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Florenz um 1300 Die ersten Kapitalisten

In Florenz und anderen Städten Mittel- und Norditaliens wagen sich im 14. Jahrhundert manche Kaufleute an immer komplexere Transaktionen, operieren mit Wechseln und Zahlungsanweisungen, gründen Banken und verwenden eine einfache Form der doppelten Buchführung. Alles mit dem Ziel, möglichst hohe Profite zu erwirtschaften. Diese Händler sind die Vorboten einer neuen Zeit: Es sind die ersten Kapitalisten
Die ersten Kapitalisten

Mit mehr als 90.000 Einwohnern gehört Florenz um 1300 zu den größten Städten Europas. Tuchhersteller, Händler und Bankiers sorgen für eine Geschäftigkeit, in der der Kapitalismus zum ersten Mal aufblüht. Die neue Elite zeigt ihren Wohlstand mit Prachtbauten wie dem 1314 vollendeten Palazzo della Signoria (heute Palazzo Vecchio, hinten rechts), dem Sitz der Stadtregierung, vor dem sich hier Menschen zu einem Festumzug versammelt haben

Die Pioniere einer neuen Ordnung

Die Revolution kommt still und schleichend. Kein Tyrann wird gestürzt, kein Gefängnis gestürmt. Niemand schreibt Manifeste, keiner brüllt Parolen. Und doch ist sie eine der gewaltigsten Umwälzungen in der Geschichte der Menschheit: die Geburt des Kapitalismus. Für immer verändert dieses System die Art, wie Menschen wirtschaften. Nicht die bloße Versorgung, das Überleben, ist nun Ziel aller Mühen, auch nicht nur die Befriedigung von bestimmten materiellen Bedürfnissen, sondern eine abstrakte Kategorie: der Gewinn, das Mehr-als-zuvor. Und selbst dieses Mehr ist nicht genug; es soll nicht gehortet, sondern eingesetzt werden, um noch mehr zu erbringen: Aus Kapital soll mehr Kapital werden, selbst wenn das Risiko groß ist. Schon seit Jahrtausenden setzen Händler Geld ein, um Waren zu kaufen und sie anschließend gewinnbringend auf einem Markt zu verkaufen: Sie investieren also. Und Händler sind es auch, die bereits um die Zeitenwende in manchen Regionen der Erde, etwa in Rom, auf die neue Wirtschaftsweise des Profitstrebens setzen, zumindest in Ansätzen kapitalistisch handeln.

Doch erst im Italien des späten Mittelalters verdichtet sich das kapitalistische Denken erstmals zu jener Kraft, welche die Geschichte nachhaltig prägen wird. In den Stadtstaaten der Apenninen-Halbinsel wird im frühen 14. Jahrhundert das Erreichen hoher Profite um jeden Preis - lange Zeit von der Kirche als Zeichen gottloser Habgier gebrandmarkt – zum Ziel eines jeden klugen Kaufmanns. Hier perfektionieren die Händler die Techniken des Kalkulierens, Investierens und Bezahlens. Hier entsteht ein entwickeltes Bankwesen, in dem sogar das Geld selbst zur Ware wird. Und hier formen die neuen kapitalistischen Kaufleute Leben, Gesellschaft und Politik ihrer Gemeinwesen.

Wohl an keinem Ort wird das klarer sichtbar als in Florenz, um 1300 eine der größten Städte Europas. Über 90.000 Menschen bewegen sich täglich durch die Straßen der Metropole, mehr als in London oder Rom. Lasttiere trotten durch die Tore, hochbeladen mit englischer Wolle und feinen Stoffen aus Flandern. Wagen mit Säcken voller Weizen aus Apulien erreichen die Mauern, unterwegs zur großen Getreidemarkthalle nahe dem Dom, wo die Müller bereits warten. Inmitten jenes Kosmos aus Geschäftigkeit haben Schulen eröffnet, wie es sie nie zuvor gegeben hat. Hunderte Kinder lernen hier nur eine einzige Fertigkeit: rechnen.

Jahrhundertelang war Mathematik in Europa eine gering geschätzte Wissenschaft, kaum jemand konnte dividieren oder multiplizieren - wohl deshalb, weil kaum jemand wusste, wozu diese Zahlenkünste gut sein sollen. Doch das hat sich geändert, denn in der Stadt gibt es inzwischen viele Betriebe, in denen Buchhalter und andere Männer gebraucht werden, die rechnen können. In den Lehranstalten üben Jungen die vier Grundrechenarten, lösen Aufgaben zum Dreisatz und Bruchrechnen. Sie nutzen dabei den Abakus, ein Rechenbrett mit kleinen Steinen, die für die Zahlenwerte stehen. Das Gerät hat dieser Art von Schule ihren Namen gegeben: scuola d’abbaco.

Immer komplexer werden im Laufe der Ausbildung die Fragen der Lehrer: Wie viel Zinsen erhält man über eine Dauer von zehn Jahren auf ein Kapital von 2000 Lire, wenn der jährliche Zinssatz bei acht Prozent liegt? Und wie viel bei zehn Prozent? Nach etwa zwei Jahren beginnen viele Schüler, für eine der etwa 200 Textilwerkstätten in Florenz zu arbeiten, wo sie unter anderem lernen, die Kassen zu verwalten. Oder sie arbeiten bei einer der mehr als 60 Banken, die in den Jahrzehnten zuvor gegründet worden sind - oft von Geldwechslern, die nach und nach begonnen haben, für ihre Kunden nicht nur fremde Währungen bereitzuhalten, sondern ihnen Kredite zu geben. Die Banken sind klein, häufig haben sie nur einen oder zwei Mitarbeiter; von der Straße aus sind sie leicht zu erkennen an dem großen Tisch, der stets mit einem Teppich bedeckt ist.

Der Traum aller Abakus-Schüler aber ist sicher eine Stelle bei einem der großen Handelshäuser der Stadt, in denen oft 30 oder mehr Angestellte die Kassenbücher führen, Verträge ausfertigen und mit Niederlassungen in Brügge, Palermo und Tunis korrespondieren. Nur die Besten schaffen es, hier anzuheuern. Bei Kaufleuten wie den Peruzzi. Viel erzählt man sich in den Gassen über die Geschäfte dieser Familie. Gerüchte gehen um über die außergewöhnlich hohen Kredite, mit denen die Peruzzi angeblich den stets klammen König von Neapel versorgen. Doch Geldverleih macht nur den kleineren Teil der Geschäfte der Firma aus, die von dem Oberhaupt Tommaso Peruzzi geleitet wird. Das Unternehmen handelt mit großen Mengen Getreide aus Neapel, verkauft es in Florenz, Tunis und vielen anderen Städten am Mittelmeer. Aus England lassen die Peruzzi Wolle kommen, aus Sizilien Wein, Käse und gesalzenen Thunfisch. In Florenz besitzen sie drei Mühlen, sind dazu an einem Pelzladen beteiligt. Kein Geschäft ist ihnen zu klein, keines zu weit entfernt – Hauptsache, es bringt hohe Renditen. Und nicht nur die Familienangehörigen profitieren davon, auch Außenstehende können sich an der Firma beteiligen. Es ist eine "Handelsgesellschaft": Die rund 20 Teilhaber arbeiten in der Firma mit und erhalten entsprechend ihrem Anteil am Unternehmen einen Teil des Gewinns (müssen aber auch für mögliche Verluste einstehen). Darüber hinaus gibt es 300 "stille" Teilhaber: Adelige, Landbesitzer und Kirchenmänner, die für ihre Einlagen einen Zinssatz von sieben oder acht Prozent jährlich erhalten.

So haben die Unternehmer stets große Mengen Kapitals zur Verfügung. Nur wenige andere Firmeninhaber nutzen diese neue Art des Wirtschaftens so geschickt wie die Peruzzi. Aber kaum einer wird auch so tief fallen.

