Hauptspalte:
Rothenburg ob der Tauber: Zuhause unter Gästen
11.000 Einwohner und mehr als zwei Millionen Besucher. Einige lieben sie, einige sind genervt. Und viele fragen sich zu recht: Wie viel Tourismus verträgt Rothenburg ob der Tauber?
Wer am Rothenburger Bahnhof ankommt, muss die mittelalterliche Idylle erst suchen. Gut geschützt verbirgt sie sich hinter der alten Stadtmauer; der Weg dorthin führt durch eine ziemlich durchschnittliche Kleinstadt. Erst wenn man das Kopfsteinpflaster unter den Torbögen betritt, breitet Rothenburg seinen mittelalterlichen Charme aus: Hinter der Stadtmauer reihen sich hutzelige Häuschen aneinander, von deren Fensterbrettern rote Geranien ranken. Im Hintergrund plätschern Springbrunnen, und zu jeder vollen Stunde läutet eine Kirchturmuhr.
Dass man in Rothenburg ob der Tauber angekommen ist, erkennt man jedoch nicht nur an der gefühlten Zeitreise ins Mittelalter. Dass man sein Reiseziel erreicht hat, zeigt auch die erste Begegnung mit riesigen Gruppen asiatischer Touristen, die im Stechschritt durch die Altstadt jagen, immer ihrem Tourist-Guide folgend und den Kameras im Anschlag.
Gesalzene Preise und wenig Auswahl
Als Besucher schaut man eher belustigt auf seinesgleichen; gemächlich schieben sich die Massen mit viel Geduld durch die engen Gassen. Die Rothenburger dagegen hört man auch schon mal Fluchen. Zum Beispiel dann, wenn sie versuchen ihr Auto durch die überfüllten Sträßchen zu manövrieren und es weder vor noch zurück geht.
Dass der Besucheransturm eine Belastung für die Stadt ist, stellt auch Johann Kempter, Teamleiter des Rothenburger Tourismus Service, fest: "Wir haben 11.000 Einwohner, davon leben etwa 2500 Einwohner innerhalb der Altstadt. Darauf kommen im Jahr über zwei Millionen Besucher aus aller Welt - das ist auf kleiner Fläche natürlich schon relativ viel."
Eine Chance, das Auto einfach stehen zu lassen, haben die Bewohner der Altstadt meistens nicht. Spätestens wenn der Wocheneinkauf ansteht, müssen sie vor die Tore des Ortskerns. Denn innerhalb der Stadtmauern sind Geschäfte des täglichen Bedarfs rar geworden. Zwar gibt es noch den Bäcker und den Metzger um die Ecke, die Preise jedoch sind gesalzen und das Sortiment eintönig: Um der Nachfrage der Touristen gerecht zu werden, quellen die Schaufensterauslagen über von Schneeballen - eine Rothenburger Gebäckspezialität - mit Zimt, Schokolade oder Puderzucker. Aus ähnlichen Gründen sind im Einzelhandelsverzeichnis der Stadt auch mehr Souvenirshops als Lebensmittelgeschäfte verzeichnet. Um dieser Entwicklung entgegenzusteuern, sieht Karl-Heinz Schneider, Vorsitzender des Vereins Alt-Rothenburg, hauptsächlich einen Weg: "In einem schon lange geforderten Plan für die Entwicklung der Altstadt. Denn sonst blutet diese bevölkerungsmäßig aus, weil sie neben vielen anderen Problemen zukünftig keine Geschäfte mehr für die Daseinsfürsorge hat." Zu diesem Plan gehört eine erneute Veränderungssperre - damit nicht noch mehr Imbissstuben und Souvenirshops in der Altstadt betrieben werden. Denn schon jetzt gibt es nur noch wenige Krämer- oder Tante Emma-Läden, die gerade für eine älter werdende Bevölkerung wichtig sind.
Souvenirs im Überfluss
Zu verlockend ist für die Ladenbesitzer das Geschäft mit den Andenken, wie es Johann Kempter treffend auf den Punkt bringt: "Wo kann man in kurzer Zeit relativ viel Geld verdienen? Das ist im Souvenirgeschäft, wo man auf kleiner Fläche mit wenigen Quadratmetern recht gute Umsätze machen kann. Auch, weil in Rothenburg das Ladenschlussgesetz eine Ausnahmestellung hat." An 40 Sonntagen im Jahr dürfen Souvenirs verkauft werden. Die Schaufenster offenbaren den Besuchern eine romantische Vorstellung deutscher Handwerkskunst: Feinzügige Porzellanpüppchen sitzen in stiller Eintracht neben aus Holz geschnitzten Seppeln mit roten Nasen. Hier prallt das Regionale auf das Internationale. Beim Bestaunen der filigranen Figuren oder bei Bier und Sauerkraut im Bierstübchen nebenan ist der kulturelle Austausch in vollem Gange: Mit Händen und Füßen schwätzen Amerikaner mit Japanern und Niederländer mit Italienern.
Dass der Tourismus oft seine zwei Gesichter zeigt, beschreibt Karl-Heinz Schneider als einen Zwiespalt, in dem sich die Einwohner Rothenburgs befinden: "Auf der einen Seite ist es für die Bevölkerung natürlich sehr schön mit den Touristen, man hat eine gewisse Weltoffenheit - die ganze Welt kommt zu Gast!" Aber es bringe auch eine gewisse Belastung, sagt er. Denn manche Gäste sehen die Stadt als einen großen Freizeitpark und gehen vereinzelt auch in Wohnhäuser rein, "wenn die Türen aufstehen, weil sie denken, das ist Bestandteil eines Denkmals und damit zur Besichtigung freigegeben." Für die einen ist es das Zuhause, für die anderen ein Freilichtmuseum.





Kommentare zu "Zuhause unter Gästen"
Rothenburg ist die Einwohner feindlichste Stadt es geht nur um Soveniers und Hotels und Gaststätten aber auf die Einwohner wird keine Rüchsicht genommen.Warum macht die Stadt nicht ein Museum innerhalb der Stadtmauer nur mit Touristen denn zum Wohnen ist es jetzt schon eine zumutung.