Reisebericht

Reisebericht: Ab auf's Meer!

 
 
 
 
 
Reisebericht: Ab auf's Meer!

Diese Story wurde als erstes veröffentlicht in ca. 2001 oder 2 in einem ziemlich spirituellen Heft aus Bayern, dessen Name mir leider entfallen ist... Dass ich mir da etwas den "Spiri" vorhänge - um die Kristallfreaks etwas aufzumuntern - verzeihe man mir bitte! Eigentlich ist es doch eine total straighte Geschichte. Warum sind wir NACKT? Ist doch LOGISCH....

Gedanken über die Möglichkeiten, die uns das Meer als letzte Reserve echter Wildnis bietet. Oder, warum soll man zwei Drittel der Erde nur zum Fische fangen, Öltanker fahren und Baden brauchen?

Kurz nach Sonnenuntergang steigt Francoise wieder in das Schlauchboot mit den vielen Flicken und rudert zu ihrem Segelboot „Gianna“ zurück. Ihre langen, blonden Haare flattern im Passatwind und ihr muskulöser Körper spannt sich jedes Mal wie ein Pfeilbogen, wenn sie die Holzruder nach hinten zieht. Dann bindet sie ihr Beiboot an das kleine Segelschiff, das seit vierzehn Jahren ihr Zuhause ist und in dem sie, meistens alleine, kreuz und quer durch den Pazifik segelt. Sie zündet die Ankerlaterne an, hängt sie an den Mast, winkt nochmals kurz zu unserem Boot rüber und verschwindet im Innern ihrer Nussschale, wo sie den Fisch kocht, den sie heute früh am Riff geangelt hat.
Ohne diese Nusschale, hat sie uns eben noch geflüstert, wäre ihre Leben nicht mehr lebenswert. Wäre sie schutzlos und ausgeliefert einem tristen Leben an Land. Wo die Sterne nicht mehr Bedeutung haben, als Symbole zur Verschönerung der Nacht. Sie will sie als Wegmarken. Will sie eintragen in präzisen Winkeln, in ihren abgenutzten Seekarten. Damit sie den Halt kriegt, den das Land ihr nicht geben konnte.

Von all den Arten, der zuehmend verrückten Mainstreamkultur zu entfliehen, ist der Weg aufs Meer wohl der effektivste. Wem Europa zu laut ist, Amerika zu dekadent, Asien zu voll, Australien zu trocken, Afrika zu heiss und die Antarktis zu kalt, dem bleibt letztlich nur der Sprung ins salzige Wasser. Nicht nur liegt unsere Vergangenheit dort - vielleicht auch unsere Zukunft!
Zigtausende verbringen mittlerweile ihre Ferien auf Booten im Meer, weitere zigtausende leben vollzeitlich auf ihren floating homes. Ein Leben mitten im Ursprung des Lebens, nur am Rand verbunden mit dem Land. Ich selber bin ein Bootsbwohner, treibe mit meiner Familie in einem kleinen Segelschiff von Küste zu Küste, werfe mal hier den Anker, mal dort. Wozu auch sesshaft werden?
Viele Probleme unserer Zeit wurzeln meines Erachtens in der Diskrepanz, einerseits sesshaft sein zu wollen, andererseits mobil. Das führt dazu, dass wir uns z. Bsp. in die Abgeschiedenheit eines einsamen Bergtales wünschen, andererseits mit dem Auto schnell in den nächsten Supermarkt fahren können wollen, wenn die Butter alle ist. Klar, dass diese beiden Wünsche unvereinbar sind, ausser für eine privilegierte Minderheit, die quasi am Ende aller Strassen lebt, wo niemand auf der Suche nach Butter an ihnen vorbeifährt. Aber wo ist schon das Ende aller Strassen?
Das Meer hat keine Strassen, es IST eine Strasse. Jeder Ort am Meer ist potenziell mit jedem anderen Ort am Meer verbunden, ganz im Gegensatz zu Land. Wären, wo jetzt Kontinente liegen, Meer (und umgekehrt), sähe alles anders aus: Lastwagen könnten um die ganze Welt fahren, während Schiffe immer auf ihre „Weltmeere“ beschränkt wären. Interessanterweise gibt es aber nur EIN Meer, und nicht deren sieben, von denen der Volksmund spricht. Wenn etwas global ist, dann ist es das Meer.