Die ersten Kapitalisten

Die ersten Banken bestehen oft aus kaum mehr als dem Wechseltisch und werden von zwei oder drei Geschäftspartnern geführt

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Mehr als 60 Banken gibt es um 1300 in Florenz, darunter bald international tätige Unternehmen mit Filialen überall in Europa, angestellten Geschäftsführern und zahlreichen Beschäftigten

Sie liegen weit zurück, die Ursprünge des Kapitalismus: Seine Wurzeln gründen in mehreren Kulturen auf unterschiedlichen Kontinenten, beeinflussen sich aber oftmals auch gegenseitig und bilden verschiedene Facetten aus. Bereits in der Antike treiben die Kaufleute der griechischen Stadtstaaten Fernhandel, reisen nach Ägypten, Sizilien, an die Schwarzmeerküste, um etwa Getreide zu kaufen. Manche schließen sich für die Dauer einer Reise mit anderen Händlern zusammen, teilen am Ende die Profite. Auch im Imperium Romanum transportieren Händler Waren wie Olivenöl oder kostbares Geschirr über weite Strecken aus den Provinzen nach Rom. Besitzer großer Landgüter verkaufen Nahrungsmittel in die Städte. Doch nach immer höheren Gewinnen streben die Kaufleute im Allgemeinen nicht: Ihnen ist ein sicheres Geschäft lieber als ein hochprofitables mit großem Risiko.

Als im 2. Jahrhundert n. Chr. im Imperium Seuchen wüten und Hunderttausende sterben, bricht der Fernhandel jedoch in vielen Provinzen zusammen. Eine Wirtschaftskrise beginnt, von der sich der Westteil des Reiches lange nicht erholt. In China kommt 960 n. Chr. die handelsfreundliche Dynastie der Song-Kaiser an die Macht - und eröffnet ein Zeitalter von Dynamik und Profit. Die Herrscher bauen eine starke Flotte, in deren Schutz Kaufleute an die Küsten Indiens und Arabiens, sogar bis nach Ostafrika reisen. In die fremden Länder bringen die Händler Porzellan und Seide, kaufen dort Gewürze, Pferde und Edelsteine und machen dabei gute Gewinne.

China blüht auf und erreicht um das Jahr 1000 das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Welt. Sogar Papiergeld ist bereits im Umlauf - in Europa werden Banknoten erst Jahrhunderte später gedruckt. Als aber mongolische Reiterkrieger die Dynastie 1279 stürzen, setzt sich dieser wirtschaftliche Aufschwung nicht fort. Etwa zur gleichen Zeit wie die Song-Kaiser herrschen die Kalifen von Bagdad über ein muslimisches Großreich. Gewinnstreben ist im Islam nichts Anstößiges: Schon der Prophet Mohammed arbeitete der Überlieferung zufolge als Kaufmann. Und so machen arabische Händler Geschäfte auf drei Erdteilen, ziehen mit Karawanen durch Afrika, fahren mit Schiffen nach Indien, China und Südeuropa.

Um das Bezahlen von Waren über weite Entfernungen zu erleichtern, nutzen sie Schecks: unterschriebene Papierstücke, die sie bei einem Bankier an einem fernen Ort gegen Geld eintauschen. Sie verleihen Geld gegen Zinsen, investieren einen Teil ihrer Gewinne in neue Geschäfte. Lange Zeit floriert der Handel in der muslimischen Welt – bis im 11. Jahrhundert im Westen ein ernsthafter neuer Konkurrent ersteht.

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Arbeiter in einer Wollmühle. Mehr als 200 Woll-Werkstätten gibt es in Florenz. Kaufleute liefern das berühmte Tuch an Abnehmer in Italien und ganz Europa – es ist die Grundlage des Reichtums in der Stadt

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Ab etwa 1200 lebt der Fernhandel, seit dem Ende des Imperium Romanum in weiten Teilen Europas verfallen, wieder auf. Zentren sind die Städte Italiens, die von ihrer Lage zwischen Orient und Mitteleuropa profitieren

Europa beginnt in jener Zeit seinen Aufstieg zur führenden Wirtschaftsmacht der Welt, und seine Kaufleute nutzen dabei die Techniken des kapitalistischen Wirtschaftens konsequenter als die Händler der anderen Kulturen. Dabei sind weite Teile des Abendlandes bis etwa 1000 n. Chr. noch dünn besiedelt. Städte gibt es kaum, nur Klöster, Burgen und weit voneinander entfernt liegende Dörfer. Das wenige, was die Böden hergeben, verzehren die Bauern oder liefern es als Abgabe an ihre Grundherren. Es gibt so gut wie keine Überschüsse, kaum etwas, womit man Handel treiben könnte - und viel zu wenige Menschen, die Waren kaufen könnten. Doch zum Jahrtausendwechsel nimmt die Zahl der Europäer rasch zu - vor allem wohl deshalb, weil schon längere Zeit keine Seuchen grassiert haben und sich das Klima erwärmt. Etwa zur gleichen Zeit beginnen die Bauern, die Anbaufläche planmäßig zu vergrößern und bei ihrer Feldarbeit neue Methoden zu nutzen. Sie reißen die Böden nun beispielsweise mit schweren Pflügen auf, statt sie wie zuvor mit einem Haken zu ritzen.

Die effizienter bewirtschafteten Äcker ernähren mehr Menschen, die Einwohnerzahl nimmt weiter zu. Die Bauern können einen Teil ihrer Ernte nun mit Gewinn verkaufen, etwa auf den Märkten der Städte, die aufleben oder von Herrschern ganz neu begründet werden.

Auch der Fernhandel, seit dem Ende des Römischen Reiches in weiten Teilen Europas verkümmert, setzt wieder ein. Vor allem jüdische Kaufleute, die seit Jahrhunderten die wenigen Wohlhabenden mit Luxuswaren versorgen, dehnen ihre Routen aus, bringen Kostbarkeiten wie Salz und Wein nun von Ort zu Ort. Zentren dieses erblühenden Handels werden die Hafenorte Nord- und Mittelitaliens - Venedig, Pisa und Genua. Denn ihre Lage ist günstig: Über das Mittelmeer sind sie mit den großen Handelsmächten des Orients verbunden, dem Imperium der Kaiser von Byzanz und dem Reich der Kalifen. Dort kaufen italienische Händler Waren wie Seide, Papier, Weihrauch und Elfenbein.

Von Oberitalien aus sind auch die nun wirtschaftlich aufstrebenden Regionen Mitteleuropas gut zu erreichen. Und dort, in Flandern, Burgund und Schwaben, warten Kunden auf die Kostbarkeiten aus dem Morgenland. Den Venezianern nützt bei diesem Ost-West-Handel ihre traditionelle Verbindung nach Byzanz: Die Herrscher von Konstantinopel sind formal ihre obersten Lehnsherren. Da die Norditaliener den byzantinischen Kaiser in mehreren Kriegszügen mit Schiffen unterstützt haben, erhalten sie 1082 in fast all seinen Häfen Steuerund Zollfreiheit - ein gewaltiges Privileg, um das sie die Kaufleute der anderen Städte beneiden. Die Händler aus Genua und Pisa sichern sich bald Privilegien für den Handel mit Nordafrika. Und alle drei Städte gründen Niederlassungen in den Häfen des Heiligen Landes, in dem seit 1099 die Kreuzfahrer herrschen.

