'Ferien' in Indien – Alltag und Abenteuer mit unseren 3 Kindern (Sommer 2007)

Reisebericht

'Ferien' in Indien – Alltag und Abenteuer mit unseren 3 Kindern (Sommer 2007)

Reisebericht: 'Ferien' in Indien – Alltag und Abenteuer mit unseren 3 Kindern (Sommer 2007)

Dieses Tagebuch war im Original auf unserer selbst organisierten Trekking-Reise immer bei uns, sonst wäre das Schreiben kaum möglich gewesen. Noch einmal abgeschrieben, lässt es sich nun auch besser weiter geben. Die Reiseteilnehmer:(unsere Familie, mit Alter zum Zeitpunkt der Reise): Carla (46), Thomas (45), Johann Tenzing (6), Arthur (12), Richard (15)

Für Kira

,mit der wir ihr letztes Weihnachtsfest 2007 zusammen verbracht haben. Im November 2007 haben wir Kira und anderen Freunden beim Weltenbummlertreffen in Ließen unsere Bilder das erste Mal vorgestellt. Da es sich größtenteils um Diapositive handelt, greifen wir für diesen Bericht auf einige der weniger zahlreichen Digitalfotos zurück.

Unser Reiseführer, den wir unterwegs dabei hatten:
Reise-Know-How, Nordindien, 2006
Indische Währung: Rupie (50 Rs. = ca. 1 €)



Reisestationen

Tag Startort Zielort Unterkunft
20 Leutzsch 10:44 (Delhi) Flug LH 762
21 Delhi-Flughafen ca. 8:00 Rishikesh New Bandhari Swiss Cottage
22 Rishikesh Rishikesh New Bandhari Swiss Cottage
23 Rishikesh Rishikesh New Bandhari Swiss Cottage
24 Rishikesh Rishikesh New Bandhari Swiss Cottage
25 Rishikesh Rishikesh New Bandhari Swiss Cottage
26 Rishikesh Uttarkashi New Bandhari Hotel
27 Uttarkashi Gangotri Mandakini guest house
28 Gangotri Gangotri Mandakini guest house
29 Gangotri Gangotri Mandakini guest house
30 Gangotri Gangotri GMVN „Ganga“ guest house
31 Gangotri Bojhvasa Shri Ram Baba Yoga Ashram
1 Bojhvasa Bojhvasa Shri Ram Baba Yoga Ashram
2 Bojhvasa Uttarkashi Hotel Himanchal
3 Uttarkashi Mussouri Hotel Prince
4 Mussouri Mussouri Hotel Prince
5 Mussouri Mussouri Hotel Prince
6 Mussouri Mussouri Hotel Prince
7 Mussouri Rishikesh New Bandhari Swiss Cottage
8 Rishikesh Rishikesh New Bandhari Swiss Cottage
9 Rishikesh Delhi Hotel International (Pahar Ganj)
10 Delhi Agra Mayur Tourist Complex
11 Jaipur Jaipur Evergreen guest house
12 Jaipur Jaipur Evergreen guest house
13 Jaipur Pushkar Navratan Hotel
14 Pushkar Pushkar Navratan Hotel
15 Pushkar Pushkar Navratan Hotel
16 Pushkar Pushkar Navratan Hotel
17 Pushkar Delhi Hotel International (Pahar Ganj)
18 Delhi Delhi Hotel International (Pahar Ganj)
19 Delhi Delhi Hotel International (Pahar Ganj)
20 Delhi-Flughafen ca. 7:00 Leipzig ca. 20:15



Freitag, 20./Samstag 21.07.2007

Ca. 21.30 Uhr verzögerter Start in München wegen Gewitter. Gleich zu Beginn starke Turbulenzen, sonst ruhiger Flug. Später lachen alle über die „starken Turbulenzen“. Angesichts unserer späteren Erlebnisse in Indien schien uns diese Formulierung doch etwas zu dramatisch gewählt.

Als wir in Delhi ca. 08.00 Uhr landen, sind es schon + 35°C. Es gibt nur eins: wir müssen schnell weiter.
Die Überlegung, einen Jeep für mehr als 200, - € bis Rishikesh schon von zu Hause zu buchen, hatten wir bereits vor dem Reisebeginn wieder verworfen. Obwohl von einem indischen Reisebüro angeboten, schien das angesichts der realen Preise in Indien stark übertrieben. Ein prepaid Taxi für 340 Rs. (ca. 7 €) war erst einmal eine gute Lösung, um zur Kashmiri Busstation, dem zentralen Busbahnhof in unsere Richtung zu gelangen. Da muss man gar nicht über den Preis diskutieren, was später kaum noch vorkam. Man will offenbar wenigstens kurz nach der Ankunft in Indien die Touristen noch ein wenig schonen.
Auf der Fahrt in die Stadt haben wir die erste Begegnung mit großem Elend (Bettler klammern sich ans Taxi, halten ihre Hand zum offenen Fenster herein, liegen oder sitzen am Straßenrand. Viele davon sind Kinder. Das erschreckt uns. Alles erscheint uns grau, laut, schmutzig, heiß.
Wir haben großes Glück am Busbahnhof. Wir treffen deutsche Reisende, die schon zusammen mit uns im Flugzeug waren und die schon einen für indische Verhältnisse sehr guten Bus nach Haridwar ausgemacht haben. Sie haben auch Kinder mit, 7 und 10 Jahre alt. Wir schließen uns an. Wir hätten diesen Bus so ohne Weiteres nicht gefunden. Es steht ja – wenn überhaupt – alles nur in Hindi geschrieben. Verlässliche Abfahrtpläne findet man nicht. Für uns ist ein weiterer Vorteil, dass die Frau (Michaela) sogar Hindi spricht (sie lebte vor 15 Jahren mal hier). Erste Fotos werden gemacht und das erste indische Essen während einer größeren Rast eingenommen. Nach 18.00 Uhr kommen wir nach dem Umstieg in Haridwar in Rishikesh an.

Eindrücke der ersten Busfahrt:
Keine Minute vergeht ohne lautes Hupen (alle verlassen sich drauf und springen erst im letzten Moment rüber). Später kommt noch laute Musik dazu. Wir schlafen trotzdem, weil wir noch völlig erschöpft von der kurzen Nacht und der Hitze sind.
Verkäufer verschiedenster (unnötiger) Dinge hatten kurze oder längere „Auftritte“ im Bus, steigen beliebig zu und auch wieder aus. Ihre kurzzeitigen Mitfahrten scheinen normal und respektiert. Sicher verdient der Busfahrer da was mit.



Sonntag, 22.07.

Wir haben bis Mittag geschlafen, denn wir haben ca. 6 Stunden Zeitverschiebung noch nicht verkraftet. Unser Guesthouse: das sehr freundliche und auf europäische Backpacker-Touristen gut eingestellte „New Bandhari Swiss Cottage“. Nachts gibt es Gewitter und viel Regen, tags bleibt es trocken. Es gibt in der direkten Umgebung einige weitere Unterkünfte auf ähnlichem Niveau.
Die Zimmer sind sehr gut (700 Rs.) bzw. gut (250 Rs. ohne Bad). Von der Terrasse haben wir einen herrlichen Ausblick über den Ganges. Nach reichhaltigem Frühstück mit viel Früchten, Porridge, Omelett, Juice machen wir einen ersten Rundgang über beide Brücken am oberen Gangeslauf durch Rishikesh (kaum Touristen, viele Kühe, einige Sadhus, viele Tempel, Fotos.
Die Ruhepausen am Ganges tun sehr gut, da es hier angenehm kühl ist. Abends erleben wir hier eine Pusha (hinduistisches Fest). Die tiefe Religiösität der Menschen ist sehr beeindruckend, ebenso wie die Verehrung des Ganges. Vor allem die vielen kleinen Blütenkörbchen mit einem Kerzenlicht (und den geheimen Wünschen des Absenders), die von den Gläubigen dem Ganges übergeben wurden, bleiben uns lange in Erinnerung.



Abfüllbehälter für Gangeswasser



Montag, 23.7.

Mittags starten wir nach Haridwar. Es fährt gerade ein Bus über Chilla. Wir steigen kurz entschlossen schon dort (nach ca. 10 km) aus, weil wir den Eingang zum Nationalpark „Rahiji“ ausmachen. Hier leben Elefanten, Tiger und andere wilde Tiere. Wir wussten zwar, dass er im Juli und August geschlossen hat, aber wir wollten es einfach trotzdem versuchen - wir hatten das Glück aber leider nicht. Nach kurzen Gesprächen und wenigen Fotos (vor allem von den Affen) stoppten wir den nächsten Bus weiter nach Haridwar. Haridwar ist eine der vier heiligsten Städte Indiens - für uns vor allem Trubel, Massen von Menschen in den engen Gassen auf dem Weg zum berühmten „Huripauri“-Ghat.
Die erwarteten Pilger trafen wir hier nur vereinzelt, dafür viele Familien, viele junge Leute. Das Bad im Ganges machte den meisten großen Spaß, gerade die jungen Männer waren dabei sehr ausgelassen. Am liebsten wären wir auch mal reingesprungen. Aber wir erregten einfach durch unsere Anwesenheit schon mehr Aufmerksamkeit als wir wollten. Damit ergab sich aber zugleich häufig die Gelegenheit zu Fotos, die sich aus dem daraus folgenden Kontakt ergaben (oder umgekehrt). Allgegenwärtig überall: Polizist(inn)en, die sich auch gleich einmischten, als sich um uns herum mal wieder eine Traube gebildet hatte. Ein Ehepaar hatte mich angesprochen, ob ich sie fotografiere - natürlich gern (häufiger wollen ja wir - und uns wurde es nicht erlaubt)! Ein wenig verwundert waren sie aber, dass sie kein Foto danach sehen konnten. Normalerweise bieten wir auch an, das Foto später zu schicken. Aber die Adresse? Die Frau zeigte mir ihren Daumen. Bei allen Reisen war mir das noch nie passiert. Ein Mann hat gleich geholfen und die Anschrift nach Ansage notiert. Das war der Moment, als ein Polizist glaubte, ihn von uns wegdrängen zu müssen, obwohl ich selbst stark dagegen protestierte. Kurz danach, auf dem Ghat angekommen, beobachteten wir mehr von dieser sehr unangenehmen polizeilichen Willkür. Die richtete sich ausschließlich auf die Verkäufer, meist Kinder bzw. Vertreter niedriger Kasten. Wie Hunde wurden sie weggeprügelt - die den Gläubigen für die bevorstehende Pusha Plastikfolien zum Draufsetzen verkauften - für unter 5 Cent. Interessiert bemerkten wir, dass die meisten Folien deutsche Verpackungen für Wurst, Hunde - und Katzenfutter waren, die offensichtlich in Indien sehr billig für Deutschland bzw. auch andere Länder hergestellt werden. Hier werden sogar davon die Abfälle verwertet - von Dingen, die im Grunde völlig überflüssig sind. Es ist doch grotesk, wenn bei uns Hunde und Katzen besser versorgt werden als diese Kinder, die uns die Folien für wenige Rupien verkaufen wollen. Hier kaufen die Leute, zumindest die Nicht-Reichen, nur, was sie unmittelbar brauchen - sofern sie das gerade können. Für uns ist das meiste einfach spottbillig. Ob Essen, Taxi oder Klamotten. Aus Prinzip müssen wir aber immer mithandeln, um nicht die üblichen Preise zu zerstören, sonst kann sie sich bald kein Inder mehr leisten. Das Teuerste ist prinzipiell die Unterkunft, hier zwischen umgerechnet 2,50 € (einfach, mit Toilette und Ventilator) und 7 € (zusätzlich mit Badewanne) pro Bett. Statt der Decken nehmen wir immer die eigenen Schlafsäcke - und konnten, bis auf wenige Mücken, anderes Ungeziefer (Flöhe Wanzen,…) dadurch jetzt vermeiden. Nur einen kleinen Gecko wollte ich abends doch lieber aus dem Zimmer haben, was das Schlafen bestimmt um 1 Stunde verzögerte. Eigentlich Unsinn, der Gecko wollte doch nur helfen, die Mücken zu beseitigen. So „verzivilisiert“ ist man eben schon. Diesen Gedanken habe ich in Indien häufig. Wie halten die Leute das nur aus, ständig mit der Gefahr, mit dem Dreck oder einfach völlig ohne Komfort zu leben - beim Schlafen (bzw. Wohnen) unter Plastikplanen neben Tümpeln am Straßenrand (diese Plätze nehmen sich die Ärmsten, die macht niemand streitig), beim Anbieten von Waren unter stressigsten Bedingungen (in die Herstellung derselben werden wir nicht mal Einblick bekommen - würden wir das aushalten?), oder wenn die Inder oft stundenlang draußen am Bus mitfahren. Wir fühlen uns schon genervt, wenn wir auf einer längeren Strecke keinen Sitzplatz haben. Zumindest in der Stadt ist man in Indien immer von Massen umgeben und damit auch von Kontrasten, von sehr viel Schönheit und bitterster Armut, von Stolz und Lebensfreude und zugleich von Elend, was tiefer kaum geht (Krüppel, Bettler). Man kann (und sollte) denen (außer Kindern) auch etwas geben - aber auch hier wieder nicht mehr als die Inder selbst, sonst zählen deren Spenden nichts mehr.