Niemand würde auf die Idee kommen, die profunde Bedeutung des Meeres auf die Ausbreitung des Menschen und seiner Kulturen in Frage zu stellen. Ebenso wie es immer Hindernis war, war es oft auch der Weg. Schon vor zigtausend Jahren wurden sagenhaft weit vom Festland gelegene Inseln von Menschen besiedelt. Ohne Meer - auf einer Erde nur aus Land - wäre die Ausbreitung vielleicht zäher verlaufen, da immer jemandes Territorium überschritten werden musste, um weiter zu kommen. Kaum wäre diese Erde „besetzt“ gewesen, wäre sie von ihren Bewohnern nur noch verteidigt worden, gegen Durchreisende. Eine Form globaler Kultur hätte auf einer nur von Land bedeckten Erde nicht annähernd so gute Chancen, wie auf unserer „Meererde“, die zu zwei Dritteln von Ozean bedeckt ist - von einer Masse, die geradezu sinnbildlich ist für Vermischung und Bewegung.

Die Vorstellung vom Meer als Barriere wurde schon zu Zeiten widerlegt, als Europäer noch in Höhlen lebten. Als sie sich aufrafften die Ozeane zu durchkreuzen, war schon praktisch jede Insel seit langem besiedelt. Der Hase mit dem Kompass hatte den Wettlauf mit dem Igel im Einbaum verloren. Was bleibt, ist die Tatsache, dass erst mit europäischer Systematik das Meer als ganzes kartografiert wurde und in seinem grösseren Zusammenhang in das Bewusstsein der Menschheit eindringen konnte.
Der nächste logische Schritt in der Evolution der Menschheit, ist die Wahrnehmung des Weltmeeres nicht bloss als „Strasse“ oder als Resource, sondern als ständiger Lebensraum für eine wachsende Menschheit. Viel zu stark hängt noch das trübe Bild vom Meer in unseren Seelen, als mal graue, mal blaue Ödnis. Als flache, reizlose Wüstenei, die lebensfeindlich, leer und langweilig ist. Beziehungsweise sturmgepeitscht und voller bissiger Monster.
Obwohl dies teilweise stimmt, ist es doch nur ein Teil der vielfältigen Qualitäten des Ozeans. Genauso wie das Land, bietet das Meer Nuancen, auch wenn sie nicht so offensichtlich sind.
Das Meer erstreckt sich über jeden Breitengrad, mit entsprechendem Einfluss auf seine Temperatur. Alleine im tropischen Gürtel gibt es sechs Mal mehr Meer als Land. Aber vieles von diesem Meer ist „fast Land“. Der Pazifik bietet riesige Flächen relativ flachen Meeres, wo zahlreiche „aquatische“ Zivilisationsformen denkbar sind. Nicht abgehobene Zivilkationsfluchtburgen für den Tourismus von übermorgen, sondern alltagstaugliche Lebensplattformen mit relativ geschlossenen Rohstoffkreisläufen; und besiedelt von nicht weniger glücklichen Menschen, als zum Beispiel den Einwohnern von Köln Deutz.

Wie soll das möglich sein? Öltanker auspumpen, sauber schruppen, Fenster reinschneiden und Kölndeutzmässige Wohnungen einbauen? Sicher nicht!
Das Geheimnis liegt vielmehr in der Kombination aus alten und neuen Technologien. Der Wissensschatz der Menschheit reicht locker, Millionen von Menschen ein angenehmes Leben auf dem Meer zu ermöglichen; während er gleichzeitig Lichtjahre davon entfernt ist, dasselbe auf einem fremden Pla-neten zu tun. Dass trotzdem astronomisch teure Weltraumstationen gebaut und Marsexkursionen geplant werden, hat mehr mit der Subventionsgier gewisser Wissenschaften zu tun – allen voran der Waffentechnologie – als mit echten Alternativen. Also werden Träume vom Leben in Schwerelosigkeit angerührt, weit enfernt von unserem Planeten der Mühsal.