Venedig, Genua und Pisa sind weitgehend unabhängige Stadtrepubliken. Meist ohne Einmischung auswärtiger Herrscher verwalten sie ihre Angelegenheiten selbst - und das hilft ihnen bei ihrem kommerziellen Aufstieg: Denn die Kaufleute können sich an der Politik beteiligen. Die Regierungen unterstützen den Handel, sichern etwa mit ihren Flotten die Seewege. Überall im östlichen Mittelmeer segeln inzwischen die Zweimaster der italienischen Kaufleute, oft in Konvois von 50 oder mehr Schiffen. In Venedig legen zweimal im Jahr solche Geleitzüge ab, die auf festen Routen Richtung Byzanz, Palästina und Alexandria fahren. Auch auf dem Festland sind die Italiener unterwegs. Händler führen ihre Packtiere über die Via Francigena, die sich durch die Hügel der Toskana über den Apennin nordwärts bis zum Großen St.-Bernhard-Pass zieht. Dort überqueren die Kaufleute die Alpen, reiten weiter nach Nordeuropa. Ab 1237 nutzen sie auch den Gotthardpass; auf neu angelegten Holzstegen bewegen sie sich hier durch Schluchten, um zu den Städten Süddeutschlands zu gelangen. All diese Geschäftsreisen sind voller Risiken: Für den Seehandel muss ein Kaufmann ein Schiff chartern, muss Kapitän und Mannschaft bezahlen, viel für den Kauf von Waren ausgeben - und schon ein Unwetter auf See kann sein Investment ruinieren. Auf dem Festland lauern Wegelagerer auf große Beute, besonders die dichten Wälder um Paris sind berüchtigt für ihre Räuberbanden. Doch kein Weg ist den italienischen Kaufleuten zu mühsam, keine Reise zu gefährlich, wenn ein guter Gewinn zu erwarten ist. Den erhoffen sie sich beispielsweise auf den Messen im Nordosten Frankreichs. Ab Ende des 12. Jahrhunderts treffen sich auf diesen großen überregionalen Märkten sechsmal im Jahr Händler aus Flandern, dem Rheinland und den deutschen Hansestädten. Die Italiener verkaufen dort die Luxuswaren aus dem Orient, selbst Hoflieferanten des französischen Königs decken sich bei ihnen ein. Auf dem Heimweg in die Toskana nehmen die Kaufleute Wolltuch aus den Niederlanden mit, das für hohe Qualität berühmt ist.

Auch Geschäftsleute aus Florenz reisen zu den Messen. An ihrer Stadt, rund 80 Kilometer vom Meer entfernt, ist der Aufbruch der italienischen Kaufleute lange Zeit vorbeigegangen. Doch seit etwa 1170 holen die Florentiner rasant auf, vor allem dank der vielen kleinen Textilwerkstätten in der Stadt sowie des Getreidehandels, der enorm wichtig ist, um die Einwohner der schnell wachsenden Metropole zu ernähren.

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Die italienischen Stadtrepubliken: Die nördliche Hälfte Italiens zerfällt um 1300 in eine Vielzahl von Stadtrepubliken wie Florenz, Siena, Genua und Venedig, die erbitterte wirtschaftliche Konkurrenten sind, aber auch immer wieder Krieg gegeneinander führen

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Selbstbewusst lassen sich die Angehörigen der neuen Kaufmannselite von den angesehensten Künstlern ihrer Zeit porträtieren - wie hier ein Florentiner Geschäftsmann um 1506 von dem berühmten Raffael

Zum Zeichen seines neuen Wohlstands prägt Florenz ab 1252 eigene Goldmünzen, den Florin - ein Zeichen des Selbstbewusstseins und der Souveränität. Voller Kraft stoßen die Florentiner nun in fast jede ökonomische Lücke vor, die die Händler der großen Hafenstädte gelassen haben: Sie verkaufen Süßwein aus Süditalien in England, bringen Zinngeschirr von England nach Italien, transportieren Mandeln von Valencia nach Brügge. Und sie exportieren die Wolltuche aus den Florentiner Textilwerkstätten in andere Städte Italiens und in den Orient. Vermutlich bildet sich in dieser Zeit unter Italiens Kaufleuten eine neue Mentalität heraus, die man später "kapitalistisch" nennen wird. Es ist eine Geisteshaltung, in der sich zwei gegensätzliche Eigenschaften mischen: einerseits Wagemut, der die Händler auf der Suche nach Profiten immer höhere Risiken eingehen lässt, andererseits ein nüchternes Kalkulieren, um ebendiese Risiken zu bändigen.

Über ihre Motive und Geschäftsstrategien haben die Kaufleute kaum Aufzeichnungen hinterlassen. Aber man kann ihre Denkart rekonstruieren: an der Weise, wie sie ihren Handel organisieren. Und an den Rechtsformen, die sie perfektionieren, systematisieren oder neu schaffen, um ihre Geschäfte abzuwickeln, um an Kapital zu kommen, um ihre Transaktionen abzusichern. Kaum eine Institution verkörpert den Geist der neuen Zeit so sehr wie die commenda (was so viel bedeutet wie „jemandem etwas anvertrauen“), eine geschäftliche Partnerschaft, zu der mindestens zwei Kaufleute gehören: einer, der auf eine Handelsfahrt geht, und einer, der zu Hause bleibt. Derjenige, der vor Ort wartet, überlässt dem Reisenden eine Summe Geldes, um Geschäfte zu machen. Der Leihgeber trägt alle Risiken bis hin zum Totalverlust des Kapitals, dafür erhält er nach Rückkehr seines Kompagnons in der Regel 75 Prozent des Gewinns. Ein manchmal hochprofitables Geschäft: Ein Leihgeber aus Genua etwa schafft es zwischen 1156 und 1158, bei drei Partnerschaften den anfangs eingesetzten Geldbetrag zu verdreifachen.

In ähnlichen Zusammenschlüssen arbeiten auch Kaufleute in der islamischen Welt - womöglich haben die Italiener dieses Modell bei ihren Orientfahrten kennengelernt.

Ein weiterer Vorzug der Commenda: Sie bringt oft Menschen mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen zusammen. Ein Kaufmann, der nur wenig Geld hat, dafür aber den Mut für eine lange Reise aufbringt, kann sich mit einem reichen Kollegen zusammenschließen, der den Aufwand weiter Handelsfahrten übers Meer scheut. Die Rollen dieser Partnerschaft sind aber flexibel: Der gleiche Kaufmann kann mal Leihgeber, mal Reisender sein. Manche Händler beteiligen sich daher an mehreren Commende zur gleichen Zeit; sie investieren beispielsweise sowohl in ein Schiff, das Gewürze aus Alexandria bringt, als auch in die Reise eines Kollegen, der in Konstantinopel Seide kaufen will - während sie selbst vielleicht zu einem Tuchhändler nach Brügge aufbrechen. Umsichtig streuen die Kaufleute so ihre Risiken, lassen ihr Kapital gleichzeitig an verschiedenen Orten arbeiten.

Auch Menschen mit wenig Vermögen haben nun eine Chance, in den Fernhandel einzusteigen - vorausgesetzt, sie finden Geldgeber. Doch der Hunger nach Kapital ist so groß, dass die Commenda allein ihn nicht befriedigen kann. Daher wird nun das Geld selbst zu einem hochbegehrten Gut; es wird gekauft und verkauft. Und es kostet: Geld. Großzügige kommerzielle Kredite sind eine weitere große Neuerung der Epoche in Europa. Früher, als es kaum Handel gab, waren Darlehen nicht nötig. Wozu sich verschulden, wenn es kaum Waren zu kaufen gibt?

Nun beginnen zuerst die Geldwechsler, die stets große Mengen Bargeld in ihren Kassen haben, an ihre Kunden Kredite auszuzahlen und dafür Zinsen zu berechnen. Umgekehrt deponiert mancher Florentiner bei den Wechslern einen Teil seines Vermögens und kassiert dafür Zins. Die cambiatori, die Wechsler, beginnen auch, Konten für ihre Kunden zu führen und betätigen sich so als Bankiers. Ein Geschäftsmann, der bei einem anderen Händler Ware kaufen möchte, muss nun nicht mehr Münzgeld zu ihm brin- gen - es genügt, die Summe vom eigenen Konto beim Geldwechsler abziehen zu lassen und sie dem Konto des Kollegen gutzuschreiben. Dazu müssen sie nicht einmal beim selben Wechsler ein Konto haben; die Cambiatori einer Stadt führen auch untereinander Konten, über die sie Zahlungen ihrer Kunden gegenseitig verrechnen.

