Äthiopien Landraub in Äthiopien?

Nomaden zu Feldarbeitern, Naturschutzgebiet zu Ackerland: Der Inder Karuturi baut in Äthiopien eine Megafarm, angeblich so groß wie Luxemburg. Agrarinvestoren wie er haben sich in den vergangenen Jahren weltweit geschätzte 80 Millionen Hektar Land gesichert - vor allem in Afrika. Ist das der Entwicklungsschub, den viele Hungerländer dringend brauchen? Oder der Ausverkauf ihrer kostbarsten Ressource?
In diesem Artikel
Landraub
Vom Hungerleider zum Großbauern?
Vom Hungerleider zum Großbauern
Vom Nomaden zum Tagelöhner?
Vom Nomaden zum Tagelöhner
Eine Potemkinsche Farm für die Aktionäre?
Vom "grünen Hunger"

Ein paar Tage noch,dann soll sein Feldzug beginnen. Auf den Stock eines Wischmopps gestützt, steht Karmjeet Singh Sekhon in der Tür eines Wohncontainers. Sein Bart ist sorgsam gezwirbelt, sein Haar von einem Turban bedeckt. Auf dem Hof vor ihm: zwölf neue Traktoren mit mannshohen Doppelrädern, ein jeder über 20 Tonnen schwer, ein jeder über 400 PS stark. Mit ihnen soll Sekhon den Sumpf urbar machen und die Savanne bezwingen.

Sein Arbeitgeber ist das indische Unternehmen Karuturi, nach eigenen Angaben weltgrößter Rosenzüchter. Künftig will Karuturi in Äthiopien auch Nahrungsmittel anbauen. Damit alle Welt Zeuge werde von seinem prometheischen Unterfangen, haben die Traktoren wochenlang an einer großen Kreuzung in Addis Abeba gestanden. Zeitungen berichteten, auch das Fernsehen.

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Auf einem Saudi-Star-Testfeld pflanzen Äthiopierinnen Reis für die reiche Golfnation an. Das Ziel: eine Million Tonnen im Jahr

Aber wer verirrt sich schon auf Sekhons Farm? Sie liegt zwei Tagesfahrten südwestlich der Hauptstadt, in der glühend heißen GambellaTiefebene. Eine unwirtliche Region. In den Wäldern grassiert die Tsetsefliege, in den Sümpfen der Medinawurm. Überall Schlangen, und Malaria sowieso.

"Sind Sie Ärztin?", fragt mich der Manager im Tourist-Hotel der Regionalhauptstadt. "Oder Investorin?" Andere Gründe, freiwillig nach Gambella zu kommen, kann er sich nicht vorstellen. Karuturi hat hier, an der Grenze zum Südsudan, nach eigenen Angaben 300.000 Hektar gepachtet. Das wäre einer der größten Deals in jenem weltweiten Trend, der private oder auch staatliche Investoren in entlegenen Regionen der Erde nach Ackerflächen suchen lässt.

Laut einer Weltbank-Studie wurden allein im Jahr 2009 Geschäfte über 46,6 Millionen Hektar abgeschlossen. Was fast der Fläche Spaniens entspricht und zwölfmal so viel ist wie in den Jahren zuvor. Wer immer nach Land sucht, schaut zuerst nach Afrika - dort sollen 80 Prozent aller nutzbaren Böden brachliegen.

Auslöser des Booms war die Krise im Jahr 2008. Innerhalb von nur drei Jahren hatten sich die Preise für Nahrungsmittel weltweit fast verdoppelt. In Ägypten, Mexiko, Algerien, auf Haiti gingen Menschen auf die Straße, die um ihre tägliche Mahlzeit fürchteten. Manche dieser "Brotaufstände" endeten in Gewalt. Um das aufgebrachte Volk zu beruhigen und die Preise zu drücken, verhängten Regierungen vieler Exportländer Ausfuhrverbote für Getreide. Und schreckten damit jene Nationen auf, die ihre Nahrung zum größten Teil importieren müssen. Länder wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate oder Südkorea beschlossen, fortan mehr Grundnahrungsmittel selber anzubauen - allerdings auf fremdem Boden, weil zu Hause Felder oder Wasser fehlen.

