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Reisebericht: Revolution und Merienda

 
 
 
 
 
Reisebericht: Revolution und Merienda

Es gibt sie, die Traum- und Klischee-Inseln . Doch diese kleinen vermeintlichen Paradiese haben einen Beigeschmack: die Außenwelt. Denn eine Reise durch das riesige Archipel ist unmöglich ohne einen Hauch der Revolutionsmüdigkeit im seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten, chronisch kranken Land zu spüren.

 
 
 
 
 

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Würde er nicht jeden Tag am Rand der Rufino Street hocken und die billigen Zigaretten auf der dicken Plastikplane vor sich sortieren – man könnte fast vergessen, dass man auf den Philippinen ist. Mitten in der fast glitzernden Welt von Makati City, dem Hauptgeschäftsviertel, zwischen aus Glas und Stahl konstruierten Hochhäusern und Einkaufszentren, elegant gekleidet zu ihren Büros eilenden Männern und Frauen, zwischen den allmorgendlich blank gewaschenen und polierten Autos und den modern überdachten Fußwegen (die Regenzeit macht auch vor Makati keinen Halt) – mitten in dieser modernen Weltstadt fällt es nicht schwer die Welt hinter den Hochhäusern zu vergessen. Der kleine graue Mann, vielleicht in seinen 50ern, ist die einzige Erinnerung an den 10-Millionen-Moloch Manila und das Hinterland, das sich auf 7128 Inseln erstreckt (bei Flut nur 7127), eine Symbolfigur für einen großen Teil seiner Landsleute.



 
 
 
 
 

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Die Erwartungen waren hoch: eine (fast) erfolgreiche Rebellion gegen die spanischen Kolonialherren, bewaffneter Widerstand gegen die Japaner im Zweiten Weltkrieg, jahrelanger kommunistischer Aufstand der landlosen Bauern und der Neuen Volksarmee gegen die Großgrundbesitzer-Regierung, muslimische Unabhängigkeitskämpfer und schließlich die legendäre „People Power“ Revolution, die 1986 den Diktator Marcos ohne Blutvergießen entmachtete ohne das System aus Bestechung, Vetternwirtschaft, Wahlbetrug und Macht der Waffen zu ändern. Hohe Erwartungen werden meistens enttäuscht und unechte Revolutionäre verlieren nach zig „People Powers“ in weniger als 20 Jahren die Lust am aussichtslosen Kampf. Wenn die aktuelle Präsidentin Gloria Macapagal-Arroyo Demonstrationen verbietet gibt es zwar einen Aufschrei in den Medien – aber keine Demonstrationen. Sogar die Moros, die Muslime der Inseln Mindanao, Palawan und des Sulu-Archipels, und deren „Befreiungsarmee“ legen ab und zu die Waffen nieder, unterschreiben einen Friedensvertrag und schütteln Hände.



 
 
 
 
 

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Die Kämpfer altern und mit ihnen ihre Ideen und Ideale. Die Jugend findet ihre Identität entweder in der amerikanisierten Handy-Gesellschaft oder im anderen Extrem: der Abu Sayyaf. Aber die Entwicklung kommt schnell nach Mindanao, dem Heimatland jener Muslime. Alles ist auf Mindanao fokussiert, seit 9/11 ist es Priorität die seit Jahrzehnten kämpfenden Muslime unter die Haube zu bringen und aus ihnen Filipinos zu machen, sie einzugliedern in das Bevölkerungsgemisch aus einer Vielzahl ethnischer Gruppen. Den „richtigen“ Filipino gibt es nicht und so hapert es in so manch abgelegener Gegend im Archipel auch noch mit der nationalen Identität.



 
 
 
 
 

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„Wenn die aus Manila kommen und mir mein Land wegnehmen“, sagt Simon mit fester Stimme, „dann gehe ich auch in die Wälder zu den Rebellen der Volksarmee. Mein Land und das meiner Vorfahren lasse ich mir nicht wegnehmen“. Simon ist ein Ifugao, kein Filipino. Auch wenn er selbst als missionierter Christ lange in Manila gelebt hat und nicht mehr viele der Bräuche seines Volkes ausübt, ist er doch zurück in die Cordilleras, die Berge Zentral-Luzons zurückgekehrt. Hoch über dem Talkessel mit den Jahrtausende alten Reisterrassen rund um das winzige Dorf Batad hat er ein kleines Gästehaus eröffnet – für die wenigen Touristen, die den stundenlangen Fußmarsch über die Berge auf sich nehmen. Die Außenwelt ist aber schon längst in der Welt der Ifugao angekommen. Die Reisterrassen werden kaum noch bewirtschaftet, auf dem Markt gibt es Reis viel günstiger zu kaufen, das Land in den Wäldern gehört meist Filipinos aus dem Tiefland und Strom und Fernsehen wird es wohl nächstes Jahr auch geben. Simon sagt, dass er die Zeit auch nicht zurückdrehen wolle. Aber man dürfe seinem Volk nicht die Lebensgrundlage nehmen. Deshalb würde er dafür kämpfen. „Aber nicht so wie die Muslime auf Mindanao. Das sind alles Terroristen“, meint er.



 
 
 
 
 

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Wer in den „Villages“ von Manila lebt, braucht sich weder um die Nöte im Norden, noch um die Sorgen im Süden Gedanken machen. Denn wer in einem Village lebt, hat es geschafft. Hier leben die Menschen mit den Namen ihrer spanischen oder chinesischen Vorfahren hinter hohen Zäunen. Sie sind nicht die Menschen, die am Straßenrand Zigaretten verkaufen, oder die von der S-Bahn in ihre Büros eilen. Sie werden in den täglich frisch gewaschenen Autos ins Büro gefahren während sich die „Maid“ um Haus und Heim kümmert. Und doch sind sie auch nur „Gefangene des Systems“, wie es Jose Sionil ausdrücken würde.



Sionil ist Autor. Alles was er schreibt ist äußerst sozialkritisch und es gibt wohl kaum jemanden, der sein eigenes Land und seine Landsleute so genau, so gut und so kritisch beschreiben kann wie er – und trotzdem geliebt wird. In seinem Buchladen im historischen Stadtteil Ermita scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Zwar gibt es hier nicht wie in anderen Ländern Asiens den historischen Charme, aber inmitten der chaotischen, vielleicht verrückt gewordenen Umgebung, ist sein Buchladen ein Ort der Stille. Und zwei Etagen darüber sitzt auch Sionil gelassen zurückgelehnt in seinem engen, fensterlosen Arbeitszimmer. Während seine Frau eine Merienda – den Nachmittagssnack – holen geht, erzählt der körperlich in die Jahre gekommene Revoluzzer aus seinem Leben. Den Reisen durch die Welt, seiner Arbeit, den drei in die USA ausgewanderten Kindern. „Ich hätte mir so gewünscht die große Revolution noch zu erleben“, erzählt der 80-Jährige, „aber jetzt sterbe ich bald. Und die Revolution wird nicht mehr passieren.“



 
 
 
 
 

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Kommentare
  • Blula 09.05.2010 | 11:56 Uhr

    Liebe Carolin, dieser Hintergrundbericht hat mir ausgezeichnet gefallen. Sehr lesenswert. Vielen Dank, dass Du uns hier Informationen über dieses Archipel, Historie und Lebensart rüberbringst, an die wir sonst wohl nicht gekommen wären.
    Sehr, sehr gut!
    LG Ursula

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Revolution und Merienda 4.25 8