Bad im Ganges

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Dienstag, 24.7.

Wie fast immer regnet es morgens immer noch leicht. In dieser Nacht haben wir nicht mitbekommen, ob es auch wieder gewittert hat. Lang schlafen, gemütlich frühstücken – die Hektik blieb zum Glück zu Hause. Ansonsten sind wir hier ja noch dieselben Menschen wie zu Hause und haben unsere Konflikte (z.B. innerhalb der Familie) auch mit genommen. Hier haben wir aber den Vorteil, uns darauf auch mal ohne Zeitdruck einlassen zu können – zu Ende auszufechten, was zu Hause mitunter sinnlos eskaliert.
Ich fühle mich auf solchen Reisen – die uns Land und Leute mit ihrem Leben nahebringen, mehr wirklich „dabei“, im Sinne: ich bin hier mitten im Leben – mehr als zu Hause. Hier muss man vieles nicht tun, was uns vom eigentlichen Leben zu Hause eher entfernt: ob es das Ordnen von Unterlagen ist oder rechtzeitig irgendwelche Anträge zu stellen, einfach die Bürokratie zu bedienen. Dabei ist vieles davon ja gerade dazu da, dass es gerechter zugehen soll. Aber das hat halt auch viele Schattenseiten.
Klar sind wir hier Exoten, aber jedes Gespräch, jedes Lächeln, verbindet ungemein – und gibt Sinn. Die Ohnmacht, gegen das Elend nichts ausrichten zu können, ist hier nicht größer als zu Hause, nur direkter präsent. Und nichts zu tun, als aufzunehmen, ist sinnvoller als vieles, was wir zu Hause tun (müssen?). Heute haben wir nicht so viel vor. Wir schlendern erstmal in ein Internet -Café, das mit Breitband ausgewiesen ist. Hier habe ich die Chance, die über 120 e-mails (davon nur 5 (!) wirklich an mich gerichtet) zu löschen, damit wieder welche empfangen kann. Zu Hause nimmt mir das ein Filterprogramm ab. Das sind echt nutzlose Tätigkeiten. Wenn wir aber darauf verzichten, können wir diesen recht angenehmen Weg der Kommunikation nicht mehr nutzen.
Weiter sind wir entlang zahlreicher Ashrams gelaufen, haben auch eines mal besucht. Man hat im Ashram ein sehr entspanntes Klima und ist immer willkommen. Lediglich die Regeln sind zu akzeptieren. So muss man z.B. im Tempel die Schuhe ausziehen. Es wird nichts aufgedrängt. Das ist u. a. so angenehm am Hinduismus. Auch die Pusha, die wir erneut zur Dämmerung am Ufer des Ganges miterleben, ist eher ein großes Freudenfest als ein Glaubensritual. Es wird gesungen, geklatscht und viele Körbchen mit Blumen (und eigenen Wünschen) werden dem Ganges übergeben. Der Ganges führt momentan viel Wasser, so dass die Kerzen in den schwimmenden Körbchen durch die starke Strömung schnell verlöschen.



Mittwoch, 25.7.

Heute wollen wir vor dem Start in die Berge noch einen Entspannungstag einlegen z.B. mal zum privaten Busbahnhof fahren, um Infos über einen der besseren Busse (für uns nach Uttarkashi) einzuholen. Ich möchte endlich ein paar homöopathische Mittel besorgen, bisher fand ich nur ayurvedische Apotheken. Der Yatra-Busbahnhof liegt mitten im geschäftigen Zentrum von Rishikesh. Das bedeutet, dass wir uns beim Laufen auf der Straße permanent konzentrieren müssen – nicht nur, um nicht in irgendeine Pampe zu treten oder im Abwassergraben zu landen (dessen Geruch ständig wechselt und nichts Gutes verheißt). Hier haben jene Vorrang, die am lautesten hupen und mit ihrer Größe die anderen rücksichtslos von der Straße drängen. Gehen wir nun lieber rechts, um uns rechtzeitig auf die Entgegenkommenden einzustellen - oder links mit im Strom? Am Ende hüpfen wir mal hier und mal da, wo es gerade ungefährlich aussieht. So stehen wir häufig direkt vor den Elendplätzen, an denen die aller ärmsten Familien leben und wo sie am Tag meist auch noch einer trostlosen Arbeit nachgehen. Frauen und Kinder müssen gleichermaßen mitarbeiten. So sahen wir hier, wie Steine geklopft, Nägel gerade gebogen oder Stahldrähte geschnitten werden. Für ein Foto bekomme ich hier meist keine Einwilligung. Ich werte das als ein Stück Würde, welche sich die Menschen in ihrem Elend bewahren. Auf der anderen Seite hat man hier viele bettelnde Kinder, denen wir aber nie etwas geben – so schwer es auch fällt, wenn das Elend dieser Kinder einem so unmittelbar bewusst ist. Trotzdem dürfen diese Kinder nicht die Erfahrung machen, das Betteln eine Alternative für einen Sinn im Leben sein kann. Nur wer fühlt sich hier denn überhaupt dafür verantwortlich – in einem Land wie Indien? Das allgegenwärtige Kastensystem lässt den weit unten stehenden, den „Unberührbahren“, den Unterdrückten so gut wie keine Chance. Inzwischen ist Indien kein armes Land mehr. Wir Touristen sind deswegen zwar auch nicht gerade die Reichen. Aber wir stehen ständig im Mittelpunkt und haben damit zugleich einige Verantwortung.
Ein Erlebnis hat auf mich zumindest eine anhaltende Wirkung. Wir hörten plötzlich laute Knalle und sahen einen angemalten, über die Straße tanzenden Typen mit einer Schlange. Beim Näherkommen wurde klar: das war eine ca. 2m lange Peitsche, mindestens armdick, mit der er die Geräusche erzeugte. Er versetzte damit alle in Angst und Schrecken. Vor einigen blieb er stehen und forderte einen Tribut ein. Niemand wehrte sich. Auch wir hatten Angst und kamen ihm nicht näher. Wie wäre er wohl mit uns umgegangen? Lieber kein Foto… . In all dem Chaos haben wir den Busbahnhof gefunden. Aber was haben wir denn erwartet? Alle Pläne, alle Aufschriften in Sanskrit. Niemand, der Englisch spricht. Wir geben auf und müssen wohl doch ein Reisebüro nutzen. Später ärgern wir uns, dass wir nicht einfach vom staatlichen Busbahnhof gefahren sind. Wir bekamen für das ca. 3-fach höhere Geld auch nur einen ganz normalen Bus, wie sie über Land fahren und mussten ansonsten nun noch um unsere angeblich reservierten Plätze ringen. Die waren natürlich alle längst besetzt. Der Stress, den wir auch im Vorfeld damit am nächsten Tag hatten, wäre uns so auch erspart geblieben.



Donnerstag, 26.7.

Wir kamen zur vereinbarten Zeit ins Reisebüro (das übrigens auch in unserem deutschen Reiseführer ausgewiesen war) - man ist nett, aber niemand hat eine Ahnung. Es gibt jemanden, der englisch spricht! Er telefoniert und verspricht, sein Bruder (ist das der, dem wir unser Geld bezahlt hatten?) käme in 5 Minuten und der wüsste Bescheid. Inzwischen war die vereinbarte Abfahrtszeit längst vorbei. Der Bruder ordert uns ein Tuk-tuk (3-rädriges Taxi). Wir halten es für sicherer, dass Thomas bei ihm auf dem Motorrad mitfährt. Sonst hätten wir für unser Geld, das wir dummerweise schon bezahlt hatten, vielleicht keine Leistung mehr gesehen. Schlechter aber, wir hätten niemals mitbekommen, in welchem Bus unsere Plätze reserviert sind. Wir warten also geduldig, gleich vielen Indern, zum Glück noch mit unserem Vermittler, an einer stark befahrenen Kreuzung auf den Bus. Tatsächlich, nach weiteren ca. 30 Minuten kommt dieser an – für unsere Begriffe schon total überfüllt. Unser Vermittler spricht mit dem Busfahrer und es geht – wie durch ein Wunder - alles klar. Unser Gepäck kommt aufs Dach, wird mit Planen ordentlich gegen Regen geschützt. Dort ist es auch sicherer, als im „normalen“ Gepäckfach, wobei man während eines Stopps doch lieber immer ein Auge auf seine Sachen werfen sollte. Zu sehr sticht es doch heraus und könnte wie alles andere unserer Ausrüstung, in einem unachtsamen Moment einen sehr viel ärmeren Menschen schwach werden lassen. Wenn man das nicht provoziert, passiert auch nichts! Wir fühlen uns in Indien sehr sicher - vielleicht gerade, weil wir mit den Menschen sehr viel direkten Kontakt haben. Wir bekommen problemlos unsere, für unsere Körper jedoch sehr eng bemessenen Plätze. Keiner schimpft, weil er seinen Platz für sechs Stunden Busfahrt wieder verloren hat. Es fahren auch sehr viele arme Menschen und Pilger mit. Die Fahrt ist teilweise sehr imposant. Und es gibt Momente, in denen man dann lieber doch nicht in den 100 m tiefen Abgrund schaut, weil sich gerade noch ein entgegenkommender Bus zwischen uns und die Tiefe schiebt. Wir beschließen, für den nächsten Abschnitt Uttarkashi - Gangotri doch lieber einen uns sicherer erscheinenden Jeep anzuheuern. Zumindest ist er schmaler und wendiger, nicht unbedingt aber bequemer.
Übrigens hat in dieser Gegend, durch die wir hier fahren, die Umweltschutzbewegung „Chipko“ aus Protest gegen den nahen Tehri-Staudamm einmal ihren Anfang genommen.