Auch Finanzinvestoren entdeckten Agrarland als sichere Anlage: solider Gegenwert, limitiertes Angebot, garantiert wachsende Nachfrage. Denn die Weltbevölkerung wird bis 2050, so eine UN-Prognose, auf über neun Milliarden Menschen steigen. Um sie alle zu ernähren, muss sich die landwirtschaftliche Produktion um kaum vorstellbare 70 Prozent erhöhen.

Landraub

Weil Land deshalb so extrem kostbar geworden ist, warnen Hilfsorganisationen schon vor "Agro-Imperialismus" oder "Neo-Kolonialismus". Auf Websites wie www.farmlandgrab.org sind Hunderte Beispiele von dubiosen Deals und teils brutalen Enteignungen von Kleinbauern dokumentiert. Dagegen hoffen die Weltbank und die Welternährungsorganisation FAO, dass die Landgeschäfte zu einem Gewinn für alle Beteiligten werden können - wenn sie fair ablaufen. Vor allem die afrikanische Landwirtschaft braucht dringend Investitionen. Denn nur mit Hacke und Handarbeit kann sich der Kontinent nicht ernähren.

Vom Hungerleider zum Großbauern?

Im Sommer 2010 habe ich im Hafen von Dschibuti Hunderte Männer gesehen, die am Fließband Korn in Säcke füllten und auf Lastwagen luden. Am Massengut- Umschlagplatz lagen drei US-Frachter mit 130.000 Tonnen Weizen für das UN-Welternährungsprogramm (WFP). Alle 40 Minuten - und zwar Tag und Nacht - verließ ein Dutzend Lastwagen Dschibuti in Richtung Äthiopien. Kein anderes Land auf der Welt empfängt mehr Hungerhilfe vom WFP. Knapp jeder zweite der 84 Millionen Einwohner ist unterernährt. Äthiopien ist der Inbegriff von Armut, Dürre, Hunger.

"Land ist unser größtes Kapital", sagt Abi Woldemeskel. Der Direktor der staatlichen Investitionsagentur konterkariert das Bild vom aussichtslos abhängigen Hungerleider, das ich aus Dschibuti mitgebracht habe. Das meiste Land sei noch ungenutzt! Sein "Investitionsführer 2010" preist 11,55 Millionen Hektar - viermal Belgien. Und dann sind da noch jene 23 Millionen Hektar minderwertige Böden, auf denen sich laut Energieministerium Biotreibstoffe anbauen ließen: genug, um zum Beispiel das Wirtschaftswunder Brasilien zu übertreffen.

Der äthiopische Staat ist zwar sozialistisch geprägt - aber er ist auf private Investoren angewiesen, um seinen neuen Fünfjahresplan zu erfüllen: die Verdopplung des Bruttoinlandsprodukts und der Agrarerträge bis zum Jahr 2015.

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In Äthiopien gehört alles Land dem Volk - viele Äthiopier wissen davon nichts

Das ist ehrgeizig. Das klingt wie eine Vision. Setzt Äthiopien zum großen Sprung hinaus aus der Hungerkrise an? Oder grassiert der Größenwahn? In den Ämtern? Auf den Superfarmen?

Auch der indische Investor Karuturi liebt die große Zahl, Äthiopien ist sein Schlaraffenland mit Reis und Zucker im Überfluss. Zehntausende

Arbeitsplätze verspricht er in der heißen Ebene von Gambella. Und Devisen für die Regierung im Wert von einer Milliarde Dollar.

Die "weltbeste" Farm - mitten im Nationalpark

Zwischen dem Eingangs- und dem Ausgangsschild der Karuturi-Farm liegen 79 Kilometer und eine schnurgerade Schotterpiste, die einzige Straße durch das Gelände. In einer mühseligen halben Stunde fahren wir gerade einmal 20 Kilometer. Affenhorden trollen sich vom Weg, ein Krokodil verschwindet im Gras. Rechts und links Akazien, Feuchtsavanne.