Schwimmende Lebensplattformen zu bauen, ist dagegen billiges Kinderspiel. Mit vorhandener Technologie lassen sich zum Beispiel ringförmige Struk-turen von Kilometergrösse aus Armierungsstahl bauen. Werden diese in tropischen Gewässern abgesenkt, entsteht in wenigen Jahren ganz von alleine eine wasserdichte Korallenschicht um das Geflecht, worauf die Struktur leergepumpt und zum schwimmen gebracht werden kann. In weniger temperierten Gegenden braucht es dazu Beton, den herzustellen man sich ja geübt ist. Je grösser solche Strukturen, je billiger pro zukünftigem Einwohner. Ein paar Kilometer Durchmesser kann hunderttausend Einwohnern alles bieten, was man/frau zum leben braucht, inklusive Platz für Kinder.
Dank der Ringform lässt sich die entstandene Lagune in der Mitte zur Fischzucht nutzen, sobald sie von unten mit Netzen oder Gittern vom Meer getrennt worden ist. Auf dem ringförmigen „Land“ können Häuser gebaut werden, Hühner gezüchtet werden, oder besser noch Möven. Landwirtschaft könnte betrieben werden in der schon bewährten „hors sol“ Methode. Und wo noch Erde gebraucht wird, auf einem Gemisch aus Algen, Korallen, Fischabfällen, Mövenkot und Treibholz. Solche aquatischen Ringstrukturen wären nichts weiter, als die bewussten Kopien eines Atolls, die aber im Gegensatz zu solchen, beliebig vermehrbar sind und nicht zuerst von Eingeborenen geklaut werden müssen. Vor Anker liegend sind diese Atolle unempfindlich gegenüber dem vorhersehbaren Anstieg des Meeresspiegels. Auch wenn es solche Anker noch nicht gibt, so dürfte ihre Entwicklung einfacher sein, als die von Marsraketen.

Nun lebt der Mensch nicht von Algenmüsli und Fischbrot allein. Die Kernidee aquatischen Lebens ist nur entfernt verwandt mit dem autarken Biobauernhof. Handel und Austausch mit dem Rest der Welt ist einfacher zu erreichen, als in einer heilen Natur, durch die zuerst ein Weg gebaut werden muss, der sofort zur Strasse wird, wer Pech hat, zur Autobahn.

Schiffe und Boote sind zwar nicht die schnellsten aber die effizientesten Transportmittel, die der Mensch erfunden hat. Keine lineare Verwüstung der Natur, sprich Strasse, ist nötig, um Güter von einem Ort zum anderen zu bringen. Natürlich hat jede Ringstruktur ihren eigenen Hafen, in dem zum Beispiel Segelfrachter andocken können. Ohne Risiko lässt sich die Theorie aufstellen, dass - auch wenn vielleicht nicht so beabsichtigt - kein Bereich menschlicher Aktivitäten mehr von modernen Entwicklungen profitiert hat, als die Segelei. Aus der seit Menschengedenken mühsamen und ungenauen Navigation ist ein einfaches und präzises Computergame geworden. Die Fasern, aus denen Segel gemacht werden, sind unempfindlich gegen Rott und Sonnenlicht, als auch fast unzerstörbar durch Wind. Schiffsrümpfe aus Polyester haben potenziell eine Lebensdauer, die in die Jahrhunderte geht. Und die Wetterprognosen kommen per Fax vom Satelitten auf den solargespiesenen Laptop.

Energie lässt sich auf dem Meer aber noch einfacher durch Windgeneratoren erzeugen. Windsurfer, Rollschuhe und Fahrräder wären Transportmittel für die ganz Eiligen auf solchen künstlichen Atollen. Süsswasser liesse sich in Form von Regenwasser sammeln, als auch durch hocheffiziente, elektrisch betriebene Filter aus Meerwasser gewinnen. Diese Methode ist schon fast ein alter Hut. Wer Warmwasser braucht, baut sich noch einen Solarkollektor auf sein Muscheldach.
Seit Kommunikation, Unterhaltung und Information drahtlos und weltweit verfügbar geworden ist, kann keine Rede mehr sein von Isolation und Abgeschiedenheit - ausser man/frau sucht sie bewusst. Virtuelle Welten im Gemeinschaftsraum der Ringstruktur „Planetlove“ auf drei Grad Süd, schaffen Wissen und Verbundenheit mit der Gesamtheit unserer Erde. Dank der Kombination von aquatischen Zivilisationsformen und Internet wird die statische Erde in unserem Bewusstsein zu einem dynamisches Schiff, auf dessen Wohlergehen wir ultimativ angewiesen sind. Menschen wandeln von einem Zustand der Besetzung einer Scholle Land zu der Einsicht, dass wir inzwischen mitverantwortliche Besatzung des Ganzen geworden sind. Kurz, die Zukunft wird zu einem Kurs, den wir gemeinsam finden müssen.