Der Übernachtungsstopp in Uttarkashi im besten Hotel „New Bandhari“ im Ort bot Komfort. Das erste warme Wasser nach einer Woche nutzten wir zum Haare Waschen und zum ergiebigen Duschen. Allerdings hat Tenzing uns durch die vielen ihn ohne Unterlass juckenden Mückenstiche eine ziemlich unruhige Nacht bereitet. Die kleinen Lücken in den ja prinzipiell vorhandenen Mückenschutznetzen vor den Fenstern hatten wir leider nicht gesehen. Sonst hätten wir uns mehr vorgesehen.



Freitag, 27.7.

Auf der Jeepfahrt am nächsten Tag waren wir schließlich aber alle hellwach. Uns schien es, als seien hunderte Pilger gleich uns unterwegs. Viele Busse und umgerüstete Lastwagen bringen die Pilger nach Gangotri, eine der heiligsten indischen Städte. Unzählige Pilgergruppen gehen die 300 km zu Fuß mit nur spärlicher Ausrüstung, in Badelatschen oder sogar barfuß. Es sind überwiegend junge Menschen, aber auch einige, denen man diese Reisestrapazen kaum zumuten würde, so ausgezehrt sie vom Alter schon sind. Einzelne Kranke bzw. Gehunfähige werden in Karren mitgezogen. Der Glaube gibt den Pilgern eine unglaubliche Kraft, die sie diese schweren Strapazen bewältigen lässt. Es gibt einige Baustellen, durch deren Schlamm zu kommen selbst unser Jeep Probleme hat. Es kommt auch immer wieder zu kleineren Erdrutschen, für deren Beseitigung offenbar in jedem größeren Ort die passende Ausrüstung bereit steht. Nepalesische Straßenbauarbeiter gibt es sowieso unzählige. Unfreiwillige Pausen von wenigen Minuten bis zu mehreren Stunden muss man hier einplanen. Wir haben Glück und kommen an beiden Tagen zügig vorwärts, da es fast nicht regnet. Für uns ist das erstaunlich und zugleich eine Freude. Wir haben unseren Urlaub nur ungern in die Monsunzeit gelegt und haben mögliche Probleme deshalb eingeplant. Ankunft in Gangotri ca. 15:00 – sogar einige Sonnenstrahlen begrüßen uns, vor allem aber das donnernde Rauschen des Ganges, der hier allgegenwärtig ist. Wir gehen zuerst zum GVJM - Guesthouse am Ortseingang. Eine „Suite“ für 950 Rs. mit zwei Toiletten wäre akzeptabel, allerdings hängen die Betten ganz schön durch. Wir finden noch ein freundlicheres Quartier - neu gebaut und geführt von einem Nepali. Bei ihm nehmen wir ganz luxuriös 3 Zimmer mit Balkon und Gangesblick für je nur 150 Rs.. So preiswert und zugleich schön war es noch nie.



Samstag, 28.7.

Die Nacht war gut, trotzdem haben sich wegen der zu schnell erreichten Höhe von ca. 3000 m bei einigen leichte Kopfschmerzen eingestellt. Nachdem wir gefrühstückt und ein bisschen Wäsche gewaschen haben, beschließen wir, ein Stück das Tal des Redar Ganga aufwärts zu wandern, um uns zu akklimatisieren. Es ist bestes Wetter und wir steigen langsam auf ca. 3600m. Und: wir sehen in Richtung Kedartal den ersten schneebedeckten Gipfel in der Ferne.Welch tolls Gefühl! Schon ist der Gipfel wieder in den Wolken verschwunden. Thomas geht noch ein Stück in die Richtung des Dorfes Bokharak, um ihn vielleicht noch auf ein Foto zu bekommen. Ich bin dann doch mit Tenzing schon zurück gegangen, weil er befürchtete, den Rückweg sonst nicht mehr zu schaffen. Thomas holte uns bald ein. Der schneebedeckte Gipfel erwies sich später als der Shivling, den zu sehen wir erst auf unserer Wanderung zur Gangesquelle geplant hatten. Als wir ins Quartier kamen, lag Arthur, der mit Richard schon eher den Rückweg angetreten hatte, mit heftigen Kopfschmerzen im Bett. Klares Indiz für die Höhenkrankheit. Aber wir konnten zuversichtlich sein, da wir am Tag schon ein ganzes Stück höher waren. Und schließlich gab ich Arthur noch „Coca“ als homöopathisches Mittel. In unserem Ratgeber „Reise“ von Ravi Roy ist es empfohlen, in Deutschland aber verboten. In Indien ist die homöopathische Medizin recht populär, dominierend ist aber die ayurvedische Heilkunst.
Spät am Abend ging es Arthur wieder besser. Ich schlief vorsorglich neben ihm. Und wir waren beide in der Nacht immer wieder munter. Die Beine waren sehr unruhig. Ab früh um 4 machten die zur Ganges - Quelle aufbrechenden Pilger dazu noch einigen Lärm. Jetzt ist es um 8 und wieder ruhig - bis auf das allgegenwärtige Rauschen des Ganges. Aber jetzt fühlen wir uns gar nicht mehr müde, warten nur noch, dass sich der Rest der Familie meldet.



Sonntag, 29.7.

Ein Blick aus dem Fenster zeigt: wieder scheint die Sonne. So viele Tage schon schönes Wetter, das konnten wir vorher wirklich nicht erwarten. Von Deutschland werden Trekkingreisen hierher nur im Mai/Juni und September/Oktober angeboten. Wie sollte denn das Wetter jetzt hier sein? Niemand kann uns das beantworten. Und Prognosen gibt schon gar keiner ab. Die Erklärung heißt hier immer: „Bol Bam“, es ist Shivas Gesetz.
Wir tingeln das Dorf hoch und runter und sind inzwischen bei den Einheimischen bekannt. Leider aber blieben die meisten Bekanntschaften bei nur wenigen englischen Worten stecken. Außergewöhnlich interessant war die Unterhaltung mit dem Yogi Padam Nad. Er beschloss im Alter von 9 Jahren, seine Eltern zu verlassen und als Yogi zu leben. Er kann zwar nicht schreiben, ist aber sehr gut über die Welt informiert. Offensichtlich lebte er nicht ausschließlich in seiner Höhle bzw. auf der Tapovan Wiese (noch weiter oben). Wir sprechen über unsere Motive für solch eine Reise, die sich zum Teil von anderen Reisenden unterscheiden. Israelis z.B. trifft man gerade in Indien (und Nepal) sehr häufig, da sie in andere Länder aus politischen Gründen keine Einreise bekommen. Es ist schizophren, wenn junge Männer und Frauen nach Ableisten ihrer Armeepflicht dann in ein Land wie Indien reisen, das eine tief friedliebende Religion und Tradition hat. Das passt einfach schwer zusammen. Natürlich nicht alle, aber häufig machen die Israelis, die man trifft, einen oberflächlichen Eindruck, ähnlich wie auch oft Japaner, aber anders. Unser Yogi sagte uns, dass er solche Israelis auch schon weggeschickt hat. Wir sprachen weiter über die bettelnden Kinder und andere soziale Probleme in Indien. Erstaunlicherweise sah der Yogi viele Dinge so wie wir. Er demonstrierte uns, dass man nicht dafür zur Schule gehen muss, um das Leben zu verstehen. Wir wollten am nächsten Tag weiter, aber Tenzing bescherte eine unruhige Nacht. Nun hängen wir eben noch einen Ruhetag an. Für die bevorstehende Tour kann das nur gut sein.



Montag, 30.7.

So lassen wir den Tag ruhig beginnen. Leider erhalten wir die Botschaft, dass wir unsere Zimmer räumen müssen. Eine (ausländische) Touristengruppe ist angekündigt. Es sind Spanier, mit denen wir uns später auch kurz unterhalten. Sie haben sehr viel mehr als wir für alles bezahlt, (wie viele, die schon das Meiste oder alles von zu Hause aus organisieren). Für uns kommt das nicht nur aus finanziellen Gründen nicht in Frage - unsere Flexibilität ist uns sehr wichtig. Ohne diese kann man solche Reisen mit Kindern gar nicht machen. Irgendetwas ergibt sich jeden Tag, auf das man individuell reagieren muss, von banalen Mückenstichen bis zur Ernährungsumstellung. Wir suchen uns ein neues Quartier, was allerdings mehr als 3x soviel kostet wie das vorherige. Wir sind nun im GVJM Guesthouse, das sich direkt oberhalb vom Tempel, dem Ausgangspunkt der Pilgertour zur Gangesquelle befindet. Wir kümmern uns um Reiseproviant und um Träger, die uns auf der Wanderung begleiten sollen. Den einen buchen wir über ein Büro, den zweiten hatten wir schon am Tag vorher kennen gelernt. Dieser war schon wegen seiner guten Englischkenntnisse für uns die erste Wahl. Wir verbrachten einige Zeit am anderen (ruhigeren) Gangesufer. Tenzing ging seiner Lieblingsbeschäftigung nach: Steine ins Wasser zu werfen. Bis das einigen missfiel, weil der Ganges schließlich ein heiliger Fluss, der heilige Fluss schlechthin ist!
Später lud uns unser Guide auf einen Tee in seine Hütte ein. Hier schauten wir mit Stirnlampe Fotos von seinen Touren an, die er schon begleitet hatte. Es gab gerade keinen Strom. Die Stromversorgung im Ort ist von verschiedenen Generatoren abhängig. Einige scheinen sicherer zu funktionieren als andere. Auf unserer Gangesseite hatten wir zumindest noch keinen Stromausfall.
Wir gehen alle schon kurz nach 9 schlafen, wir wollen am nächsten Tag möglichst früh los.



Dienstag, 31.7.

Wir stehen trotzdem erst 8:45 auf und wir müssen noch die Rucksäcke umpacken. Die Träger sollen uns möglichst viel Gewicht abnehmen. Sie sind es gewöhnt und wir haben es vorher vereinbart (20 – 25 kg pro Rucksack). So können wir vor allem die Kinder entlasten.
Dscherbolee = Om
Dscherboliki = „Ömchen“?
Bambolee = Shivas Gesetz (auch aufgedruckt auf dem Pilgerhut, den Thomas und Richard sich gekauft haben)
Sehr viele Pilger sind mit uns unterwegs und rufen uns dieses zu. Bald „grüßen“ wir auch zurück. Die Meisten sind sehr freundlich, Andere begegnen uns eher skeptisch, besonders mich als Frau. Frauen haben in Indien traditionell nur in der eigenen Familie - als verheiratete Frau - einen Status. Vor und nach der Ehe will man sie lieber los haben. Das ist für uns nicht vorstellbar. Zum Glück wandelt sich dieses Frauenbild. So begegnen uns hin und wieder auch Frauen, aber eher selten. Es vergehen keine 100 m, auf denen keine Pilger unterwegs sind. Die dominierenden Farben überall: weiß und orange (da passen wir dazu, mit unseren orange-farbenen Funktions-Shirts von SportScheck). Die meisten Pilger laufen in Badelatschen oder barfuß. An manchen Stellen, wo man doch mal ein bisschen klettern muss, haben wir davor ganz schön Respekt. Es zeigt uns aber auch: es gibt so viele Dinge, die man nicht unbedingt haben muss. Wir sind vieles schon nicht mehr gewöhnt und haben teils großen Respekt vor den rauen Bedingungen in dieser Bergwelt. Auf vieles möchten wir auch nicht mehr verzichten: Trekkingschuhe, Schlafsäcke, Regenjacken… . Der Weg ist leicht, trotzdem machen wir viele Pausen. Vor allem Tenzing muss immer wieder motiviert werden. Je weiter wir voran kommen, umso häufiger geht er mit unserem Guide vornweg. Die beiden verstehen sich bestens. Nach acht Stunden sind wir am Ziel, Bojhvasa. Die kritischste Stelle war eine Flussüberquerung, die wie üblich nur aus zwei Baumstämmen bestand. In diesem Fall musste man auch schon davor die richtigen Steine finden, um Halt im Fluss zu finden. Unsere Träger erkannten die Situation und trugen Tenzing und Arthur über den Fluss, ehe die beiden erst darüber nachdenken konnten. Danach halfen sie uns auch beim Gepäck. Nur Thomas hätte solche Herausforderungen gern mehr gehabt. In Bojhvasa wohnen wir im Ashram, in sehr komfortablen Zelten. In der ersten Nacht hatten wir die Schlafsäcke noch ausgepackt, falls es hier, auf knapp 3800 m, sehr kalt werden würde. Die nächste Nacht packten wir sie wieder weg, da die Betten und das vorhandene Bettzeug völlig ausreichend waren. Ca. 7 - 10 Grad (über 0!) wurde es in der Nacht nur kalt. Trotz langer Akklimatisation in Gangotri hatten wir in der ersten Nacht vereinzelt noch leichte Kopfschmerzen. Das ist immer wieder der Preis für eine ungewohnte Höhe. Aber die spektakulären Ausblicke auf die schneebedeckten Gipfel des Baghirati entschädigten uns schon ein Stück dafür. Der Shivling (6543 m) steckt leider permanent in den Wolken.