Außerdem gewähren die Wechsler Überziehungskredite. Ein Kaufmann, der gerade nicht genug Kapital hat, weil er noch auf den Ertrag aus einem Geschäft wartet, kann so dennoch bereits ins nächste investieren. Ein Service, der die wirtschaftliche Dynamik weiter antreibt. Die Wechsler sind aber stets nur innerhalb einer Stadt aktiv. Um die Geldgeschäfte außerhalb kümmern sich die Kaufleute selbst. Händler aus Siena etwa vergeben auf den Messen in Frankreich um 1260 Hunderte von Darlehen und berechnen dafür einen Zinssatz von 40 bis 50 Prozent - um das Risiko abzufedern, dass der Kunde seine Schulden gar nicht zurückzahlen kann. Von den Messen in Frankreich aus ziehen die Kaufleute weiter in die Niederlande und nach England, bleiben dort für einige Zeit und gewähren ebenfalls Darlehen. Händler aus Florenz verleihen in Trient Geld und in den Städten Istriens. Um 1300 lässt sich ein Florentiner mit dem Namen Zino in Mainz nieder und macht dort Geldgeschäfte. Wer immer in Westeuropa in dieser Zeit einen größeren Kredit aufnehmen möchte, kommt an den Italienern kaum vorbei. Sie verleihen an Handwerker, Krämer und Kaufleute, die die Darlehen oft in den Ausbau ihrer eigenen Geschäfte investieren oder Waren dafür kaufen. Denn dank des neuen Instruments des Kredits muss niemand mehr jahrelang mühselig sparen, wenn er etwa seinen Betrieb vergrößern will. Und so feuert italienisches Kapital an etlichen Orten des Kontinents die Wirtschaft an.

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Mit dem Schiff und per Maultierzug, wie hier, lassen die italienischen Großhändler Rohwolle aus England oder Flandern zur Weiterverarbeitung in ihre Heimatstädte transportieren

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Reiche Kaufleute aus Florenz haben de facto das Monopol für den Handel mit Getreide aus Süditalien - ein gewaltiges Geschäft: Allein 1311 kaufen florentinische Händler 45.000 Tonnen apulisches Korn auf

Misstrauisch beobachtet dagegen die Kirche das Gebaren der Kaufleute. Ist Geldverleih gegen Zinsen nicht wider Gottes Gebot? Ist es nicht Wucher? Heißt es nicht in der Bibel: "Wenn du Geld verleihst an einen aus meinem Volk, so sollst du an ihm nicht wie ein Wucherer handeln; du sollst keinerlei Zinsen von ihm nehmen."

Je dichter die Kaufleute ihr Netz über Europa und den Orient spannen, desto heftiger protestieren die Geistlichen gegen die neuen Geschäftsmethoden. Es sind dabei nicht nur die Aussagen der Bibel, die aus Sicht der Kirchenleute gegen den Geldverleih mit Zinsnahme sprechen - sie sehen durch diese Profitsucht den Zusammenbruch der gesamten Gesellschaft nahen. Papst Innozenz IV. etwa fürchtet, dass Bauern die mühsame Feldarbeit aufgeben könnten, um selber als Geldverleiher Geschäfte zu machen. Die für die Gesellschaft so wichtige Landwirtschaft würden sie damit eintauschen gegen ein vermeintlich völlig unproduktives Gewerbe – mit katastrophalen Folgen: Das Land würde veröden, Hungersnöte könnten ausbrechen. Insgesamt fünfmal beschäftigt sich ein Konzil, die höchste Versammlung der Kirche, mit der Sünde des Wuchers – so nennen die Theologen in dieser Zeit jede Form von Geldverleih gegen Zins. Notorische Wucherer, das legen Papst und Bischöfe fest, dürfen nicht die heilige Kommunion empfangen, erhalten kein christliches Begräbnis; es sei denn, sie haben vor ihrem Tod bereut.

Von den Kanzeln wüten Prediger gegen das Zinsnehmen, nennen es die "Sünde, die niemals ruht". Denn selbst wenn der Geldverleiher schläft: "Das zu Wucherzinsen verliehene Geld hört nicht auf zu arbeiten. Es erzeugt ohne Unterlass Geld: unrechtes, schändliches, verachtenswertes Geld." Die Kaufleute, tiefgläubig wie fast alle Menschen dieser Epoche, fürchten die Strafen Gottes und der Kirche - aber genauso den Verlust eines guten Geschäfts. Sie verleihen weiter Geld, kaschieren aber vermutlich die Zinseinnahmen, indem sie etwa in ihren Geschäftsbüchern nur die fällige Summe mitsamt den Zinsen eintragen (und nicht die niedrigere Ausgangssumme, die sie dem Schuldner tatsächlich geliehen haben). Mancher Geschäftsmann beginnt im Alter, zur Buße für die Sünden des Berufslebens ein betont frommes Leben zu führen, stiftet Geld für Armenhäuser und Hospitäler. Einige legen in ihren Testamenten sogar fest, dass Kunden, denen sie übermäßig viel Geld abgenommen haben, entschädigt werden sollen. Und so wächst der Kredithandel weiter, die Banksparte wird bei manchen italienischen Händlern zu einem eigenen Geschäftszweig. "Kaufmannsbanken" wird man diese Misch-Unternehmen später einmal nennen. Es ist ein in Europa wohl völlig neuartiges Firmenkonstrukt, das schon jetzt den Handelskapitalismus um den frühen Finanzkapitalismus erweitert. Warenhandel und Kreditgeschäfte sind dabei keine strikt getrennten Bereiche, sondern fördern sich gegenseitig: Als Gegenleistung für Kredite an einen Herrscher etwa sichern sich die Kaufleute oft Monopole für den Handel mit bestimmten Waren aus seinem Reich.

Schneller und schneller dreht sich so das Rad des Handels. Ende des 13. Jahrhunderts sind die italienischen Kaufleute bereits häufig in so vielen Städten engagiert, schlagen so viele Waren um, dass sie nicht mehr jedes Geschäft selbst vor Ort aushandeln können. Statt zu reisen, gründen sie Niederlassungen, so in Brügge und Paris, entsenden Vertreter dorthin. Auch die Überlandwege sind inzwischen sicherer geworden - Herrscher verbreitern in vielen Gegenden Europas die Straßen und bauen Brücken. Die Händler müssen den Transport ihrer Güter nicht mehr persönlich beaufsichtigen, können ihn Fuhrunternehmern überlassen.

Bislang haben sie ihre Unternehmen meist allein geführt. Partnerschaften wie die Commende sind sie nur über eine kurze Frist eingegangen. Nun aber schließen sie sich oft zu Handelsgesellschaften mit zahlreichen Teilhabern zusammen. Compagnia (von cumpanis - "derjenige, mit dem man sein Brot teilt") heißt diese neue Rechtsform einer Firma, die wohl ebenfalls von Kaufleuten aus der Lombardei und der Toskana erfunden wird. Die Teilhaber setzen bei der Gründung einer solchen Gesellschaft einen Vertrag auf, in dem sie den Namen der Firma festlegen, wie lange sie existieren soll und wer von ihnen das Firmenoberhaupt sein soll. Außerdem verpflichten sie sich, dass sie sich während der Dauer der Compagnia nicht an anderen Geschäften beteiligen und ihr Kapital nicht vorzeitig zurückziehen.

Italiens Händler machen sich auf diese Weise bereit für neue Geschäfte - komplexer und waghalsiger als je zuvor.

Am 1. Mai 1300 gründen 17 Männer in Florenz eine Compagnia. Schon die Höhe des Stammkapitals zeigt, dass hier Großes entstehen soll: 124.000 Lire zahlen die Investoren ein; 2000 Tonnen Getreide könnte man dafür kaufen. Mehr als die Hälfte des Kapitals stammt von sieben Mitgliedern der Familie Peruzzi - eines Clans, der schon seit Jahrzehnten in der Stadt aktiv ist. Die Peruzzi stellen Textilien her, handeln mit ihnen und anderen Luxusgütern, machen Bankgeschäfte, mehren ihren Wohlstand mit Geschick und wohl auch mit Gerissenheit: Wie andere Geldverleiher auch haben sie oft gezielt Darlehen an die Bauern im Umland vergeben - und dabei vermutlich darauf spekuliert, dass die Landleute, wenn sie die Schulden nicht zurückzahlen können, ihnen ihre Felder verkaufen. Mehrere Männer der Familie sind so zu großem Landbesitz gekommen. Und das schätzen die Kunden, die bei ihnen Geld deponieren: Grundeigentum ist das wichtigste Zeichen der Seriosität, gewährleistet echte Sicherheit.

