Wer hat Angst vor Wölfen?

Im Nationalpark Bayrischer Wald sind zwei Jungwölfe aus ihrem Gehege entkommen und stromern seither durchs Unterholz. Ein Grund zum Fürchten? GEO EXPLORER untersucht, warum der Mensch dem Wolf nicht traut
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Christliche Verdammung
Der unheimliche Allesfresser

Die Parkverwaltung will die beiden Ausreißer schnell wieder einfangen. Schließlich steht das verlängerte Wochenende vor der Tür. Und die erwarteten Himmelfahrts-Besucher sollen sich angstfrei bewegen können. Die an Menschen gewöhnten Ausreisser könnten die Hunde der Wanderer als Beutetiere ansehen. Einer der ursprünglich drei Ausbrecher sitzt schon wieder in Verwahrung. Die beiden anderen treiben sich in der Nähe ihres Geheges herum. Noch sind alle darum bemüht, den Ausflug der Wölfe unblutig zu beenden.

Wie der Mensch auf den Wolf kam

Als der Wolf in der Altsteinzeit domestiziert wurde, stand am Anfang wahrscheinlich eine symbiotische und natürliche Arbeitsteilung. Die Wölfe trieben die Huftiere in die Richtung, in der sie die Menschen erlegen konnten. Menschen und Wölfe hatten die gleiche Hauptbeute (große Huftiere) und die gleichen Feinde (Großkatzen und Bären). Nach der Jagd profitierten beide vom Fleisch der Beute. Archäologische Funde gestatten die Hypothese, dass die Wölfe wohl rasch lernten, dass die Abfallhaufen der prähistorischen Lager leckere Knochen und Fleischreste enthielten, wodurch sie in den engeren Kontakt mit Menschen kamen. Um ihre Fraß-Plätze zu verteidigen, dürften die hundeartigen Fleischfresser andere Großraubtiere wie Bären und Löwen von dem Aas (und damit den menschlichen Lagern) vertrieben haben; eine Verteidigungshaltung, die man auch heute noch bei Wölfen beobachten kann. Gut möglich, dass ein kluger Steinzeitmensch die Wölfe deshalb absichtsvoll angefüttert hat, um so Schutz vor den anderen Beutegreifern zu erlangen. Zwischen halb zahmen Wölfen und der gezielten Zucht von Hunden auf spezielle Eigenschaften folgten allerdings noch Jahrtausende.

Wölfische Helden im Altertum

Die Germanen verehrten den Wolf. In ihrer kriegsbestimmten Gesellschaft waren die Wölfe, die von den Kriegern beobachtet wurden, wie sie die Leichen der Gefallenen fraßen, Begleiter des höchsten Gottes, des Kriegsgottes Odin. Die Namen der beiden Odinswölfe lauten übersetzt: Gierig und Gefrässig. Auf kriegerischen Wurzeln verweisen noch heute Namen wie Wolfgang (der Gang in die Schlacht), Adolf (der Edelwolf) oder Rudolf (der Ruhmwolf). Germanische Krieger, ulfhepnar (Wolfshäuter) genannt, kleideten sich in Wolfsfelle, um sich die Kraft von Wölfen anzueignen. "Den Wolfspelz anlegen" war gleichbedeutend mit der Anwendung von Gewalt. Das Wort "Wolf" stammt vom altgotischen Verb vilvan, was rauben bedeutet. In der germanischen Kriegergesellschaft galt der Raub als Heldentat. In der bildenden Kunst des Frühmittelalters vertrieben christliche Heilige mit ihrer moralischen Kraft heidnische Dämonen in Wolfsgestalt. Als im 12. und 13. Jahrhundert n.Chr. die mitteleuropäischen Wälder weitgehend gerodet waren und die realen Wölfe vermehrt Haustiere, vor allem Schafe, rissen, wurde der Partner der germanischen Krieger zum Inbegriff des Feindes der mittelalterlichen Bauern.

Christliche Verdammung

Entscheidend sowohl für die Verehrung im germanischen Altertum als auch für die fast religiöse Angst vor dem Wolf im christlichen Mittelalter war und ist auch heute noch das "menschenähnliche" Verhalten der Wölfe, welches gerade der Grund dafür war, dass der domestizierte Wolf zum engsten Partner des Menschen wurde. Die Kirche bezeichnete den Teufel als Erzwolf, die (sesshaften) Christen galten als Lämmer, die vor dem Wolf beschützt werden mussten. Für die adligen Jäger war der Wolf ein Konkurrent in der Hatz auf Hirsche, für die Bauern der Würger des Viehs. An die Stelle der Verehrung der Natur trat der Versuch, die Natur zu unterwerfen. Der Adel drückte seine Macht über die Bezwingung der wilden Tiere aus - insbesondere durch die Jagd auf Wölfe. Das Wort Wargus bezeichnete noch im 16. Jahrhundert sowohl den Verbecher als auch das Tier Wolf.

