Klimawandel "Das ist technisch und politisch unmöglich"

Guy Brasseur ist Klimaforscher und Direktor des Hamburger Climate Service Center. Am 4. Sachstandsbericht des Weltklimarats (IPCC) arbeitete er als einer der Hauptautoren mit. Im GEO.de-Interview mahnt er vor der Klimakonferenz in Südafrika zu Entschlossenheit im Kampf gegen den Klimawandel. Dass wir die Erderwärmung auf zwei Grad begrenzen können, glaubt er nicht

Einem Bericht des US-amerikanischen Energieminsteriums zufolge ist der weltweite Ausstoß von Klimagasen vom Jahr 2009 auf das Jahr 2010 so stark angestiegen wie nie zuvor, um sechs Prozent. Überrascht Sie das?

Nein. Die Wirtschaft in Ländern wie China und Indien, Brasilien hat sich stark entwickelt, sie wächst jährlich um etwa sieben oder acht Prozent. Und wachsende Volkswirtschaften brauchen nun mal mehr Energie. Natürlich macht mir das Sorgen, aber ich habe nie etwas anderes erwartet.

Trotzdem ist damit selbst das düsterste Szenario des letzten IPCC-Sachstandsberichts von 2007 übertroffen ...

Damals wurden wir kritisiert, wir seien alarmistisch. Jetzt zeigt sich, dass wir mit dem schlimmsten Szenario richtig lagen. Leider.

"Das ist technisch und politisch unmöglich"

Der Klimaforscher Guy Brasseur ist Direktor des Hamburger Climate Service Center

"Das ist technisch und politisch unmöglich"

Kraftwerke zur Stromerzeugung, wie hier im US-Bundesstaat Arizona, tragen zu rund einem Fünftel zu den weltweiten Treibhausgas-Emissionen bei

Ist damit das Ziel, die Erwärmung der Erdatmosphäre auf zwei Grad gegenüber vorindustriellen Zeiten zu begrenzen, in unerreichbare Ferne gerückt?

Wir haben jetzt schon 0,7 bis 0,8 Grad Erwärmung gegenüber der Mitte des 19. Jahrhunderts. Selbst wenn die CO2-Konzentration in der Atmosphäre ab sofort konstant bliebe, bekämen wir noch eine Erwärmung um weitere 0,6 Grad. Denn es wird noch einige Jahre dauern, bis sich die Temperatur von Atmosphäre und Ozean im Gleichgewicht befinden. Das macht schon mal 1,4 Grad. Bleiben also noch 0,6 Grad. Das ist nicht viel. Nun stellt sich die Frage: Wie verteilen wir die 750 Gigatonnen, die wir weltweit noch emittieren dürften, wenn wir unter zwei Grad bleiben wollen? Ein Vorschlag ist, den Ländern ein bestimmtes CO2-Budget zuzuweisen, das sich aus deren Bevölkerungszahlen errechnet. Deutschland zum Beispiel könnte dann bis 2050 etwa zwei Prozent der 750 Gigatonnen für sich beanspruchen. Aber wenn wir weiter CO2 emittieren wie bisher, ist in zehn Jahren Schluss. Die USA könnten noch etwa sechs Jahre weitermachen. Die Kehrtwende noch zu schaffen - das ist technisch und politisch so gut wie unmöglich.

Sie glauben nicht an einen Durchbruch auf der UN-Klimakonferenz in Durban?

Ich sehe es als eine letzte Chance, aber ich bin nicht sehr optimistisch. Im kommenden Jahr läuft das Kyoto-Protokoll aus, das erstmals völkerrechtlich verbildliche Zielwerte für die Treibhausgas-Emissionen in den Industrienationen festlegte. Und obwohl ziemlich viel passiert ist in Europa, hat Kyoto sein Ziel verfehlt. Natürlich kann man fragen 'wo wären wir ohne Kyoto?' Vermutlich wären die Emissionen dann noch höher ausgefallen. Wenn sich die wichtigen Länder in Durban nicht auf eine starke und effektive Klimapolitik einigen können, dann müssen wir erkennen, dass die Methode einfach nicht funktioniert. Dann müssen wir neue Strategien entwickeln. Vielleicht kann die UNO-Konferenz für nachhaltige Entwicklung im kommenden Jahr, Rio plus 20, einen neuen Impuls geben.

Verlassen wir uns zu sehr auf die Politik? Nach dem Motto "lass die da oben mal machen"?

Ich war vergangene Woche in Denver auf einer Klimakonferenz. Der frühere Gouverneur von Colorado sagte: 'Die Europäer denken, Amerika tut nichts für den Klimaschutz. Aber das stimmt nicht. Die Regierung tut nichts - aus geopolitischen Gründen. Aber auf der Ebene der Unternehmen, der Kommunen und der Bundesstaaten passiert einiges.' Eine "Green Economy" entwickelt sich - und sie hat noch viel Potenzial.

Verschwindet der Klimawandel von der politischen Agenda?

Es scheint fast so. Das ist wie mit dem Ozonloch. Das gibt es auch noch - aber keiner redet mehr darüber.

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