"Ölpalmen!", ruft Sekhon, "Zuckerrohr, Reis, Mais!" Als könne er die Wildnis allein mit Worten bezwingen, redet der zierliche Mann ununterbrochen: In zwei Jahren will er die ersten 100.000 Hektar bewirtschaften. Dann 300.000. Eine Fläche größer als Luxemburg, und Sekhon malt eine geradezu luxemburgische Infrastruktur aus: 10.000 Kilometer Straßen, von Bäumen gesäumt, Wohncamps, Krankenhäuser, Schulen, Geschäfte, Kino. Kurz: "Die am besten geführte Farm der Welt."

"Und was wird dann aus dem Nationalpark?", frage ich.

"Der liegt woanders", sagt Sekhon, "ich habe hier noch nie ein großes Tier gesehen!"

Der Gambella-Nationalpark gilt als der unberührteste Äthiopiens. Giraffen leben in ihm, Elefanten, Löwen, Leoparden und endemische Weißohr-Antilopen. Nach jüngster Zählung 800.000 bis zu einer Million Tiere, die über die Grenze zum Südsudan wandern. Das ist die zweitgrößte Migration weltweit, mehr Tiere ziehen nur in der Serengeti.

Ich vergleiche Karuturis Karte mit der des 1974 gegründeten Nationalparks: Totale Übereinstimmung. Vor allem ökologisch wertvolle Sümpfe liegen auf der Großfarm. Sie regulieren das Klima der Region, sind Jagd- und Fischgründe.

Karuturi will, das ist Teil des Feldzuges, die Feuchtgebiete kanalisieren und eindeichen. Zum Be- und Entwässern darf das Unternehmen den Baro nutzen. Jenen Fluss, an dem fast alle Einwohner der Gegend siedeln, aus dem sie trinken, an dem sie sich waschen, ihr Vieh tränken. Allein für seine 400.000 Ölpalmen will Sekhon bis zu 180.000 Kubikmeter täglich abpumpen - 75 Prozent dessen, was sämtliche Hamburger Haushalte verbrauchen. Zudem wird der strapazierte Wasserhaushalt der Gegend Tausende Kilo Dünger und Pestizide schlucken müssen.

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Der Unternehmer Karuturi will die Feuchtgebiete kanalisieren und eindeichen. Zum Be- und Entwässern darf der Fluss Baro genutzt werden

Sekhons Ölpalmen wachsen noch in einer Baumschule heran. Ein Junge besprüht die Setzlinge mit Pflanzenschutzmitteln. Er trägt keinen Mundschutz. Das Gift rinnt aus der Rückenpumpe über seine Haut; er verwendet die Insektizide Monocrotophos und Endosulfan. Der Agrochemiker, dem ich später diese Namen nenne, ist entsetzt: "Das sind brutalste Mittel! Die sind in Europa längst verboten." Harmlosere Pestizide soll Karuturi abgelehnt haben: "Nicht die teuren Produkte. Das hier ist doch Afrika."

Was aber sagt die Nationalparkverwaltung zu dieser Invasion? Nichts, jedenfalls nicht offiziell. Die Mitarbeiter haben Angst. Konsultiert hat sie bei der Landvergabe keiner. Die verantwortliche Bundesbehörde durfte die Pachtverträge nicht einsehen. Und weil die Grenzen des Schutzgebiets nie gesetzlich verankert worden sind, wird der Park demnächst verlegt.

Zwar schreiben die äthiopischen Umweltgesetze vor, dass vor einer Landvergabe ein Verträglichkeitsgutachten erstellt werden muss - doch das findet sich in den Investitionsgesetzen nicht wieder. Auch Sozialgutachten musste bisher kaum ein Großinvestor vorlegen, wird in einer Weltbank-Studie kritisiert. Niemand werde verpflichtet, seine Versprechen von Krankenstationen oder Schulen auch einzulösen.

Vom Hungerleider zum Großbauern

Sekhon erzählt, die Behörden hätten angeboten, die Dörfer auf dem Karuturi- Gebiet umzusiedeln. Er habe abgelehnt. Schließlich brauche er Arbeitskräfte.

Vom Nomaden zum Tagelöhner?

