Der entscheidende Satz des Buches aber, obwohl etwas steif, ist folgender: „Sich das Leben so leicht wie möglich zu machen, sich Hirn und Seele nicht allzu sehr zu beschweren, ist des Australiers oberste Maxime.“ Sich das Leben so leicht wie möglich machen... Moderner ausgedrückt, die No-worries-Mentalität. Sie unterscheidet die Australier so wohltuend von uns Deutschen. Genau deshalb brauche ich eine AUS-Zeit.



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Kleiderbügel zum Auftakt

Sydney – Ich habe nicht gewusst, dass sechs Millionen Schrauben die Sydney Harbour Bridge zusammenhalten. Steve wusste es. Er wusste auch, dass die Brücke 1149 Meter lang, 141 Meter hoch und fast 53 000 Tonnen schwer ist. Dass 1400 Arbeiter sie von 1923 bis 1932 zusammenschraubten und 16 dabei starben. Dass 272 000 Liter Farbe verbraucht wurden und 95 000 Kubikmeter Zement. Was Steve nicht erzählt, ist auch unheimlich spannend: Er und seine knapp hundert Guide-Kollegen lassen jeden Tag von 5 Uhr morgens bis 23 Uhr in der Nacht fast 1400 Touristen in handlichen 12er-Gruppen auf die Brücke klettern. Ticketpreis ab 179 Dollar. Macht mehrere hunderttausend Dollar in 24 Stunden. Ein paar Prozent für die Staatskasse von New South Wales, der Rest aufs Konto der privaten BridgeClimb-Gesellschaft von Paul Cave. 20 Millionen Dollar Gewinn pro Jahr, schätzt die Australian Financial Revue, die die Geschäftsidee des Herrn Cave als 'more than clever' preist. Aber wir sind auch 'more than clever', erklimmen den Kleiderbügel, wie die Sydneysider ihre Brücke liebevoll nennen, gleich morgens mit der ersten Gruppe. Und für das frühe Aufstehen gibt es auch noch eine Sonderbehandlung: Wir müssen nicht in eine der 12er Gruppen, dürfen die Sicht besonders lange genießen: Rechts Opernhaus, der duftende Botanische Garten, die Hochhäuser, in denen sich das grelle australische Licht spiegelt. Links Darling Harbour, das Olympiastadion, die Blue Mountains. Und überall dazwischen kostbar funkelndes Wasser. 'An ultimate experience', wie es die Website www.bridgeclimb.com verspricht. Wirklich. Nur leider erlebt das außer uns kaum jemand so. Das muss auch Steve zugeben.



Wunderwelt

Clownfisch

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Great Barrier Reef – Heute habe ich einen Teil des größten von Lebewesen egechaffenen Bauwerks der Welt gesehen. Einen winzigen bloß: Zehnmal so groß wie ein Fußballfeld war er. Und ich bin beeindruckt. Nein, mehr. Begeistert, sogar
vom Great Barrier Reef, das sich von Fraser Island über tausende Kilometer entlang der Ostküste Australiens bis nach Cape York ganz im Norden zieht. Winzige grell neonfarbene Fische habe ich durch die Taucherbrille beobachtet. Sie necken sich im Wasser. Sie nagen an Korallen. Dann zucken sie plötzlich zusammen, ändern blitzschnell die Richtung. Einige Sekunden nach ihnen, sehe auch ich den großen Fisch, den Grund ihrer Panik. Etwas über einen Meter lang. Spitze Flosse auf dem Rücken. Geschlitzte Kiemen. Ein Hai. Ein harmloser, glaube ich. Dennoch entscheide ich mich für Rückzug. Tauche auf und verlasse die Wunderwelt.



