Paris: Zu Besuch bei Mona L.

Reisebericht

Paris: Zu Besuch bei Mona L.

Reisebericht: Paris: Zu Besuch bei Mona L.

Paris, die Stadt der Liebe, die Stadt der Lichter – und all der Scheiß. Mit hunderten Touristen im Louvre, kaputt im Centre Pompidou, bei Sonnenschein in der Basilique du Sacré-Cœur und zu Fuß auf den Eiffel Turm. Anstrengende Tage in Paris.

Vier Fremde



Der Griesgram

Die RER spuckte uns aus, direkt in den Gare du Nord. Es war fast schon spät, kaum noch was los. Die Penner hatten sich draußen bereits auf ihre Matratzen oder auf den nackten Boden gelegt, um zu schlafen. Enge Straßen erstreckten sich in die Dunkelheit, Menschen saßen in Cafés, rauchten und lachten. Rote und blaue Neonlichter surrten, die Fußgängerampel leuchtete grün und wir überquerten die Straße.
Gut neunhundert Meter vom Bahnhof entfernt lag unser Hotel. Drei Sterne sollte es haben, doch unser Reiseveranstalter hatte vorsichtshalber nur zwei vergeben. Hinterm Tresen in der kleinen Lobby saß ein alter Griesgram, der rauchend telefonierte.
«Bonsoir», begrüßte ich ihn und hoffte, nicht doch «Guten Morgen» gesagt zu haben.
Der Alte schaute kurz auf und murmelte irgendwas, das nach einer Beschimpfung klang. Er rupfte sich den Hotel-Voucher aus meinen Unterlagen und schmiss uns zuletzt noch den Zimmerschlüssel hin, ehe er sich wieder seinem Telefonat zuwendete.
«Danke, den Weg finden wir alleine.»
Die Fahrstuhltüren glitten zu den Seiten und vor uns lag ein dunkler Flur. Die Wände waren mit Holz verkleidet, wie in einer finnischen Sauna. Am Ende des Flurs befand sich unser enges Zimmer mit roten Wänden. Ich ging duschen und als ich mich gerade föhnte, erlosch plötzlich das Licht und das grün geflieste Badezimmer lag im Dunkeln. Der Föhn verstummte, friedliche Stille. Nur der Fernseher sendete einen roten Lichtpunkt in die Finsternis. Stand-by.

Eine Beschwerde später standen wir mit dem grimmigen Nachtportier wieder in der engen Fahrstuhlkabine. Es roch nach Alkohol und Shampoo.
«Merde!», schimpfte der Alte und deutete auf seine Armbanduhr. Es war spät, wir alle müde. Dritter Stock, Holzwände, finnische Sauna. Der Alte machte sich an den Sicherungen zu schaffen und gab sich große Mühe, so zu tun, als wisse er genau, was er da tat. Schließlich legte er die gesamte dritte Etage lahm. Dann verschwand der Alte lieber und wir mussten tatsächlich im Dunkeln schlafen. Es half alles nichts.



Centre Pompidou

Das Gebäude des staatlichen Kunst- und Kulturzentrums Pompidou fiel besonders durch sein furchtbar hässliches Aussehen auf. Es trägt alle inneren Organe und Leitungen außen. Weiße, blaue, grüne und rote Röhren führen um das Gebäude herum, umschlingen es und verschwinden irgendwo.
Eine Zigeunerin hockte vor dem Pot Doré von Jean-Pierre Raynaud und fiedelte eine schrecklich monotone Melodie. Wir hörten ihr zu, während ich ein Supermarkt-Sandwich aß. Neben uns faselte ein junger Schwarzer unentwegt irgendwas über Vergebung und Liebe. Wahrscheinlich war er ein nervtötender Jesus-Missionar auf Seelenfang. Für mich ist Gott längst gestorben, da ist nichts mehr zu holen.
Nach dem Mittagessen flüchteten wir ins Innere des Centre, um seiner Hässlichkeit effektiv aus dem Weg zu gehen. Die Gemälde und die Skulpturen fand ich dann allerdings schrecklich öde. Ich ging lieber pinkeln.
Und selbst auf dem Weg zu den Toiletten ließ mich die Kunst nicht in Ruhe. Drastische Fotografien hingen dort, Fotografien von Männern, von nackten Männern und ihren Penissen. Völlig verstört verschwand ich ins Klo und fand später den Ausgang nicht mehr wieder. Alles sah gleich aus, überall nackte Männer mit ihren Geschlechtsteilen. Ich verwechselte die Richtungen, links mit rechts, oben mit unten, und landete schlussendlich bei den Frauen, wo prompt eine milde Panik ausbrach. Verschämt rannte ich weiter und fand vor Francis Bacons «Female nude standing in doorway» Zuflucht.