"Karuturi? Indische Bauern?" Peter Lol hat von ihnen noch nie gehört. Ich treffe ihn, als wir das Karuturi-Gelände noch einmal ohne Sekhon abfahren. Auf halber Strecke lebt Peter* mit vier Frauen, zwei Dutzend Kindern und weiteren Angehörigen in kleinen, runden Strohhütten. Die Haut der Menschen ist tiefschwarz, die Stirn mancher Frauen von einem Netz aus punktförmigen Schmucknarben überzogen. Einigen Männern fehlen sechs Zähne im Unterkiefer, ein abergläubischer Schutz vor Krankheit, typisch für die Ethnie der Anuak. "Die Fremden sollen ruhig kommen", sagt Peter. "Wir brauchen jede Hilfe." Von Ausländern erwartet er Gutes.

Er demonstriert, wie schlecht es ihm und seiner Familie geht. Zupft an den zerrissenen T-Shirts, welche die aufgeblähten Bäuche seiner teilnahmslosen Kinder kaum bedecken. Hält mir einen Löffel mit Brei hin, der aussieht wie eine Mischung aus Stroh und schwarzer Erde. Deutet auf eine Narbe am

Ellenbogen, eine Schussverletzung. In der vergangenen Trockenzeit wurde sein Clan von sudanesischen Murle überfallen. Sie töteten neun Angehörige, stahlen alle acht Ochsen.

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350 Traktoren von Saudi-Star für den Reisanbau auf 100.000 Hektar

Jetzt können die Männer nicht mehr pflügen. Peter bückt sich und streicht über die dunkle Erde. "Wir leben von der Feldarbeit." Er und seine Angehörigen sind halbnomadische Bauern: In der Regenzeit ziehen sie in höher gelegene Gebiete, in der Trockenzeit an die Ufer des Baro. So ist es immer gewesen. Doch aus Angst vor Überfällen wagen sie sich dort nicht mehr hin.

Nach Regierungsschätzungen gibt es in dem von ethnischen Minderheiten geprägten Gambella derzeit knapp 80.000 intern Vertriebene - gut ein Viertel der Bevölkerung. Etwa die Hälfte ist vor Übergriffen von Sudanesen geflohen, die andere vor lokalen Stammesfehden, in denen es meist um Land, Wasser oder Rache geht. Dass nun auch Investoren Umsiedlungen veranlassen könnten, ahnen die wenigsten.

Dabei gehört in Äthiopien alles Land dem Volk. 1991, nach dem Fall des kommunistischen Derg-Regimes, welches alle Landbesitzer enteignet hatte, verankerte die Regierung des bis heute amtierenden Premierministers Meles Zenawi in der Verfassung, dass Bauern und Hirten ihr angestammtes Gebiet kostenlos und ohne zeitliche Beschränkung nutzen dürfen. Zu "öffentlichen Zwecken" können solche Gebiete allerdings geräumt werden - gegen eine Entschädigung.

Doch erst 65 Prozent der Bauern haben in den vergangenen Jahren auch tatsächlich Landrechte erhalten, die vier Millionen Hirten Äthiopiens wurden bei der Vergabe nicht berücksichtigt. Und anders als Investoren dürfen die Bauern ihren Boden nicht beleihen und nur unter Auflagen weiterverpachten. Wer fortzieht, verliert seine Rechte.

In Gambella hat die Implementierung noch gar nicht begonnen. Aber die Regierung hat bereits mehr als ein Drittel des Bundeslandes als "ungenutzt" deklariert und zur Verpachtung freigegeben. Die Nomaden und Hirten, erklärt der Präsident der Provinz, sollen sich

freiwillig in "Entwicklungszentren" begeben, wo man sie besser mit Gesundheitseinrichtungen und Schulen versorgen könne.

Bis 2015 sollen drei Millionen Hektar, eine Fläche so groß wie Belgien, im Tiefland dreier Bundesländer vergeben werden. Diese entlegenen Gebiete haben kaum Infrastruktur, und viele Böden sind so schwer, dass sie sich mit Ochsengespannen kaum pflügen lassen. Aber Großinvestoren, hofft man, werden so viele Arbeitsplätze schaffen, dass auch Menschen aus dem Hochland angelockt werden. Denn dort ist die Situation umgekehrt: Es gibt kaum ungenutztes Land und zu viele Arbeitskräfte. Und so sollen nicht nur Nomaden sesshaft und Bauern und Hirten zu Lohnarbeitern werden, sondern auch Hochländer zu Tiefländern.

