Die neuen Nomaden von Kirgisistan

Je schneller die kirgisischen Gletscher schmelzen, umso riskanter wird für eine Nomadenfamilie der jährliche Almauftrieb. Ein 360°-Video

Ein Film von Wolfgang Mertin

Bachit ist ein cleverer Hirte. Längst hat der 40-jährige Kirgise begriffen, dass sich etwas Entscheidendes verändert in seiner Heimat, dem an der Grenze zu China gelegenen Tien Shan Gebirge: Die bis zu 7000 Meter hohen Gipfel tauen rasant im Vergleich zu früheren Jahrzehnten. Eine Folge der Klimaerwärmung, mit noch ungeahnten globalen Auswirkungen. Bachit hat sich auf die neue Situation eingestellt: Seit mehreren Jahren treibt er im Mai seine riesige Viehherde aus dem Dorf auf eine 3000 Meter hohe Sommeralm – und ist dabei zunehmend Schwierigkeiten ausgesetzt.

Der Kirgise Bachit lebt von der traditionellen Weidewirtschaft. Die Wiesen rund um die Dörfer sind nach dem Winter abgefressen und die Tiere müssen auf neues Land geführt werden. Darum treibt Bachit jedes Jahr im Mai seine Herden aus Kühen, Schafen, Pferden und Yaks zusammen, und zieht auf eine 3000 Meter hoch gelegene Sommerweide. Denn Dank der Klimaerwärmung sind heute auch die hoch gelegenen Almen begrünt. Auf zwei uralten, voll beladenen LKW, die dem langsamer ziehenden Viehtreck vorausfahren, ist der gesamte Hausrat verschnürt. Bachit und seine Männer geleiten die Herde über 120 Kilometer

bergauf. Viele der Jungtiere verletzen sich auf der Strecke und müssen den Rest des Weges auf dem LKW transportiert werden. Besonders gefährlich ist die Überquerung der reißenden Gebirgsströme, deren Wassermassen wegen der rasant schmelzenden Gletscher von Jahr zu Jahr zunehmen. Vier Monate lang lässt der Hirte seine Herden auf den Hochalmen des Tien Shan Gebirges weiden, bevor der ganze Treck wieder hinab ins Tal steigt, um im Dorf zu überwintern. Für Bachit macht sich das Nomadenleben nach alter kirgisischer Tradition bezahlt. Er hat die klimatischen Veränderungen als Chance gesehen und ist darüber ein wohlhabender Mann geworden. Doch auch er fragt sich: Wie wird sich das Fortschreiten der Gletscherschmelze zukünftig auswirken?

360°- GEO Reportage begleitet die kirgisische Nomadenfamilie und ihre 600 Tiere auf dem abenteuerlichen Treck durch Schluchten und reißende Gebirgsströme.

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Um auf die hoch gelegenen Almen zu gelangen, muss der Hirte seine Tiere durch reißende Gebirgsflüsse treiben - jedes Mal ein Risiko für Mensch und Tier

Fact Sheet: Die neuen Nomaden von Kirgisistan

  • Tien Shan heißt das Himmelsgebirge an der Grenze zwischen China und Kirgisistan. Seine Gipfel sind über 7000 Meter hoch.
  • Viele Kirgisen versuchen heute ihr Überleben durch Weidewirtschaft zu sichern.
  • Dafür reichen die Wiesen um die Dörfer nicht aus, deshalb treiben sie ihre Herden oft mehrere Tausend Höhenmeter ins Gebirge.
  • Durch das Abschmelzen der Gletscher wird der Auftrieb zum Abenteuer: Oft müssen die Tiere durch reißende Wasser getrieben werden.
  • Doch das Land, das durch das Abschmelzen frei wird, dient den Tieren als Weidefläche.

Wiederholungen:

sonntags um 18.05 Uhr

1. November 2009: Die Meerfrauen von Japan

8. November 2009: Die neuen Nomaden von Kirgisistan

Arte Programm

Interview: Die Nomaden von Kirgisistan
Kultur
Der Kurzzeit-Nomade
Filmemacher Wolfgang Mertin begleitete eine kirgisische Nomadenfamilie bei ihrem beschwerlichen Alltag. Ein Interview über seine Arbeit im Tien Schan Gebirge. Mit Video

Mit weiteren Informationen zu GEO-Filmen (Links, Buchtipps, Video-Kurzfassung u.a.)