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Reisebericht: Kennen sie Uruguay?
Zugegeben: Es ist nicht eines der Publikumsmagneten, das Land am Atlantik, Rio del la Plata und Rio Uruguay. Demzufolge sind die Informationen auch in der Geo-Reisecommunity spärlich. Travelcaesar schreibt über einen kurzen Abstecher nach Uruguay und bemerkt, dass es nicht das spannendste Reiseziel ist. Recht hat er. Aber zum „mitnehmen“ ist es allemal geeignet.
Ausgangslage: Nach 14 Stunden grausamen Flugs nach Buenos Aires waren wir eine Woche lang in einem Kongresszentrum eingesperrt. Uns war klar, für die kurze Zeit ist die Strapaze zu groß. Also eine Woche dranhängen. Bloß was tun? An den Strand nach Mar del Plata? Nass werden an den Iguazu-Wasserfällen? Wein trinken um Mendoza?
Wir (fünf Pärchen) entschieden uns für Uruguay. Fußballfans denken an die vielen Weltmeisterschaftsgewinne deren Nationalmannschaft in längst vergangenen Zeiten. Montevideo, da gab’s doch in den 60er Jahren diesen Film mit Heinz Rühmann „Ein Haus in Montevideo“ über den wir so gelacht haben. Hat Hans Albers, als er „La Paloma“ sang, an eine Taube (spanisch Paloma) oder an die Stadt in Uruguay am atlantischen Ozean gedacht? Wir wissen es nicht. Wir wussten aber: wir fahren über Colonia nach Montevideo und gehen dann ein paar Tage in Piriapolis ausspannen. Es passte.
Historisches Colonia
Mit der Fähre von Buenos Aires über den breitesten Fluss der Welt, den Rio de la Plata erreichten wir nach einer Stunde Colonia del Sacramento. Dass sie direkt gegenüber von Buenos Aires liegt, hat seinen historischen Grund. Im 17. Jahrhundert gründeten die Portugiesen die Stadt als Gegenpol zum spanischen Buenos Aires. Dies ging schief. Zwar wechselte im Laufe der Jahrhunderte die spanische und portugiesische Herrschaft, doch mit dem Untergang des Sklavenhandels (durch die Engländer) und der Verlagerung der Güterströme nach Buenos Aires verlor Colonia ihre Bedeutung.
Geblieben ist allerdings das portugiesisch geprägte historische Viertel der Stadt, das zum Weltkulturerbe gehört. Man wandert durch das alte Stadttor, über sehr holprige Kopfsteinpflasterstrassen, zwischen sehr alten Häusern und genießt (zumindest als wir dort waren) eine sehr beschauliche Atmosphäre; eine Wohltat nach dem Lärm von Buenos Aires. Ein Leuchtturm, eine Promenade am Meer (richtig ist natürlich am Rio de la Plata, doch der ist so breit, dass man sich wie am Meer vorkommt und nicht wie an einem Fluss), Museen, einige schöne Plätze mit Cafes runden einen beschaulichen Ort ab. Die historische Bedeutung und die beruhigende Beschaulichkeit wurden noch dadurch verstärkt, dass man viele alte Oldtimer-Autos am Straßenrand stehen sah und sich die wenigen Einheimischen in Pferdekutschen fortbewegten.
Montevideo... (wie das klingt)
Es muss einmal sehr reich gewesen sein, dieses Montevideo. Leider liegt die Betonung auf „gewesen“, denn einige Teile sind schon arg heruntergekommen.
Vom Platz der Unabhängigkeit mit dem beeindruckenden Palacio Salvo, einem Hochhaus von 1927 läuft man durch die Puerta de la Ciudadela in die Ciudad Vieja, die Altstadt. Anfangs gibt es noch einige schöne Restaurants und Kneipen (abends Lifemusik), doch je tiefer man vorstößt desto gruseliger wird gerade abends diese Gegend. Man sieht eine Bausubstanz, die mal großbürgerlich war, inzwischen aber verfällt.
Tagsüber hat man dagegen die vielleicht längste Strandpromenade der Welt. Die Ramblas sind sieben Kilometer lang. Dazwischen gibt es einige nette Parks. Nach einigen Kilometern blickt man auf die Skyline der 1,3 Millionen-Stadt. Diese Ramblas – wer würde das bestreiten – sind natürlich nur für Jogger wie mich angelegt worden und nicht für nebeneinander laufende Fußgänger, die keinen Platz lassen oder gar für Hunde ausführende Rentner und Fahrrad fahren übende Kinder.
Toleranz und körperliche Bewegung braucht man in Montevideo. Am Markt in der Nähe des Hafens gibt es einige gute Parrillas (Grillrestaurants), die zum Mittagessen einladen. In den Markthallen sind Grillstände aufgebaut, die auch den toleranten Vegetarier bleich werden lassen. Es türmen sich Berge von gegrillten Stücken ehemaliger Schweine, Rinder und Schafe, ganze tote Hühner, Enten und Kaninchen, alles braun gebrannt und fettglänzend über glühenden Holzstämmen. Kennen sie Morcilla? Blutwurst! Essen Sie mal eine vom Parilla (Grill) (nicht nur) in Montevideo. Sie müssen dreimal die Ramblas rauf und runter joggen bis sie ihr Ursprungsgewicht wieder erreicht haben und das Cholesterin nicht mehr aus den Ohren tropft.