Was jetzt noch fehlt, ist die ökonomische Basis, der Eintauschwert, mit dem der volle Segelfrachter bezahlt sein will, bevor er zum Beispiel seine Ladung Windsurfer an „Land“ hievt. Alles deutet darauf hin, dass der kulturelle Sektor, die Software, die Informatik, allen anderen Sektoren menschlicher Aktivitäten den Rang abläuft; zumindest was die finanziellen Möglichkeiten betrifft. Wo diese Aktivitäten vollbracht werden, spielt praktisch keine Rolle mehr, da sie drahtlos vermarktbar sind.
Nun kommt aber ein anderer Faktor zum Zug, der aus der heutigen Zeit betrachtet nicht so offensichtlich ist. Ich nenne ihn einfach mal frech den „Andockfaktor“. Jede Kernidee ist wie ein Puzzlestein, an den sich weitere fügen lassen. Irgendwann erreicht man eine Grenze, wo sich ein homogener Rand bildet, an den sich nichts mehr anfügen, einklinken, andocken lässt, was mit der Kernidee noch zu tun hat. Diesem Rand nähert sich mit Riesen-schritten das Alltagsleben eines modernen Zivilisationsmenschen, der sein gemütliches Leben zu Land fristet. Alles ist da, nichts ist wirklich neu, auch wenn einen „historischen Doppelklick“ lang vieles bunter und aufregender wirkt, da per Plasmabildschirm animiert und per Glasfaserkabel bestellt. Die kuschelweichen Hausschuhe in Form von Bärenfüssen (aus der Webpage für originelle Geschenkideen.com (Bzw. aus 100% Polyester (Bzw. aus China))) bilden den arschglatten Rand eines Puzzles, das vor langer Zeit mit einem echten Bärenfell und kalten Füssen begonnen haben mag.

Die nicht ganz neue Idee der Besiedelung des Meeres, ist ein um Freilegung ringender multidimensional verschnörkelter Puzzlestein, der, einmal ernsthaft ausgepackt, eine Kaskade weiterer Puzzlesteine andocken lässt: Phantasien, Ideen, Konzepte, Materialien und Produkte, die diese Lebensform ermöglichen werden, verbessern und, so steht zu befürchten, irgendwann perfektionieren können. Ein Markt für zukünftige Aquatiker, die mit ihren Produkten auf lohnende Geschäftsreisen per Segelboot gehen werden. Kurz gesagt: Je unwirtlicher der Lebensraum in den vorgestossen wird, je dynamischer die Entwicklung und grösser das Marktpotenzial für die Zukunft.

Bevor ich jetzt das Risiko eingehe, auf einer zugegebenerweise utopisch wirkenden Idee zu beharren, als „Gegengewicht“ eine Theorie zum Ursprung von uns Menschen: Dass Leben einst im Meer begonnen hat, gilt als ziemlich sicher. Ebenso, dass wir Menschen von den Affen abstammen. Die grosse Frage ist und bleibt, warum wir keine Affen mehr sind und unser Fell, ausser auf dem Kopf, verloren haben - dafür aber sprechen können und schreiben, ein Riesenhirn haben, Feuer entfachen konnten ohne Feuerzeug (lang ist’s her...) und den ganzen Tschäbäng entwickeln konnten, der uns heutzutage umgibt. Weiter: warum wir uns über die ganze Erde ausbreiten konnten, bevorzugt am Meer leben, mit Wonne Langusten fressen... Über die Affen kann man DAS nicht sagen! Ja, warum eigentlich?