Magritte im Outback

Goliath

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Mt. Isa – Langsam begreife ich, was Outback wirklich bedeutet. „There is nothing much for the whole journey”, sagt der Lonely Planet. Und wirklich: Tankstelle, dreihundert Kilometer Staub. Wieder Tankstelle. Wieder Staub. Und schnurgerade Straßen bis zum Horizont. Eigentlich könnte man das Lenkrad festbinden, denke ich. Das Gaspedal beschweren. Hundert Stundenkilometer, immer Richtung Westen, bitte. Aber eintönig? Langweilig gar? Mitnichten. Wir sehen Emus, Kängurus, gewaltige Termitenhügel und die Devil's Marbles, bei denen es tatsächlich mit dem Taufel zugeht: Jeder kann zwischen den Granitmurmeln zum Goliath werden. Indem man den Fotoapparat entsprechend dreht (siehe Foto). Und immer mal wieder donnert ein tonnenschwerer Roadtrain an uns vorbei, drängt uns gefährlich ins Schotterbett. Wie gut, dass man die Riesen minutenlang kommen sieht. Klein wie ein Stecknadelkopf tauchen sie am Horizont auf, um dann immer größer zu werden. Und über allem spannt sich der unnachahmlich blaue Outback-Himmel samt ein paar wenigen Wattewolken. Magritte, schießt es mir durch den Kopf. Der berühmte Surrealist hat genau solche Bilder gemalt. Unwirkliche Landschaften in Öl. Hier gibt es sie in Realität.



Nirgendwo und sowieso

White Cliffs – Der Weg zu Patch? Ganz einfach: beim verrottenden Sessel links abbiegen, am halben Fernsehgerät vorbeifahren und vor dem roten Ford Falcon stoppen. Auf dem Dach des Autos steht eine übergewichtige Ziege. Im Schatten unter einem Wohnwagen, direkt neben dem Auto, lungert ein schlammverkrustetes Schwein. Als wir aussteigen, quiekt es so schrill, dass die Tür des Wohnwagens sofort auffliegt: Patch kommt heraus. Er schaut uns an, eine schwarze Augenklappe, deren Band verdreht ist, verdeckt sein rechtes Auge. Patch heißt eigentlich Michael Kooyman und hat sieben Jahre studiert: Psychologie und Soziologie – bis zum Doktortitel. Er und seine Frau, eine Kinderärztin aus Adelaide, haben zwei Söhne und eine Tochter, verdienten 12000 australische Dollar die Woche. „Aber war ich glücklich?“ Als Antwort krault Patch seine Ziege. Heute lebt der Mann mit der Augenklappe von 824 Dollar Arbeitslosengeld im Monat inklusive remote area allowance, einem Bonus für Einwohner besonders abgelegener Gebiete. Das neue Leben kostete ihn außer Entschlossenheit nur sechs Flaschen Bier, die er gegen den klapprigen Wohnwagen tauschte. Reifen hatte seine Bleibe keine, ihre Felgen versanken rostend im Staub, aber das war unerheblich. Sie sollte genau da stehen bleiben, wo sie stand: auf dem Mond.


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Kommentare

  • dr.ray

    Hey sehr cool geschrieben und vor allen sehr witzige und krative Bilder. Hamburger erobern die Welt! Grüße aus Japan

  • ruediger

    Kann dr.ray zupflichten - echt witzig geschrieben! LG Rüdiger

  • FlashMan

    Ich will zurück! Schön geschrieben. Die kleinen Details an Rande finde ich klasse.
    Ich ärgere mich noch heute nicht auch den "Bridge-Walk" gemacht zu haben. Aber so habe ich wenigstens einen Grund zurückzukommen. Viele Grüße. Christian

  • AndyH

    Servus nach Hamburg (oder wo immer du gerades steckst)!

    Dein toll geschriebener Reisebericht lässt Erinnerungen an bedrohlich summende Moskitohorden, tiefe, mit unserem 88er Falcon unüberwindbare Wasserlöcher auf der Gibb River Road und an prägende Begegnunen mit abgespacten Outbackbewohnern wieder wach werden! Freue mich schon auf weitere Berichte von dir!

    LG Andy

  • Falbala

    Also wer bei dem Bericht kein Fernweh bekommt, dem ist nicht zu helfen! Nächsten Sommer bin cih an der Reihe!! Gruß aus NRW Falbala

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