Peter Lol aber kennt sein Grundrecht auf Land so wenig wie das Alphabet. Seine Kinder besuchen eine Nomadenschule: einen Baum, in dessen Schatten sie vier Jahre lang lernen. Ein FAO-Mitarbeiter schätzt, dass die meisten Einwohner Gambellas nicht einmal wissen, dass sie Bürger Äthiopiens sind.

Die Taktik: verleugnen, verschleppen, verstummen

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Ein Kleinbauer worfelt die einheimische Hirseart Teff. Die Erträge sind derart gering, dass Experten von "grünem Hunger" sprechen

Gambellas Investitionsbehörde residiert in einem alten Bungalow. Das Gelände ist vom Regen so ausgewaschen, dass die erste Stufe zum Büro des Leiters einen Meter über dem Boden liegt. 855 Landlizenzen hat das Amt an Äthiopier, Inder, Chinesen und Saudi-Araber vergeben: Zehntausende Hektar für Reis, Soja, Baumwolle, Biosprit. Oft für nur ein, zwei Dollar pro Hektar und Jahr. Mit Laufzeiten bis zu 50 Jahren, wovon die ersten Raten gestundet werden.

Größere, billigere Flächen sind auf der Welt kaum zu haben.

Büroleiter Bakony Kong Gach will meine Fragen schriftlich, zur Vorbereitung. Dann will er mehr Zeit. Dann schaltet er sein Handy aus. Dann taucht er ab.

Ich sitze auf der hohen Eingangsstufe und warte. Investoren kommen und gehen, auch die 35 Mitarbeiter der Behörde. Drei, vier von ihnen bleiben stehen, über ihre Arbeit aber wollen sie ohne Erlaubnis des Chefs nicht sprechen. Nach zwei Stunden funktioniert dessen Telefon wieder, eine fremde Stimme antwortet: "Gach ist krank." Ein weiterer Anruf: "Gach steht unter der Dusche." Ein Versteckspiel, das selbst die Mitarbeiter schließlich so ärgert, dass sie zu reden beginnen. "Wovor hat er Angst? Sind Ihre Fragen so schwierig?" Ein paar Dinge müssten gesagt werden, und sie flüstern nicht einmal: Karuturi habe das Land direkt von Gambellas Regionalpräsidenten erhalten, niemand habe es sich vor der Vergabe genau angeschaut.

Ölpalmen? Der zust ändige Kontrolleur hat noch nichts von ihnen gehört. Kürzlich sei er auf dem Gelände gewesen, habe weder Baumschule noch Geschäftspläne gesehen. Aber die würden ohnehin nicht stimmen. Warum auch? Das Amt halte sich selbst nicht an seine Regeln.

Die Mitarbeiter erzählen von Investoren, die nur Flächen pachten, um den Wald darauf zu Holzkohle zu machen. Von anderen, die mithilfe ihrer Lizenz Geld leihen und verschwinden. Von jenen, die nur auf steigende Preise spekulieren. Aber auch von solchen, die ihr Gelände in der Regenzeit nicht einmal erreichen können, weil Straßen und Brücken fehlen. Nur 20 bis 30 Prozent der Investoren beackerten tatsächlich das Land, und oft nur sehr wenig davon.

Und dieses Desaster mit Namen Gambella ist kein Einzelfall. Bis 2009 wurden landesweit 2,3 Millionen Hektar an 8300 Investoren vergeben - von ihnen bestellen aber laut staatlicher Investitionsagentur nur 181 tatsächlich ihre Felder. Die meisten sind Blumenzüchter, die sich in Reichweite des Flughafens von Addis Abeba angesiedelt haben. Seit 2003 sind ihre Exporte um das 500-Fache auf einen Wert von 160 Millionen Dollar gestiegen. 50.000 Arbeitsplätze sind entstanden. Mithilfe der holländischen Botschaft hat die Branche einen freiwilligen Verhaltenskodex formuliert: zum Schutz von Mitarbeitern und Umwelt und des eigenen Rufes. Äthiopien ist nach Kenia der wichtigste Blumenexporteur Afrikas, Hauptabnehmer ist die EU.

