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Peergroup Vom Leben in der Clique

Weshalb die Gleichaltrigen eine so wichtige Rolle spielen
Vom Leben in der Clique

In der Pubertät werden Gleichaltrige wichtiger als alles andere. Die Freunde bestimmen über Freizeitgestaltung, Kleidungsstil, Musikvorlieben. Doch viel bedeutsamer: Sie erziehen sich gewissermaßen gegenseitig - und bereiten sich so auf spätere Herausforderungen vor

Die Erkenntnis schmerzt. Irgendwann kommt der Moment, da jede Mutter und jeder Vater begreift: Ich bin nicht mehr die Nummer eins für mein Kind. Der zwölfjährige Sohn, der die Eltern sonst regelmäßig auf Wanderungen begleitet hat, ist für gemeinsame Ausflüge nicht mehr zu motivieren, weil er seine Zeit lieber mit Gleichaltrigen verbringt. Die Tochter, die bislang keinen Familienbesuch bei der Großmutter gescheut hat, gibt nun, mit 13 oder 14 Jahren, anderen Mädchen aus ihrer Klasse den Vorrang. In der Pubertät werden Gleichaltrige besonders wichtig, die Freunde, die Mitglieder der Clique, kurz: die „Peers“, wie Wissenschaftler die Altersgenossen nennen (von engl. peer, Gleichgestellter).

Die Peers bestimmen über Freizeitgestaltung, Kleidungsstil, Musikvorlieben. Und ziehen alle Aufmerksamkeit auf sich: Über digitale Medien stehen die Teenager heutzutage fast rund um die Uhr untereinander in Kontakt. Nur so wissen sie, was angesagt ist und was nicht, mit wem man sich trifft, welche Party nicht verpasst werden darf. Väter und Mütter dagegen verlieren die besondere Stellung, die sie bis dahin im Leben ihrer Kinder eingenommen haben. Nähe und Vertrautheit suchen die Heranwachsenden nun vor allem unter ihresgleichen. Mit einem Mal geht es ihnen vor allem darum, wer zu welcher Gruppe gehört, wer mit wem befreundet ist, was man gemeinsam erlebt. Viele Eltern meinen, die Pubertierenden verschwendeten ihre Zeit, hätten nichts Besseres im Sinn, als ohne Ziel in der Stadt umherzulaufen, ständig nutzlose Nachrichten zu verschicken, tatenlos gemeinsam „abzuhängen“.

Tatsächlich aber übernehmen die Gleichaltrigen in der Gruppe eine ungemein wichtige Funktion für jeden Einzelnen. Zum einen bieten sie Unterstützung und Orientierung, zum anderen stoßen sie etliche Entwicklungsprozesse an, die wichtig sind, um in der Welt der Erwachsenen bestehen zu können. Freunde, Schulkameraden und die Kumpels aus dem Sportverein erziehen sich gewissermaßen gegenseitig, lernen voneinander – und bereiten sich so auf zukünftige Herausforderungen in der Gesellschaft vor. Müttern und Vätern bleiben diese Entwicklungen nicht selten verborgen, sie machen sich dann Sorgen, fragen sich: Verleiten die Freunde den eigenen Spross dazu, mit dem Rauchen anzufangen, viel Alkohol zu trinken oder die Schule zu vernachlässigen? Könnte die Tochter auf die Idee kommen, sich ein Tattoo stechen zu lassen, nur weil die Mitglieder ihrer Clique auch tätowiert sind? Lässt sich der Sohn dazu anstacheln, einen Kiosk aufzubrechen oder im Fußballstadion gegnerische Fans anzupöbeln? Oder besteht die Gefahr, dass das eigene Kind in der Schulklasse an den Rand gedrängt und zum Opfer von Mobbing wird?

Seit vielen Jahren untersuchen Entwicklungspsychologen, wie begründet derartige Ängste sind. Und immer besser gelingt es ihnen, zu ermessen, wie sich Jugendliche gegenseitig stärken, wann sie sich schaden und ob es manchmal angebracht ist, dass Eltern zum Wohle ihrer Kinder einschreiten, ihre Vormacht in Erziehungsfragen zurückerlangen. Denn gerade in jüngerer Zeit hat die Forschung gezeigt: Der Einfluss von Müttern und Vätern mag während der Pubertät schwinden, doch völlig abdanken – wie manche Forscher es in den 1980er Jahren beschrieben haben – müssen Eltern in dieser Lebensphase keineswegs.

Dass die Peers für Teenager so attraktiv erscheinen, liegt auch an einem grundlegenden Wandel der Freundschaftsbeziehungen zu Beginn der Pubertät. Kinder treffen sich meist mit Freunden gleichen Geschlechts – Mädchen mit Mädchen, Jungen mit Jungen. Zudem empfinden sie ihre Freunde weniger als Gefährten, weniger als Leidensgenossen und Seelenverwandte denn als Spielkameraden. Die Beziehungen sind noch recht eindimensional – und in gewisser Weise austauschbar. Jugendliche dagegen entwickeln viel engere Bande zueinander, sie empfinden Freundschaften als weit vielschichtiger, bedeutungsvoller. Immer stärker geht es darum, zu erfahren, wer der andere ist, dessen Gedanken und Gefühle nachzuvollziehen, die Sicht des anderen auf das Leben zu begreifen, auf die Welt, auf die Familie. Vom anderen zu lernen, ihn zu verstehen, von ihm verstanden zu werden.