Junge Pilger



Mittwoch, 1.8.

Erst halb Elf fühlen wir uns halbwegs fit, zum Gaumukh (Gletscher, aus dem die Gangesquelle entspringt) los zu laufen. Wir lassen uns viel Zeit auf dem nach wie vor leichten Weg und sind trotzdem schon 12 Uhr da. Es ist sehr beeindruckend, das gewaltige Gletschertor zu beobachten, das immer wieder kleinere Eisstücke „ausspuckt“. Das ständige Grollen gibt diesem hochreligiösen Ort einen respektvollen Hintergrund. Die Pilger sind am Ziel ihrer Wünsche, einige baden auch (zumindest teilweise und kurz) im eiskalten Gangeswasser, vollziehen ihre Rituale. Für uns eröffnet sich auf einmal noch die Möglichkeit, doch noch zur Tapovan-Wiese auf 4450 m aufzusteigen. Erst nach 13°° Uhr haben wir unseren Entschluss gefasst. Die zwei Kleineren bleiben mit unserem Träger am Eistor sitzen und beobachten das spektakuläre Treiben, ehe sie mit ihm zurück laufen. Wir steigen durch die Geröllwüste auf und erleiden leider gleich einen Fehlschlag. Wir kommen vom Weg ab in Richtung des gegenüberliegenden Tals, das dem Gletscher zufließt. Da wir aber von unten Pilger auf dem Weg auf dem Rückweg von der Tapovan - Wiese ausmachen können und von den Pfiffen unseres Trägers auf unseren Irrtum aufmerksam gemacht werden, können wir noch korrigieren. Die Geröllwüste vor dem Gletscher kostet uns aber Kraft und vor allen Dingen Zeit. Die letzten 250 m Steilhang fordern unsere letzten Kräfte. Aufgrund der fehlenden Höhenanpassung müssen wir jeweils nach spätestens fünf Höhenmetern anhalten und wieder Luft holen. Erst gegen 16:00 Uhr kommen wir oben an und kehren gleich beim Baba ein, der uns zum Glück ein Essen (kalter Reis mit Soße) in seiner Hütte serviert, dazu noch heißen Tee. Er berichtet uns, dass er seit drei Jahren, ohne ein Wort zu sprechen, hier zubrachte - das ganze Jahr über, auch im Winter. Er wirkte auf uns sehr religiös, trug immer eine Stoffmaske vor dem Gesicht, nach seinem Bericht (den er uns als Druckversion mit einem Flyer übergab) seit einigen Jahren. Mit unseren 200 Rs. Spende war er dann nicht ganz zufrieden. Es lag schließlich zur Motivation in der Spendenbox (für Shiva) obenauf demonstrativ ein 100 Rs.-Schein. Mehr konnten wir aber tatsächlich nicht geben, da wir seit Rishikesh keine Gelegenheit zum Tauschen hatten und ziemlich knapp bei Kasse waren. Ca. 17°° Uhr machen wir uns auf den Rückweg und kommen zum Glück gut voran. Auf halbem Weg kommt uns der zweite Träger entgegen, weil sich beide offensichtlich schon Sorgen um uns gemacht haben. Wir selbst sind gut drauf, machen noch ein paar Fotos am Gaumukh, beim Abfüllen von Gangeswasser. Zum Baden wäre jetzt Gelegenheit, da keine Pilger mehr da sind. Aber die Zeit drängt. Als wir 19:00 Uhr ankommen, kommt uns schon der erste Träger, unser Guide entgegen - schon voller Angst. Das ist ja auch klar, er hatte die Verantwortung für die Kinder angenommen – und kannte auf der anderen Seite die Risiken unseres Weges. Tenzing war weniger sorgenvoll und hatte ein kleines Lagerfeuer gemacht. Arthur war schon Angst anzumerken, da es schon dunkel geworden war.



Auf dem Weg zur Gangesquelle

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Donnerstag, 2.8.

Wir haben angesichts der Höhe einigermaßen gut geschlafen. Morgens begrüßt uns der erste Regen, seit wir in den Bergen sind. Sollten wir heute erstmals die Regenjacken brauchen? Wir waren schließlich ganz froh dass wir sie dabei hatten!
Wir sind im Regen einfach durchgelaufen und waren nach 4 Stunden schon zurück in Gangotri. Noch einmal erlebten wir hautnah die Pilger - die älteren traditionellen wie auch die jüngeren. Diese waren teils sogar in Jeans unterwegs und wollten oft ein Foto mit uns zusammen machen. Zu Hause würde man wegen der so offen gezeigten Freude und Begeisterung annehmen, sie hätten sicher schon etwas getrunken - hier geht das alles ohne Alkohol. Der offene Blick, vor allem aber dieses neugierige Lächeln (ganz besonders der jungen Männer) - das bleibt einem einfach im Kopf. Das kann man einfach nur beantworten - mit einem Lächeln und „Dscherbolee“ oder „Bambolee“ (siehe 31.7.).
Diese Lebensfreude trotzte auch dem zunehmenden Regen – vor dem sich die Pilger, wenn überhaupt, dann höchstens mit einer Folie schützten. Wenn sie nicht selbst erlebt, kann man es sich nur schwer vorstellen.
Unser Guide hat am Ziel schon einen Jeep für uns organisiert. Die Verabschiedung von beiden Trägern fällt sehr herzlich aus. Wir sind uns vor allem menschlich sehr nahe gekommen. Außer dem vereinbarten Geld übergeben wir auch noch kleine Geschenke.
1200 Rs. bezahlen wir dann für die Rückfahrt bis Uttarkashi, Zwischenstopp in Gangnini an den heißen Quellen inklusive. Hier wohnt auch die Familie unseres Guides. Seine Adresse:
Sanjeen Rana
P.O JHAL Pin
249135
Kilege Pwile
Er wollte sich per e-mail melden, eine eigene e-mail-Adresse hat er leider noch nicht. Wir würden ihn jederzeit und gern weiter empfehlen. Gut, dass wir für die heißen Quellen eine Stunde eingeplant hatten. „Nur“ – weil die heißen Quellen sich doch nicht so toll wie erwartet erwiesen und „wenigstens“, weil wir schon allein 20 Minuten brauchten, um herauszufinden, ob es irgendwo eine Umkleidemöglichkeit gibt. Nicht, weil uns dabei fremde Blicke stören, nein, wir wollen keinen Menschenauflauf provozieren und schließlich auch das Ortsübliche respektieren. Unsere Männer haben sich schließlich im Lager eines Verkaufskioskes umgezogen. Die indischen Männer ziehen sich offenbar nicht um, oder so diskret, dass es niemand mitbekommt, wie sie es auch am Ganges machen. Dieses Umziehen - ohne nackte Haut zu zeigen und doch in der Öffentlichkeit - das ist schon eine echte Kunst.
Das Badebassin war eher das Zugucken wert. In das an die 50°C heiße Quellwasser konnte man nur mal kurz einen Fuß halten. Auch hier zeigen die Inder wieder, dass sie viel härter im Nehmen sind als wir Europäer. Einige der Pilger tauchen auch hier kurz ab - ebenso wie im eiskalten Ganges. Einfach Wahnsinn…
Zum Glück gab es auch Duschen. Trotz viel Dreck und allgegenwärtigem Gestank nutzten wir die Möglichkeit zur Reinigung. Für Frauen gibt es ein Extrabassin. – hinter einer Wand und einer klapprigen Tür, die Blicke dahinter nicht wirklich verhindert. Auch das wieder soll wahrscheinlich so sein. Das Wasser war hier nicht so heiß, die Duschen kamen eh nur für die Männer in Frage. So stellte ich eine „Wache“ vors Tor - schickte den einzigen Bader aus dem Bassin, zog mich gleich hier um und genoss das warme Bad. Dabei versuchte ich, nicht den Boden zu berühren, weil dessen Beschaffenheit mir suspekt war. Vielleicht lag da drin ja auch so viel Müll wie draußen. Irgendwie schaffte ich es - sozusagen im Schwimmen, mir die Haare zu waschen und fast schwebend die Schuhe wieder anzuziehen. Als wir gingen, wurde gerade der ganze Müll die Treppe runtergespült (wonach es trotzdem noch schmutzig war…). Wir waren nun zwar gesäubert, aber so wirklich sauber konnten wir uns in Indien bis jetzt nicht fühlen. Was wirklich erstaunlich ist, welch strahlend saubere wunderschöne Kleidung die Frauen trotz all des umgebenden Drecks jeden Tag aufs Neue tragen. Die Männer fallen da allerdings weit ab. Die sind gegen den Schmutz ähnlich wenig resistent wie wir. Kann man das nicht aushalten, sollte man Indien lassen. Was ich viel schlimmer finde, sind die üblen Gerüche in der Nähe von Toiletten, Haltestellen, Bahnhöfen und grundsätzlich fast überall in der Öffentlichkeit.
Gegen 19:30 kommen wir in Uttarkashi an. Und genau diese Gerüche sind es, die uns gleich wieder umgeben. Da fällt es schwer, sich trotz des übermächtigen Hungers aufs Essen zu freuen. Wir haben aber schon unser Ziel, wo wir bereits das letzte Mal gut aßen: das Shangri-La Restaurant mit chinesisch-tibetischer Küche. Und es schmeckt. Nach Tagen der Entbehrung in den Bergen: Chapati, Reis und Dal müssen erstmal nicht gleich wieder sein. Trotzdem lassen wir vom Essen etwas übrig, was selten passiert. Wir sind einfach total fertig. Das merken wir gerade jetzt, wo wir wieder ein wenig zur Ruhe kommen. Es ist so schwer, sich tatsächlich mal zu entspannen. In den Bergen verhindert es die Höhe, in den Städten der Dreck und das Chaos. Weiter unten die Hitze, die Mücken. Ganz wichtig ist es, einen guten Platz zum Schlafen zu finden. Das ist uns hier trotz anfänglicher Skepsis gelungen. Die Bettlaken scheinen zwar auch schon lange nicht mehr gewechselt worden zu sein. Aber der Lärm von draußen ist erträglich - er bleibt hinter dem Geräusch des Ventilators zurück, den wir ständig laufen lassen. Für uns sind auch 25 Grad in der Nacht schon wieder zu viel.



