Randnotiz aus Vietnam (Hoi An)

Reisebericht

Randnotiz aus Vietnam (Hoi An)

Reisebericht: Randnotiz aus Vietnam (Hoi An)

Dies ist kein wirklicher Reisebericht. Eher eine Randnotiz. Eine dieser kleinen Episoden, die einem länger als die großen hochglanzprospektfähigen Highlights im Gedächtnis haften bleiben. Sie sind die bunten Tupfen einer Reise für die sich Reisen lohnt. Hier ein kleines Erlebnis aus Hội An in Vietnam.

Am Thu Bon Fluss in Hoi An



Fahrradfahrer auf den Strassen...

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Ich war in Vietnam. Herbst 2008. Die Zeit der Taifune rückte heran. Man merkte es schon länger. Es war schwül und heiß in Hội An. Ich war nun schon seit über zwei Wochen in der quirligen, alten Hafenstadt am Thu Bồn River. An diesem Tag kam ich von einer Tour nach My Son zurück. Dieser Ausflug war recht anstrengend. Einerseits wegen des Klimas, andererseits aufgrund des von mir angemieteten Fahrers (mit Fahrzeug), der mich die 75 km zu den Khmer Tempeln ins Hinterland fuhr. Mir ist es heute noch ein Rätsel, wie er es schaffte unfallfrei zwischen all den Fahrrädern und Mopeds zu manövrieren – ohne den einen oder anderen Zweiradfahrer ins Jenseits zu befördern.

Übrigens den Fahrrad- bzw. Mopedfahrern sollte man einen eigenen Bericht und ein Denkmal widmen. Es ist unglaublich wie sie es schaffen in dem Verkehrsgewusel, oft zu dritt oder viert, mit 2 ausgewachsenen Schweinen, 150 lebenden Hühnern oder einem dreitürigen Schlafzimmerschrank durch die mit Schlaglöchern übersähten Strassen zu fahren. Man muss das gesehen haben!



Zweiradfahrer in Vietnam



So, nun aber zurück zu meiner kleinen Geschichte. Ich sass also auf einer Bank am Ufer des Sông Thu Bồn, unweit der Chùa Cầu (der japanischen Brücke) um wieder etwas zu Kräften zu kommen, denn es wehte am Wasser immer ein etwas abkühlender Wind. Zwei alte Vietnamesen dümpelten vor mir in ihren schwankenden Booten auf dem Fluss herum und auch sonst war an diesem Abend das Ufer ein beliebter Aufenthaltsort.



Die japanische Brücke in Hoi An



Plötzlich umringten mich fünf Kinder im Alter von etwa 7 bis 13 Jahren. Sie boten mir Postkarten, Armbändchen und ähnliche Souvenirs zum Kauf an. Dieses Überfallkommando brachte mich etwas aus meiner Ruhe und ich wollte schon ärgerlich auffahren, als mir der Kleinste der Meute besonders auffiel. Er versuchte immer ganz scheu irgend etwas von mir zu berühren. Zuerst fühlte ich seine Hand auf meiner Schulter dann in den Haaren, schlussendlich an meinem Knie. Ich glaube es war für den Kleinen ein Erlebnis jemanden vor sich zu haben, der etwa einen Kopf größer und doppelt so breit als ein Durchschnittsvietnamese war. (Ich könnte mir vorstellen unsere Kinder haben das gleiche Gefühl beim Berühren eines Elefanten!).
Ich war also wieder ruhig und relaxed und versuchte mit den Kindern in Kontakt zu kommen. Dies stellte sich gar nicht so schwierig heraus, denn die Älteste konnte erstaunlich gut englisch, allerdings mit einem Akzent an den ich mich erst gewöhnen musste. Ich versuchte sie also in ein Gespräch zu verwickeln und fragte wie sie heißen und so weiter. Das Mädchen hieß Loan und sie erzählte mir das die Fünf Geschwister seien und ihrer Mutter beim Souvenirs verkaufen helfen würden, um etwas Geld für die Schule usw. dazuzuverdienen.
Ich erfuhr auch, dass der Vater in Da Nang auf einer der neuen Hotelbaustellen arbeitet. Das Gespräch war zwar holprig und es gab viel zu Lachen ob der Missverständnisse die sich eingeschlichen haben aber ich hatte das Gefühl, dass es den Kindern genausoviel Freude wie mir machte.



Nach gut einer halben Stunde wollte ich den Kindern nun auch einen Gefallen tun und ihnen etwas abkaufen. Meine Entscheidung fiel auf zwei kleine selbstgemachte Armbändchen, die je 10000 Dong kosten sollten, umgerechnet etwa 1 Euro. Leider hatte ich keine kleinen Scheine in meinem Geldbeutel und Münzen sind in Vietnam sowieso rar. Die kleinste Banknote die ich hatte waren 100000 Dong (ca. 5 Euro). Ich nahm diesen Schein heraus und wollte ihn den Kindern geben. Einer der Bengel riß mir dann den Schein aus der Hand und im Nu waren alle verschwunden.

Beklaut, mir altem Hasen musste so etwas passieren!!!