Piriapolis und das Hotel Argentino
Hotel Argentino, Piriapolis, Uruguay wurde 1930 im Auftrag von Francisco Piria als „Belle Epoque“ Hotel gebaut. Seine 350 Jugendstilzimmer sind geräumig, karg aber mit Stil ausgestattet. Ansonsten ist alles vorhanden: Ein großer Spa-Bereich, Außenpool, ein Casino, Restaurants. Und alles liegt direkt am Strand des Rio de la Plata.
Persönliche Meinung von ToniE:
Die Dame ist über 75 Jahre alt und hat Stil. Das Argentino Hotel wurde1930 als „Belle Epoque“-Hotel gebaut. Man fühlt sich in diese Zeit versetzt und genießt eine mondäne Atmosphäre, ohne das es nun besonders luxuriös erscheint. Genau das ist es: der Unterschied zwischen Stil und Luxus.
Über Piriapolis braucht man nicht viele Worte verlieren. Es hat lange nicht die Ausmaße von Punta del Este. Sein wesentliches Highlight ist das Argentino Hotel (siehe Tipp). Der Strand am Rio del la Plata ist lang und gut gepflegt, es gibt Andenkenläden und mittelmäßige Restaurants. Der Stadtgründer Francisco Piria baute nicht nur das Argentinio Hotel sondern auch etwas außerhalb ein beeindruckendes Schloss. Der Hügel, auf dessen Spitze die Kirche des heiligen Antonius lag, war für Läufer Antonius eine anspruchsvolle Herausforderung.
Punta del Este und andere Abenteuer
Herr Wolfgang und Frau Margrit, sowie Frau Lisa und Herr Toni waren für mehrtägiges lottriges Leben im Liegestuhl am Swimmingpool des Hotels Argentino doch nicht geeignet und entschlossen sich, per Mietwagen die Umgebung zu erobern. Erstes Ziel war Punta del Este, das uns erst einmal einen Schock versetzte. Wie froh waren wir angesichts der sich türmenden Hotelburgen in unserem beschaulichen Piriapolis gelandet zu sein. Interessant war allerdings ein Schauspiel im Yachthafen. Die angelandeten Fische wurden dort von Fischern filetiert, wobei das Filet in einen Kasten geworfen wurde und die Gräten in das mechanisch aufgehende Maul eines … Seelöwen. Ein köstlicher Anblick: Ohne hinzuschauen warf der Fischer die Gräten in Richtung Seelöwen, der zum richtigen Zeitpunkt sein Maul offen hatte.
Nach einem Spaziergang über die Promenade um die Halbinsel von Punta del Este mit Besichtigung des Leuchtturms und vorbei an schönen Residenzen setzten wir uns wieder ins Auto und fuhren landeseinwärts. Wir setzten mit einer Fähre über einen Fluss und es ging rechts und links an großen Rinderweiden vorbei weiter. Herr Wolfgang als Fahrer unseres Mietautos bemerkte, dass der Sprit zu Ende geht. Es schien in Uruguay keineswegs üblich zu seinen, einen Mietwagen voll getankt an die Kunden zu übergeben. Die Strasse wurde schlechter als unser Kartenmaterial, an dem wir uns hilflos zu orientieren versuchten. Im Auto wurde es stiller. Fragende Blicke an jeder Kreuzung zwei Feldwege, die wir passierten, ob wir denn richtig seien. Menschen hatte wir schon lang nicht mehr gesehen. Diese komische rote Lampe neben der Tankanzeige ignorierten wir noch nicht einmal. Dann stießen wir wieder auf eine asphaltierte Straße. Bloß wohin? War die nächste Tankstelle rechts oder links? Würfeln? Nein! Ein Auto kam, wir hinterher und voll in eine Polizeikontrolle. Drei Kilometer, so machte uns der freundliche Hauptmann klar, sind es zur nächsten Tankstelle, die wir mit stotterndem Motor erreichten. Volltanken: umgerechnet 5 Euro. Irgendwie hatten wir danach keine Lust mehr zu unserem ursprünglichen Ziel zu fahren. Zurück gings nach Piriapolis zum sundowner ins Argentino.
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Gut geschrieben, macht Lust auf das Land!
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Schonungslos ehrlich geschrieben, hat mir gut gefallen und ich hab Lust auf Uruguay bekommen!
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Schön und amüsant geschriebener Bericht, der einen locker mitreisen läßt!
Ich schätze das Arbentino in die Riege "Old Cataract ", "Raffles" in Singapore oder das alte "Rainmaker Maountain Hotel" auf Samoa ein - nur etwas größer ... :-)
Ich liebe solchen - leicht morbiden - Charme eines Hotels mit Geschichte!
LG Robert -
Ach was, schon zu Ende? Ich hätte gern noch weiter geschmökert, so locker und leicht, wie das hier geschrieben wurde. Jetzt habe ich doch ein etwas umfangreicheres Bild von Uruguay - nicht nur die Mannschaft um Diego Forlan ;-) Übrigens hat die Nationalmannschaft alle bei der Fußball WM gewonnenen Preise für Wohltätigkeitszwecke im Land (z.B. für Schulen und Sportplätze) gestiftet. Hätte unsere auch machen können - aber denen war der 3. Platz nicht mal eine Feier wert.
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herrlich, wunderbar geschrieben. kurzweilig, lebendig, echte erlebnisse, gewürzt mit unterhaltsamer schilderung und ein wenig hintergrund. uruguay hatte ich tatsächlich kurz als ziel im auge, aber dann doch ausgeschieden. aber sollte ich doch mal in der gegend sein ;-)
kompliment zum stil!
lg gabi
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