Freitag, 3.8.

Wir haben also endlich mal wieder gut geschlafen und können klare Gedanken fassen. Im Nachhinein erscheint der gestrige Abend absurd. Keiner von uns hatte mehr Nerven, wir haben uns sogar angeschrien. Die Toleranzschwelle
von uns allen war klar überschritten. Nach der Nacht sind wir wieder hergestellt. Heute wollen wir zurück bis Rishikesh. Wie wir einen der ca. 2-stündlich fahrenden Busse finden sollen, ist uns noch nicht ganz klar. Es gibt keinen festen Abfahrtsstandort. Der Busbahnhof ist wie überall ein großer Abstellplatz von Bussen, auf dem ständig einige kommen und losfahren. Wir können uns nur an ausgerufenen Fahrtzielen orientieren. Dann muss es uns noch gelingen, einen noch nicht überfüllten Bus zu finden. Wir brauchen Sitzplätze, weit vorn, und einen sicheren Platz fürs Gepäck. Bus ist im Grunde bequemer als Jeep. Auf der Strecke bis hierher kann man sich an manchen Stellen kaum vorstellen, dass Busse da durchkommen, so schmal ist häufig der Abstand zwischen Berg und unbefestigtem Straßenrand, dem zwischen 20 m und 200 m tiefe Abgründe folgen. Schon im Jeep braucht man da gute Nerven, wenn man z.T. im Schlamm ins Rutschen kommt. Am Schlimmsten ist es, wenn zwei Fahrzeuge aneinander vorbei müssen. Beim Jeep kann man die Manöver mitverfolgen, im Bus ist man regelrecht ausgeliefert. Jeder suche sich da aus, was er besser ertragen kann. Oder man mache sich seinen Reim auf die Sprüche am Straßenrand:

- No Race, no Rallye, enjoy the beauty of the valley.
- Drink Whisky - Drive risky.
- The road is hilly, don´t drive silly.
- License to drive, not to fly.

Diese so passenden Ratschläge begleiten uns…
Hätten wir nicht dieses Tagebuch, wüssten wir tatsächlich nicht mehr, welcher Wochentag und welches Datum wären. Hier läuft formell jeder Tag gleich ab. Die Leute können sich nicht leisten, einen Tag nicht zu arbeiten. Bei diesen geringen Preisen können wir uns eh kaum vorstellen, dass überhaupt genug für sie übrigbleibt, um davon leben zu können - ob es die Taxifahrer sind, die Straßenverkäufer, die Restaurantbesitzer…. Keiner von diesen Leuten, die wir treffen, kann je reich werden.
Wir kommen rechtzeitig zu einem Bus, dessen Plätze noch nicht alle verkauft sind. Die Kinder setzen sich ins Fahrerhäuschen. Dort hat man ein fantastisches Panorama, auf das ich aus gewissen Gründen aber gerne verzichte. Spätestens, als wir wegen eines entgegenkommenden Busses kurz vor einem Abhang gerade so zum Stehen kommen, liegen meine Nerven blank. Endlich in Champa, nur noch ca. 50 km bis Rishikesh. Auf einmal eine Ansprache des Busbegleiters. Nichts Gutes, wie wir schnell mitbekommen. Es gab mehrere Erdrutsche, die diesmal nicht wie auf der Hinfahrt binnen weniger Stunden, vielleicht nicht mal in einem Tag beräumt werden können. Hunderte Reisende sitzen schon fest, wie man auch sehen kann. Und dieser kleine Ort verspricht keine angemessenen Unterkünfte. Also nichts wie weg. Aber wie und wohin? Eine kurze Orientierung auf der Karte zeigt, dass es ca. 62 km bis zur Hill-Station (ehemalige Erholungs-Residenz der britischen Kolonialherren) Mussourie sind. Erst hieß es, dieser Weg wäre auch nicht befahrbar. Zumindest ist er für Busse nur in eine Richtung passierbar - zwei passen definitiv nicht nebeneinander, wie wir später feststellen können. Wir haben uns gleich an einen englisch sprechenden jungen Mann gehalten. Der musste auch unbedingt weg, weil er am nächsten Tag einen Flug von Delhi hatte. Der Jeep war bereits mit sieben Leuten besetzt, als wir uns mit unseren Rucksäcken noch reindrängten. Als aber unser Gepäck aufs Dach sollte, um noch mehr Leutezwischen uns zu setzen, legte ich Protest ein. Da wir erklärten, auch für mehrere Personen mit zu bezahlen, fuhren wir zunächst weiter wie bisher, die Rucksäcke auf den Knien. Später stieg noch eine Person in das mit drei Personen besetzte Fahrerhaus zu. Bei den meisten dünnen Indern geht das alles. Aber uns, obwohl wir auch nicht dick sind, machen vor allem die längeren Beine und die Kopfhöhe Probleme. Wie schon angedeutet, diese Fahrt hatte es wieder in sich - immer am steil abfallenden Berg entlang, hoch und runter. Wenn da nicht dieser Wahnsinnsausblick gewesen wäre: in ca. 100 - 170 km Entfernung konnte man eine 30 - 40 km lange schneebedeckte Gipfelkette erkennen. Von dort kamen wir gerade her. Ein solches Panorama der 5000 - 7000er Gipfel hat man sonst allerhöchstens aus dem Flugzeug. Es war einzigartig.
Wir waren aber auch absolut erleichtert, als die Straße in der Nähe von Mussourie gut sichtbare Randstreifen bekam, später sogar mit Mauern befestigt. Der zivilisierte Eindruck setzte sich bei Einfahrt nach Mussourie fort. So viele Privatautos hatten wir Indien noch nie an einem Ort gesehen. Hier verstopfen sie allerdings auch gleich die engen Straßen. Mussourie ist das Ferienziel bemittelter Inder. Es gibt entsprechende Infrastrukturen, gute Hotels, Restaurants, Banken usw., die uns natürlich gut tun nach Zeiten der Entbehrung. Wir nehmen ein Mittelklasse - Hotel, besser gesagt eine Suite mit mehreren Schlafräumen - bezahlen trotzdem nur ca. 30 Euro dafür am Tag. Bei Ankunft haben wir einen fantastischen Ausblick auf das Tal, die Lichter von Dehra Dun, eine aufsteigende Stadt mit ca. einer halben Million Einwohnern.
Im Zimmer angekommen, macht uns von draußen ein Affe Fratzen. Affen gibt es hier überall. Und man sollte sehen, dass man vor den Fenstern die Gitter schließt, um ungebetenen Besuch zu vermeiden. Nur hinter der Scheibe sind sie wirklich lustig.
Unser Hotel „Prince“ verbreitet nostalgisch englischen Charme - sogar einen Butler gibt es für uns. Die Räume sind großzügig, aber auch ziemlich muffig. Das ist durch das z.T. sehr feuchte Klima kaum zu verhindern. Wir gehen noch schön was essen. Auch hier genießen wir eine deutlich bessere Qualität als in den letzten Tagen. Ich erhole langsam meine Nerven wieder, bin aber noch heftig benommen und stehe regelrecht neben mir. Nach einer richtig guten Nacht sind wir alle wieder erholt.



Riesenrad mit Handantrieb

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Samstag, 4.8.

Schade, das Wetter hat total auf Regen gewechselt. Keine Aussicht mehr, nur Nebel. Die Kinder dürfen früh „Ice Age 2“ gucken. Da habe wir sie wieder, die globale Welt. Jetzt spielen sie Tischtennis. Später werden wir uns um Geldwechsel, Frühstück, Waschservice kümmern und ein wenig den Ort erkunden. Nachmittags besuchen wir das tibetische SOS-Kinderdorf, worüber wir schon zu Hause gelesen hatten. Es leben dort 1600 tibetische Kinder und Jugendliche, vom Schulalter an bis etwa zum Alter von 20 Jahren. Sie bekommen hier eine sehr gute Ausbildung und Erziehung, wie wir schnell spürten. Unsere Kinder waren im Getümmel nach Schulschluss immer noch lauter zu hören als die Tibeter. Diese waren sehr zurückhaltend, vor allem die Mädchen. Mit einigen älteren Jungen kommen wir ins Gespräch. Die meisten von ihnen waren tatsächlich selbst über den Himalaya geflüchtet, meist im Alter von 8 - 9 Jahren. Zu ihren Eltern haben sie nur gelegentlich telefonischen Kontakt. Dieses Trauma merkt man ihnen nicht an. Sie wirken glücklich und zuversichtlich, wollen alle einen guten Schulabschluss machen, um im Leben weiter zu kommen. Jene, die wir sprachen, wollten danach auch nach Tibet zurück. Sie sagten, sie würden von der chinesischen Botschaft einen Pass bekommen, wenn sie auf jegliche politische Aktivität in Tibet verzichten. Ein Anderer sagte aber auch, er bekäme keinen Pass - vielleicht deshalb. Wir aßen dann noch im tibetischen Restaurant und schauten einem Fußballspiel der tibetischen Jugendlichen zu, das trotz Schlammboden auf gutem Niveau ausgetragen wurde. Die Meisten tragen Fußballschuhe, manche spielen auch barfuß. Inzwischen hatte das schöne Wetter wieder Oberhand gewonnen und die gute Sicht war zurückgekehrt. Mal sehen, ob unsere Aufnahmen mit Teleobjektiv die spektakuläre Sicht auf den Himalaya später wiedergeben können.



Im SOS-Kinderdorf (4.8.07)

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Sonntag, 5.8.

Ich bin seit gestern erkältet, Husten und Schnupfen - führe es auf die Belastung der Bus- und Jeepfahrt zurück. Jetzt meldet sich auch noch der Rücken. Ich hoffe, ich kann mich hier in Mussourie unter diesen angenehmen Bedingungen (Temperaturen wie zu Hause) auch halbwegs erholen. Die Tour nach Tapovan auf knapp 4500 m und der durch die Höhe mangelnde Schlaf haben mich offensichtlich auch an meine körperlichen Grenzen gebracht, die nun einfach ausgeschöpft sind. Besonders in einem fremden Land sollte man immer einen kleinen Puffer dafür in Reserve halten. Zu schnell steht man vor unerwarteten Anforderungen. Das mit dem Rücken wurde noch zum echten Problem. Eine Blockierung löste Schmerzen aus, die bis zum Abend kaum zum Aushalten waren - trotz Dehnungsübungen, Salbe und schließlich auch noch Schmerztabletten. Nach langer Massage fand ich abends zum Glück in den Schlaf, nachdem ich mich fast den ganzen Tag hin- und hergewälzt habe - ein Albtraum, umso mehr in Indien. Zu Hause half mir z.B. Akupunktur. Darauf musste ich hier besser verzichten. Zu hoch ist die Gefahr, sich mit Aids zu infizieren. Auch Wärme würde mir gut tun. Das warme Wasser hat gerade an diesem Tag nicht funktioniert. Und in Mussourie ist es nun gerade mal nicht so warm wie an anderen Orten in Indien. Da hilft nur, sich unter die Bettdecke zu verkriechen.



Montag, 6.8.

