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Reisebericht: Gateway to the hell (Tunnel Creek)
Der Tunnel Creek findet man im Kimberley Plateau in Westaustralien. Er durchstösst die Napier Ranges, das ehemalige Great Devonian Reff, auf einer Länge von 750 Meter und einer Höhe bis zu 8o Meter. Ein Höllenloch für Unerschrockene.
Gateway to the Hell (Tunnel Creek)
Schmatzend sog sich der Fuss mitsamt dem Turnschuh aus dem schlammigen Boden der dunklen, ekelhaft stinkenden Brühe. Immerhin, sämtliche Bedenken waren zu diesem Zeitpunkt inzwischen widerwillig abgeschüttelt worden. Es konnte in diesem finsteren Loch zur Unterwelt nur noch schlimmer kommen. Und es kam schlimmer.
Vor etwa 350-375 Millionen Jahren schob sich an der Westküste von Australien, das Great Devonian Reef aus den Tiefen des Indischen Ozeans und der Timor Sea, auf einer Länge von 1000 Kilometern, an die Erdoberfläche. Irgendwo in den unendlichen Weiten des fast menschenleeren Kimberley-Plateaus frass sich dann das Wasser 750 Meter tunnelförmig durch den durchschnittlich 80 Meter hohen Kalkstein der Napier Ranges.
Nach dem Überwinden der Felsbrocken vor dem dunklen Eingang installierte sich eine veritable Gänsehaut auf den nackten Körperteilen. Der Temperaturunterschied und die gespannte Erwartung trugen wohl gleichermassen ihren Anteil dazu bei. Unbeeindruckt planschte Scott als Erster ins hüfttiefe Wasser, dessen unergründliche Farbe und das aufdringliche Aroma, den beiden nachfolgenden europäischen Globetrottern, gnädig ausgedrückt, ein gesundes Mass an Selbstverachtung abverlangte.
Die nationale australische Aufmerksamkeit wird dem Tunnel Creek beigemessen, weil sich am Ende des 19. Jahrhunderts, der Aborigine Jandamarra vom Stamm der Bunuba dort versteckt hielt. Nebst einigen Siedlern aus Übersee, beförderte er auch den Constabler Richardson von der Lillilimura Police Station, als nicht willkommenen und unerwünschten Nachbar ins Jenseits. Das gleiche Schicksal ereilte letztendlich aber auch ihn, bei seiner Festnahme und Exekution am 01. April 1897.
Langsam wäre die kleine Reisegruppe in eine undurchdringliche Dunkelheit verschwunden, wenn sie sich nicht vorgängig mit starken Taschenlampen ausgerüstet hätte. Nach etwa 50 Metern musste eine Sandbank erklommen werden. Eine übelriechende braune Flüssigkeit suchte sich den Weg vom T-Shirt, den Beinen entlang, in die Turnschuhe. Schwach liess sich ein letzter Lichtschimmer vom Höhleneingang ausmachen. Die Überwindung, ein zweites Mal in diese Suhle zu tauchen, steigerte sich zum Brechreiz. Als Mag, etwas kürzer gebaut als die beiden langen Kerle, bemerkte, dass der Kopf von Scott nur noch knapp über die Wasseroberfläche ragte, verzichtete sie auf einen weiteren Vorstoss.
Das aussergewöhnliche Gefühl, bei jedem Schritt bis zur Wade im undefinierbaren und klebrigen Morast zu versinken, konnte sie daher nicht geniessen. Zudem stank es eine Handbreite unter der Nase abscheulich. Wie zwei zappelige Finger tanzten die beiden Lichtkegel der Decke und an den Wänden entlang. Jack dachte an den Hinweis in einem Reiseführer, wo empfohlen wurde, den Schein der Lampen über die Wasserfläche zu schwenken, um so die rot reflektierenden Augen der Krokodile auszumachen. Echt wahr. Auch die Anmerkung, dass Schlangen gute Schwimmer sind und man sie im Wasser möglichst meiden solle, galt es zu beachten. Scheisse, was hatte man eigentlich an diesem Ort der Verdammnis verloren?