Oberhaupt der Familie ist Filippo Peruzzi, ein alter, umsichtiger Mann. Er fühlt wohl sein Ende nahen und setzt daher eine komplette Neuorganisation des Unternehmens in Gang. Schon die Vorgängerfirma war als Compagnia geführt worden, allerdings nur mit einigen wenigen Teilhabern von außen. Nun aber holt Filippo gleich zehn Familienfremde hinzu, die rund 40 Prozent des Kapitals beisteuern. Gleichberechtigt mit seinem Sohn, den drei Neffen und zwei Großneffen werden sie in der Führung des Geschäfts arbeiten. Sie bringen nicht nur frisches Geld mit, sondern auch Tatkraft und Ideen. Eine Compagnia wird meist für einige Jahre geschlossen, kann dann erneuert werden, falls die Partner es wollen. Doch voll Zuversicht, dass an diesem Tag eine lange, glanzvolle Geschichte beginnt, lässt Filippo in die Gründungsurkunde "Erste Compagnia" schreiben. Dass weitere folgen werden, scheint ihm fast selbstverständlich.

Schon bald kommt für das neue Handelshaus - das auch Geld verleiht - die Chance zu einem lukrativen Geschäft: König Karl II. von Neapel hat gerade einen Krieg mit Sizilien beendet. Nun beginnt er, sein Reich und seine Macht auszubauen, kauft etwa einen Hafen auf der Peloponnes - und benötigt viel Geld. Denn Einkünfte erhalten Herrscher oft nur sehr stockend. Eine straffe Verwaltung, die in allen Provinzen regelmäßig Steuern einzieht, existiert nicht. Die Peruzzi leihen dem König 90 000 Florin, zwei Jahre später noch einmal 45.000: Summen, die selbst ihr gewaltiges Stammkapital übersteigen und wohl nur dank der Einlagen der vielen stillen Teilhaber zu bewältigen sind. Doch König Karl ist ein guter Schuldner, rasch zahlt er zurück. Unter seinem Sohn Robert, der 1309 die Regierung übernimmt, wird die Beziehung zu den Florentinern noch enger. Schon kurz nach seiner Krönung in Avignon besucht der neue Monarch Florenz. Denn auch Robert braucht ständig Geld: für seine Hofhaltung, seine Truppen und für die jährliche Abgabe an den Papst, von dem er das Königreich als Lehen erhalten hat. Die Peruzzi zahlen: Kleinere Ausgaben erhalten die königlichen Beamten unkompliziert auf Anforderung erstattet, für größere Summen schließt Robert mit den Kaufleuten Darlehensverträge ab. Darin ist auch geregelt, wie der Herrscher seine Schulden zu begleichen hat. Oft überschreibt er den Peruzzi Steuereinnahmen aus einer Stadt oder Provinz. Oder er erlässt ihnen den Ausfuhrzoll für Getreide, das sie in seinem Reich kaufen.

Zinsen zahlt er nicht, genau wie es die Kirche verlangt. In den Verträgen verpflichtet er sich stattdessen, den Kaufleuten "Geschenke" zu machen: manchmal Bargeld, oft Vergünstigungen, wie die Befreiung von weiteren Steuern und Zöllen, oder das Recht, Getreide zu exportieren. Neben den Peruzzi versorgen noch zwei weitere Florentiner Firmen den König mit gewaltigen Summen Geld: die Bardi und die Acciaiuoli, zwei Handelshäuser ähnlich groß wie die Peruzzi.

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Auch über den Fluss Arno, der Florenz teilt, erreichen Waren die Stadt. Lastkähne steuern direkt die Speicher der Lagerhäuser an, die oftmals am Ufer liegen

Zu dritt schließen sie sich 1316 zu einem Syndikat zusammen, um ihre Geschäfte mit Robert zu bündeln (und mögliche Konkurrenten auszuschalten). Die Kaufleute übernehmen nun neben ihren Handels- und Geldgeschäften auch andere Aufgaben für den König: Sie zahlen die Gehälter seiner Beamten und den Sold der Soldaten, verwalten die Arsenale des Militärs, verhandeln bei Problemen mit seinen Bediensteten.

Auch sammeln sie von den Untertanen Steuern ein, die sie zum Teil als Lohn für ihre Dienste behalten dürfen. Diese "Steuerverpachtung" an auswärtige Händler ist für Monarchen mangels eigener Beamter oft die einzige Möglichkeit, überhaupt Abgaben einzufordern.

Vor allem aber überlässt der König ihnen das Monopol für den Getreideexport in seinem Reich. Mehr als 12.000 Tonnen Getreide kaufen sie nun meist jährlich ein, geerntet auf den Feldern Apuliens, das zum Königreich Neapel gehört. In den Häfen dort lassen die Peruzzi und die anderen Kaufleute des Syndikats den größten Teil des Korns verladen, auf Schiffe, die sie von Genuesen oder Venezianern gemietet haben. Eigene Frachter besitzen die Peruzzi nicht, und selbst das große Lagerhaus in Florenz haben sie nur gepachtet. Sie wollen möglichst wenig Firmengeld in Immobilien oder Transportmittel investieren – das Kapital soll frei bleiben und fließen, in Waren und Kredite, und immer neues Geld erzeugen. Die Getreideschiffe aus dem Süden machen meist in Venedig oder Ancona fest, über Land lassen die Kaufleute die Ladung nach Florenz transportieren und dort an Müller oder andere Händler verkaufen. Was sie für den Heimatmarkt nicht benötigen, veräußern sie in zahlreichen Häfen am Mittelmeer, etwa in Nordafrika.

Aus Sizilien, wo die Peruzzi ebenfalls Getreide kaufen, ist bekannt, dass die Kaufleute oft erst kurz vor Abfahrt eines Schiffes entscheiden, wohin sie es schicken - solange warten sie auf Informationen über die Preise, die gerade in Tunis, Alexandria oder auf der Peleponnes gezahlt werden. Und optimieren so ihren Profit.

Die Nachrichten kommen häufig aus einer der 16 Niederlassungen, die die Firma unterhält. Es ist ein weit gespanntes Netz, das im Jahr 1335 von Zypern bis Mallorca reicht, von Tunis bis nach London. Auch in Avignon befindet sich eine wichtige Filiale. Hier residiert seit 1309 der Papst und unterhält den glänzendsten Hof Europas. Kardinäle, Bischöfe, Äbte aus allen Teilen des Abendlandes siedeln sich mitsamt ihrem Gefolge hier an, wetteifern mit prunkvoller Lebensführung um die Aufmerksamkeit Seiner Heiligkeit - und scheren sich wenig um das Zinsverbot: Schon bald nehmen die Prälaten bei den Peruzzi Kredite auf und legen Teile ihres Vermögens bei ihnen an.

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Weihrauch, unerlässlich für die katholische Liturgie, importieren die Italiener aus Arabien, andere Luxusgüter wie chinesische Seide erreichen Europa über Konstantinopel

Und dann wird sogar der Papst zu ihrem Kunden: Gemeinsam mit den Bardi sollen die Peruzzi im Jahr 1317 Abgaben, die in England für den Heiligen Vater gesammelt worden sind, nach Avignon transferieren. Ein Auftrag vom Stellvertreter Christi auf Erden! Das steigert das Ansehen der Peruzzi in der gesamten Handelswelt gewaltig. Sie lassen nun allerdings nicht Säcke voller Münzen nach Südfrankreich schleppen. Sondern machen in England mit dem Geld des Papstes eigene Geschäfte: Ihre Londoner Filiale kauft davon Wolle – diesen Rohstoff für die Florentiner Textilwerkstätten zu besorgen ist eine ihrer wichtigsten Aufgaben. Da sie das Geld des Papstes nutzen, sparen sie nun unter anderem die Wechselgebühren, die anfallen würden, wenn sie Florin in englische Pfund umtauschen müssten. Nach Florenz schicken die Londoner dann statt Bargeld eine schriftliche Zahlungsanwei- sung über den Betrag der päpstlichen Gelder; die Florentiner Zentrale wiederum sendet per Brief eine Anweisung an die Kollegen in Avignon, die das Geld an die päpstliche Schatzkammer auszahlen.