Zum Glück - Shiva sei Dank - konnte ich in der Nacht mit wenigen Unterbrechungen gut schlafen und bleibe noch mit Ausnahme vom Frühstück bis nachmittags im Bett. Gerade (12:30 - sonst noch früh 4:30 und abends 18:30) hat der Muezzin wieder gerufen, besser wohl: gesungen, das hat schon fast etwas Vertrautes. Langsam komme ich wieder zu Kräften. Ich bin sehr froh, dass ich mich gerade hier in Mussourie erholen kann. Es ist hier nicht so heiß. Alles ist leicht zu erreichen. Die Restaurants sind max. 250 m weg, unser Hotel ist hygienisch gut akzeptabel. Als wir nachmittags noch mal auf der „Mall“ unterwegs waren, begann ein heftiger Regen. In unser Zimmer hat es durch das offene Fenster hereingeregnet, so dass wir gleich neue Bettwäsche bekommen. Überhaupt spürt man am Umgang mit uns hier die englische Korrektheit. Wir gehen bei diesem Wetter heute nicht noch einmal raus. Das Wetter hat jetzt schon was von dem, was man sich so unter Monsun vorstellt. Wir wollen ja morgen zeitig los und deshalb sowieso früh schlafen gehen. Im Moment ist in „unserem“ Guesthouse in Rishikesh alles belegt. Wir hatten gerade angerufen. Hoffentlich wird morgen etwas frei werden. Mein Rücken schmerzt nicht mehr, aber Husten und Schnupfen plagen mich noch sehr.



Dienstag, 7.8.

Wir kommen schon 8:15 Uhr los. Gegen 10 Uhr sind wir bereits in Dehra Dun. Der Busbahnhof ist beeindruckend sauber und übersichtlich. Wir könnten hier in Europa sein. Es geht also, wenn man es will. Überhaupt ist Dehra Dun eine zwar wenig interessante, aber moderne Stadt. Einen Fahrplan sehen wir auch hier nicht, ist aber auch nicht nötig. Alle halben Stunden ruft jemand „RISHIKESH!“ und ein Bus steht am gekennzeichneten Bussteig. Wir essen noch ein kleines Frühstück und trinken mit Genuss frisch gepressten Orangensaft. Halb 12 fährt der Bus und kommt mit einem Tempo vorwärts, das wir gar nicht gewohnt sind. Die rund 40 km schaffen wir in reichlich einer Stunde. Unser Gepäck muss aufs Dach, was wegen der vielen Haltestellen nicht besonders sicher ist. Wir passen gut auf, dass niemand hochklettert. In Rishikesh wieder das übliche Feilschen um den Fahrpreis mit dem Tuk-Tuk (3-rädriges Taxi mit ca. 6 Sitzplätzen, sofern normal belegt). Wir geben nach: 80 Rs. statt 50 Rs., weil alle Fahrer von einer Umleitung reden, die es tatsächlich gibt. Dann erleben wir auch noch eine Reifenpanne und - die schlechte Nachricht: nur ein Zimmer ist im Guesthouse frei (auch in den umliegenden Bleiben gibt es kein weiteres, das wir noch mit nutzen könnten). Wir folgen dem Vorschlag unseres Hotelchefs und stellen ein 5-Bett-Zimmer mit Hilfe zusätzlicher Decken und Matratzen aus einem 2-Bett-Zimmer her. Es wird extrem eng, aber so können wir wenigstens bleiben. Jetzt kommen wir endlich zur Ruhe: es gibt leckeres Mittagessen. Es herrscht eine unglaubliche Hitze, unsere klitschnassen Sachen ziehen wir gleich um. Das kleine Zimmer soll sich doch noch als falsche Wahl erweisen. Wir kommen trotz Ventilator in der schwülen Luft abends nicht zur Ruhe, dazu viele Geräusche und: ein Wurm, ca. 15 cm lang und fingerdick! Richard, auf einer Matratze am Boden liegend, hat in ihn reingefasst und sich furchtbar erschrocken und natürlich geekelt. Jetzt sitzen wir alle hellwach auf den Matratzen bzw. Decken. Es ist schon nach 2 Uhr. Kaum einer hat geschlafen. Wir warten, dass der Wurm sich zeigt, damit wir ihn erledigen können – ein Buddhist würden unsere Gedanken entrüsten. Vorher ist aber an Schlafen nicht zu denken. Würden wir den Wurm nur raus bringen, käme er ja möglicherweise wieder. Es gibt genug Ritzen, wo er durch passen würde. Thomas erwischt ihn schließlich noch. Bis um 7 Uhr kommen wir so alle noch mal zum Schlafen. Das ist natürlich trotzdem, vor allem für Tenzing, viel zu wenig. Seine Halsschmerzen bekommt er so auch nicht los.



Mittwoch, 8.8.

Wir fühlen uns total zerschlagen. Nachdem wir aber die Zimmer wechseln können - in unsere Wunschzimmer - mit Fenstern nach 2 Seiten und Terrasse mit tollem Blick auf den Ganges, geht es uns gleich besser. Da wir ordentlich gefrühstückt haben,steigert sich unser Wohlbefinden sprunghaft. Zum Glück sind alle Kinder damit einverstanden, heute da zu bleiben und sich noch mal richtig auszuschlafen. Thomas und ich wollen nämlich mal allein zur Mellah - einem riesigen Pilgertreffen, das für 14 Tage in Haridwar stattfindet. Wie kann man das am besten beschreiben? Es ist einfach der Teufel los. Tausende Pilger von überall aus Indien kommen - mit umgebauten Lastwagen, Motorrädern, Fahrrädern oder zu Fuß nach Haridwar. Ziel ist das heilige Bad im Ganges - aber es ist viel mehr. Es wird tief versunken meditiert, mitgebrachte Reliquien (Schmuck, Fahnen, Götterbilder), ja sogar Fahrräder werden im Ganges geheiligt. Vor allem aber wird ausgelassen gefeiert, Nein, kein Tropfen Alkohol - dafür laute Musik - moderne Varianten traditioneller indischer Musik, mit viel Rhythmus - sehr zum Mitmachen animierend. Was bei uns in Europa immer nur häppchenweise und wohldosiert rausgelassen wird – bricht hier als pure Lebensfreude ungehemmt hervor. Wir sind häufig mal mittendrin. Als Touristen sind wir Exoten und ständig von Neugierigen umkreist oder ziehen einen Schwarm von Pilgern hinter uns her. Viele, vor allem Jüngere wollen uns die Hand geben oder sich mit uns fotografieren lassen. Meist geht ihr Englisch aber nicht über die Frage hinaus, aus welchem Land wir kommen. Wir versuchen - auch aus Sicherheitsgründen, den Pulk immer wieder abzuschütteln. Es sind einfach zu viele Menschen und damit auch zu viel Neugierige hier, aber auch zu viele Bettler, weiterhin viele Zigeuner. Wir müssen höllisch aufpassen, dass wir trotz der vielen Fotos, die wir machen, die Übersicht behalten und nicht leichtsinnig werden. Nach einigen Stunden sind wir total geschafft und fahren mit dem Tuk-Tuk zurück nach Rishikesh. Die Buslinie ist für die Zeit der Mellah eingestellt. Bis Rishikesh trifft man überall auf Massen von Pilgern. Viele Straßen sind nur für Pilger geöffnet. Überhaupt - die gesamte Organisation dieser Pilgermessen scheint mühelos zu funktionieren. Für das ausreichende Angebot an allem für das Leben Notwendigem sorgen die unzähligen Straßenhändler, die automatisch vom Fest angezogen werden. Für Sauberkeit sorgt - makaber zwar - das Kastensystem. Es gibt immer Leute, die den Dreck zusammenfegen. Polizei ist auch überall präsent. Wie das mit der Toilette funktioniert, ist nicht so ganz durchschaubar - offenbar allein über die Natur, zumindest stinkt es überall danach - am konzentriertesten an den wenigen öffentlichen Toiletten (fast nur für Männer). Pilger sind zu 95% Männer, zwischen 10 und 75 Jahren alt. Entgegen unseren Erwartungen sehen wir nur wenige „richtige“ (ältere) Pilger, die sich traditionell in diesem Lebensabschnitt befinden. Diese sind auf die Gaben von Mitmenschen angewiesen. Man erkennt sie an dem Metallkrug, den sie für Spenden mit sich führen. Aber die jungen Männer nehmen ihre Götter nicht weniger ernst. Schön zu beobachten, mit welcher Leichtigkeit sie das in ihren Alltag integrieren. Einzige Frage, die bleibt: Wie kommen die Familien jener Pilger, die schon eine solche haben, in dieser Zeit ohne ihren Haupternährer durch? Niemand bzw. ganz wenige in Indien können sich einen so langen Urlaub leisten. Ganz selten sehen wir auch mal Familien bzw. Sadhus. Es ist unser letzter Abend in Rishikesh. Wir essen noch mal in der angenehm entspannten Atmosphäre im Guesthouse und beobachten die anderen Touristen: viele alleinreisende Frauen, Pärchen (meist aus Israel) und einige ständig kiffende Dauergäste.



Pilger beim Gebet

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Donnerstag, 9.8.

Schon halb Acht schaffen wir es, los zu kommen. Als wir auf dem Busbahnhof ankommen, steht da gerade ein Bus nach Delhi - und nicht irgendeiner, sondern, was immer unsere Vision war: ein komfortabler Bus mit Klimaanlage! Er kostet für die 230 km nach Delhi statt 3,50 Rs. pro Person auch (nur) das Doppelte. Die Nachteile sind andere: einem Teil von uns wird das erste Mal beim Fahren schlecht und es laufen die ganze Zeit mit nicht regulierbarer Lautstärke Filme, deren Handlung (schnelle Schnitte, viele Effekte) uns einfach nur nervt. Wir sind trotzdem froh, für diese lange Strecke einen solchen Bus bekommen zu haben. Bis heute wissen wir nicht, wann diese Busse regulär fahren. Statt der geplanten 7 Stunden werden es fast 11. Wir fahren über Dehra Dun, weil viele Straßen für die Pilger nach Haridwar gesperrt sind. Auch hier fällt es wieder auf, welche Menschenmassen unterwegs sind. Alle paar Kilometer wurden extra Rastpunkte (Verpflegungsstellen) aufgebaut.
Da es im Moment in Delhi sehr heiß ist (nur wenige Wolken, wo bleibt der Monsun?), finden wir im Touristenviertel Pahar Ganj kaum Zimmer mit Klimaanlage. Wir suchen extra in diesem Viertel, da in unserem Reiseführer hier einige Hotels mit gutem Standard aufgeführt sind. Wir lassen die Kinder im „Shelton“ warten und werden erst nach 1 ½ Stunden im offenbar gerade erst eröffneten “International“ fündig. Je Zimmer 700 Rs. - für den guten Standard und die Klimaanlage ist das absolut akzeptabel. Wir sind nur sehr fertig, als wir endlich essen gehen können. Wir haben riesigen Hunger. Außer Bananen haben wir im Bus nichts essen können. Das am Pausenhalt bestellte Essen war leider nicht der Volltreffer. Trotzdem sitzen wir jetzt vor dem Essen und bekommen wieder nicht mal runter.



Freitag, 10.8.

