Reise in die Vergangenheit

Reisebericht

Reise in die Vergangenheit

Reisebericht: Reise in die Vergangenheit

Es ist ein Kapitel meines Lebens, welches vor etwa 45 Jahren für immer geschlossen wurde.
Es handelt von meiner ehemaligen Heimat, die ich vor sehr vielen Jahren mit meinen Eltern verlassen habe. Wir wollten dieses Land verlassen, da es weder für meine Eltern, noch für mich eine Zukunft möglich war.

Strada Lipscani

Informationen zum Bild anzeigen Bildinformationen anzeigen

Es ist ein Kapitel meines Lebens, welches vor etwa 45 Jahren für immer geschlossen wurde.
Es handelt von meiner ehemaligen Heimat, die ich vor sehr vielen Jahren mit meinen Eltern verlassen habe. Wir wollten dieses Land verlassen, da es weder für meine Eltern, noch für mich eine Zukunft möglich war.
Mehrere „Makel“ hafteten an uns. Meine Eltern waren Kapitalisten, die man 1948 öffentlich enteignet hat und zu allem Übel sind wir auch noch Juden. Das alles passte nicht in die kommunistische Ideologie des Landes. Das hat man uns auch spüren lassen.
1949 wurde die Ausreise zum 1. Mal beantragt. Bewilligt wurde sie 1963, so dass wir 1964 das Land verlassen konnten.
Ich kann nicht behaupten, dass ich in den letzten 40 Jahren sehr oft am meine ehemalige Heimat gedacht hätte. Falls ich mich doch an meine Kindheit und die Jahre der Jugend erinnert habe, war es nicht mit Wehmut und auch nicht mit Hass. Es war vorbei und ich stellte mich einer vollkommen neuen Realität.
Auf einem aktuellen Treffen mit ehemaligen Sportkameraden, erfuhr ich, dass man in Rumänien die Möglichkeit hat, kurz vor dem Eintritt in die EU, das vom Staat konfiszierte Vermögen meiner Eltern, zurückzufordern.
Kurz entschlossen buchte ich einen Flug und ein Zimmer in einem zentral gelegenen Hotel Capitol und versuchte die ehemals verschlossene Tür zu öffnen.
Es war mein 2.ter Flug mit TAROM, der rumänischen Fluggesellschaft.
Der Erste, 1964 in größter Angst, etwas könnte noch vor dem Verlassen des Landes schief gehen.
Der Zweite Flug, ging in die andere Richtung, nach Bukarest im November 2006 um meine Geburtsstadt zu sehen.
Schon am Flughafen kamen die längst vergessenen und verdrängten Erinnerungen wider.
Ein Geldwechselautomat weckte mein Interesse, freute mich über den Fortschritt am Flughafen. Da ich etwas Geld für Bus oder Taxi, in der Landeswährung, benötigte, wollte ich 10€ eintauschen. Das sollte fürs erste genügen. In 4 Sprachen war der Vorgang erklärt, außerdem hatte ich schon in London an solch einem Automaten Geld gewechselt.
„Ritsch“, der 10€ Schein war in dem Schlitz verschwunden, Lichter gingen an und aus, wie an einer Slot Machine. Texte blinkten, ein Fach leuchtete auf, ging aber nicht auf und es kam auch kein Wechselgeld heraus. Mit einem Klick ging das Fach zu und ich bekam eine Quittung über die „eingewechselten“ 10€ und die niemals erhaltenen 32 RON.
Das war`s! Ein Zettel in rumänischer Sprache klebte am Automaten: „bei Pannen oder anderen Problemen wählen Sie…….“ Klar, das habe ich auch gleich getan. Eine weibliche Automatenstimme meldete sich: „bei Problemen mit ihrem Fernseher wählen Sie die 1, bei technischen Problemen wählen Sie die 3“. Ja, die habe ich gewählt. Eine andere Nummer wurde diktiert und ich sah die Ausweglosigkeit des Problems und die Tatsache, dass die 10€ endgültig verloren waren. Ich gab auf. Dachte mir nur: Willkommen im Bukarest der Neuzeit.
