Verhalten: Kein Platz für Eisbären

Dürfen Tiere in Zoos gefangen gehalten werden? Eine britische Biologin stößt die Debatte aufs neue an

Arktistouristen,die ihn in freier Wildnis erlebt haben, sprechen voll Ehrfurcht von ihm. Wenn Ursus maritimus,der Polarbär, zu rennen beginnt, erreicht er leicht eine Geschwindigkeit von bis zu 40 Kilometern pro Stunde. Eisbären haben kein festes Revier; sie wandern im Winter nach Süden, im Sommer Richtung Norden - immer der Treibeisgrenze folgend. Schnell und ausdauernd laufend, bewältigt der Bär nicht selten 80 Kilometer am Tag.

Darf man einen so vorzüglichen Läufer hinter Gittern halten? Georgia Mason, Verhaltensforscherin vom Institut für Zoologie der Universität Oxford, meint nein. Bei einer ganzen Reihe von Arten - darunter auch Asiatische Elefanten und Löwen - erzeuge Gefangenschaft Stress, Frustration und führe zur Veränderung ihres natürlichen Verhaltens. Im Gehege entwickelten sie stereotype Verhaltensweisen wie ständiges Auf-und-ab-Gehen (Pacing) und vernachlässigten die Pflege ihres Nachwuchses. Dafür spreche die hohe Sterblichkeit der Neugeborenen und die Anzahl der "Flaschenkinder", die von Tierpflegern aufgezogen werden müssen.

Mason stellte fest: Je größer die tägliche Laufstrecke und das Revier des freien Tieres ist, desto höher fällt die Säuglingssterblichkeit der Art in Gefangenschaft aus. Besonders deutlich beim Polarbären: Das kleinste Revier des Einzelgängers in Freiheit ist etwa eine Million Mal größer als ein übliches Zoogehege. Andere Tiere dagegen, etwa Katas oder Schneeleoparden, vertrügen das beschauliche Zooleben gut. Auf solche Tiere solle man sich konzentrieren und Säugetiere mit großem Revieranspruch grundsätzlich nicht mehr in Gefangenschaft halten, fordert Mason.

Aus Sicht der Zoos gehen diese Vorschläge zu weit. Wesentliche Aufgabe der Tiergärten sei die Nachzucht bedrohter Arten zur Erhaltung der Biodiversität und der genetischen Vielfalt innerhalb einer Art. Überdies lebe der Eisbär im Berliner Zoo, dem artenreichsten der Welt, auch sichtlich zufrieden mit fünf Weibchen - auf einer Fläche von 1500 Quadratmetern. Meist sei es die Beute, welche die Reviergröße bestimmt, meint Heiner Klös, Vorstandsmitglied des Berliner Zoos. Doch um Beute brauchen sich Zootiere nicht zu kümmern - sie wird täglich serviert. Damit sie nicht faul und frustriert werden, beschäftigen Tierpfleger die "Wildfänge" auf unterschiedliche Weise. Im Tiergarten sind die Polarbären sogar wacher als in Freiheit. Sie verzichten in unseren Breiten auf Winterschlaf, denn der tritt in der Arktis nur wegen Futtermangels und der tiefen Temperaturen ein.

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