Schritt für Schritt durch diesen widerlichen Pfuhl. Die Hände so weit wie möglich über dem Kopf. Ach Gott, es stank bestialisch. Mühsam wurde die nächste Geröllbank erklommen. Ein Tritt nach oben, zwei rutschend zurück und dabei mit dem Kinn immer wieder in die undefinierbare Jauche tauchend. Dazu die nervende Umklammerung der Füsse und Waden mit der glitschigen Ablagerung im Brackwasser. Man nimmt es in Kauf und denkt nur noch ans Überleben. Gestärkt und aufrecht wird man später aus dieser Teufelsgrotte wieder ans Tageslicht stolzieren.
Eine Höhle in der Höhle. Ausgerechnet, das hatte jetzt gerade noch gefehlt. Dicht über der Wasseroberfläche zirkelte der Lichtstrahl linkerhand in ein mannshohes schmales Loch in der Wand. Normalerweise liegt es unter dem Wasserspiegel. Jetzt in diesem ausgesprochen heissen und dürren Jahr eben nicht. Gebückt, dann aufgerichtet, dann wieder gebückt, schulterbreit, in drückender Schwüle, stetig leicht aufwärts, entschwebte man den letzten Resten der realen Welt. Nach ungefähr 20 Minuten wurde das Ende des Schlundes erreicht. Langsam wich das beklemmende Gefühl im Brustkasten. Tief schnaufend, in halbwegs aufrechter Stellung, sich langsam an das diffuse Licht gewöhnend, überzog sich der Körper urplötzlich mit einer Gänsehaut. Die Nackenhaare sträubten sich nach oben. Was da an den Wänden sichtbar wurde, überstieg beinahe das Fassungsvermögen. Prähistorische Panzerplattenfische, vielarmige Kraken, phantastische Meerestiere. Alle viele hundert Millionen Jahre alt. Ein sagenhaftes, nie mehr wiederkommendes Erlebnis.
Die Rückkehr aus der Zeitreise, wurde trotz Scotts drängenden Worte zum Aufbruch, nur widerwillig akzeptiert. Kurze Zeit später wackelten die beiden Abenteurer wieder schmatzend durch das Wasser. Spärliches Tageslicht durchdrang die Finsternis. Durch ein Loch hoch oben liess sich der stahlblaue Himmel erahnen. Armdicke frei baumelnde Wurzeln irgendwelcher Bäume fanden aus über 50 Meter Höhe das Wasser im Teufelsloch.
Minuten später plantschten nur noch zwei Lichtbündel schwankend und ziellos durch die Dunkelheit. Zum Geschmatze kam nun noch eine anderes, unheimliches Geräusch. Infernalisch hohes, alles durchdringendes Gequietsche hallte durch die Schwärze. Plötzlich spürte man förmlich, dass sich die Gruft spektakulär nach oben weitete. Gleichzeitig fing es an zu regnen! Ein aufwärts gerichteter Lichtstrahl liess Jack fast das Blut in den Adern gefrieren. In einem riesengrossen Dom baumelten Tausende von Ghost Bats, Fruit Bats und anderen Flattermännern, welche sich natürlich durch den Lichtkegel gestört fühlten und aufgeregt umherschwirrten. Dazu liessen sie dauernd ihre Exkremente ins Wasser plätschern.
Oben in der Cave of Bats schaukelten die Riesenfledermäuse der kommenden Nacht entgegen. Unten in der Scheisse standen Jack und Scott und schauten gebannt nach oben.
Spätestens jetzt wusste man, warum es so erbärmlich roch. Der kurz zuvor eingenommene Mittagslunch drängte drastisch nach oben. Er wollte sich wahrscheinlich das Spektakel auch gerne ansehen. Daher war dringend ein geordneter Rückzug angebracht, vorbei an unsichtbaren Schlangen und Krokodilen. Unterwegs wurde auch Mag wieder eingesammelt und etwas später kletterte das Trio über die letzten Felsbrocken vor dem Höhleneingang. Wie ein Riesenhammer krachten 45 Grad Hitze auf die nassen, braungetränkten, elendiglich stinkenden Gestalten. *
* Anmerkung: nur wer einmal so gestunken hat, weiss was stinken heisst
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