Also suchte ich mir ein Taxi. Der Ausgang des Flughafens war von etwa 30-40 Männern belagert. Jeder flüsterte mir eine Geldsumme zu, die eine Fahrt bis ins Zentrum kosten sollte. Das hatte man mir auch geraten. Mache mit einem Taxifahrer einen festen Preis aus, das geht dann in Ordnung, daran halten die sich schon.
Da fragte ich einen etwas freundlich blickenden Mann, was die „Reise“ vom Flughafen ins Zentrum zu meinem Hotel kosten würde. 50 Lei oder 15€. Ich war einverstanden und schon nahm er meinen Koffer um mich zum Auto zu begleiten.
Aber sein Auto stand nicht auf dem Taxistand und war auch kein Taxi. In Sekundenschnelle liefen einige kriminelle Begebenheiten in meinem Kopf ab, was alles passieren könnte. Ich lief mit einem unguten Gefühl im Bauch diesem Mann hinterher, in ein Parkhaus, wo sein roter Dacia stand.
Ich sah mich schon weiß Gott wo landen………
Also stieg ich ein. Erst zahlte er die Parkgebühren, danach musste er auf der Strecke nach Bukarest noch kurz tanken. Es war November und es war schon stock dunkel um 8 Uhr abends. So langsam erkannte ich die Straßen der Innenstadt und wir kamen endlich am Hotel an. Da ging es ans Bezahlen. Ich reichte dem Mann die ausgehandelten 15€ und er sagt 35€ oder 700 Lei! Eine endlose Diskussion entwickelte sich. Da ich aber nur noch 5€ sichtbar in meiner Geldbörse einstecken hatte, gab er sich damit zufrieden und verschwand in den dunklen Straßen Bukarests.
Ich dankte in Gedanken meiner Intuition, nur das nötigste Geld in der Börse mitzunehmen.
Das Hotel „Capitol“. Der Eingang strahlt im Glanz längst vergangener Tage. Eine großzügige Eingangshalle, Jugendstil Kandelaber, glänzender Messing, blanker Marmor um mich herum.
Die Rezeption recht unfreundlich aber sachlich übergibt mir einen Zimmerschlüssel mit der Nummer auf einem Klebezettel und die Fernbedienung für den Fernseher auch mit der aufgeklebten Zimmernummer.
So zog ich bepackt nach oben um mein Zimmer zu suchen. Die eventuellen Helfer standen herum und sahen mir belustigt hinterher.
Es wurde mir noch zugerufen:“Frühstück am Morgen ab 7 Uhr bis 10 Uhr im Frühstücksraum“.
Das Zimmer, vollgestellt mit zwei großen Betten, zwei Nachtschränken, zwei Sesseln, ein länglicher Tisch mit einer Glasplatte auf dem vier in Plastikbeuteln verpackte Gläser standen. Eine Nacht Funzel, bei deren Licht es unmöglich ist zu lesen. Auf der 50-er Jahre Tapete die Wandlichter mit diskretem Lichtschein.
Der eingebaute Schiebeschrank - rohes Holz, Mahagonifarben gestrichen. Die Gardine, Trevira, ohne „Goldkante“, aber mit einer extra Portion „Gilb“ und teilweise aus der Schiene hängenden Rollen an beiden Enden.
Wenn man aus dem Fenster sehen will, muss man seitlich laufen, da sonst kein Platz im Raum ist.
Im karg eingerichteten Badezimmer hängen 4 Handtücher und Toilettenpapier, von der Qualität – DB. Sonst nichts. Kein Haken und kein Objekt welches entwendet werden könnte.
Morgens um 7 Uhr in der Hotelhalle erscheint das Putzpersonal, ohne Gruß beginnen sie laut über verschiedene Zimmergäste zu klagen oder über diese zu diskutieren oder zu streiten. Welch bekannter und schon längst vergessener Zustand !
Der nur für das Wochenende gedeckte kleine Frühstücksraum, lieblos, minimalistisch bestückt, kalte, hart gekochte Eier, vor Stunden getoastete Brotscheiben, natürlich auch kalt. Zerfließende Butterstückchen, Minischeiben gepresster Schinken und Wurst, Käse und in großen Kannen Tee und Kaffee so wie Wasser und wässeriges, orange gefärbtes Getränk. Nebenbei wird man von lauter Radiomusik berieselt. Willkommen in der EU !

