Papierkonsum Es gibt etwas Besseres als Recycling

Deutschland verbraucht so viel Papier wie kaum ein anderes Land. Führt gutes Papierrecycling zu sorgloser Verschwendung und welche Alternativen gibt es?
Papierrecycling

Etwa 250 Kilo Papier entfallen auf jeden Deutschen jährlich

Deutschland ist Weltmeister im Papierrecycling

Kein anderes Land auf der Welt sammelt und verwertet so viel Papier wie Deutschland: Drei Viertel unseres Altpapiers sammeln wir ein und verwenden es neu. Altpapier ist der wichtigste Rohstoff in der heimischen Papierproduktion. Das schont die Umwelt: Es braucht 60 Prozent weniger Energie und bis zu 70 Prozent weniger Wasser als Frischfaserpapier. Und kein Baum wird dafür gefällt.

Können wir also sorglos weiter Papier verbrauchen, es wird ja sowieso recycelt? Und mit gutem Gefühl einen 500-Seiten-Stoß Recycling-Papier kaufen, schließlich spart das laut Umweltbundesamt 5,5 Kilo Holz?

Leider nein. Denn erstens übertrifft kaum eine Nation Deutschland beim Papierverbrauch. Etwa 250 Kilo Papier entfallen auf jeden Deutschen jährlich. Dort ist zwar alles eingerechnet, also auch die Verpackungen der deutschen Exportwirtschaft.

Trotzdem: Deutschland verbraucht insgesamt so viel Papier wie Afrika und Südamerika zusammen. Nachhaltig wären laut Forum Ökologie und Papier (FÖP) etwa die Hälfte. Und zweitens kostet das Papierrecycling selber auch Energie und weitere Ressourcen. Zwar deutlich weniger als Frischfaserpapier, aber genug, um sich zu fragen: Müssen wir wirklich so viel Papier verbrauchen?

Zum Beispiel Hygienepapier: Auf durchschnittlich 18 Kilo Toiletten- und Haushaltspapier ist der Verbrauch jedes Deutschen inzwischen angestiegen. Damit liegen wir fünf Kilo über dem EU-Durchschnitt - und vier Mal höher als der weltweite Mittelwert. Noch dazu greifen die Deutschen immer seltener zu Recycling-Hygienepapieren, die Verwertungsquote sinkt: Von 75 Prozent auf 50 Prozent ist laut WWF ihr Absatz in den letzten Jahren gesunken.

Der globale Papierbedarf wächst

Derweil zerstört die Papierindustrie unsere Wälder, in rasantem Tempo. Weltweit wird fast jeder zweite industriell gefällte Baum zu Zeitschriften, Verpackungen, Drucker- oder Küchenpapier verarbeitet. Für das Holz werden oft illegal Urwälder in Russland, Kanada oder den Tropen gerodet. Und der globale Papierbedarf wächst: Lag er noch 1970 bei etwa 130 Millionen Tonnen, liegt er mittlerweile laut WWF bei etwa 450 Millionen Tonnen.

Die Herstellung von Frischfaserpapier in Papierfabriken verschlingt auch Unmengen Chemie und Energie: Eine Tonne verbraucht genauso viel Energie wie eine Tonne Stahl. Nach der Metall- und Chemieindustrie ist die Papierindustrie in Deutschland der drittgrößte Energieverbraucher.

Frisches Papier hat also einen beträchtlichen ökologischen Rucksack. Der ist bei recycelten Altpapier deutlich kleiner: Vor allem braucht es kein frisches Holz. Und weniger Energie: Zwei Kilowattstunden für ein Kilo Recyclingpapier - statt fünf für die gleiche Menge Frischfaserpapier.

"Mit den eingesparten drei Kilowattstunden könnte man rein rechnerisch das Wasser für rund 210 Tassen Kaffee erhitzen", bestätigt Almut Reichart, Papier- und Zellstoffexpertin vom Umweltbundesamt (UBA). Auch beim Wasser - 15 Liter statt 50 für ein Kilo Papier - und bei der Chemie schneidet Papier, das durch Papierrecycling gewonnen wurde, deutlich besser ab.

Altpapier

Von Hochglanz-Zeitschrift bis Wellpappe gibt es mehr als 3000 Papiersorten, die zu 65 Altpapierarten sortiert werden

Wie wird Papier recycelt?

