30. Juni 1908: Tunguska in Flammen

Vor 100 Jahren erschüttert eine gewaltige Explosion Mittelsibirien. Der Himmel steht in Flammen, eine Druckwelle knickt hundertjährige Bäume um wie Streichhölzer, ein ganzer Landstrich wird verwüstet. Die Ursache ist bis heute rätselhaft
In diesem Artikel
Plötzlich zerreißt Donner die Luft
Eine alte Zeitung weckt die Neugier
Zeugen hören bis zu 14 Explosionen
Die Fachwelt bleibt skeptisch
Liegt der Beweis etwa im Staub?
Streute Schnee das Licht weltweit?

Plötzlich zerreißt Donner die Luft

30. Juni 1908, sieben Uhr früh. Ein Sommermorgen. Der Fluss Podkamennaja Tunguska - die „Steinige Tunguska“ - schlängelt sich durch die hügelige, von Sümpfen durchsetzte Taiga dem Jenissej entgegen, der gut tausend Kilometer weiter ins Nordmeer mündet. Ein klarer Himmel wölbt sich über den Lärchen- und Birkenwäldern. Es riecht nach Harz und feuchtem Moos. Rentiere grasen in der Morgensonne, Mücken summen.

Plötzlich zerreißt ein gewaltiger Donner die Luft

Kurz darauf steht der Himmel in Flammen. Für Minuten scheint die Natur in der gottverlassenen Tunguska-Region aus den Fugen zu geraten. Doch kaum ein Mensch erlebt, was gerade geschieht, aus der Nähe. Nur ein paar Dutzend Halbnomaden vom Volk der Tungusen haben in dieser Gegend ihre Zelte aufgeschlagen. Sie leben von der Rentierzucht und der Jagd auf Bären, Füchse und Zobel. Die nächste Siedlung, die Handelsstation Wanawara, ist 70 Kilometer entfernt. Dort bersten durch die Explosion Fensterscheiben, Häuser stürzen ein. Härter trifft es die Hirten: Sie werden samt Tieren und Zelten durch die Luft geschleudert, mehreren platzen die Trommelfelle. Ein Hitzeschwall rollt über die Taiga, Feuer brechen aus, Hunderte Rentiere verbrennen.

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Auf einer Fläche fast so groß wie das Saarland streckte die mächtige Druckwelle mehr als 80 Millionen Bäume hin. Die geheimnisvolle Explosion, so errechneten Wissenschaftler, hatte die Energie von 1000 Atombomben des Hiroshima-Typs

„Ich saß auf dem Hocker vor meiner Haustür, als ein gewaltiger Blitz aufleuchtete“, wird der Augenzeuge Ilja Potapowitsch später erzählen. „Es entstand so große Hitze, dass mein Hemd fast versengt wurde. Ich sah eine riesige Feuerkugel, die einen großen Teil des Himmels bedeckte. Danach wurde es dunkel, und gleichzeitig spürte ich eine Explosion, die mich von meinem Hocker schleuderte. Ich verlor das Bewusstsein.“ Die Explosionen dauern wohl mehrere Minuten; noch im 1200 Kilometer entfernten Dorf Achajewskoje hören die Menschen den Donner. Seismologische Stationen in Irkutsk, Tiflis, Jena und sogar in Washington, D. C., und auf Java zeichnen Erschütterungen auf. Später geht über Mittelsibirien schwarzer Regen nieder, und in Europa taucht die untergehende Sonne den Himmel in ein befremdlich tiefes Rosa.

In London verständigen Bürger die Polizei; sie glauben, ein Großbrand sei ausgebrochen. Über dem europäischen Kontinent und Teilen Asiens bleibt es in den folgenden drei Nächten so hell, dass etwa im schottischen St. Andrews einige stoische Golfspieler um drei Uhr früh ohne zusätzliche Beleuchtung ihre Runden absolvieren. Kein Wissenschaftler kann die Phänomene erklären. Und da ausschließlich sibirische Zeitungen über die Explosion in der Tunguska-Region berichten, erfährt weder in Westeuropa noch in St. Petersburg, der Hauptstadt des Zarenreichs, jemand etwas über den möglichen Zusammenhang der Erderschütterungen und hellen Nächte mit dem Feuerball über der Taiga.