Es gibt da ein Theorie, über die selbst in einem so hypothetischen Buch wie „Der nackte Affe“ nur mit Samthandschuhen und äusserster Zurückhaltung hingewiesen wurde. Diese Theorie ist aber das Gegenteil von trocken und überzeugt mich als Segler daher ungemein!
Warum hat der Mensch sein Fell verloren? Klar, weil er im Meer gelebt hat, irgendwo an den Küsten Präafrikas. Die Wälder boten zuwenig Nahrung (wegen Dürre, Feuer, Vulkanausbruch z.Bsp.), worauf eine Horde Affen auf der Suche nach Essbarem am Strand ankam und anfing Krabben zu jagen. Die mag ihnen gut geschmeckt haben – was leicht nachvollziehbar ist - und so wagten sie sich immer tiefer ins Wasser, um an die Delikatessen zu kommen, die vor ihnen ins Meer flüchteten. Schnell lernten sie, dass sie aus Höhlen unterhalb des Wasserspiegels köstlich schmeckende Tiere zerren konnten, wie Langusten etwa, die nie an den Strand kamen. Dabei entwickelten sich über die Jahre ihre Hände zu viel akurateren Greiforganen, als es noch das Pflücken von Bananen erforderte.
Paralell dazu mag der aufrechte Gang entstanden sein. Die Fähigkeit, auf zwei Beinen zu laufen, war nirgends einfacher erlernbar - und nützlicher - als in ca. 1,5 Meter tiefem Wasser. Erste Schwimmversuche waren nötig, wenn man von der Strömung in tieferes Wasser gespült wurde, mit dem Resultat, dass die Fähigkeit zu schwimmen bald zum Standartrepertoire dieser Art gehörte. (Interessanterweise ist noch heutzutage jeder Mensch nach der Geburt fähig, sich über Wasser zu halten, ganz im Gegensatz zu praktisch allen Affenarten.)
Einmal im Wasser - schwimmend, an Riffen köstliche, proteinreiche Nahrung findend - begann sich diese Affenart den Küsten entlang auszubreiten. Und dabei entstand die Sprache. Körpersprache war im Wasser zu nicht viel mehr Nutze, da ja nur noch der Kopf herausragte. Auch eine vieldeutige Grimasse hatte im bewegten Meer keine grosse Reichweite. Eine akustische Sprache, die über Wellenkämme hinweg verständlich ist, war gefragt, verbunden mit einem abstrakter Wortschatz, um Dinge oder Zustände zu erklären, die weder sichtbar noch riechbar waren, da sie unter Wasser lagen oder verborgen hinter dem Horizont.
Das Weltklima mag gerade ausgesprochen warm gewesen sein, mit dem Resultat, dass sich diese Horden plantschender Affen in alle Himmels-richtungen ausbreiten konnte, zumeist entlang der Küsten; manchmal aber auch festgeklammert an Bäume, die von Hochwasser führenden Flüssen entwurzelt wurden und die von Meeresströmungen und Wind über riesige Enfernungen getrieben wurden. Dank ihrer aquatischen Konditionierung - und weil die Bäume so viele knackige Käfer unter der Borke hatten, als auch saftige Lianen und Blätter an den Ästen - mag es immer wieder Überlebende gegeben haben, wenn solche Odyseen der Urzeit an irgendeiner Küste zu Ende gingen.

Im Laufe der Jahrtausende, so geht die Theorie, verloren diese Affen ihr Fell. Ausser natürlich am Kopf, wo die Haare ihr Hirn vor der Sonne schützten. Wenn sie abends dem Meer entstiegen, um am Strand zu schlafen, lernten sie Feuer zu machen, was mit trockenem Treibholz einfacher geht, als mit saftigem Urwaldholz. Auch fingen sie an, Umrisse von Fischen in den Sand zu ritzen, die sie gesehen hatten, Linien in die Richtung zu ziehen, wo es besonders grosse Langusten gab, oder gar Zeichen, um dem Klan die Nachricht zu hinterlassen, dass man am „grossen Riff vor der Abendsonne“ noch eine Seegurke holen geht. Sie waren gut genährt und sahen im Gegensatz zu ihren Vorfahren nicht bloss Bäume, sondern von Land aus das Meer und vom Meer aus das Land. Ideale Voraussetzungen zur Herausbildung einer dualistischen Denkweise.
Erste Anzeichen von Schwimmhäuten bildeten sich zwischen ihren Zehen und Fingern. Der Strich ihrer kümmerlichen Restbehaarung hatte sich exakt dem Strömungsverlauf des Wassers um ihre Körper angepasst (was im Gegensatz zu allen Affen beim Mensch so ist!) Ihre besten Freunde waren die Delfine, die auf ihre Kinder aufpassten und sie ins flache Wasser trugen, wenn sie noch nicht gut schwimmen konnten.

Als das Klima sich nach ein paar hundert oder ein paar tausend Generationen wieder empfindlich abkühlte, zogen sich viele dieser quaselnden Plantschaffen ans Land zurück, versteckten sich in Höhlen, pflegten ihre Feuer und begannen sich hinan nackt zu fühlen. Das Meer war zu ihrer Kleidung geworden, die sie nun vermissten. Sie hüllten sich bis zum Hals in Kleider aus Blättern und malten ihre Höhlen hübsch an. Aber während für die nächsten paar hundert Generationen die Gletscher wuchsen, vergassen sie, dass sie einstmals im Meer gelebt hatten. Nur in ihren Geschichten war noch manchmal von etwas die Rede, das später als die grosse Sintflut missverstanden wurde und in den Schöpfungsmythen vieler Völker bis auf den heutigen Tag zu finden ist.