Die Straßen, zum Teil an den alten Namen erkennbar, verwahrlost und heruntergekommen.

Die Häuser mit den schönsten, alten Fassaden zerbröckeln, stehen leer. Die Fenster kaputt. Werbung oder andere zettel kleben an den Wänden der Häuser, so wie Warnungen der Eigentümer, man solle nicht nahe am Haus vorbei gehen, der Putz oder ein Balkon könnte sich lösen und fallen.
Die Metrostation – Universität, 1979 gebaut oder fertiggestellt, ist wie ein Abstieg in die Hölle. Schmutz, Uringeruch, bröckelnde Wände, klappernde
Rolltreppen….. Bei all dem soll man noch auf die eigenen Hosentaschen, Manteltaschen und die Handtasche aufpassen. Ein Eldorado für Taschendiebe ! Bin 2 Stationen bei Tag, ohne besondere Vorkommnisse, gefahren.
Einige bekannte Straßen laufe ich entlang. Das Athenäum, in welchem die großen Konzerte auch heute noch stattfinden, sehr gepflegt, auch der davor liegende Park, schön nach französischer Art angelegt und mit Stühlen und Saisonpflanzen bestückt.
Gegenüber das Königspalais, seit 1947als Kunstgalerie bekannt, einige Schritte weiter die Cretzulescu Kirche, in einer total verwahrlosten Umgebung. Unrat, Bauschutt, Müll, mitten in der Stadt. Wie schade!
Etwa 150m, einige Stufen abwärts, die Straßen meiner Kindheit. Das Haus steht noch, ein Bau aus den 20-er Jahren, erbärmlich, ungepflegt. Der Balkon des 4.Stockwerkes, auf dem ich den Überblick über die ganze Straße hatte, hat immer noch den gleichen grünen Anstrich. In manchen Etagen hängen Rollos schief, können wahrscheinlich nicht mehr hochgezogen werden. Es stört keinen. Im 3.Stock hat ein Mieter oder der Eigentümer die Balkonwand weiß gestrichen. Fällt natürlich im grauen Ambiente besonders auf.
Tränenüberströmt ziehe ich weiter auf den Wegen meiner Kindheit. Ist das mein Bukarest? Die Stadt, die ich mal geliebt habe, in welcher ich meine Kindheit und meine Jugend verbracht habe, in welcher ich mich zum ersten Mal verliebt habe? Jetzt habe ich den ersten Schritt getan und bin nach 36 Jahren zurückgekommen. Was empfinde ich?
Scham über meine Herkunft? Enttäuschung über den Zustand der Stadt nach den vernichtenden Jahren des Kommunismus oder Verständnis für den Grund des desolaten Zustandes dieser Stadt? Nein, es ist kein Verständnis. Was sind das für Menschen, die so sehr abstumpfen, dass sie alles um sich herum verkommen lassen, selbst im Müll und Dreck versinken?
Da nützen auch die neuen, großartigen, westlichen anmutenden Leuchtreklamen, welche den Neubeginn ankündigen, nichts.
Die Menschen sind unempfindlich geworden, sie merken es gar nicht mehr, dass sie z.B. seit Jahren in einem Hochhaus wohnen, in welchem die Wände im Treppenhaus nicht verputzt sind oder alle Wände beschmiert sind, die Glühbirnen und die Leitungen ungeschützt und für alle erreichbar herumhängen.
Nach meinen Informationen sind alle Einwohner in diesem Hochhaus – Eigentümer, wieso interessiert es Keinen? Ich würde einfach einen Topf Farbe kaufen und die Wände streichen. Aber die Eigeninitiative wurde den Menschen hier in den letzten 50 Jahren aus den Genen entfernt. Wie schade, dass diese Menschen auch noch von der EU überrumpelt werden, sie sind selber noch gar nicht dazu bereit.
Die meisten Menschen, mit denen ich gesprochen habe, sind verängstigt. Sie befürchten eine allgemeine Teuerung. Für das Leben dieser Leute wird der EU Beitritt keine Besserung bringen.
Einige, wenige haben sich arrangiert. So wie eine ehemalige Ministerin, die ich kennengelernt habe. Sie war Ministerin in der ehemaligen kommunistischen Regierung. Sie hat heute die größte, wenn nicht einzige Näherei für edle Labels in Rumänien. Die alten Beziehungen und Netzwerke, so wie ihre Geschäftstüchtigkeit, haben ihr geholfen ein kleines Imperium aufzubauen. Sie verfügt heute sogar über das im Kommunismus verpönte Hauspersonal wie Chauffeur, Dienstmädchen, Putzpersonal und lebt in einer großen Villa mit Swimmingpool. Wie schön, ich neide es ihr nicht und Keiner wird es ihr wegnehmen, wie Ihresgleichen 1948 meinen Eltern das Eigentum konfisziert haben.