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Die Katastrophe, die 1908 das Tunguska-Gebiet verwüstete, wurde möglicherweise durch eine Methan-Explosion ausgelöst

Erste Forschungen nach 19 Jahren

Erst 19 Jahre später, im April 1927, dringt der erste Geowissenschaftler in das Gebiet der Katastrophe vor: Leonid Alexejewitsch Kulik. Ein leidenschaftlicher, charismatischer Mann. Er schreibt Gedichte - und ist wegen revolutionärer Umtriebe schon zweimal von der Polizei des Zaren ins Gefängnis gesteckt worden. Durch Zufall hat Kulik im Jahr 1921 eine alte Zeitung aus Sibirien in die Hände bekommen. Im Juni 1908, so liest er, sei in der Nähe des ostsibirischen Städtchens Kansk unter gewaltigem Donner ein Brocken vom Himmel gefallen. Die Transsibirische Eisenbahn sei wie ein Säufer im Vollrausch auf den Gleisen hin und her geschwankt. Nach der Notbremsung hätten Passagiere ein rot glühendes Objekt erblickt, das aus dem Boden der Taiga ragte.

Eine alte Zeitung weckt die Neugier

Für den Mineralogen gibt es keinen Zweifel: Es muss ein Meteorit gewesen sein! Ein Brocken aus dem All, das Bruchstück eines Asteroiden. Asteroiden sind kleine Himmelskörper aus metallhaltigem Gestein. Ihr Durchmesser kann wenige Meter betragen, aber auch mehrere Hundert Kilometer. Die meisten Asteroiden umkreisen die Sonne in einem großen Treck zwischen den Bahnen von Mars und Jupiter. Prallen sie zusammen, können sie aus der Bahn geschleudert werden - und als Meteoriten in die Erdatmosphäre eindringen.

Eine alte Zeitung weckt die Neugier

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Leonid Kulik vom Mineralogischen Museum in St. Petersburg unternahm 1927 die erste wissenschaftliche Expedition in die Tunguska-Region

Den Zeitungsbericht im Gepäck, reist Kulik mit der Transsibirischen Eisenbahn durch den Ural und über Krasnojarsk 4800 Kilometer weit bis nach Kansk in Ostsibirien. Dort befragt er Dutzende Zeugen, verteilt 2500 Fragebögen - ohne nennenswerten Erfolg: Der Stationsvorsteher des Städtchens hat am 30. Juni 1908 zwar ein „lautes, grollendes Geräusch“ gehört und eine „starke Lufterschütterung“ gespürt. Aber Meteoritentrümmer in der Landschaft hat niemand entdeckt. Immerhin stößt der Forscher bei Archivrecherchen in sibirischen Zeitungen auf zahlreiche weitere Berichte über die Naturkatastrophe: Bis zu 14 „Kanonendonner“ haben Zeitzeugen gehört. Sie erzählen von „Feuersäulen“ und „Stichflammen“. Die meisten aber haben einen „riesigen Feuerball“ beobachtet, der horizontal über den Himmel geschossen sei.

Bei der Analyse der Zeugenaussagen wird Kulik klar, dass der Meteorit weiter nördlich eingeschlagen sein muss, irgendwo am Fluss Steinige Tunguska. Voller Optimismus kehrt er in die Hauptstadt zurück, um Geld für eine Expedition zu sammeln.

An der sowjetischen Akademie der Wissenschaften reagieren die Kollegen skeptisch. Spektakuläre, aber unhaltbare Meldungen aus Sibirien hat es schon oft gegeben. Zudem gilt Sibirien als Heimat der „Arktischen Hysterie“: einer Krankheit, bei der die Betroffenen alles, was sie aufschnappen, zwanghaft nachsprechen. Erst als mehrere Koryphäen der sowjetischen Wissenschaftswelt für Kulik Partei ergreifen, bewilligt die Akademie sein Forschungsprojekt in der Tunguska-Region. Im Winter ist es hier so kalt, dass Vögel im Flug erfrieren. Frost erscheint Kulik jedoch weniger hinderlich als der Morast und die Myriaden Mücken des Sommers. Im Pferdeschlitten kämpft er sich mit einem Assistenten durch Schneestürme in Richtung Norden. Ende März 1927 erreichen sie die Handelsstation Wanawara; eine Handvoll Häuser, verschneite Trampelpfade, ein paar Lagerschuppen.