Sinnbild für Spukgeschichten

Die mittelalterliche Bevölkerung wußte wenig über die biologische Wirklichkeit des Wolfes. Er war das Fremde, das Außen, das unheimliche Element. Ohne Elektrizität waren die Nächte tiefdunkel, erfüllt vom Geheul der Wölfe, während die Bauern sich um kleine Feuer scharten und die Hunde ihren wilden Verwandten mit Bellen antworteten. In den zeitgenössischen Beschreibungen vermischen sich reale Beobachtungen mit düsteren Fantasien. Draußen in der Nacht des mittelalterlichen Europas lauerten die menschlichen und wölfischen Räuber, die Vampire und Werwölfe, Wesen halb Mensch, halb Wolf, die Kriegshaufen und Wolfsrudel. So sollte der Wolf heulen, um dem Herrgott seine Sünden zu beichten, ein großer Wolf sollte im monatlichen Wechsel den Mond verschlingen, sein Magen sollte mit den Mondphasen größer oder kleiner werden, der Wintersturm galt als Wolfs Heulen, Wölfe wurden mit schwarzem Fell gemalt (obwohl europäische Wölfe graubraunes Fell tragen), sollten Schafe und Kinder mit dem Maul schleppen (wozu selbst die kräftigsten Wölfe physisch nicht fähig sind) und bei Angriffen auf Menschen heulen (dabei jagen Wölfe immer lautlos).

Guter Hund, böser Wolf

Als die Wölfe in Frankreich im 18. Jh. n.Chr. noch zahlreich waren, lautete der Name im Volksmund für die Abenddämmerung "die Zeit zwischen Hund und Wolf": Licht und Dunkelheit, Gut und Böse, zwischen dem Hund als Beschützer und dem Wolf als Feind der Menschheit. Der Wolf wurde im europäischen Zivilisationsprozess Sinnbild der bedrohlichen und wilden Natur, der Hund hingegen Symbol der gezähmten und beherrschten Natur. Die Furcht der Bauern war so groß, dass der Wolf wie der Teufel umschrieben wurde, da die Leute Angst hatten, ihn mit dem Nennen seines Namens zu rufen. Sie sprachen von Unzifer (Ungeziefer), Teufelsrachen oder Gierschlund. Vor Charles Darwins Buch "Entstehung der Arten" (1859) gab es in Deutschland kein Bewusstsein darüber, dass biologische Realität und künstlerische Fantasie hinsichtlich der Beschreibung von Tieren nicht identisch waren.

Der unheimliche Allesfresser

Über Jahrtausende hinweg war der Wolf der wehrlose Sündenbock des kleinen Mannes, der für jegliches reale oder imaginierte Verbrechen verantwortlich gemacht wurde. Hungersnöte, Krisen, Verwirrung in Kriegszeiten und die Pest waren Anlässe, massenhaft in Wölfen einen greifbaren Feind zu jagen, der sich aus Futtersuche diesen makabren Situationen zugeneigt fühlte. Der Wolf wurde in einer Mischung aus richtigen Beobachtungen und falschen Interpretationen über Jahrhunderte hinweg für die Schrecken verantwortlich gemacht, von denen er lediglich profitierte: In Pest-Zeiten kamen die Wölfe in die Städte, da sie vom Geruch der Kadaver angezogen wurden. Im Chaos des Dreißigjährigen Krieges drangen Wolfsrudel aus dem gleichen Grund tief in die verwüsteten Landstriche ein. Der Instinkt des tierischen Jägers war banal: Ihn zog die Nahrung an. Ob dies nun in einer "edlen" Jagd auf den Rothirsch oder in einem "schändlichen" Verzehr von an Krankheit gestorbenen Rindern geschah, war ihm herzlich gleichgültig.