Der bargeldlose Transfer hoher Summen ist eine enorme Vereinfachung für den Handel: Kaufleute und ihre Helfer müssen sich nun weder mit dem Transport kiloschwerer Geldkisten mühen noch fürchten, unterwegs ausgeplündert zu werden. Die Zahlungsanweisung benutzen sie dabei nur innerhalb des eigenen Unternehmens. Für Überweisungen an Kaufleute anderer Firmen stellen sie Wechsel aus - ein Instrument, das um 1200 auf den Messen in Nordfrankreich in Gebrauch kam und in ähnlicher Weise bereits in der islamischen Welt existiert. An einem Wechsel sind immer vier Personen beteiligt: zwei am Ort der Ausstellung, zwei am Ort der Einlösung. Wenn die Peruzzi Geld an einen Tuchhändler in Gent überweisen wollen, wo sie selber keine Niederlassung haben, wenden sie sich an einen Florentiner Kaufmann, der dort vertreten ist und somit über Barmittel vor Ort verfügt. Bei ihm zahlen sie den Überweisungsbetrag in Florin ein, erhalten dafür den Wechselbrief. Darauf ist der Name des Absenders und des Empfängers vermerkt und die Aufforderung, ihm "innerhalb der üblichen Frist" die entsprechende Summe in Genter Währung auszuzahlen. Dieses Dokument schicken die Peruzzi zu dem Tuchhändler in Gent. Der geht damit zur Filiale des Kaufmanns, wo er sich gegen Vorlage des Wechselbriefs den Betrag abholen kann.

Ein Wechsel ist also eine Erklärung, in der sich jemand verpflichtet, an einem anderen Ort und in einer anderen Währung eine bestimmte Summe Geld an eine bestimmte Person auszuzahlen. Der Aussteller erhält dafür eine Gebühr von demjenigen, der die Summe eingezahlt hat. Dank solcher Zahlungsmittel wird das Geld immateriell, wiegt nicht mehr als ein Bogen Papier, den man rasch per Boten überall hinsenden kann. Nur dank der Wechsel und Zahlungsanweisungen ist es den Peruzzi und anderen Kaufmannsbankiers möglich, ihre Handelsimperien aufzubauen. Es sind gute Jahre für die Firma, die seit dem Tod des Gründers Filippo von seinem Neffen Tommaso geführt wird. Als 1308 die erste Compagnia endet und die Peruzzi Bilanz ziehen, erhalten die Teilhaber eine Dividende von 100 Prozent. Zwei Jahre später sind es 40 Prozent, 1319 beträgt die ausgeschüttete Zwischendividende 100 Prozent.

Die ersten Kapitalisten

Messen sind wichtige Handelsplätze für die italienischen Kaufleute - regionale, wie hier in einem Städtchen nahe Florenz, vor allem aber die großen, internationalen Verkaufsausstellungen, etwa in Nordfrankreich

Rund 80 Männer sind inzwischen für das Unternehmen tätig, etwa die Hälfte von ihnen im Hauptquartier, das wahrscheinlich in einem der Stadtpaläste der Familie untergebracht ist - turmartigen Gebäuden aus graubraunem Stein, an denen außen das Familienwappen angebracht ist: ein blaues Feld mit goldenen Birnen. Unter den Angestellten, die hier arbeiten, sind vermutlich auch Absolventen der Abakus-Schulen, die täglich die oft viele Hundert Seiten dicken Geschäftsbücher mit neuen Zahlenreihen füllen.

Der wohl wichtigste Band ist das "Vermögensbuch". Auf Seiten über Seiten führen die Buchhalter für die Florentiner Kunden der Peruzzi Schulden- und Guthabenkonten. Sie notieren die Höhe der Vermögen, die der Firma zur Verwahrung anvertraut sind, aber auch die Verbindlichkeiten der Kreditnehmer. Fast ebenso wichtig ist das "Geheime Buch", in dem die Kapitaleinlagen der Teilhaber verzeichnet sind, wie auch die Höhe ihrer Schulden. Vor allem Tommasos prachtliebender Bruder Giotto leiht sich immer wieder bei der eigenen Firma Geld, um seinen Lebensstil zu finanzieren, schließlich wohnt er in einem der größten Paläste der Stadt. 1324 sind seine Schulden doppelt so hoch wie seine Einlagen, einen beträchtlichen Teil seiner Dividende muss er aufwenden, um die Zinsen in Höhe von acht Prozent jährlich zu bezahlen - bei den Peruzzi sind Familie und Geschäft strikt getrennt: Selbst enge Verwandte erhalten Darlehen nur zu den üblichen Bedingungen.

In dem Geheimen Buch sind auch die Zwischenbilanzen verzeichnet, die die Mitarbeiter offenbar jährlich erstellen. Dabei wenden sie eine einfache Frühform der doppelten Buchführung an, die Ende des 13. Jahrhunderts von italienischen Kaufleuten entwickelt worden ist: Jeder Zahlungsvorgang wird dabei zweimal erfasst: einmal unter der Rubrik "Haben" und einmal unter "Soll". Zahlt ein Anleger 100 Florin ein, steigt das Vermögen der Firma um diesen Betrag. Gleichzeitig nehmen aber auch ihre Verbindlichkeiten, also die noch ausstehenden Zahlungen, in selber Höhe zu, da sie dem Kunden das Geld ja später plus Zinsen zurückerstatten müssen. Umgekehrt verhält es sich, wenn sie einen Kredit vergeben: Dann sinkt ihr Vermögen und ihre Forderungen steigen. Mit diesem System können Kaufleute jederzeit einschätzen, ob die Bilanz ihres Unternehmens noch ausgeglichen ist - oder ob die Schulden nicht längst das Vermögen übersteigen. Bis heute schreiben Unternehmen ihre Bilanzen nach diesem Grundprinzip.

Allerdings bleiben Florenz und die anderen großen Handelsstädte lange kapitalistische Inseln. In weiten Gegenden Europas wirtschaften die Menschen noch immer wie vor Jahrhunderten: Sie leben - abhängig von ihren Feudalherren - vom Ertrag ihrer Äcker und treiben Tauschhandel.

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Fernhandel mit dem Schiff ist ein einträgliches, aber auch heikles Geschäft. Daher entwickeln Italiens Kaufleute neue Unternehmensformen, in denen sich das Risiko auf mehrere Partner verteilt

Längst gehören die Peruzzi zu den angesehensten Familien von Florenz. Tommaso und sein Bruder Giotto werden mehrmals in das Amt der Priors gewählt, der für jeweils zwei Monate die Stadtregierung führt. Gemeinsam mit anderen großen Kaufmannsfamilien bestimmen sie nicht nur die Politik der Stadt, sondern prägen auch einen Lebensstil voller Luxus und Geschmack, den sie vor ihren Mitbürgern gern zur Schau stellen. So leiten sie einen Teil ihrer Gewinne in exklusiven Konsum - der seinerseits die Wirtschaft anfacht.