Erst 23:00 Uhr schliefen wir alle - für Tenzing viel zu später als wir das wollten. Früh kann man wegen der Lautstärke, die meistens schon ab 6 Uhr einsetzt, auch nicht lange schlafen. Wir kommen trotzdem nicht vor 9 Uhr weg, packen noch Sachen um. 2 von unseren 4 Gepäckstücken lassen wir hier. Wanderschuhe, Regenjacken, 2 der 5 Schlafsäcke, einen Großteil von Sonnen - und Mückenschutz und einiges andere brauchen wir im heißen Rajasthan nicht mehr. Wir reservieren gleich für unsere Rückkehr in ca. einer Woche 2 Zimmer mit Klimaanlage. Die Hitze macht uns schon wieder sehr zu schaffen. Man muss gar nichts tun, um gleich klitschnass zu sein. Und dazu sind wir alle noch nicht wieder fit, von Müdigkeit bis zu Darmproblemen, die sich mit dem Stress erstmals einstellen. Dann stellen wir auf dem Kashmiri Gate noch dazu fest, das hier kein Bus nach Agra fährt und wir so noch mal für 10 km mit einer Riksha weiter fahren müssen. Die Busse nach Agra sind leider schlechter als die normalen Fernbusse, die wir bisher kannten: nicht wirklich bequem. Zudem dauert es mal wieder ewig, ehe der von uns gewählte Bus endlich losfährt, und ein wenig Fahrtwind die aufgestaute Hitze wegbläst. Wir halten an jedem Ort. Am Ende sind es über fünf Stunden recht nervige Fahrt. Der Bus ist sehr voll. Wir haben nur Glück, dass wir uns gleich ganz vorne breitgemacht haben. Nachdem die Straßen nach Einfahrt in den Bundesstaat Uttar Pradesh erheblich besser werden, kann Tenzing auch mal ein Stück schlafen (nicht so sehr, weil es vorher mehr ruckelte, sondern weil jetzt deutlich weniger gehupt wird).
Die Hupe ist auch innen extrem laut zu hören. Die Kinder spielen „UNO“ (in Delhi gekauft, weil wir unseres zu Hause vergessen hatten). In Agra sind wir nach unserem Zeitplan wieder zu spät dran. Auch hier finden wir nicht gleich im ersten Hotel 2 Zimmer mit Klimaanlage. Aber das Taj Mahal sehen wir schon mal von weitem beeindruckend in der Abendsonne strahlen. Wir werden weiter geschickt zum Mayur-Tourist-Komplex und handeln die Bungalows mit Doppelbett von 1500 Rs. auf 1000 Rs. herunter. Es ist eine riesige Anlage. An jeder Ecke stehen Butler und sind, typisch für Agra, auf unser Geld aus. Der Swimmingpool kann frei genutzt werden, was wir gleich nach unserer Ankunft tun - noch schnell vor dem Dunkelwerden. Erfrischender als das ca. 30 Grad warme Pool-Wasser sind allerdings die Duschen. Das Essen ist schlecht, aber verhältnismäßig teuer - wieder kommen wir nicht vor 23 Uhr ins Bett. Hoffentlich kippt uns Tenzing nicht um. Er ist erstaunlich zäh und will auch etwas erleben. Jetzt wird er nur zunehmend aggressiv - völlig normal.



Samstag, 11.8.

Durchfall (zum Glück nicht die Kinder), Hitze, Müdigkeit machen uns zu schaffen. Wir schleppen uns trotz allem zum Taj Mahal. Früh halb 10 ist es dort schon ziemlich voll. Es gibt überraschenderweise für drei Tage freien Eintritt. Anlass ist der Geburtstag von Mumtaz Mahal, der hier bestatteten Lieblingsfrau des Shah Johan, für die dieses beeindruckende Bauwerk errichtet worden ist. Es hat sich trotz aller Widerwärtigkeiten, die durch den hier sehr nervenden Touristennepp noch verstärkt werden, auf alle Fälle gelohnt. Die Sicherheitsmaßnahmen sind ähnlich wie am Flughafen - nur dass wir sinnloser Weise das Stativ unseres Fotoapparates abgeben müssen. Andere müssen auch alles Essbare an der Kontrolle lassen. Ansonsten heißt es für uns nach dem Besuch des Taj Mahal: nichts wie weg aus Agra! Wir bekommen 13 Uhr einen Bus der „Silverline“ wie im Reiseführer beschrieben, vor dem Hotel „Sakura“. Das heißt zwar: ohne Klimaanlage, aber sonst ist der Bus komfortabel und die Fahrt wird recht angenehm. Man kann ja die Fenster öffnen, was in normalen Bussen ja auch immer gemacht wird. Keiner fürchtet, sich wegen des Zugs zu erkälten. Auch uns ist das nie passiert. Klimaanlagen sind da viel tückischer. Die Straßen werden Richtung Rajasthan immer besser - trotzdem sind wir wieder erst 19 Uhr in Jaipur. Aber hier haben wir endlich mal Glück - das Evergreen Guesthouse, wo Thomas schon vor zehn Jahren wohnte, hat noch zwei klimatisierte Zimmer, die besten, die wir je hatten. Wessen Verdauung nicht gerade auf Diät gesetzt ist, kann schön essen, alle aber endlich mal zeitig schlafen gehen - wie wir das genießen…



Sonntag, 12.8.

Kurz nach Acht bin ich munter und schreibe endlich mal wieder Tagebuch. Bei dem Reisestress der letzten 3 Tage war das nicht möglich. Jetzt ist es 9:30 Uhr und ich werde mal langsam die Anderen wecken. Es ist nicht nur der erste Eindruck, es ist hier tatsächlich nicht so heiß wie zuvor in Agra und Delhi. Trotzdem sind wir ziemlich kraftlos, wir müssen hier wieder Kraft tanken. Wir schauen uns ausgiebig den Stadtpalast (Maharadscha-Palast) und den Palast der Winde an. Der Letztere wird gerade saniert, die Fassade ist von einem Bambusgestell verdeckt. Wir kennen ihn aber schon von Dia-Vorträgen. Wir kehren am Nachmittag ins Hotel zurück, gehen wieder zeitig schlafen. Zuvor haben wir das erste Mal einen Einkaufsrundgang gemacht - aber noch nicht tatsächlich was gekauft. Interessant war, dass diese hochwertigen Läden, vom Juwelier bis zum Levis- bzw. Reebokgeschäft alle voller Inder waren, die für die nicht gerade billigen Artikel offenbar genug Geld dabei hatten. Wir knauserten noch, weil wir unser Gepäck erst in Delhi vergrößern wollen. Aber auch, weil wir ja nicht nur einen Preisvorteil von 50 - 80% erkaufen sondern wirklich Indisches erwerben wollen.





Montag, 13.8.

Bereits vor 11 Uhr sitzen wir im Bus nach Ajmer. Aufgrund der sehr guten Straße (für die allerdings auch Maut zu entrichten ist) haben wir die 130 km schon nach 2 Stunden hinter uns gebracht. Nach Pushkar sind es dann nur noch 12 km bzw. eine halbe Stunde. Wir schauen uns verschiedene Hotels an, entscheiden uns für eines mit Swimmingpool - die Kinder haben dafür plädiert. Jetzt bekommen wir gerade nach zwei Stunden Warten ein allerdings sehr leckeres Essen serviert. Man hatte extra für uns eingekauft und gekocht – das hatten wir nicht geahnt bei dieser vielfältigen Speisekarte. Zum Kochen gab es nur zwei Flammen! Das alles dauert natürlich… Dafür konnten wir von der Dachterrasse aus jede Menge Affen, Kühe, Schweine, Kamele, Hunde, Papageien und sogar einen Pfau beobachten – den indischen Nationalvogel. Hier sehen wir das erste Mal, dass die auch fliegen können. Wir sprachen noch mit einem deutschen Pärchen, das uns zum Beispiel den Nachtzug nach Delhi empfahl. Man musste aber noch ermitteln, ob es dafür überhaupt noch Plätze gab – wobei es natürlich auf die ausreichend gute Kategorie und akzeptable Abfahrts- und Ankunftszeiten für uns ankommt. Wenn es keine Plätze mehr gibt, sollen wir nach Tatkal fragen, sozusagen ein Zauberwort, das manchmal noch freie Plätze schafft.
Wir treffen hier auch wieder Pilger, allerdings nur ganz wenige. Nach erster Sichtung gibt es Unmengen Stände mit indischen Klamotten, die auf die Wünsche der Touristen zugeschnitten sind. Als Hippie sollte man sich hier zu Hause fühlen. Wer diese Zeit nicht erlebt hat, kann sie hier ein wenig nachempfinden.



Dienstag, 14. 8.

Gut geschlafen, aber zu kurz. Früh halb Sechs ziehen die ersten Gruppen laut singend durch die Straßen Danach nimmt das Glockengeläut vom gegenüberliegenden Tempel kein Ende mehr. Momentan kann ich weder Interesse noch Toleranz dafür aufbringen. Auch die erste Begegnung mit dem (heiligen) See trug sicher dazu bei. Ich wollte mich gestern diesbezüglich mal orientieren, wo wir sind und bin - auch wie vorgeschrieben ohne Schuhe - zum Seeufer die Treppen hinunter gegangen. Da wich mir ein Brahmane nicht mehr von der Seite und erklärte mir, wie ich beten soll. Er drückte mir ein paar Blütenblätter und Farbpuder in die Hand und machte einen Punkt auf meine Stirn. Dann wollte er mir noch Bändchen um das Handgelenk binden - und wie ich aus dem Reiseführer wusste, später dafür dann Geld haben. Also wies ich ihn in die Schranken, was er mir sichtlich übel nahm. Nicht nur diese direkte Art einen anzusprechen, auch Dreck und Gestank sind hier genauso, wie wir es schon dutzendmal woanders erlebt haben. Irgendwann kann zumindest ich es nicht mehr ertragen und wünsche mir davon mal eine Pause. Ich habe heute Nacht geträumt, wir wären in Deutschland und überall wären Inder. Sie sind überall auf den Straßen, dazwischen liegen oder laufen wie hier die Kühe. Nach dem Aufwachen hatte ich es total satt. Wir sind jetzt fast vier Wochen hier und reisen auf eine unmittelbare Art, wie es üblicherweise meist Stundenten tun, nicht Familien und dazu mit Kindern. Ich empfinde es als sehr anstrengend, da man die Erkenntnisse - damit meine ich den Alltag - kaum verarbeiten kann. Zu sehr ist man mit eigenen Problemen und auch Konflikten beschäftigt. Umso direkter trifft uns die umgebende Realität eben schonungslos. Wir streiten uns immer häufiger wegen Banalitäten, die mitunter aber für einen Moment ganz wichtig werden für jeden. Aber das ist doch völlig normal. Jeder hat eine unterschiedliche Toleranzschwelle - für Gerüche, Dreck, Lärm, Aufdringlichkeiten und anderen Stress. Um damit besser fertig zu werden, gibt’s ja die typischen Backpackerunterkünfte, die auf der ganzen Welt ähnlich sind, so wie wir sie in Rishikesh und Jaipur hatten. Man bekommt hier dem Land entsprechend viele Annehmlichkeiten, die Europäer zu schätzen wissen - und das zum Preis max. eines Mittelklassehotels (8 - 15 € pro Zimmer umgerechnet): saubere Zimmer, Dusche, Wäscheservice, europäisches Essen, Internetcafé, German Bakery u.a.. Man ahnt nicht, wie gut das der Seele tut. Heute morgen regnet es und es ist auch regelrecht kühl. Nach Mussourie ist es das erste Mal, dass man sogar mal eine Jacke anziehen würde. Allerdings haben wir nun die Regenjacken in Delhi gelassen. Aber wirklich hätten wir sie auch nicht mehr gebraucht. In ganz Rajasthan wird gerade das Teej-Festival zur Begrüßung des Monsuns gefeiert. Es scheint zu passen. Und wenn es so sein sollte, hätten wir ja gerade Glück gehabt. Das Schöne: endlich mal keine Hitze. Optimal werden wir das Wetter wohl erst zu Hause wieder empfinden. Während des Nieselregens gehen wir das erste Mal in den Swimmingpool, in dem man durchaus auch mal ein Stück schwimmen kann. Für Inder und Ausländer gibt es getrennte Badezeiten. Uns ist es egal und den reichen Indern hier im Hotel höchstwahrscheinlich auch. So mache ich kurz am Bassin die Bekanntschaft mit einem Sikh, der zum Baden nicht nur die Haare unter dem Turban nach oben nimmt, sondern auch seinen Dolch – ein kurioses Bild. Der Tag vergeht schnell mit Spaziergängen durch Pushkar, die schon zum Einkaufen genutzt werden. Hinter dem bunten Angebot findet man allerdings nur wenige hochwertige Sachen. Zum Mittag- und zum Abendessen, wie auch zum Frühstück lernen wir nach und nach die schönen Dachrestaurants (mit Überblick über die Stadt) kennen, die ihr Angebot durchweg auf Touristen wie uns eingestellt haben.