Ich war entäuscht und verärgert (am meisten über mich selbst). Aber was soll’s, sagte ich mir. Ich bin ja selbst schuld an diesem kleinen Diebstahl – man darf keine Gelegenheiten schaffen. Eines der Gebote welches man auf Reisen beachten sollte! Ich blieb auf meiner Bank sitzen und schaute in Richtung Fluß.

Die nächsten 30 oder 40 Minuten verbrachte ich nun mit Nachdenken und dem Beobachten, und ließ den Fluss auf mich wirken.

Es fing an zu dunkeln. Da es hier fast übergangslos vom Tag in die Nacht übergeht, ohne sich großartig mit Dämmerung zu beschäftigen, war ich gerade im Begriff mein lauschiges Plätzchen zu verlassen, als Loan, langsam auf mich zugeschlichen kam und mir wortlos 80000 Dong in die Hand drückte.



Nachts am Thu Bon Fluss in Hoi An



Sie war ganz verlegen. Ich schaute sie nur an. Nach einer etwas peinlichen Pause, nahm sie aber ihren Mut zusammen und fragte mich, warum ich hier so lange sitzen geblieben sei.
„Weil ich auf das Wechselgeld gewartet habe“, war meine Antwort.
Dies brachte sie noch mehr in Verlegenheit. Sie brauchte lange bevor sie eingestand, dass sie ursprünglich gar nicht vorhatten mir das Rückgeld zurück zu geben und das sie sehr überrascht waren, dass ich gar keinen Versuch unternommen hatte, sie zu erwischen oder ärgerlich fort gegangen wäre (offensichtlich waren das die normalen Reaktionen der Touristen). Ich liess nicht locker und wollte wissen warum sie nun doch noch mit dem Wechselgeld gekommen ist.

„Du sahst so traurig aus. Da haben wir beschlossen dir das Geld zu geben“

Ich war gerührt. Ich hatte mit allem gerechnet aber nicht mit dieser Antwort.

Mittlerweile kam auch der Rest der kleinen "Diebesbande" aus den Seitengassen herangeschlichen. Da es nun schon ganz dunkel war, waren sie kaum zu erkennen. Ich gab den Kindern die 80000 Dong. Sie freuten sich – und mir war diese Episode weitaus mehr wert als 4 Euro. Diese Geschichte ist unbezahlbar. Man kann sie nicht kaufen – nur erleben.



Am Thu Bon Fluss in Hoi An




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Kommentare

  • RdF54

    Eine sehr schönes und nettes Episodenerlebnis :-)
    Gut und lesenswert erzählt!!

    LG Robert

  • ToniE

    Schön,
    auch wenn es leider nicht immer gut geht.
    Bin bald in Da Nang und hoffe, dass mir so etwas (nicht) passiert.

  • trollbaby

    Schönes Erlebnis! Die Kinder haben sicherlich auch etwas aus diesem Vorfall gelernt und werden sich beim nächsten Touristen eher verkneifen, gleich mit dem 100.000-Dong-Schein abzuhauen.
    LG
    Susi

  • moeraki

    ach, seufz... das ist eine schööööne geschichte. ich war auch 2008 in hoi an. mich baten einige vietnamesen mit auf ihr gruppenfoto. hatte auch wie du das gefühl, daß so ein blonder exot lustig für sie ist. lg karin ps. : natürlich 5 punkte!!

  • Petra.Goepfert61

    Das ist ein Bericht, in dem etwas über die Begegnungen herübergereicht wird. Danke! Ich freue mich auf weitere Reiseberichte bzw. -erlebnisse von dir. Liebe Grüße von Petra

  • Dieahn

    Das ist zwar eine schöne Geschichte, aber der Handlungsansatz ist völlig verkehrt. Ich arbeitet nun seit einem Jahr in der Gegend von Hoi An und mit solchen Aktionen erzeugen wir bei unseren vietnamesischen Partnern immer mehr das Gefühl, dass es absolut legetim sei, sich etwas von Ausländern zu holen, weil es ja sowieso nichts ausmacht. Damit werden falsche Signale gesetzt, die sich weit in andere Bereiche fortpflanzen. Klar tut uns das nicht weh, sind ja nur drei Euro, aber Leute bitte denkt daran, dass es hier zum Beispiel für das Anfertigen eines Flechtstuhles aus Rattan nur 80 Cent bezahlt werden, für 1,5 Tage Arbeit. Der reale Gegenwert ist also das, was ihr für 6 Tage Arbeit erhaltet. Damit sieht das schon ganz anders aus, und wenn man die Lernerfahrungen dieser Kinder in Betracht zieht, dürfte das Ganze nicht mehr so goldig und anrührend wirken.
    Besser ist es, darauf zu achten, dass keine Produkte gekauft werden, die unter diesen Bedingungen hergestellt werden, dann steigen hier nämlich die Löhne und dann wird sich auch etwas im Positivem verändern.

  • Dieahn


    Noch eine Anmerkung zu den Berichten über die Fahrkünste der Motorradfahrer. Es ist nicht mehr und nicht weniger als ein waghalsiges, unüberlegtes und rücksichtsloses Vorwärtsdrängeln. Knapp 14000 Verkehrstote pro Jahr bei diesem geringen PKW-Bestand sprechen eine deutliche Sprache.

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