Insgesamt steigen in dieser Zeit mehr als 30 Händlerclans auf und formen nun eine neue Elite. In den Privatgemächern ihrer Paläste finden sich Kostbarkeiten wie religiöse Gemälde und Skulpturen, dazu wertvolles Geschirr und Gefäße aus Keramik, Glas und Silber. Viel Geld geben sie für die Kleidung ihrer Frauen aus: Die Damen aus den Kaufmannsfamilien wetteifern miteinander um die neueste Mode; dazu tragen sie bei besonderen Anlässen Juwelen und anderen Schmuck. Der Reichtum der Händler übertrifft alles, was man in der Stadt bis dahin kannte. Zur Ehre Gottes und zum Ruhm ihrer Familien lassen die Florentiner Geschäftsleute Kirchenräume prachtvoll ausstatten. Die Peruzzi stiften eine Kapelle in der Franziskanerkirche Santa Croce. Mit der Ausmalung beauftragen sie den berühmten Giotto di Bondone, der mit seinen realistischen Figuren und perspektivischen Darstellungen gerade die Kunst revolutioniert. Um 1330 geraten die bis dahin so erfolgreichen Geschäfte der Peruzzi ins Stocken. In England zählt ein Günstling König Eduards II. lange Zeit zu den besten Kunden der Familie, der bei ihnen sein Geld anlegt und sich von den Italienern mit fast jeder Art von Waren versorgen lässt.

Doch dann wird Eduard II. von seiner eigenen Frau, ihrem Geliebten und weiteren Adeligen gestürzt, das Volk wütet gegen die ausländischen Kaufleute, die eng mit den Freunden des verhassten alten Königs verbunden sind - die Mitarbeiter der Peruzzi-Niederlassung in London müssen sich wahrscheinlich sogar vorübergehend verstecken, um dem Zorn der Untertanen zu entgehen. Zwar gestattet die neue Regierung den Peruzzi, ihre Filiale weiterzuführen. Doch der Umfang des Handels mit England geht stark zurück. Dazu stagnieren offenbar auch die Profite im Getreidehandel. Nach zwei aufeinanderfolgenden Missernten kommt es in Italien 1329 zu einer Hungersnot, in Florenz stürmen Verzweifelte den Getreidemarkt. Die Stadtregierung setzt nun für anderthalb Jahre einen Kornpreis fest, der unter dem üblichen Markterlös liegt. Zwar erstattet die Kommune den Peruzzi und anderen Importeuren die Differenz, doch Gewinnsteigerungen sind im Kornhandel vorerst nicht mehr möglich. Und der Druck von Volk und Regierung ist wahrscheinlich so groß, dass die Händler es gar nicht wagen, für ihr Getreide sehr viel mehr zu verlangen als das, was sie beim Einkauf in Apulien oder Sizilien dafür bezahlt haben. Zudem sinkt der Goldpreis und damit auch der Wert der Goldwährung Florin, in der die Peruzzi ihre Darlehen vergeben. Schuldner, die sich bei den Kaufleuten in den Jahren zuvor Geld geliehen haben, als der Goldpreis hoch war, zahlen nun weniger wertvolles Geld zurück. 1331 stirbt nach 28 Jahren Amtszeit Firmenchef Tommaso. Zum Nachfolger wählen die Teilhaber seinen Bruder Giotto - ausgerechnet jenen luxusliebenden Mann, der bei seinem eigenen Unternehmen nach wie vor hoch verschuldet ist. Dringend bräuchte die Firma neue Ideen und straffe Führung. Doch Giotto ist zu sehr mit seinen politischen Ämtern beschäftigt, will zudem mit großen Stiftungen an Kirchen Vorkehrungen für sein Seelenheil treffen und vernachlässigt die Firma.

Als die inzwischen fünfte Compagnia 1335 Bilanz zieht, ist das Ergebnis vernichtend: Alle großen Zweigstellen – Neapel, Avignon, London, Brügge - machen Verluste. Die Zentrale in Florenz verzeichnet zwar Überschüsse, doch die sind im hohen Maße finanziert durch Einlagen, die Teilhaber und andere Anleger bei der Firma deponiert haben. Auch ist das Stammkapital gefährlich geschrumpft: Von den 124 000 Lire, die das Unternehmen bei seiner Gründung hatte, sind nur noch 38.000 übrig. Möglicherweise aus Enttäuschung über die schlechten Resultate verlassen vier Teilhaber die Firma. Die Firma ist denkbar schlecht gerüstet für weitere, große Kreditgeschäfte. Doch in ihrer Ratlosigkeit verfallen die Peruzzi auf genau diese Idee. Einen neuen, vermeintlich vielversprechenden Kunden haben sie rasch ausgemacht: König Eduard III. von England. Die Zeit für eine Wiederannäherung an das Land scheint günstig: Eduard plant Kriegszüge gegen Schottland und Frankreich - kostspielige Unternehmungen, für die er Finanziers braucht. Einen ersten Kredit erhält der Monarch noch unter Führung von Giotto, der aber im August 1336 stirbt. Zum neuen Chef wird dessen Neffe Bonifazio bestimmt, der früher die Londoner Zweigstelle geleitet hat. Wer, wenn nicht er könnte das neue Engagement in England mit Umsicht und Wagemut zum Erfolg bringen?

Schon bald weitet Bonifazio das Geschäft aus. Im Herbst 1337 ist der König bei den Peruzzi bereits mit umgerechnet 260.000 Lire verschuldet.

Das angeschlagene Unternehmen kann diesen Betrag nicht selbst aufbringen - es muss ihn sich leihen oder durch neue Einlagen stiller Teilhaber gegenfinanzieren. Woher das Geld stammt, ist nicht bekannt, vielleicht von Anlegern in Florenz. Bonifazio hofft wohl, dass er sich mit Eduard auf ein ähnliches Arrangement wie im Königreich Neapel einigen kann: Kredite gegen Handelsprivilegien. In diesem Fall nicht für Getreide, sondern für Wolle.

Erneut schließen sich die Peruzzi mit den Bardi zusammen. Gemeinsam handeln sie mit dem englischen König Anfang 1338 eine Vereinbarung aus: Sie leihen ihm insgesamt rund 350.000 Lire, und als Rückzahlung - so legen sie es mit dem König fest - bekommen sie 20.000 Säcke Wolle sowie einen Anteil aus den Abgaben, die der Monarch von Volk und Klerus bezieht. Zudem erhalten die Kaufleute ein Monopol für den Wollexport, allerdings nur für gut vier Monate (und nicht unbegrenzt wie in Neapel). Dennoch scheint es ein guter Abschluss – vorausgesetzt, der König hält sich an seine Zusagen. Um dieses für die Firma so entscheidende Geschäft zu überwachen, zieht Bonifazio nach London. Nie zuvor in der Unternehmensgeschichte hat ein Chef die Firmenzentrale für längere Zeit verlassen.

Die ersten Kapitalisten

Der Mönch Luca Pacioli beschreibt 1494 in einem mathematischen Lehrbuch erstmals systematisch die doppelte Buchhaltung, die italienische Kaufleute bereits seit zwei Jahrhunderten verwenden. Sein Werk wird in zahlreiche Sprachen übersetzt - so verbreitet sich die Kenntnis von der modernen Rechnungsführung in ganz Europa

Schon bald verlangt Eduard von den Florentiner Kaufleuten neue Kredite; seine Invasion in Frankreich steht kurz bevor. Bonifazio weiß, dass er einen Teil der Wünsche des Monarchen erfüllen muss, um dessen Gunst nicht zu verlieren. Gleichzeitig will er aber in diese Darlehen nur wenig neues Geld stecken (das er sich ja selbst erst leihen müsste), sondern sie zumindest teilweise durch Rückzahlung der alten Kredite finanzieren. Umgekehrt ist dem König klar, dass er den Italienern entgegenkommen muss, wenn sie ihn weiterhin mit Geld versorgen sollen. Er kündigt immer wieder Rückzahlungen an, die aber oft verspätet eintreffen. Die Peruzzi und ihre Partner halten sich mit neuen Krediten etwas zurück, Eduard macht neue Versprechungen, verlangt gleichzeitig weitere Darlehen, die die Italiener ihm zunehmend zögernd überweisen. Es ist ein gut zwei Jahre andauerndes Gezerre. Dennoch gelingt es Bonifazio, die Balance zwischen Tilgung und neuen Krediten einigermaßen zu halten. Im März 1340 betragen die Außenstände der Krone bei den Peruzzi etwa 150 000 bis 200 000 Lire. Eine große Summe, aber für die Geschäftsleute noch beherrschbar.