Zumindest dies ist eine Erfolgsgeschichte - wenn auch um einen hohen Preis: Insidern zufolge ist etwa jedes achte Blumen-Unternehmen schon wieder bankrottgegangen, viele stünden auf der Kippe. Großzügige Kredite der Entwicklungsbank, die bis zu 70 Prozent des Investitionskapitals beisteuert, sind geplatzt. Die Gründe: Korruption und Unerfahrenheit, bei Banken, bei Managern.

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Die halbnomadische Familie von Peter Lol weiß noch nicht, dass ihr angestammtes Gebiet verpachtet worden ist

Auch der gefeierte erste Investor in Agrartreibstoffe, das deutsche Unternehmen Flora Eco Power, ist gescheitert. Ein Teil seiner Anbauflächen für "CastorÖl- Pflanzen", aus denen Rizinusöl gewonnen werden sollte, liegt in einem Elefantenschutzgebiet, und die 120 000 Kleinbauern, die das Unternehmen unter Vertrag genommen hatte, ließen sich kaum verwalten - und in der Wirtschaftskrise auch nicht bezahlen. Bevor die Polizei kam, setzte sich das israelische Management ab. Jetzt versucht der Miteigentümer François Achour, das in Acazis umbenannte Unternehmen zu retten. Er fand gefälschte Stempel, Schecks und Betriebsprüfungen, nun prozessiert er gegen korrupte Mitarbeiter und Beamte. Am Tag vor einem wichtigen Prozess wurde sein Anwalt bei einem Überfall schwer verletzt.

Vom Nomaden zum Tagelöhner

Achour hat noch immer Nutzungsrechte für 200.000 Hektar. Und kürzlich machte ihm das Energieministerium ein Angebot für weitere 3600 Hektar im Südwesten. Man wolle dort nicht so viel Wasser ungenutzt in den Sudan fließen lassen, in Gambella, am Baro-Fluss.

Eine Potemkinsche Farm für die Aktionäre?

Sekhon, der indische Verwalter der demnächst besten Farm der Welt, ist 68 Jahre alt. Er hat Farm-Management studiert, eine Behördenkarriere gemacht. Praktische Erfahrung sammelt er, seit er Rentner ist. Er habe, erzählt er, in Gambella schon 58.000 Hektar roden lassen, die Dorfbewohner hätten die Bäume restlos verwertet.

Oder meint er "spurlos"? Denn was er als gerodete Flächen ausgibt, ist weitgehend Sumpf, von Natur aus fast baumfrei. Höchstens 5000 Hektar wurden bisher gerodet, schätzt ein lokaler Umweltexperte.

Was will mir Sekhon vormachen?

1500 Hektar täglich sollen seine Super- Traktoren beackern. Fachleute glauben, dass die Maschinen viel zu schwer sind für das sumpfige Gelände. Und woher sollen die täglich 9000 Liter Diesel für die Traktoren kommen? Äthiopien muss jeden Tropfen Öl importieren, die Benzinpreise sind zuletzt in nur drei Monaten um 22 Prozent gestiegen. In Gambella, 1500 Kilometer vom nächsten Hafen in Dschibuti entfernt, mangelt es oft an Treibstoff.

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Der französische Rosenzüchter Gallica hat auf acht Hektar 200 Arbeitsplätze geschaffen. Äthiopien ist zweitgrößter Blumenexporteur Afrikas

Die nächste Frage: Wo will Sekhon in der dünn besiedelten Region jene 30.000 Arbeitskräfte finden, mit denen er in Spitzenzeiten rechnet? Bei meinem Besuch im November 2010 zahlt Karuturi seinen Tagelöhnern knapp einen Dollar - weniger als die von der Weltbank festgelegte Armutsgrenze von 1,25 Dollar, weniger als andere ausländische Investoren im Land.

Und wo sind eigentlich die "eine Milliarde Kilo" Getreide geblieben, die Karuturi für 2010 angekündigt hatte? Diese Menge entspräche 20.000 Lkw- Ladungen. Karuturi hat nicht einmal Getreidespeicher.