Die Einheimischen wollen über die Katastrophe nicht sprechen

Rentierhirten vom Volk der Tungusen seien dem Zentrum der Explosion am nächsten gewesen, erfährt der Wissenschaftler. Doch die Leute weigern sich, über den fürchterlichen Junimorgen zu sprechen. Die Tungusen glauben, die Naturkatastrophe sei eine Strafe ihres Feuergottes Ogdy gewesen. Und der werde erneut wüten, sollte sich jemand ins Katastrophengebiet wagen. Dennoch gelingt es Kulik, einen Rentierhirten als Führer zu gewinnen. Tagelang schlagen sich die Männer, Packpferde am Halfter führend, entlang der Steinigen Tunguska stromabwärts durch die Wildnis. Weit und breit kein Meteoritenkrater. Doch am 13. April bleibt Kulik verwundert an einem Abhang stehen: Hunderte mächtige Lärchen und Birken liegen zu seinen Füßen, wie Grashalme niedergemäht. Ihre Kronen zeigen nach Süden. Eine Druckwelle, durch den Meteoriteneinschlag ausgelöst, muss die Bäume gefällt haben, spekuliert der Forscher.

Zeugen hören bis zu 14 Explosionen

Weiter nördlich ist die Zerstörung noch verheerender: Jahrhundertealte Lärchen liegen entwurzelt und nach allen Richtungen umgestürzt - wie Mikadostäbe. Insgesamt, so wird sich später herausstellen, hat die Schockwelle mehr als 80 Millionen Bäume umgerissen, auf einer Fläche von 2150 Quadratkilometern, fast so groß wie das Saarland. Dem kalten Klima Mittelsibiriens und der im Vergleich zu den gemäßigten Breiten weit geringeren Zahl von Mikroorganismen ist es zu danken: Die entwurzelten Bäume sind kaum verwittert und sehen im Frühling 1927 fast noch aus wie unmittelbar nach der Explosion. Der Forscher erkennt Brandspuren an den Stämmen. Als der Meteorit in die Erdatmosphäre eindrang, hat die Reibung die dichteren Luftschichten aufgeheizt, vermutet er.

Drei Monate später und mittlerweile skorbutkrank, erreichen die Männer Anfang Juni ein besonders stark verwüstetes Gebiet. Hier muss der Meteorit eingeschlagen sein, durchfährt es sie. Doch seltsam: Zwischen entwurzelten Birken und Lärchen entdeckt Kulik eine Gruppe aufrecht stehender Bäume ohne Äste. Die kahlen Stämme sehen wie Telegrafenmasten aus.

Zeugen hören bis zu 14 Explosionen

Was Kulik noch mehr erstaunt: Nicht einmal hier, im vermutlichen Epizentrum, kann er einen Krater ausmachen. Lediglich einige Mulden im Erdboden fallen ihm auf, wenige Meter tief und von zehn bis 50 Meter Durchmesser. Ob hier Bruchstücke des Himmelskörpers eingesunken sind? Der Wissenschaftler glaubt, unmittelbar vor der Lösung des Rätsels zu stehen. Doch die Nahrungsvorräte gehen zur Neige. Er muss die Expedition abbrechen.

Leonid Kuliks Rückkehr nach Leningrad im Herbst 1927 wird - obwohl er kein Gramm kostbares Metall aus dem All mitbringt - zu einem Triumph. Sein Bericht über die riesigen zerstörten Wälder beeindruckt nicht nur die Experten von der sowjetischen Akademie der Wissenschaften, auch die „New York Times“ und die „Times“ in London schreiben nun über das „bombardierte“ Gebiet. Prompt erhält die Akademie aus vielen Ländern Aufzeichnungen von starken seismischen Druckwellen aus dem Jahr 1908, für die bisher niemand eine Erklärung hatte. Kulik versteht es, seinem Publikum die Dimension der sibirischen Katastrophe vor Augen zu führen. Leningrad liegt auf demselben Breitengrad wie Tunguska, betont Kulik bei seinen Vorträgen vor Wissenschaftlern und Laien. Wenn der Himmelskörper nur wenig später eingeschlagen wäre, sich die Erde also bereits weitergedreht hätte, wäre die Millionenstadt zerstört worden.