Doch dann stirbt Bonifazio am 3. Oktober 1340 in London. Erneut verliert das Unternehmen seinen Chef.

Als die Todesnachricht in Florenz eintrifft, wählen die Teilhaber Bonifazios Bruder Pacino zum neuen Firmenoberhaupt, einen konservativen, zurückhaltenden, vielleicht auch entscheidungsschwachen Mann. Er beschäftigt sich vor allem mit der Lokalpolitik, lässt das schlingernde England-Geschäft offenbar einfach weiterlaufen.

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Venedig ist ein hartnäckiger Konkurrent von Florenz. Die Galeerenkonvois der Stadt durchkreuzen das östliche Mittelmeer, im Westen führt eine Route bis nach London

Die Räume in der Firmenzentrale sind durch die Krise inzwischen leerer geworden: Ausscheidende Mitarbeiter haben die Peruzzi wohl schon lange nicht mehr ersetzt, ein gutes Drittel weniger Angestellte als früher beugen sich über die Geschäftsbücher, die nur noch schlampig geführt werden. Auch das Firmenvermögen schrumpft. Seit der desaströsen Bilanz von 1335 haben fast alle familienfremden Teilhaber ihre Kapitaleinlagen, die sie über ihr Stammkapital hinaus bei der Firma deponiert haben, deutlich verringert.

Pacino, der mit der Führung seines taumelnden Betriebs ohnehin genug zu tun hat, muss nun aber auch noch Krieg führen: Florenz streitet mit Pisa um den Besitz der Stadt Lucca. Wie einige andere Kaufleute gehört er einem 20 Mann starken Bürgerkomitee an, das die Verhandlungen führen und die Streitkräfte aus Florenz organisieren soll. Im Oktober 1341 ziehen die Söldner der Stadt in die Schlacht gegen Lucca - und verlieren, offenbar durch die Unerfahrenheit und Inkompetenz des Komitees. Sogar des Betrugs werden die zwanzig bezichtigt. Kurz nach der Niederlage kommt eine Nachricht aus Avignon, die einem Bannfluch gleicht: Der Papst, sehr besorgt wegen des England-Geschäfts, hat jedes Zutrauen in die Florentiner verloren. Er entzieht den Peruzzi und anderen Firmen das Recht, für ihn Abgaben in Osteuropa und Italien einzusammeln und zu seinem Amtssitz zu transportieren. Ein Jahr später kündigt sein Nachfolger ihnen diese Aufgabe auch für England. Es ist eine Misstrauensbekundung von höchster Stelle. Die Peruzzi und ihre Florentiner Kollegen sind aus Sicht des Papstes keine seriösen Handelspartner mehr.

In solch einem Moment würden normalerweise die vielen stillen Teilhaber der Firma ihre Einlagen zurückfordern. Doch die Peruzzi sind geschützt: Wie schon früher in Notzeiten hat die Stadt seit Kurzem einen Adeligen als signore der Stadt eingesetzt, als Alleinherrscher mit fast diktatorischen Vollmachten. Um ein finanzielles Chaos zu vermeiden, erlässt er ein Moratorium: Drei Jahre lang darf niemand von den großen Handelshäusern sein Kapital zurückfordern. Das allerdings gilt nur für Florenz. In der Zweigstelle in Neapel holen sich wohl bereits Kunden ihr Geld zurück, vor allem nachdem im Januar 1343 König Robert gestorben ist, der langjährige Freund und Förderer der Peruzzi. Im Sommer dann tobt das Volk voll Unzufriedenheit über die Herrschenden auf den Straßen von Florenz, stürzt erst den Signore und keine zwei Monate später auch die Nachfolge-Regierung, zu der ein Peruzzi und mehrere andere Kaufleute gehörten. Die nun eingesetzte Stadtführung hebt im Herbst das Moratorium auf. Die Peruzzi wissen, was jetzt geschehen wird. Sie warten den Ansturm ihre Gläubiger erst gar nicht mehr ab, sondern erklären Ende Oktober ihren Bankrott und übergeben die Geschäftsbücher der Stadt. In den Monaten darauf fliehen mehrere Teilhaber, darunter auch Firmenchef Pacino, vorübergehend aus der Stadt, wohl um Teile ihres Vermögens vor den Forderungen der Kunden in Sicherheit zu bringen - Geschäftsinhaber haften im Fall eines Bankrotts mit ihrem gesamten persönlichen Besitz.

Warum die Stadt diese Flucht nicht verhindert, ist unklar. So jedenfalls sind es die Anleger, die einen großen Teil der Firmenverluste tragen müssen: Nach zwei Vereinbarungen, die 1345 und 1347 geschlossen werden, erhalten sie zumeist wohl weniger als die Hälfte des Kapitals zurück, das sie den Peruzzi anvertraut haben. Nach 43 Jahren ist die Geschichte ihrer Firma zu Ende. Am Schluss war es sicher nicht der Verlust an Kapital, der das Unternehmen kollabieren ließ, sondern der Verlust an Vertrauen bei ihren Kunden. Auch die beiden anderen großen Handelshäuser der Stadt brechen zusammen: die Acciaiuoli im Oktober 1343, die Bardi im April 1346. Was die drei Firmen erleben, ist eines der typischen Dramen, die sich in der Geschichte des Kapitalismus oft wiederholen werden: Eine Firma kann noch so etabliert und weit verzweigt sein, kann hohe Summen bewegen und Kunden aus den angesehensten Kreisen haben - das Risiko von Absturz und Bankrott ist immer gegenwärtig. Auf die Krisen in Politik und Handel folgt 1348 eine weitere, noch weitaus größere Katastrophe: Die Pest wütet in Florenz, tötet binnen Monaten jeden zweiten Einwohner. In ganz Europa bricht die Seuche aus, rafft Millionen dahin. Doch trotz all dieser Erschütterungen lebt die neue Art des Wirtschaftens fort, floriert der Kapitalismus der Kaufleute. Sogar die Akteure bleiben zum Teil die gleichen: Die Bardi etwa gründen - nachdem sie ihren Gläubigern eine Abfindung gezahlt haben - bald eine neue Firma und machen sogar wieder Geschäfte in London. (Die Peruzzi dagegen arbeiten kaum noch im Handel, sondern konzentrieren sich auf Kauf und Verwaltung von Ländereien). Was auch überlebt, sind die Instrumente, die sich die Händler geschaffen haben. Kredite, Wechsel, doppelte Buchführung, Handelsgesellschaften: All das nutzen und verfeinern Geschäftsleute in den folgenden Jahrhunderten.

Und so strahlt der Kapitalismus bald immer weiter aus - und verschiebt dabei seinen geographischen Schwerpunkt. Europäer entdecken 1492 auf der Suche nach einer neuen Handelsroute Richtung Indien den Kontinent Amerika, rüsten zudem weitere Schiffsexpeditionen gen Asien aus. Allmählich verlagert sich der Fernhandel weg vom Mittelmeer, hin zu Atlantik, Pazifik und Indischem Ozean. Florenz, Venedig und andere italienische Orte verlieren im 16. Jahrhundert an Gewicht. Andere Städte im Norden Europas, die in günstiger Nähe zu den neuen Schiffswegen gelegen sind, steigen auf und werden zu neuen Zentren des Handelskapitalismus: Antwerpen, London, Amsterdam. Die Revolution geht weiter.

LITERATUREMPFEHLUNGEN:

Peter Spufford, "Handel, Macht und Reichtum", Theiss: berichtet anschaulich von der großen Zeit der europäischen Kaufleute im Mittelalter.
Edwin S. Hunt, "The Medieval Super-Companies", Cambridge University Press: umfassende Studie zur Geschichte des Handelshauses der Peruzzi.

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