Unternehmenschef Ram Karuturi versucht bereits, seine zweite, 11.700 Hektar große Getreidefarm westlich von Addis Abeba weiterzuverpachten. Anstelle der angekündigten 5000 Hektar wurden dort bisher nur 200 Hektar mit Mais bepflanzt. Davon ertrank mehr als die Hälfte in der Regenzeit: Um zu sparen, hatte Karuturi die Entwässerungskanäle kleiner gebaut als empfohlen. Besuchern bleibt der Zustand der Farm verborgen. Sie werden zu einem spektakulären, aber weit entfernten Aussichtspunkt geführt. Zwei landwirtschaftliche Berater aus Südafrika waren angewiesen, nur Positives zu berichten. Beide haben gekündigt.

Ram Karuturi hat mit seinen Presseauftritten und Geschäftsberichten eine wahrhaft Potemkinsche Farm erbaut. Dort reift Getreide heran, dessen Saat noch gar nicht ausgebracht ist; wachsen zwei Millionen Palmen statt 400.000; werden Hektarerträge angekündigt, von denen selbst beste Versuchsfarmen weit entfernt sind. Und das Unternehmen preist sich dank seiner "Erwerbungen" in Äthiopien als einer der größten "Landeigentümer" der Welt an.

Karuturi ist börsennotiert, der Kurs steht zurzeit schlecht, Karuturi braucht Geld. In den Ohren von Aktionären klingt das Wort "Eigentümer" besser als das Wort "Pächter". Land ist schließlich eine solide Wertanlage. Wie wenig solide dagegen Karuturis Pachtvertrag ist, das erfahre ich in Addis Abeba.

Ein Land, geplagt vom "grünen Hunger"

Ich fliege zurück in die Hauptstadt. Aus der Luft sind Baumwollplantagen zu erkennen, rechteckig aus Wald und Buschland geschnitten. Rauchfahnen steigen auf, wo Hirten die Savanne niederbrennen. Dann erhebt sich das Hochplateau aus der Ebene - die Kornkammer Äthiopiens. Hier treffen Wolken auf Berge und wässern fruchtbare vulkanische Böden mit tropischem Regen.

Wie eine Patchworkdecke liegen Felder mit Mais, Weizen, Gerste und der einheimischen Zwerghirse Teff über den Hügeln. Die meisten Bauern bewirtschaften Flächen von weniger als einem Hektar. Vielerorts sinken die Erträge. Jedes Jahr gehen im Hochland 30.000 Hektar durch Erosion verloren, zwei Millionen werden geschädigt. Hilfsorganisationen sprechen von "grünem Hunger".

Was soll aus den 60.000 Kindern werden, die jede Woche in Äthiopien geboren werden?

Je näher wir Addis Abeba kommen, desto häufiger tauchen im Patchwork Stücke aus weißem Plastik auf: die Gewächshäuser der Gemüse- und Blumenbauern. Mit jedem Hektar schaffen sie 30 Arbeitsplätze; immerhin.

Die Hauptstadt ist ein Schaufenster des Aufbruchs: Slums werden niedergerissen, Hochhäuser wachsen an ihrer Stelle. Wer zur dünnen Mittelschicht gehört, trifft sich bei Kaldi’s Coffee, der äthiopischen Version von Starbucks. Die Wirtschaft ist in den vergangenen Jahren im Schnitt um neun Prozent gewachsen, das ist eine der höchsten Zunahmen weltweit. Trotzdem bleibt das Land eines der am wenigsten urbanisierten und industrialisierten der Welt. 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts beruhen auf der Landwirtschaft.

Die Adresse des Landwirtschaftsministeriums an einer sandigen Seitenstraße kennen Agro-Investoren besser als Taxifahrer, denn im vierten Stock des Neubaus wird das Land vergeben. In einem Großraumbüro werten Mitarbeiter Satellitenbilder und GPS-Daten aus, um ungenutzte Böden zu identifizieren - Techniken, über die lokale Behörden bisher kaum verfügten. Wohl auch deshalb hat die im Januar 2009 gegründete Abteilung alle Landgeschäfte über 5000 Hektar aus drei Bundesländern, darunter Gambella, übernommen. Und manches geändert.