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Im kalten sibirischen Klima dauert es ungewöhnlich lange, bis Baumleichen verrotten. Auf dem Bild von 1990 indes, gut 80 Jahre nach dem mysteriösen Geschehen, ist von der Katastrophe nahezu nichts mehr zu sehen

Bizarre Ideen machen die Runde

Ein Szenario, das die Zuhörer ebenso elektrisiert wie den Mineralogen die Aussicht auf den Meteoritenfund: Bis zu 200 Millionen US-Dollar könnte dessen Metall wert sein. Kuliks zweite Tunguska-Expedition bleibt erfolglos, auf einer dritten Reise im Februar 1929 dringt er mit Handbohrern in Tiefen von bis zu 34 Metern vor - ohne auf Brocken aus dem All zu stoßen. Mit ergrautem Haar, deprimiert und ausgemergelt kehrt Kulik nach Moskau zurück.

Die Fachwelt bleibt skeptisch

Dort attackieren ihn Zweifler. 1934 behaupten sowjetische Astronomen erstmals öffentlich, dass im Juni 1908 nicht ein Meteorit in Sibirien eingeschlagen sei - sondern ein Komet. Kometen entstammen wie Asteroiden einer Zeit vor mehr als vier Milliarden Jahren, als unser Sonnensystem aus einer wirbelnden, heißen Gas- und Staubwolke geboren wurde. Sie bestehen vorwiegend aus Wassereis und gefrorenen Gasen wie Kohlendioxid und Ammoniak, weshalb sie auch „schmutzige Schneebälle“ genannt werden. Wenn ein Komet sich der Sonne nähert, verdampft sein Eis und bildet eine Gashülle, die durch den Sonnenwind zu einem Millionen Kilometer langen, hell am Himmel leuchtenden Schweif aufgebläht wird.

Dieser Effekt könnte die Beobachtungen vieler Augenzeugen der Tunguska- Explosion erklären, die von einem längere Zeit horizontal über den Himmel fliegenden „Feuerball“ berichten. Und da der Himmelskörper bereits in der Luft verglüht sei, ließen sich auch keine Bruchstücke finden. Woher aber dann die Brandspuren an den Bäumen? Leonid Kulik hält an seiner Meteoriten-These fest. In den späten 1930er Jahren fotografiert er das verwüstete Gebiet aus der Luft: Es hat die Form eines Schmetterlings, und das Epizentrum der Explosion muss in der Nähe von dessen Kopf gelegen haben. Mehr findet Kulik nicht heraus. Als er im April 1942 mit 58 Jahren in einem Kriegsgefangenenlager der Wehrmacht an Typhus stirbt, ist das Rätsel von Tunguska noch immer ungelöst.

Neue Theorien

Ein neues Kapitel beginnt nach dem Zweiten Weltkrieg, als Geologen, Astronomen, Erdbebenforscher und Physiker aus den USA und Westeuropa die geheimnisvolle Explosion zu ergründen beginnen. Ihre Befürchtung: Womöglich könne sich die Attacke aus dem All wiederholen und zum Beispiel London oder New York treffen. Zu Sowjetzeiten dürfen Forscher aus dem kapitalistischen Ausland das Tunguska- Gebiet nicht besuchen, in der Nähe liegen geheime Waffenfabriken. Ihnen bleibt nur, die Daten zu interpretieren, die andere gesammelt haben. Für die Mehrzahl der westlichen Geowissenschaftler ist ein Meteoriteneinschlag am plausibelsten. Die meisten ihrer sowjetischen Kollegen glauben hingegen an einen Kometen - auch wenn sie trotz zahlreicher Folge-Expeditionen keine Beweise finden.

Umso populärer werden alternative Thesen - und seien sie noch so bizarr. Etwa: Die Tunguska-Katastrophe sei eine Nuklearexplosion gewesen. Nach dem Atombombenabwurf über Hiroshima im August 1945 besichtigt der Wissenschaftler Aleksander Kasantsew aus Kasachstan die japanische Stadt; ein geachteter Mann, der während des Zweiten Weltkriegs leitender Ingenieur in der Waffenindustrie war, mit dem Militärorden Roter Stern ausgezeichnet wurde und erfolgreich Science-Fiction-Romane schreibt. In Hiroshima fallen ihm Ähnlichkeiten zu den verwüsteten Gebieten an der Steinigen Tunguska auf: Auch in Japan finden sich wenige Hundert Meter vom Epizentrum der Explosion aufrecht stehende Bäume ohne jeden Ast. Die Gebäude in der Umgebung hingegen wurden durch eine Druckwelle umgerissen - so wie der Wald in Tunguska.