Mona L.



Regen, Louvre

An diesem Freitag regnete es. Wir beschlossen, zum Louvre zu fahren, was alle anderen Touristen ebenfalls taten. Zwischen all den Leuten standen wir unter Regenschirmen und warteten, bis wir die gläserne Pyramide vom Architekten Ieoh Ming Pei betreten durften. Wie einst Tom Hanks in The Da Vinci Code.
Wir schoben uns in einer Menschentraube langsam durch die Gänge, über Treppen, durch Hallen, an Hunderten Bildern vorbei, immer den Hinweisschildern nach. Nach einer halben Stunde konnten wir ihr endlich in die Augen von Mona Lisa blicken. Die Leute drängelten sich nach vorne, wo die Wachleute die Meute im Griff hielten. Nur ein Foto und weg, sagte die Frau auf Französisch.
«Une Photo! Une Photo!»
Vor der Mona Lisa zu stehen, ließ mich kalt. Ich sah das Bild, kannte es und wurde zur Seite gedrängt. Hinter Panzerglas lächelte sie die schwitzenden fetten Leute an, die auch nichts Besseres wussten, als mit ihrem Handy ein verwackeltes Bild von ihr zu machen, während andere mit der Videokamera drauf hielten. Es war ebenso unmöglich, nicht im Weg zu stehen oder irgendwem nicht ins Foto zu rennen.
Für intimere Momente mit Mona musste man wohl frühmorgens herkommen.



Das Kulinarische

Viele Restaurants sind im August geschlossen, die Pariser verschwinden in die Ferien und die Touristen fallen in die Stadt ein. Eines Abends irrten wir durch die Straßen auf der Suche nach einem günstigen Italiener, da uns die französische Küche nicht ganz geheuer war. Doch leider hatte das kleine, gemütliche Restaurant, das wir am Vortag entdeckt hatten, geschlossen. Enttäuscht schleppten wir unsere müden Glieder weiter, bis in der Ferne ein rotes Neonschild eine Pizzeria versprach.
Wir nahmen Platz. Ein Mann schien den Laden alleine zu schmeißen, er trug Jeans und T-Shirt, hastete hin und her, brachte Getränke und nahm Bestellungen auf. Viel los war nicht. Am Nebentisch saßen fünf Franzosen, hinten ein Pärchen, das nur Augen für sich hatte. Die gesamte Atmosphäre war etwas ungemütlich, es spielte keine Musik und das Licht war kühl. Wir aßen natürlich Pizza, tranken Wein und 7UP.
«I’m full», sagte ich, als der so genannte Kellner uns Desserts anbot.
«You’re full», bestätigte er und legte uns schnell die Rechnung hin.
An anderen Tagen hockten wir auch schon mal bei McDonald’s, aßen Burger und Pommes. Um uns herum saßen immer viele Leute, manche waren regelrecht begeistert, hier sein zu können, ja zu dürfen. Ausruhen konnten wir uns in diversen Starbucks-Filialen, in der ein Caffè Latte schon mal 4,20 Euro kostete, dafür aber schmeckte, wie überall auf der Welt.



