Massentierhaltung Antibiotika in der Tiermast: "Viertel nach zwölf"

Die industrielle Fleischproduktion kommt ohne Antibiotika nicht mehr aus. Die Folge: multiresistente Keime, die auch den Menschen bedrohen. Wir sprachen darüber mit dem ehemaligen Veterinäramtsleiter Hermann Focke

Dr. Herman Focke ist Tierarzt und leitete das Veterinärsamt im Landkreis Cloppenburg, der Region mit der größten Tierdichte Europas. In seinem Buch "Die Natur schlägt zurück. Antibiotikamissbrauch in der intensiven Nutztierhaltung und Auswirkungen auf Mensch, Tier und Umwelt" setzt er sich kritisch mit der agrarindustriellen Tiermast auseinander. Er erhielt 1994 den Tierschutz-Forschungspreis der Freien Universität Berlin, 1995 den Zivilcourage-Preis der Solbach-Freise-Stiftung und in diesem Jahr den Tierschutzpreis der Hans-Rönn-Stiftung.

Herr Focke, wo und warum werden in der Tiermast Antibiotika verabreicht?

In der agrarindustriellen Tiermast werden vor allem Geflügel, aber auch Schweine, Mastkälber und -Bullen behandelt. Gründe dafür gibt es viele. Zum einen sind die Masttiere, insbesondere beim Geflügel, wegen übersteigerter Leistungsansprüche an die Masttiere oft völlig überzüchtet, bis hin zur Qualzucht. Die Immunabwehr dieser Tiere ist schon zu Beginn ihres kurzen Daseins massiv geschädigt. Zum anderen haben die Tiere unter den Haltungsbedingungen zu leiden. So werden etwa in der Junghühnermast bis zu 40.000 so genannte Broiler in riesigen Mastställen mit bis zu 26 Tieren pro Quadratmeter eingepfercht. Überzüchtung und nicht artgerechte Haltung führen zwangsläufig zu erhöhten Erkrankungs- und Sterberaten, und damit auch zu einem hohen Infektionsdruck, besonders durch bakterielle Infektionserreger, denen man mit Antibiotika zu begegnen trachtet. Man laboriert also mit Hilfe von Antibiotika an den Symptomen und in keiner Weise an den genannten Ursachen.

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Fordert "mehr Einflussnahme von Verbrauchern und Bürgern": Hermann Focke

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Ohne den Einsatz von Antibiotika würden viele Tiere selbst die kurze Mastzeit nicht überleben

Werden Antibiotika nur eingesetzt, um die Tiergesundheit zu erhalten?

Keineswegs. In der intensiven agrarindustriellen Tiermast ist es nicht ungewöhnlich, dass auch bei gesunden Tieren Antibiotika angewendet werden. Das Ziel ist eine bessere Futterverwertung, also eine Steigerung der täglichen Gewichtszunahmen. Das bedeutet, dass in kürzerer Zeit und mit weniger Futter das angestrebte Schlachtgewicht erreicht werden kann. Das ist Gewinnmaximierung um jeden Preis.

Und ist das auch legal?

Der Einsatz von Antibiotika als so genannte Leistungsförderer - treffender als Masthilfsmittel oder Mastbeschleuniger bezeichnet - ist seit dem 1.1.2006 EU-weit verboten. Diese bis Ende 2005 häufig geübte Praxis hätte daher in den folgenden Jahren zu einem drastischen Umsatzrückgang bei den Veterinärantibiotika führen müssen. Das Gegenteil war aber der Fall. Im ersten Jahr nach dem Inkrafttreten des Verbots stieg 2006 der Umsatz von Antibiotika in Deutschland um 7 Prozent und im folgenden Jahr noch einmal um 9,2 Prozent. Die bis Ende 2005 zugelassenen antibiotischen Leistungsförderer spielen heute praktisch keine Rolle mehr. Stattdessen werden oft die für die therapeutische Anwendung zugelassenen Antibiotika verwendet. Sie werden den, wohlgemerkt, gesunden Tieren in geringerer, also nicht therapeutischer Dosierung verabreicht. So wird zum Beispiel die für eine Heilbehandlung von fünf Tagen vorgegebene Antibiotikamenge auf 15 Tage gestreckt, nur um die Mastergebnisse zu verbessern.