War es ein Nukleartest?

An einen Atombombentest der Russen bereits im Jahr 1908 will selbst der Science-Fiction-Autor nicht glauben - aber an Gäste aus dem All. Ein UFO mit Nuklearantrieb sei über Mittelsibirien explodiert und abgestürzt. Die Außerirdischen hätten Wasser gesucht und daher den Baikal, den größten Süßwassersee der Erde, 800 Kilometer von der Explosionsstelle, angesteuert. So lachhaft diese Theorie klingen mag: Ende der 1950er Jahre weisen Wissenschaftler aus Tomsk in Bodenproben aus dem Tunguska-Gebiet erhöhte Radioaktivität nach. Ebenso auffallend: In den Jahresringen der Tunguska-Bäume von 1908 und 1909 ist radioaktives Cäsium-137 hoch konzentriert. Zahlreiche sowjetische Wissenschaftler greifen Kasantsews These vom abgestürzten UFO mit Nuklearantrieb auf. Sie sei „zum heutigen Zeitpunkt die einzig realistische Darstellung“, schreibt etwa Felix Zigel, Professor am renommierten Moskauer Institut für Luftfahrt, im Juni 1959.

Liegt der Beweis etwa im Staub?

Mediziner untersuchen die Bevölkerung im Tunguska-Gebiet, finden aber keine Hinweise auf Strahlenerkrankungen. Noch Jahrzehnte später werden Anhänger von Aleksander Kasantsews Theorie nach Trümmern eines nukleargetriebenen Raumschiffs suchen - stets vergeblich.

Liegt der Beweis etwa im Staub?

1973 wagen erstmals US-amerikanische Physiker einen Erklärungsversuch. Im Wissenschaftsmagazin „Nature“ schreiben sie, ein sogenanntes Schwarzes Loch habe die Explosion ausgelöst, ein verglühter Stern aus dem Weltall. Ihre Theorie: Am 30. Juni 1908 sei über Mittelsibirien ein Schwarzes Loch durch die Atmosphäre geschossen und habe sich im Tunguska-Gebiet in die Erde gebohrt. Auf seinem Weg habe es die Luft auf mehr als 10 000 Grad Celsius erhitzt, eine Explosion ausgelöst und den Planeten wie ein Projektil durchstoßen. 15 Minuten später sei es durch den Nordatlantik wieder ausgetreten. Aufgrund der speziellen physikalischen Eigenschaften von Schwarzen Löchern sei beim Einschlag in den Taigaboden kein Krater entstanden. Kulik und sein Team hätten also ewig danach suchen können. Was die Vertreter dieser These nichtbedacht haben: Das Herausschießen eines Schwarzen Lochs aus dem Ozean hätte einen gewaltigen Tsunami auslösen müssen. In keinem Archiv der Welt aber finden sich Berichte über eine solche Flutwelle im Juni 1908.

Spuren von Gold, Titan und Kupfer

Die Perestroika öffnet Ende der 1980er Jahre die Tunguska-Region schließlich auch für Feldforscher aus dem Westen. Die meisten Wissenschaftler gehen - mangels glaubwürdiger Alternativen - zunächst vom Einschlag eines Himmelskörpers aus. Bescheidener als einst Leonid Kulik, fahnden sie nach mikroskopisch feinen Stäubchen aus dem All. Der Physiker Giuseppe Longo von der Universität Bologna etwa weist im Jahr 1991 im Baumharz von Lärchen und Birken hohe Dosen von Elementen wie Gold, Titan und Kupfer nach, die auf einen Meteoriteneinschlag hindeuten. Doch ein Beweis ist auch das nicht. Die Tunguska-Region liegt in einem uralten Vulkangebiet, die Metalle könnten auch aus dem Erdinneren stammen.