Mittwoch, 15.8.

Ajmer - unsere freundlichste Stadt in Indien, die wir bisher kennen gelernt habe. Ein völlig neues Erleben - Inder haben Interesse, sich mit uns zu unterhalten - und sogar Frauen. Ich kann Menschen fotografieren, die sich darüber sogar freuen. Da macht das gleich noch viel mehr Spaß. Vier Filme werden an diesem Tag voll. Wir schauen uns die Moschee an und laufen durch die alten Viertel. Der berühmte Jain-Tempel beeindruckt mit seinem gigantischen Goldschatz - einer Darstellung der Jain von ihrer idealisierten Welt auf einer Scheibe
Wir sind wir sind ständig inmitten interessanter Menschen. Vor allem lernen wir heute sehr viele indische Moslems kennen. Eine Muslemin schenkt mir eine Kette. Das berührt und erstaunt mich zugleich sehr. Sie hatte nach mir gesucht, da ich sie anfangs fotografiert hatte. Offenbar hat auch sie das etwas in ihr ausgelöst. Aauf meine offenkundige Freude über das überraschende Geschenk hatte sie nur gewartet. Ajmer ist für Muslime das wichtigste Pilgerzentrum in Indien. Zurück in Pushkar - Abendessen im Dachrestaurant - Lassi trinken. Das war einer der besten Tage für mich. Ausnehmen davon muss ich leider meine Erfahrung mit einem „Bang“- bzw. „Chillout“-Lassi. Es war meine erste Erfahrung mit Marihuana und wird definitiv die letzte bleiben. Die Wirkung ist schwer berechenbar und so würde ich jedem nur von einem Selbstversuch abraten. Komisch ist schon, dass es das hier frei gibt – getarnt in Lassi, Kuchen oder auch pur, dafür aber keinerlei Alkohol, Fleisch, nicht mal Eier.



Moslems in Ajmer

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Donnerstag, 16.8.

Ausschlafen - Swimmingpool - Essen. Erst am Nachmittag kommen wir „in die Gänge“. Wir laufen um den See herum und genießen die unvergleichliche Stimmung hier. Ruhe, Musik und Trommeln vom anderen Ufer, Gespräche mit einem Sadhu, Beobachtungen einzelner Menschen - all das kann man außerhalb des touristischen Pushkar genießen. Ein kleiner Kamelritt für die Kinder, während wir bei einem Tee den Ausblick vom „Café Shiva“ genießen. Am so genannten Affen-Ghat sehen wir, wie eine ganze Horde gefüttert wird. Wir machen ein paar Fotos und nehmen lieber Abstand. Als wir meist so gegen 21:30 Uhr zum Schlafen kommen, hat die Hälfte der kleinen Läden schon geschlossen. Auf der anderen Seite geht es vor 7 Uhr schon wieder los - einen Ruhetag gibt es nicht.



Heiliger See - Pushkar

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Freitag 17.8.

Noch mal entspannen, Swimmingpool genießen, Karten zur Post bringen. Erst hier fanden wir die Ruhe, Urlaubsgrüße zu schreiben. Es ist wichtig, das Abstempeln auf der Post zu verfolgen, nachdem man die Briefmarken mit Leim versuchen muss, anzukleben. Spucke hat mehr Klebkraft! Die bei uns angekommene Karte hatte schon keine Marke mehr. Sicher wurde sie noch mal benutzt – Recycling auf indische Art. Nichts ist zu billig, als dass man daraus noch einen, wenn auch minimalen Gewinn holen kann.
Wir versuchen, in unserem reservierten Hotel in Delhi anzurufen - zunächst bekommen wir niemanden ran, der englisch spricht. Das gelingt uns später noch am Bahnhof. Wir behalten unser Zimmer noch bis 14 Uhr, dann geht’s los, mit dem Bus zum Busbahnhof nach Ajmer. Unser Zug, der Shatabdi-Express, steht sogar schon da. Verblüffend perfekt: es hängen Computerausdrucke an den Waggontüren, wo alle Passagiernamen aufgelistet sind, auch unsere. Der Waggon - AC CHAIR CAR - ist geräumiger und damit auch bequemer als unser ICE. Es geht teils recht zügig vorwärts, geschätzte 80 km/h. Später stoppt der Zug aber auch häufig wieder. Das macht aber alles nichts - die Zeit vergeht wie im Flug. Es ist auch wie im Flug: drei Mahlzeiten während der 6-stündigen Fahrt. Das Bordpersonal hat ständig zu tun. Jetzt wundert es nicht mehr, dass die Indische Bahn (sogar weltweit!) der größte Arbeitgeber ist. Gut, dass wir auch mal Bahn gefahren sind - das meist gewählte Transportmittel in Indien. Das vermittelt ein wesentlich komfortableres Bild von Indiens Transportmitteln. Allerdings haben wir auch einen Luxuszug gewählt. Die meisten Inder reisen eher in einfacheren und überfüllten Zügen. Wir hätten den Zug gern mehr genutzt. Die Verbindungen liegen jedoch meist nachts oder mit sehr frühen bzw. späten Abfahrt- bzw. Ankunftszeiten. Auch Nachtbusse haben wir nicht genutzt, wegen der Kinder. Das alles sind allerdings für „normale“ Traveller gute Möglichkeiten, schnell vorwärts zu kommen. Mit einer halben Stunde Verspätung kommen wir an der New Delhi Railway Station an. Von hier laufen wir nur 15 Minuten bis zum Hotel, wo alles klappt mit den reservierten Zimmern. Noch vor Mitternacht können wir alle schlafen.



Samstag, 18.8.

Einkaufen ist angesagt. Wir fahren gleich vor dem Frühstück zum Connaught Place. Das stellt sich schnell als Fehler heraus. Die touristischen Restaurants, die Thomas hier vor 10 (!) Jahren auf seiner letzten Indienreise gesehen hat, gibt es inzwischen alle schon nicht mehr. Es hat sich hier einiges verändert. Wir landen in der Not in einem total überteuerten Luxusrestaurant und essen vom Buffet. Wir bezahlen über 1000 Rs. für uns alle, das ist das 3-fache des sonst Üblichen. Das Einkaufen macht nicht wirklich Spaß. So viel wie heute haben wir uns selten gestritten. Jeder hat andere Vorstellungen davon, was er kaufen will - lange genug sind wir immer wieder vorbei gelaufen und haben uns zurückgehalten. Wir stellen allerdings fest, dass es ziemlich viel Ramsch und schlechte Qualität gibt. Deshalb gehen wir schließlich in die staatlichen Läden und kaufen das meiste dort. Hier entfällt auch das Feilschen, das man entweder annehmen kann oder zu hassen beginnt. Dieses Rein und Raus macht einen auch ganz schön fertig. Abends sind wir jedenfalls sehr geschafft und fallen völlig fertig ins Bett.



Sonntag, 19.8.

Wir wollen heraus finden, wo die gut situierten Inder einkaufen. Viele Sachen, die sie tragen, besser gesagt, die von Frauen getragen werden, haben wir in dieser Qualität in Läden noch nicht gesehen. Auf Verdacht fahren wir mit der U-Bahn zu einer Station etwas außerhalb am Fernsehturm (wo die „Northern Square Mall“ im Plan eingetragen ist). Wie wir gelesen haben, entstehen überall in den Großstädten große Einkaufszentren für die Mittel- und Oberschicht, die ständig wächst. Es war eine gute Wahl für uns, zum Einkaufen hierher zu kommen. In nur wenigen Läden kaufen wir eine Menge Textilien guter Qualität - etwas teurer als woanders, aber für uns trotzdem noch sehr preiswert und alles indisch (mehr oder weniger Typisches). Nicht immer feilschen zu müssen, tut einfach auch mal gut. Anschließend geht es mit der U-Bahn zurück nach Old Delhi. Es ist gegenüber den letzten Stunden ein völlig anderes Indien. Wir sind auch schnell wieder genervt. Zum Abschluss unseres Delhi-Besuchs kommen wir noch zu Indiens größter Moschee, die vor allem aus der Ferne einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Das letzte Mal Schuhe ausziehen, die letzten Fotos - dann zurück zum Hotel: Packen, noch kleine Einkäufe in der Umgebung. In Pahar Ganj gibt es aber nichts anders als in vergleichbaren Touristenvierteln. Klamotten, Klamotten, alles, was man aus Stoff machen kann. Schuhe, Duftöle , Edelsteine. Mit dem Abendessen wird es viel zu spät. Arthur hat Fieber - es ist aber später wieder weg. Für uns waren die letzten zwei Tage in Delhi noch mal eine Anstrengung bis zum Umfallen. Das tun wir dann gegen 22:30 Uhr im Hotel. Dabei schlafen wir natürlich nicht gleich ein, zu viel geht uns noch durch den Kopf. Das Taxi ist bestellt für 6 Uhr.



größte Moschee Indiens (Delhi)

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Montag, 20.8.

Wecken, Aufstehen, Taxi - alles klappt. Ein letztes Mal typisch Indien: trotz Bestellung eines großen Wagens kommt ein kleiner Opel Manta, bei dem der Kofferraum mit zwei unserer Rucksäcke bereits rammelvoll ist. Wir aber hatten 4 Rucksäcke und eine Riesentasche (voller Einkäufe) sowie zwei kleine Rucksäcke. Ergebnis: Das Gepäck lag halb über uns im Auto, so dass wir kaum atmen geschweige denn uns bewegen konnten. Das wichtigste aber: wir kamen schnell und pünktlich zum Flughafen. Das Flugzeug startete zwar 15 Minuten später, kamen dafür aber fast eine Stunde eher an. Ein guter Flug (oder waren mir die Turbulenzen jetzt eher egal). Spektakuläre Blicke auf die Bergwelt von Afghanistan, auf Iran, auf den Aralsee.
München: Zugtickets kaufen. Trotz Bahncards bezahlen wir allein für die Bahnfahrt soviel, wie wir für drei Tage in Indien zum Leben brauchten.




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Kommentare

  • winni

    Mutig, mutig mit drei Kindern so eine Reise durch Indien. Der Bericht ist lebendig geschrieben und weckt Erinnerungen an meiner Reise im letzten Jahr durch Rajasthan. Die Bilder hätte ich aber kleiner eingestellt (Text umfließt rechts oder links). Evtl. würde ich noch einen Seitenvorschub einbauen. Auch die Reisestationen hätte ich unter "Stationen der Reise" mit aufgenommen, z.B. Datum und Ort. Es fehlen noch viele Stichwörter. Dieses kann man alles noch ändern. Sonst ein klasse Bericht. vg winni

  • AndyH

    Respekt Respekt! Wirklich eine großartige Reise und ein toller Bericht! Indien steht auch noch ganz oben auf meiner To-Do Liste!

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. 'Ferien' in Indien – Alltag und Abenteuer mit unseren 3 Kindern (Sommer 2007) 3.67 9

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