Heute werde ich ein Kaufhaus suchen und mich umsehen. Ich liebe es in fremden Ländern bummeln zu gehen. Ich habe nicht das Kaufhaus gefunden, nach welchem ich gesucht hatte. Das Kaufhaus aus meiner Erinnerung gab es nicht mehr. Das alte „Victoria“ Kaufhaus wurde nach westlichem Stil umgeordnet. Laute Musik, Rolltreppen nach oben, nach unten funktionierten sie nicht. In der offenen Tür des ehemaligen Aufzugs sitzt eine Frau, die freundlich zum Einsteigen ruft und auch einige Cent dafür erwartet, wenn sie auf den richtigen Knopf drückt. Danke, ich laufe lieber.
Herrenabteilung – ein Sonderangebot schreit mich an, ein blau-weiß gemusterter Bademantel, groß gemusterte Pullover, 20% Reduktion.
Damenabteilung – Dessous, Kleider, Kostüme, eigentlich alles was es früher nicht gab und meiner heutigen Welt in dieser Art auch nicht mehr existiert.
Im Erdgeschoss – rumänische Handwerkskunst, reichlich handbestickte(?) Blusen, Decken, Holzschnitzereien, Perlen, Volksmusik, Wechselstube, Pelze und Weihnachtsdekoration.
Wieder auf der Straße. Die Straßen werden vom Auto dominiert. Auf den Bürgersteigen ist es unmöglich zu flanieren. Geparkte Autos kreuz und quer, bis an die Hauswände geparkt.
Das kleine Lebensmittelgeschäft an der Ecke, ein kleines deja vu. Ein Mann im angegrauten weißen Kittel mit Pudelmütze auf dem Kopf, der allgegenwärtige Aufpasser. Er beobachtet alles oder steht er nur herum?
Das Angebot an Salaten, Käse, Brot, Torten, Fisch, Salami ist ausreichend und vielfältig. Man bedient die Kunden mit Handschuhen, auch wenn Manches mit der nicht „geschützten“ Hand angefasst wird. Das Personal ist freundlich, so lange man nichts Überflüssiges fragt.
ist. In einem großen Coiffeur-Friseur Geschäft auf einer zentralen Einkaufsstraße sind die Abteilungen von Damen und Herren streng getrennt.
In der Damenabteilung „lungerten“ etwa 20 Mitarbeiterinnen, an ihren gleichen roten T-Shirts zu erkennen und warteten auf Kundschaft. Als ich mich für eine Maniküre angemeldet habe wurde ich gleich gefragt ob ich mir nicht auch die Haare schneiden lassen wolle? Nein, das nicht, aber eine Haarwäsche wäre machbar.
So begann ein neues Experiment mit meinen Erinnerungen.
Die Dame, die mich empfing, drapierte mich mit Handtüchern in dem Standard Haarwaschsessel und begann mit einer gründlichen Haarwäsche und Kopfmassage. Danach Umzug in einen neuen Stuhl. Ein anderes junges Mädchen kam um meine Haare zu föhnen. Sie packte alle nötigen Utensilien aus einer eigenen Handtasche, Bürste, Kamm, Klammern, einen Föhn und einen eigenen Mehrfachstecker. Wahrscheinlich sind das alles Objekte die schnell verschwinden können, wenn man nicht selber darauf achtet.
Auch die Lampen am Frisierstuhl werden nur bei Bedarf eingeschaltet, man sitzt im Übrigen in einem recht dunklen Raum. Schwarzer Marmor und Spiegel an den Wänden, einige Frisur-Poster schief an die Wände gepinnt. Die Atmosphäre ist trotzdem sehr fröhlich und freundlich.
Während meine Haare mit Klammern in alle Richtungen fest gemacht werden, erscheint auch eine Maniküristin. Setzt sich links neben mich und beginnt an meiner linken Hand die Nägel zu bearbeiten. Mit Nagelschere, Feile und dann das obligate Bad mit lauwarmen Wasser. Die kleine Wasserschüssel wurde auf meinen Knien deponiert.
Ich kann es kaum fassen! Die Friseuse beginnt die einzelnen Haarbüschel auf einer Rundbürste mit viel, sehr viel Haarspray zu bearbeiten und zu toupieren. Das wurde 1970 zum letzten Mal mit meinen Haaren gemacht. Aber die Kleine war so fröhlich bei der Sache und gleichzeitig so routiniert, dass ich sie nicht frustrieren oder aufhalten wollte.
Jetzt war meine rechte Hand dran. Gleiche Prozedur, das Schüsselchen mit dem Wasser immer noch auf meinen Knien, Nagelhaut schneiden und zuletzt das Umranden des Nagelbettes mit Karmin, einer roten Flüssigkeit. Es sah aus, als ob ich mit Graf Dracula ein Blutbad genommen hätte. Und der Kopf, an Größe verdoppelt, jedes Haar mit dem Festiger festgeklebt.
An der Kasse versammelten sich die 3 Grazien, die mich bedient haben und empfingen das erwartete Trinkgeld. Wir hatten sehr interessante Gespräche über die allgemeine Lage in Rumänien und die Angst der Bevölkerung vor dem Eintritt in die EU.
Nachdem ich die Türe, einen Spalt geöffnet habe, schließe ich sie wieder ganz fest zu, damit ich mich weiterhin gerne an meine Kindheit erinnern kann.



Cretzulescu Kirche


Teilen auf

Mein Interessenprofil

Bitte melden Sie sich an, um Reiseziele zu Ihrem Interessenprofil hinzuzufügen.

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. Reise in die Vergangenheit 4.50 6

Beliebte Community-Inhalte: AustralienNorwegenThailandVietnamItalienBarcelonaIndien ReiseführerIndien Tipps