Diese Tatsache bringt Wolfgang Kundt, Astrophysik-Professor an der Universität Bonn, Ende der 1990er Jahre auf einen interessanten Gedanken. „Dass fast alle Experten noch immer an der Einschlags-Theorie festhalten, wirkt langsam lächerlich“, sagt er. Ausgerechnet Kundt, ein renommierter Erforscher des Sternenhimmels, vermutet, dass der Auslöser der Explosion gar nicht aus dem All angeflogen kam. Er glaubt an einen vulkanartigen Erdgasausbruch. Kundt ist ein kleiner, quirliger Mann mit lebhafter Gestik. Wenn er geophysikalische Vorgänge erklärt, wird er selbst zum Vulkan. Studien eines Moskauer Kollegen aus den 1990er Jahren haben Kundt aufgerüttelt, eigene Beobachtungen auf einer Expedition ins Katastrophengebiet im Jahr 2001 ihn endgültig überzeugt.

Vulkanausbrüche können sehr unterschiedlich verlaufen, erklärt Kundt: Extrem zähflüssiges Magma führt zu explosiven Eruptionen; bei dünnflüssigem Magma hingegen trennt sich häufig das Erdgas ab, bevor das Magma die Erdoberfläche erreicht – und bildet eine Wolke. Letzteres sei mit hoher Wahrscheinlichkeit im Juni 1908 in Mittelsibirien geschehen. Kundts Szenario: Zehn Millionen Tonnen Methan sowie Wasserstoff und Helium strömten unter hohem Druck durch Risse im Taigaboden an die Luft, dehnten sich aus, und etwa 80 Prozent des Erdgases schossen mit Überschallgeschwindigkeit in die Atmosphäre, 200 Kilometer hoch.

Streute Schnee das Licht weltweit?

Das Gas drückte die umgebenden Luftmassen als gewaltiges Sturmfeld nach außen, vermischte sich an den Rändern teilweise mit Sauerstoff und entzündete sich. Die mindestens 14 „Kanonendonner“, die Zeitzeugen hörten, bevor der Himmel zu brennen begann, waren wohl Sprengungsgeräusche, vermutet Kundt. Zahlreiche Vertiefungen seien freigesprengt worden - unter anderen die Mulden, die Kulik später entdeckte.

Streute Schnee das Licht bis nach Europa?

Bei einem Meteoriteneinschlag hingegen hätten die Zeugen Feuer und Lärm gleichzeitig wahrnehmen müssen. Wolfgang Kundt vertritt eine Außenseiterposition. Gleichwohl zollen ihm Vertreter der Meteoriten-These, wie Giuseppe Longo von der Universität Bologna, Respekt: Die Hitze etwa, die Zeitzeugen in der Handelsstation Wanawara spürten, passt besser zum Gas- als zum Meteoriten-Szenario. Auch die hellen Nächte in Europa und Teilen Asiens glaubt Kundt erklären zu können: Wasserdampf sei etwa 700 Kilometer weit in die Atmosphäre aufgestiegen, wo sich sonst nie Wolken bilden, und zu Schneekristallen gefroren. Diese streuten das Sonnenlicht bis in Gegenden, in denen bereits Nacht herrschte - ähnlich wie nach dem Ausbruch des Vulkans Krakatau im August 1883 in Indonesien, der ebenfalls viel Wasserdampf erzeugte.

Wolfgang Kundts Behauptungen klingen schlüssig. Und doch haben sie einen Haken: Die Mehrzahl der Augenzeugen hat keine „Flammen“ oder „Feuersäulen“, sondern einen gigantischen „Feuerball“ beobachtet, der wie ein Komet über den Himmel geschossen ist. „Wahrscheinlich Fehlerinnerungen“, entgegnet der Astrophysik-Professor. Denn immerhin seien die meisten Zeitzeugen erst mehr als zehn Jahre nach der Explosion befragt worden.

Seit der Jahrtausendwende versuchen Physiker, Geowissenschaftler, Botaniker, Geographen, Mathematiker und Erdbebenforscher unterschiedlichster Herkunft das Tunguska-Rätsel interdisziplinär zu lösen.

Liegt die Lösung auf dem Grund eines Sees?

Der Physiker Giuseppe Longo von der Universität Bologna etwa wird in diesem Sommer in den 50 Meter tiefen Tscheko-See abtauchen. Obwohl das Gewässer acht Kilometer vom Epizentrum der Explosion entfernt ist, glaubt der Italiener fest daran: Dort unten liegen Stücke des Meteoriten verborgen. Eines davon könnte jene rätselhafte „Struktur“ sein, die Longos Messgeräte ihm bei einer Untersuchung des Seebodens vor neun Jahren anzeigten - zehn Meter tief im Untergrund vergraben.

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