GR20 - Europas bekanntester Trek. Von Darek Wylezol

Reisebericht

GR20 - Europas bekanntester Trek. Von Darek Wylezol

Korsika, die Insel aus Duft und Farbe, aus Berg und Tal. „Ein Schiff voller Berge“ wie sie Italo Calvino beschreibt. Mit Hängebrücken und Hochbergen, tosenden Wasserfällen und lauschigem Kastanienwald. Auf einem Traumpfad lässt sie sich überqueren, die „Kalliste“ - die Schöne - den alten Griechen nach. Das größte Bergabenteuer des Mittelmeerraums, als GR 20 unter den Wanderern bestens bekannt

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Die Korsen nennen ihn Fra li monti, Durch die Berge und keine andere Bezeichnung ist für den Weitwanderweg treffender. Denn die rund 180 km lange Route führt hauptsächlich durch das schroffe Inselbergland, immer dem Hauptgebirgskamm folgend. Zehn Tausend Höhenmeter bergauf und bergab, ein einziger Ort unterwegs, sonst nur Bergwildnis zum Abwinken. So wild, dass sich 1972, im Eröffnungsjahr des GR20, nur wenige wagten, die Strapazen einer zweiwöchigen Inseldurchquerung auf sich zu nehmen. Dieser Kraftakt - gepaart mit der einzigartigen Landschaft Korsikas – erreichte jedoch bald Kultstatus und seitdem gilt der GR20 als der anspruchvollste Fernwanderweg des alten Kontinents. Und auch wenn sich im Laufe der Zeit die Infrastruktur verbesserte und jedes Jahr zwischen 8000 und 10000 Trekker die Überschreitung in Angriff nehmen - an seinem Reiz hat der gute alte GR20 nichts eingebüßt.



Schon am ersten Tag zeigt er sein wahres Gesicht und protzt gleich mit 1000 Hm Aufstieg. Wer lieber etwas sanfter einsteigt, lässt sich zu Auberge de la Foret de Bonifatu fahren und spart bis zu Refuge de Carozzu satte 800 m. Unweit der Carozzu-Hütte baumelt sie, die Hängebrücke, fast wie im nepalesischen Khumbu über den Dudh Kosi. Der felsige Weg folgt nun der Spasimata Schlucht, deren Gewässer die schrägen Steinplatten zum Leid des Wanderers dem Spiegel gleich glätteten. Werden sie nass, merkt man alsbald, dass nasse Spiegel als Wanderpfade nicht viel taugen. Am herrlichen Lac de la Muvrella vorbei schraubt sich der GR20 zur Osterhasenscharte empor. So steil, dass man sich oben am Pass wie ein soeben gekochtes Osterei vorkommt. Dass man gleich wieder frisch und munter in die Ferne schauen mag, liegt nur an der grandiosen Aussicht vom Bocca di Stagnu-Pass, den man nach einer kurzen Hang-Traverse der Muvrella erreicht. Monte Cinto, das Dach Korsikas in voller Pracht. Wer noch nicht genug von dem herrlichen Panorama hat, dem sei der 20-minutige Abstecher zum Gipfel der Muvrella empfohlen. Denn erst hier erfasst das Auge die gesamte Grand Barriere, den Hauptkamm Korsikas mit Paglia Orba (2525 m) im Südwesten und Capu Biancu (2554 m) im Osten. Der Gebirgszug teilt notabene die Insel in zwei komplett unterschiedliche geomorphologische Gebiete auf: Während im Westen Granite und Tiefengesteine, wie z.B. der Quarzporphyr überwiegen, ist der Osten aus gefaltetem Schiefer gebaut. Aber nicht alleine aus diesem Grund bildet der Gebirgszug die Grand Barriere im korsischen Bewusstsein: Jahrhundertlang nämlich trennte das Gebirge den von Feudalherren unterjochten Westen vom freien Osten, in dem das Land zum größten Teil in den Besitz der Gemeinden überging. Damit teilt die Grand Barriere die Insel in zwei sozial und linguistisch unterschiedliche Regionen.


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Kommentare

  • juergen.k

    Eine ausgesprochen packende Beschreibung des GR 20, die meine Erinnerungen von 1974 an die Hauptrouten im Cinto- und Rotondo-Massiv wachgerufen haben, mit einer Übernachtung im Ziegenpferch, Gastfreundschaft eines korsischen Hirten und im Cirque de Solitude lediglich ein dickes Tau.
    Leider fehlen Bilder; aber vielleicht schreibe ich ja noch einen Bericht über die Touren von damals mit den alten Bildern.
    Der Bericht hat mir gut gefallen, denn so war der GR 20 und so ist er offensichtlich noch heute, wenn auch voller.

  • ChrG

    Hallo,
    eine gute Beschreibung des GR 20. Wir haben den GR20 vor 10 Jahren begangen und waren begeistert von der atemberaubenden Schönheit Korsikas. Beim Cirque de Solitude muss man zuerst eine ca. 250m hohe geneigte Platte mit Hilfe eines dicken Seils bezwingen und dann gesichert mit Stahlleitern und Stiften in der Wand abzusteigen. Insgesamt ist der GR20 jedoch mit entsprechender Ausdauer von allen halbwegs trittsicheren Wanderern zu begehen.

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