Das Meer als Lebensraum für uns Menschen ist also keineswegs fremd oder neu. „Boatpeople“ verschiedenster Technisierungsgrade bevölkern seit langem die Ränder des Weltmeeres, oder durchkreuzen es. Von der urtümlichen chinesischen Dschunke im Hafen von Hongkong über die Hausboote mit Balkon in San Franzisko oder Amsterdam, bis zu den technischen Wunderjachten, die unter Autopilot um das Kap Horn segeln. Das Meer mag keine Planken haben, aber dafür gibt es auch keine Grenzpfähle und Zäune. In einer Zeit des aufkeimenden Separatismus, Nationalismus, Territorialismus bietet das Meer den schützenden Hafen für eine neue Form menschlicher Verbundenheit. Wir sind alle dem gleichen Meer entstiegen!
Und wir können einfach zurück: Die Szene der Yachtbewohner ist unüberschaubar geworden, kaum ein Boot wird je noch abgewrackt, seit es Kunststoffschiffe gibt, deren Lebensdauer völlig unbekannt ist. Sprich, es gibt weltweit immer mehr hochseetaugliche Schiffe, die Preise sinken, die Ausrüstung wird immer genialer, der Mensch bereitet sich piekfein auf eine Besiedelung der Weltmeere vor - und merkt es nicht!
Unser eigenes Boot, die „Liberty“, wurde 1959 in Florida aus dem damals revolutionären Baustoff Polyester gebaut. Es ist seither ganze vier Mal angemalt worden. Unsere schwimmende Plastikinsel ist ein festes Zuhause, egal wo wir sind. Unser Sohn Piran lebt seit er sechs Monate alt ist auf der „Liberty“ und langweilt sich selten. Wenn Delfine uns begleiten, dann ist er sprachlos. Wenn sie uns wieder verlassen, redet er wie ein Wasserfall.

Heute früh hab ich am Strand einen Zahn gefunden. Francoise meint, es sei ein Backenzahn von einem Pilotwal. Er ist etwa so gross wie eine Zündholzschachtel, mit deutlichen Spuren von Zahnfäule. Was verursacht bloss Zahnfäule bei Pilotwalen? Zuviele süsse Robbenbabys gefressen? Das Meer versorgt uns nicht nur mit Nahrung für den Bauch, sondern auch mit Fragen ohne Ende, die zu beantworten nie möglich sein werden. Die Fragen über das Land, so befürchte ich, werden bald als weitgehend geklärt erklärt. Eventuell auch die Fragen der Sterne. Aber die Fragen über das Meer bleiben. Das Meer ist die grosse Mutter, die unsere Menschenhirne nicht zuletzt auch mit Symbolen verwöhnen kann, endloser als der leere Raum. Oft leuchtet nachts das Kielwasser heller als die ganze Milchstrasse. Alles bloss Plankton ? Muscheln sind wie Sterne die wir in die Hand nehmen dürfen. Ein Walzahn ist eher selten. Dafür ersetzt er mir den ganzen Orionnebel.

Ja, das Meer. Hat mich vom ersten Mal, als ich meine Hand eingetaucht habe, nie mehr losgelassen. In der Schweiz wohnt man am Fuss der Berge, alles wichtige ist oben. Wie anders das Meer! Dieser Gedanke kam mir, als ich mich das erste Mal in einem Schlauchboot von der Küste Südfrankreichs entfernte. Es war wie eine schaukelnde Ballonfahrt über eine bunte Welt unter Glas, hinter dem Fische lebten, Seesterne, Quallen. Eigentlich alles lebte. Das ganze Meer ein einziger Organismus, wie eine durchsichtige, göttliche Qualle, die in sich DAS Leben ist. Leben, von dem sich ein paar wenige Arten an Land verlaufen haben. Wir Menschen zum Beispiel. Und die restlichen zehn Prozent der globalen Biomasse, die NICHT im Meer lebt. Alle mühsam am Leben erhalten durch eingebaute Wasserspeicher. Alle in erster Linie aus Meer bestehend. Eigentlich sind wir Fische mit Fahrrädern! Dachte ich, und zog mit achzehn auf mein erstes Segelboot.

2001 Gerd Fehlbaum, Waiheke Island, NZ



 
 
 
 
 

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