"Der Vertrag, den Karuturi mit den lokalen Behörden abgeschlossen hatte, war zu ungenau. Er wurde beendet", sagt Bezualem Bekele, Leiter des Landvergabe- Teams.

Aber Ram Karuturi hat doch noch kürzlich von 300.000 Hektar gesprochen? "Vergessen Sie es. Karuturi hat nur noch 100.000 Hektar."

Laut neuem Vertrag muss Karuturi sofort ein Umweltgutachten liefern und bis 2013 die gesamte Fläche bewirtschaften. "Das wird er nicht schaffen", sagt Bezualem. "Dann muss er alles ungenutzte Land zurückgeben."

Bis zum Mai 2011 hat die neue Behörde 24 Investoren 350.000 Hektar zugesprochen, 81 Prozent davon zehn Ausländern. Die Pachtpreise wurden erhöht, die bisher geheim gehaltenen Verträge online gestellt. Schafft die Regierung jetzt etwa klare Regeln und Transparenz?

Das Klagelied der Investoren

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Chinakohl verkauft sich auch in der Hauptstadt Addis Abeba - dank vieler Ausländer und Heimkehrer aus der äthiopischen Diaspora

Beliebter Treffpunkt der Investoren ist eine Bar im Hilton, man kennt sich. Manche auch den kräftigen Mittdreißiger an der Theke: ein Regierungsspitzel. Wer in seiner Nähe sitzt, senkt die Stimme, nennt keine Namen. Die Unternehmer erinnern mich an die Beamten in Gambella: Auch sie wollen Ärger loswerden.

Einer zählt auf, wie viel bewohntes, bewaldetes oder unzugängliches Land ihm angeboten wurde, bis er schließlich selber geeignete 1000 Hektar gefunden hat, Grundstein für Investitionen von 500 Millionen Dollar. Doch seit Monaten wartet er auf den Vertrag, er überlegt, hinzuschmeißen. Blumenexporteure klagen über neue widersprüchliche Zölle und Auflagen, über Engpässe am Flughafen, wo jede Kiste einzeln durch einen einzigen Warenscanner muss. Die Unternehmer wollten einen größeren spendieren. Kein Interesse.

Anfangs war alles noch leicht, sagen sie. Aber für neue Investoren sei Äthiopien ein Albtraum. Kleine und mittlere Unternehmen hätten keine Chance. Nur die hartnäckigen und die dubiosen. Und natürlich Al-Amoudi.

Mohammed Al-Amoudi, Saudi-Araber mit äthiopischer Mutter, laut Forbes Nummer 63 auf der Liste der reichsten Männer der Welt: Er ist der größte Investor in Äthiopien, ein Vertrauter des allmächtigen Premiers Zenawi und diskreter Helfer, wenn die Nationalbank Devisen braucht.

500.000 Hektar will Al-Amoudi in den nächsten 20 Jahren erschließen, ein Fünftel davon in Gambella, so ein Insider. Die saudi-arabische Regierung zahle ihm zwei Milliarden Dollar, damit er dort eine Million Tonnen Reis pro Jahr anbaut.

Anders als bei Karuturi nimmt dieses Großprojekt Gestalt an: Seit 2009 testen in Gambella Spezialisten Sorten und Saatmethoden; täglich kommen Arbeitssuchende vorbei, vor allem Frauen. Denn "Saudi Star" zahlt besser als andere Arbeitgeber. Äthiopier aus dem ganzen Land bedienen Maschinen, roden Buschland, graben Kanäle, planieren Straßen, errichten Wohnblöcke, Klinik, Sporthalle: "Camp Alpha". Daneben stehen schon 350 leichte Traktoren bereit.

Vom "grünen Hunger"

Al-Amoudi gehört auch der Massengut- Umschlagplatz, den ich in Dschibuti besuchte. Demnächst werden Schiffe mit Reis für das reiche Saudi-Arabien neben jenen Frachtern liegen, die Weizen für die hungernden Äthiopier bringen.

Äthiopien
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