Kreationismus: "Kein Grund zur Sorge!"

In einem GEO.de-Interview kritisierte der Biologe Ulrich Kutschera von der Universität Kassel den Vormarsch des Kreationismus in Deutschland. "Kein Grund zur Sorge", entgegnet heute der Molekularbiologe Siegfried Scherer von der Technischen Universität München, der als einflussreicher Wortführer der Kreationisten gilt. Mit der Publizierung von Scherers Beitrag setzt GEO.de die Kontroverse fort
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Jedes Ding hat zwei Seiten
Sollten wir, vielleicht, mal darüber reden?

Jedes Ding hat zwei Seiten

"Den Wissenschaftsstandort in Deutschland kenne ich ganz gut, gerade die Biologie. Aus erster Hand, sozusagen als Fachmann. Und ich finde: Kein Grund zur Sorge. Auch Kreationismus, "Intelligent Design" (ID), und die Evangelikalen kenne ich und weiß um ideologische Strömungen im amerikanischen Kreationismus, die kaum von Fachkenntnis getrübt sind. Ultrakrass. Aber dem begegnet man am besten sachlich und unaufgeregt. Robert Spaemann hat recht: Das wird sich bei uns nie durchsetzen, das bleibt Randerscheinung, und die Leute sollen ihre Meinung doch auch frei äußern dürfen.

Und wie sieht es im Unterricht an deutschen Schulen aus: Kreationistisches Weltbild und sechs Tage Schöpfung in Biologie? - Nein, weder Kultusministerin Wolff, noch Ministerpräsident Althaus, noch "Wort und Wissen" haben so etwas im Sinn. Vermutlich nicht mal George Bush. Ich übrigens auch nicht (www.siegfriedscherer.de/schule.html).

Jedes Ding hat zwei Seiten Auch mit der Evolutionsbiologie bin ich leidlich vertraut, auf dem Gebiet forsche ich gelegentlich sogar (zum Beispiel Loewe et al 2003, Science 302,1558-1560). Aufbauend auf Charles Darwin (der Mann war wirklich gut!) haben Evolutionsbiologen gezeigt, dass beobachtbare Evolution im Sinne von Variation, Anpassung und Artbildung ein fundamentales Kennzeichen des Lebens ist. Ja, insofern ist Evolution eine Tatsache. Auch aus der Erdgeschichte (die Daten sprechen nicht gerade dafür, dass die besonders kurz war) und vergleichender Biologie gibt es Befunde, die sich im Rahmen von Makroevolution ganz gut deuten lassen. - Nein, kein Trick, der Meinung bin ich tatsächlich!

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Prof. Dr. Siegfried Scherer ist Mit-Autor des umstrittenen Buches "Evolution: Ein kritisches Lehrbuch" (Weyel-Verlag, Gießen 2006)

Allerdings - und da läge Herr Kollege Kutschera schon richtig, wenn er es gesagt hätte - meine ich, dass zum Beispiel das Problem der Entstehung biologischer Information nicht gelöst ist: Entstehung der ersten Zelle, der molekularen Maschinen des Lebens oder von neuen Bauplänen. Keine peanuts; das stellt die bisher vorgeschlagenen Makroevolutionstheorien ziemlich in Frage. Man schaue mal in "Junker & Scherer, 2006, Evolution - ein kritisches Lehrbuch" rein. Ehrlich, das Buch ist viel besser, als www.evolutionsbiologen.de meinen. Und es ist recht erhellend, dieses Buch neben Kutscheras "Evolutionsbiologie" (2006) vergleichend zu lesen.

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"Und Gott schuf große Walfische und alles Getier, das da lebt und webt, davon das Wasser wimmelt, ein jedes nach seiner Art, und alle gefiederten Vögel, einen jeden nach seiner Art." So stellte sich der flämische Maler Jacob Bouttats um 1700 den fünften Tag der Schöpfung vor

Äpfel und Birnen

Natürlich ist wissenschaftlich gut fundierte Kritik an Evolution kein Beweis für Schöpfung, noch nicht einmal Widerlegung der Evolutionsidee, sondern höchstens Falsifikation bestimmter Teilhypothesen. Kreationismus (Sie haben schon gemerkt, dass ich dem kritisch gegenüber stehe) beruht auf Glauben, und das ist halt keine Naturwissenschaft, wirklich nicht. Auch ID geht über Naturwissenschaft hinaus. Klar, auch ich deute naturwissenschaftliche Daten im Rahmen meines Schöpfungsglaubens, das ist eine weltanschauliche Grenzüberschreitung, nicht Naturwissenschaft. Selbst wenn ich Recht hätte. An Schöpfung muss man eben glauben. Aber an eine erwürfelte evolutionäre Entstehung der ersten Zelle auch, sogar richtig fest.

Sollten wir, vielleicht, mal darüber reden?

Trotz Kritik: Die Evolutionstheorie ist dermaßen gut etabliert, dass vereinzelte Kritiker eigentlich das Salz in der Suppe sind. Das kratzt doch keinen ernsthaft, oder? Und wenn alle immer nur das Gleiche sagen, wo kämen wir da hin? Ich meine, ein bisschen sachliche, wissenschaftliche Stichelei, das muss schon sein. Keine Sorge, gute Theorien halten das locker aus. Manche mögen trotzdem nicht so gerne mit mir diskutieren. Aber wenn Herr Kutschera mich mal nach Kassel einladen würde, an die biologische Fakultät, zum Disput über molekulare Makroevolution? Das wäre doch super spannend, oder? Das Auditorium wäre bestimmt nicht von christlichen Kampftrupps unterwandert.

Und ich würde nur naturwissenschaftlich argumentieren - versprochen! Nix Bibel und so. Ich kann das. Als Inhaber des Lehrstuhls für Mikrobielle Ökologie am Department für Grundlagen der Biowissenschaften der TU München nutze ich nämlich die bestens bewährte naturalistische Arbeitsweise der Naturwissenschaft und dazu ein erkleckliches Arsenal modernster molekularbiologischer Analytik. Und irgendwie bin ich damit in die Autorenzeile von etwa 130 biologisch-experimentellen Originalarbeiten in ziemlich guten Journalen geraten.

Die Auseinandersetzung um Schöpfungsglaube, ID, Kreationismus, wissenschaftliche Evolutionstheorie und naturalistische Weltbilder wird in den USA mit harten Bandagen geführt. Vielleicht können wir hierzulande ein wenig entspannter mit der Sache umgehen? Ich hoffe, dass sich fundamentalistischer Evolutionismus bei uns genauso wenig etabliert wie ideologischer Kreationismus."

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