Kopflos



Sacré-Cœur & Eiffel-Turm

Dann schien völlig unerwartet doch noch die Sonne und der Himmel war plötzlich blau. Wir standen gerade vor der Basilique du Sacré-Cœur und wurden von aufdringlichen Straßenhändlern belästigt.
«Please buy my crap», baten sie. «Please!»
«Go away», musste ich energisch bitten, um meine Ruhe zu haben.
«No, you go away!», schnauzte einer zurück. Aber sehr gerne.
Im Inneren der Basilika fand gerade eine Messe statt. Ein Mann trug aus der Bibel vor und einige beteten. Die Touristen umrundeten das Geschehen, es war wie in einem Zoo, nur leider nicht sehenswert. Also zogen wir weiter, schlenderten durch Montmartre wie einst Henry Miller und stiegen schließlich in die Metro und gelangten unterirdisch auf die andere Seite der Seine.
Viele Tausend Menschen hatten sich auch hier versammelt, um das Pariser Wahrzeichen schlechthin zu besteigen – den Eiffel-Turm. Eine Stunde dauert es, bis wir 668 Stufen für 3,10 Euro erklimmen durften. Eine grausame Anstrengung. Die vielen Fahrstuhlfahrer mussten allerdings erheblich länger warten und mehr bezahlen.
In der Boutique de la Tour Eiffel in 115 Metern Höhe war es fürchterlich eng und voll, es roch nach Schweiß. Ich kaufte mir Postkarten und einen kleinen Eiffel-Turm für vier Euro – das musste sein. Auf den Straßen boten sie ihn auch billiger an, aber ich hätte es schäbig gefunden, mir den Nippes in irgendeinem stinkenden Bauchladen zu kaufen.
Am Abend war ich am Ende, mein Kopf leer, die Füße zerstört. Wir hatten es vielleicht übertrieben.
Einschlafen konnte ich trotzdem nicht.


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Kommentare

  • RC-Redaktion

    Ein stimmungsvoller Reisebericht aus der Stadt der Liebe. Unsere heutige Empfehlung auf der Startseite.

  • Paganel

    Ächz... also auch wenn das ganze natürlich in einem humorvollen Ton aufgezogen ist, die Grundhaltung schimmert da doch durch. Mal ganz ehrlich: im Schnelldurchlauf und ohne Sprachkenntnisse lässt sich keine Weltstadt erkunden und positiv sehen. Für Paris braucht man noch mehr Zeit als für andere Großstädte, grob gesagt beginnt ist die "Aklimatisation" dort im Normalfall erst nach 5-7 Tagen erreicht. Und trotz zunehmend auch englisch-sprachkundiger Franzosen ist das beste Mittel immer noch französisch zu sprechen... Und wen man schon die Kunsttempel besucht, dann sollte man auch dafür etwas übrig haben und nicht nur weil es zum gängigen Programm gehört...
    Anders gesagt: Ich fand den Artikel überzogen und in seiner Sichtweise tunnelartig eingeschränkt. Subjektiv und daher wenig empfehlenswert.

    Paganel

  • antirauschen

    Paganel, danke für deine Kritik. Natürlich hast du teilweise recht. Eine Stadt kann man unmöglich in fünf Tagen kennen lernen. Hätte ich es mir leisten können, wäre ich auch drei Monate geblieben (und hätte viel mehr Wein gesoffen). Meine Intention war nun also nicht, einen objektiven und allumfassenden Bericht über Paris zu schreiben, dafür gibt es ja mehr oder weniger hilfreiche Reiseführer. Statt dessen wollte ich meine Erfahrungen, meine Stimmung und meine subjektiven Erlebnisse schildern. Und die sind nun mal so, wie sie sind: ohne Anspruch auf Vollständigkeit, aber wohl interessanter als das Blabla in irgendwelchen Hurra-Paris-Artikeln. Oder nicht?

    PS: Es muss in der achten Klassen gewesen sein, als mir Gott erschien (oder einer seiner Vertreter) und sagte: «Daniel, es hat doch keinen Sinn mit dir und dem Französischlernen! Konzentrier dich mal lieber auf Mathe und Chemie, dann wird das schon.»
    Das tat ich, versagte dann aber auch da. Ich war ein taumelndes Flugzeug, dessen zweites Triebwerk auch noch in Brand geriet und das schließlich auf dem harten Boden der Tatsachen aufschlug, zerschellte und in einem gigantischen Feuerball aufging.
    Diese dämlichen göttlichen Ratschläge!

  • Paganel

    @ Antirauschen

    Akzeptiert *Grins*. Ich stimme zu, es liest sich besser als irgendein 0-8-15-Bericht, man könnte sagen: Aus der Sicht des gestressten Touristen.
    Und dass das zungenbrecherische Idiom unserer Nachbarn nun wahrlich nicht jedermanns Sache ist räume ich unumwunden ein... Ich wollte nur sagen, daß man damit gänzlich andere Erfahrungen machen kann... Für die satirische Schilderung Deines Absturzes Danke ich, Du hast offenbar eine begnadete Fähigkeit in Worten aus Sch... Gold zu machen, ich wünsche Dir weiteren Nutzen davon!
    Alles Gute, und positivere Erlebnisse beim nächsten Frankreich-Aufenthalt ;-)

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