Freundschaften bauen nun mehr und mehr darauf, dass man gemeinsam Erfahrungen sammelt, sich austauscht, Sorgen und Nöte teilt, sich Geheimnisse anvertraut – und Antworten zu finden versucht auf die Fragen, die das Erwachsenwerden mit sich bringt: Wie weit gehe ich, um meine Interessen gegenüber Eltern, Lehrern, Gleichaltrigen durchzusetzen? Wie gehe ich mit Kritik um? Welches Bild haben andere von mir, und welches Bild sollen andere von mir haben? Fast 80 Prozent der Teenager vertrauen auf die Unterstützung eines bestimmten Freundes oder einer Freundin, wenn sie vor einem Problem stehen und Rat suchen. Sie erkennen, wie wertvoll es ist, einen Gleichaltrigen an seiner Seite zu wissen. Freundschaften in der Pubertät sind daher stabiler als bei Kindern. Die Freunde sind wie eine neue Familie. Die Clique wird für viele Teenager zum Zentrum des sozialen Lebens, gewissermaßen eine zweite Heimat.

Die Peergroup ist aber auch eine Interessengemeinschaft, denn die Mitglieder einer Clique – so haben Studien ergeben – gesellen sich nicht zufällig. Vielmehr kommen, unbewusst, Teenager mit ähnlichen Interessen zusammen, mit ähnlichem Temperament, aus der gleichen sozialen Schicht. Ihre Gemeinschaft fußt, wie Psychologen sagen, auf einem „Selektionseffekt“: Wenn jemand streitlustig ist, findet er eher Anschluss bei anderen Provokateuren; aufgeschlossene, hilfsbereite Teenager suchen sich eher Gleichaltrige, die ebenfalls sozial veranlagt sind. Daher haben viele Cliquen bei anderen Jugendlichen einen bestimmten Ruf, gelten etwa als „die Chaoten“, „die Nerds“, „die Ökos“, „die Gamer“ oder „die Mädchen, die sich nur für Klamotten, Jungs und Disco interessieren“. Im Freundeskreis erleben Jungen und Mädchen häufig eine Situation, die zwischen Eltern und Kind so nicht möglich ist: auf Augenhöhe mit anderen zu stehen, seine Meinung zu vertreten, ohne dass ein Erwachsener schließlich ein unumstößliches Machtwort spricht und sagt, was zu tun und was zu lassen ist.

Während das Verhältnis zu Eltern und Lehrern von einem Machtgefälle geprägt ist, sind die Beziehungen in der Clique „symmetrisch“. Natürlich gibt es in jeder Gruppe Teenager, die beliebter, angesehener sind als andere. Und doch können die Jugendlichen im Kreis der Gleichaltrigen, der Gleichberechtigten lernen, eine neue Form der Selbstbestimmtheit zu entwickeln – jene Souveränität, die jeder Erwachsene benötigt, um selbstbewusst seinen Standpunkt zu verteidigen. Im Umgang mit den Peers erfahren Mädchen und Jungen, dass andere ähnliche Ansprüche stellen wie sie selbst, dass andere die gleichen Rechte fordern – aber auch, dass andere ebenfalls nicht immer ihren Willen durchsetzen können und bereit sind, Nachteile in Kauf zu nehmen, etwa um Streit in der Gruppe zu verhindern. Immer klarer wird den Teens so, dass ihre Sicht der Dinge nicht die einzige ist. Der kindlich eindimensionale Blick auf die Welt weitet sich.

Auch in anderer Hinsicht wirkt sich der Freundeskreis in der Pubertät entscheidend auf das spätere Erwachsenenleben aus. Denn das Gefühl der Verbundenheit hat eine enorm wichtige Funktion für die seelische Entwicklung eines Menschen: Es stärkt die psychische Konstitution, wappnet sie auch Jahre später noch vor negativen Erfahrungen. Wer in der Pubertät viel Zeit mit Freunden verbracht hat, so konnten US-Forscher nachweisen, reagiert als junger Erwachsener weniger empfindlich, wenn er von anderen zurückgewiesen wird. Ablehnung verkraften diese Menschen vermutlich deshalb besser, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass sie sich in schwierigen Situationen auf den Beistand enger Freunde verlassen können. Heranwachsende, die es nicht schaffen, enge Bande im Jugendalter zu knüpfen, leiden oft unter mangelndem Selbstwert – und sind auch im Erwachsenenalter anfälliger für depressive Stimmungen.

Den ganzen Artikel finden Sie in

GEOkompakt Nr. 45 "Pubertät".

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