Papier aus Altpapier zu gewinnen ist einfacher als aus Holz, aus dem der Zellstoff erst mit Chemikalien herausgelöst werden muss. Nach der Entsorgung wird das Altpapier gesammelt, erfasst und aufwendig sortiert. Denn das Spektrum an Papiersorten ist groß: Von Hochglanz-Zeitschrift bis Wellpappe gibt es mehr als 3000 Papiersorten, die zu 65 Altpapierarten sortiert werden, schreibt der Verband deutscher Papierfabriken.

Dann werden Fremdstoffe wie Büroklammern, Produktproben oder CDs entfernt. Anschließend zerfasern Maschinen das Altpapier, lösen es mit Wasser auf und sieben weitere Fremdstoffe heraus. Um helle Papiere zu erhalten, entfernt das sogenannte Deinking (Entfärben) Druckfarben unter anderem mit Natronlauge, Wasserstoffperoxid und Fettsäuren.

Anschließend bleichen Sauerstoff und Wasserstoffperoxid den Faserbrei. Doch auch wenn sich das nach viel Chemie anhört: "Das Deinking benötigt wesentlich weniger und harmlosere Chemikalien als die Zellstoffgewinnung," schreibt das Forum für Ökologie & Papier in seiner Broschüre "Papier: Wald und Klima schützen".

Aus dem aufbereiteten Altpapier wird dann in einer Papiermaschine neues Recyclingpapier hergestellt. Bis zu sechs Mal können die Fasern für das Papierrecycling wiederverwendet werden. Das Altpapier wird dann in die Läden und von dort in Haushalte und Büros gekarrt, wo es wiederverwendet wird, CO2-Ausstoß inklusive.

Papier-Recycling der Zukunft?

Effizienter arbeitet eine neue, büroeigene Papierrecycling-Maschine von Epson: Das "PaperLab" macht aus bedrucktem Büropapier neues Büropapier - vor Ort, mit wenig Energie und kaum Wasser, in Druckergeschwindigkeit.

"Wenn die Maschine läuft, erinnert es ans Drucken, nur rückwärts", sagt Epson-Sprecher Jörn von Ahlen. Das geht so: Das PaperLab zieht einen Stoß A4-Altpapier Seite für Seite ein, zerfasert sie mechanisch zu kleinsten Einheiten, entfärbt sie, setzt Bindemittel hinzu und stellt mit hohem Druck neue Papierblätter her. Stromverbrauch: 6,5 Kilowatt.

Bis zu 700 Blatt Papier produziert das PaperLab pro Stunde, in allen möglichen Formaten, Stärken und Farben. Dieses Jahr ist die Maschine in Japan auf den Markt gekommen, im Herbst 2018 soll sie auch in Europa verkauft werden.

Ist das die Revolution der Papier-Verwertung? Auch wenn Epson die in den Bindemitteln eingesetzten Chemikalien nicht verrät und genaue Ökobilanzen fehlen: Sparsamer als das herkömmliche Papierrecycling scheint die Maschine allemal. Der Haken sitzt wohl eher beim Preis: Rund 200.000 Euro wird das PaperLab wohl kosten.

Damit wäre es eher ein Produkt für Behörden oder Großbanken, die viel Papier verwerten und zudem von der absolut sicheren Datenvernichtung profitieren. "Wie genau der Vertrieb aussieht, steht noch nicht fest. Ein Leasing-Modell - bekannt von den großen Druckern – ist zum Beispiel eine Möglichkeit", sagt von Ahlen.

Tipps für den eigenen Papierverbrauch

Die Lösung für den privaten Papierverbraucher oder das kleine Büro ist das PaperLab also nicht. Was also hilft dann bei der Altpapierentsorgung weiter? Recycling-Papier kaufen, möglichst zertifiziert vom Blauen Engel, rät das UBA. Das Label garantiert 100 Prozent Altpapier und verbietet Chlor und andere schädliche Bleichmittel. Und vor allem: Weniger Papier verbrauchen. Nur das spare wirklich Ressourcen.

Die Devise "Think before you print" gilt noch immer - und wenn, dann beidseitig. Denn auf jeden Büromitarbeiter entfallen durchschnittlich 40 bis 50 Blatt Papier pro Tag. Haushaltspapier lässt sich durch Stofflappen und -servietten ersetzen. Und auch wenn das für Toilettenpapier nicht gilt: Müssen es wirklich 30 Rollen pro Jahr sein? So viel verbrauchen wir Deutschen - jeder, pro Jahr.

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