Totaler Krieg und Ausrottung

Im Deutschland des 19. Jahrhundert wurde der totale Krieg gegen den Wolf weitergeführt. Je mehr sich die industrialisierte Agrarbewirtschaftung ausbreitete, desto vehementer wurde der Wolf bekämpft, als ob es nicht um ein Tier, sondern um die Vertilgung des leibhaftigen Bösen ginge. Ob mit Wolfshunden, Gas oder Giftködern, in Baumgabeln aufgehängten Wolfsangeln, mit Kugel, Strick, Treibjagden, Mistforken und Fallgruben - die Wolfspopulationen wurden so rücksichtslos bekämpft, dass die Spezies Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland nahezu ausgerottet war.

Der Hass war irrational. Zwar vergreifen sich Wölfe gelegentlich auch an Hausvieh, in der Regel jedoch nur, wenn keine anderen Beutetiere zur Verfügung stehen, und es ihnen leicht gemacht wird. Wie alle beutegreifenden Säugetiere sind Wölfe nicht "böse", sondern erfüllen eine wichtige Funktion innerhalb ökologischer Systeme. Sie jagen vor allem kranke und schwache Tiere und fördern so die Fitness des evolutionären Geschehens. Sie jagen wie alle Raubsäuger mit dem geringsten Energieaufwand, sind also in der Nähe menschlicher Ansiedlungen eher scheu und ängstlich. Selbst in Hungerperioden greifen Wölfe, abgesehen von tollwütigen Tieren, keine Menschen an.

Umdenken verspricht eine neue Chance

Paradoxerweise sind gerade die wilden Wölfe für Menschen ungefährlicher als die zahmen. Wölfe, die aus Gehegen ausbrechen, können für die Bevölkerung eher gefährlich werden als freilebende Tiere, da die Gefangenschaftstiere ihre natürliche Scheu vor Menschen verloren haben und eher Haustiere als Wildtiere fressen. Glücklicherweise ist inzwischen Hass und Furcht vor Wölfen der Bewunderung und Faszination gewichen. Trotz der jüngsten Geschehnisse in Bayern und Sachsen gibt es niemand, der sogleich die Erschießung der außer Kontrolle geratenen Wölfe verlangt.

24 Schafe fielen auf einer Weide in der Oberlausitz Wölfen zum Opfer. Neun weitere Tiere aus der Herde werden vermisst. Das sächsische Umweltministerium bestätigte, dass die Schafe nicht wie zuerst vermutet von streunenden Hunden, sondern tatsächlich von Wölfen getötet worden sind. Es handelt sich wahrscheinlich um drei vom Rudel abgedrängte zweijährige Tiere, die sich nun selbständig machen. Im Rahmen einer neuen Rudelbildung erweitern sie ihr Territorium weit über den riesigen Truppenübungsplatz hinaus, der bisher ihr Revier markierte.

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Wölfe im Bayerwald Tierpark in Lohberg: Zwei Jungtieren, die aus dem Nationalpark Bayrischer Wald entlaufen sind, haben sich Häscher auf die Spur geheftet

"Soko Wolf"

Das sächsische Umweltministerium hat eine Sonderkommission "Wolf" einberufen, die sich aus Wolfsexperten und Vertretern der örtlichen Umwelt-, Forst- und Naturschutzbehörden zusammensetzt. Die "Soko Wolf" trifft sich am 8. Mai 2002 erstmalig, um über Kompensations- und Präventivmaßnahmen zu sprechen. Weitere Angriffe sind bisher durch Nachtwachen der Schäfer verhindert worden. Zusätzlich sollen mobile Metallzäune und im Wind wehende Stofflappen die Tiere von einem weiteren Besuch abhalten. Desweiteren wird eine negative Konditionierung der Wölfe durch "Vergrämen", also Erschrecken durch laute Geräusche, angestrebt.

Wohlwollende Haltung

In einer Umfrage unter deutschen Forst-, Jagd- und Naturschutzverbänden ermittelte die Biologin Gesa Kluth eine überwiegend wohlwollende Haltung dem Wolf gegenüber: "Das liegt vor allem daran, dass die Wölfe auf natürlichem Wege zurückgekehrt sind." Einzelgänger seien im Grenzland schon seit ein paar Jahren unterwegs gewesen. Die Menschen hätten dadurch Zeit gehabt, sich an den neuen Nachbarn zu gewöhnen, sagt die 31-jährige Koordinatorin der deutsch-polnischen Zusammenarbeit in Sachen Wolf. Nach Angaben von Michael Gruschwitz vom Sächsischen Umweltministerium ist die Jägerschaft sogar "stolz auf ihre Wölfe", und auch der Großteil der Bevölkerung empfindet die Ansiedlung der Tiere als etwas Besonderes.

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