Ist der Maststall durch den Einsatz von Antibiotika ein ungefährlicher, weil keimfreier Raum? Im Gegenteil. Durch die länger andauernde Verabreichung subtherapeutischer Dosen überleben nach dem Darwinschen Gesetz die vitalsten der bakteriellen Keime und bilden auf Dauer Resistenzen gegen die verabreichten Medikamente. Diese erworbenen Resistenzen werden nicht nur auf nachfolgende Bakterien-Generationen weitergegeben, sondern können durch verschiedene Formen des Gen-Austausches auch auf andere Arten von Bakterien übergehen und somit neue Resistenzträger hervorrufen.

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Woraus ergibt sich die Gefahr für den Menschen?

Es gibt zahlreiche bakterielle Infektionserreger, die sowohl beim Menschen als auch beim Tier vorkommen und wechselseitig übertragbar sind, so genannte Zoonosen. Die gravierendste Bedrohung für die menschliche Gesundheit sind Hospitalkeime, auch nosokomiale Keime genannt. Ein nicht unerheblicher Teil dieser Keime ist durch Antibiotikamissbrauch in der intensiven agrarindustriellen Nutztierhaltung quasi herangezüchtet worden und über aktive und passive Übertragungen in Krankenhäuser, Kliniken, Altenheime und Rehabilitationseinrichtungen gelangt. Hier können sie insbesondere bei Patienten mit geschwächtem Immunsystem, wie Babys, alten Menschen und Chemopatienten zu zum Teil schweren Sekundärerkrankungen führen. Von jährlich 14 Millionen stationären Patienten in Deutschland erkranken fast eine Million an nosokomialen Keimen. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts sterben jedes Jahr 15.000 von ihnen. Durch den Antibiotikamissbrauch schreitet die Resistenzentwicklung ständig fort, so dass die vorhandenen Medikamente bei Mensch und Tier immer mehr ihre Wirksamkeit verlieren - bis hin zum völligen Therapieversagen.

Was sagen die zuständigen Behörden zu der Problematik?

Diese Zusammenhänge sind den verantwortlichen Ministerien für Landwirtschaft und Verbraucherschutz seit vielen Jahren bekannt. Im Jahr 2010 sagte die Leiterin der Abteilung Verbraucherschutz und Tiergesundheit des Niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums: "Ohne Einsatz von Antibiotika schaffen es die Hühner in großen Ställen häufig nicht, bis zum Ende ihrer Mastzeit zu überleben." Trotz dieser Erkenntnis ist seit vielen Jahren von Seiten der zuständigen Ministerien von Bund und Ländern außer pflaumenweichen Absichtserklärungen kaum etwas geschehen.

Die damalige Landwirtschafts- und Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner hat im Jahr 2012 versprochen, den Gebrauch von Antibiotika in der Landwirtschaft eindämmen zu wollen ...

Versprechen kann man vieles. Was zählt, sind jedoch die Fakten. Weder die Vorschläge von Frau Aigner noch der so genannte 38-Punkte-Plan des Niedersächsischen Landwirtschaftministers werden greifen. Denn nach meinen Erkenntnissen als ehemaligem Veterinäramtsleiter ist es beim Thema Massentierhaltung und Resistenzentwicklung nicht einmal mehr fünf vor, sondern bereits Viertel nach zwölf. Da die Wirksamkeit der Antibiotika ständig abnimmt, wird der Bedarf weiter zunehmen. Ein Weniger an Antibiotika ist nur möglich durch eine radikale Wende weg von der industriellen Tierausbeutung hin zu artgerechter Haltung, Fütterung und Züchtung. Alles andere führt in die Irre.

Was kann jeder Einzelne zur Lösung des Problems beitragen?

Wir brauchen mehr politische Einflussnahme von demokratisch gesinnten Bürgern. Wenn die regierenden Politiker und Parteien merken, dass ihnen die Wähler weglaufen, dann sind sie bereit, umzuschwenken und sich den Forderungen der Wirtschaftslobby zu entziehen. Außerdem fordere ich wie zahlreiche Bürger und Verbände seit Jahren eine Änderung der Lebensmittelkennzeichnungsverordnung. Lebensmittel tierischer Herkunft sollten so gekennzeichnet sein, dass erkennbar ist, ob sie von Tieren aus artgerechter oder nicht artgerechter Haltung stammen. Wir alle, Verbraucher und demokratisch gesinnte Bürger, haben es in der Hand. Es gibt keinen Erkenntnismangel, es gibt ein Handlungsdefizit.

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