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Tierschutz: Mehr Freiheit für die Milchkuh

Milch von glücklichen Kühen? Das ist die Ausnahme. Immer mehr Milchkühe haben nie Gras unter ihren Hufen. Tierschützer fordern jetzt Mindeststandards für ihre Haltung

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Kühe sind soziale Tiere; in der Gruppe gibt es eine strenge Hierarchie. In zu engen Ställen, kritisieren Tierschützer, können die Tiere sich nicht entsprechend verhalten (Foto von: mauritius images / age)
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Kühe sind soziale Tiere; in der Gruppe gibt es eine strenge Hierarchie. In zu engen Ställen, kritisieren Tierschützer, können die Tiere sich nicht entsprechend verhalten

Wir Deutschen konsumieren jedes Jahr durchschnittlich 55 Liter Milch - nicht eingerechnet Käse und andere Milchprodukte. Aber wo kommt die Milch eigentlich her? Wie geht es den Kühen, von denen sie stammt? Warum gibt eine Kuh heute doppelt so viel Milch wie noch vor 20 Jahren, bis zu 14.000 Liter Milch im Jahr? Warum wird sie heute nur noch halb so alt? Warum steht nur noch ein Viertel von ihnen selten auf der Weide oder ist buchstäblich lebenslänglich an den Stall gefesselt? Im Jahr 2010 - neuere Zahlen liegen noch nicht vor - waren mehr als ein Viertel aller Milchkühe von der Anbindehaltung betroffen.

Solche Fragen interessieren bislang offenbar nur wenige. Während es für Legehennen, Schweine und Mastkälber detaillierte Haltungsvorschriften gibt, kann ein konventioneller Milchbauer mit seinen Kühen so ziemlich machen, was er will. Solange er nicht gegen das Tierschutzgesetz verstößt.

"Die Milchwirtschaft hat jahrzehntelang die Bedürfnisse der Kühe ignoriert", sagt Leif Koch von der Welttierschutzgesellschaft. Zwar sei die Zahl der Betriebe mit Anbindehaltung in den letzten Jahren zurückgegangen. "Aber die Kuh kommt trotzdem nicht mehr auf die Weide. Denn der Trend geht zur ganzjährigen Stallhaltung."

Die Welttierschutzgesellschaft und die Tierschutzorganisation PROVIEH wollen das nun ändern. Sie haben eine Haltungsverordnung entworfen, die verbindliche Mindeststandards setzen soll.

Anbindehaltung soll ab 2020 verboten werden

Die Tierschützer fordern darin unter anderem ein Verbot der ganzjährigen Anbindehaltung und ausreichend Auslauf. Die Kühe sollen auch im Stall so viel Platz haben, dass sie sich nicht gegenseitig verletzen und sozial interagieren können. Dass sie alle gleichzeitig fressen oder sich hinlegen können. Der Stallboden soll rutschfest sein, um Verletzungen vorzubeugen. Bauern wären demnach verpflichtet, ihre Kühe wenigstens zeitweise auf der Weide grasen zu lassen. Und zwar an mindestens 120 Tagen im Jahr, jeweils für mindestens sechs Stunden.

Zukünftig, so sieht es der Entwurf vor, sollen Milchbauern ihre Befähigung zum Halten von Kühen durch einen Lehrgang nachweisen. Zu dessen Inhalten zählen auch das Verhalten von Milchkühen, tierschutzrechtliche Vorschriften und das Thema "Hochleistung und Tiergesundheit". Die Mitarbeiter in Milchbetrieben sollen sich mindestens zwölf Stunden im Jahr fortbilden.

Flankiert wird die Kampagne von einer Petition, die online schon 170.000 Menschen unterzeichnet haben. Hierin fordert die Welttierschutzgesellschaft Landwirtschaftsminister Christian Schmidt auf, tiergerechte Mindeststandards einzuführen.

Rückendeckung gibt den Tierschützern ein Experten-Gutachten. Der Wissenschaftliche Beirat des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) mahnte im schon im März 2015, die deutsche Landwirtschaft sei "nicht zukunftsfähig". Und bemängelte vor allem "erhebliche Defizite" im Tierschutz. In ihren Leitlinien und Empfehlungen fordern die Wissenschaftler unter anderem mehr Platz für Tiere, Zugang zu "verschiedenen Klimazonen, vorzugsweise Außenklima" - und einen verbesserten Kenntnisstand beim betreuenden Personal.

Zu den Tierschutzproblemen bei der Milchviehhaltung rechnen die Experten Stoffwechsel- und Fortpflanzungsstörungen, Eutererkrankungen, sozialen Stress, Furcht und Schmerz und Verhaltenseinschränkungen durch die ganzjährige Stallhaltung.

Wer trägt die Kosten?

Tierfreundlichere Haltungsbedingungen wie mehr Platz und Auslauf bedeuten aber auch mehr Kosten. Der BMEL-Beirat rechnet mit bis zu einem Viertel höheren Ausgaben für den Bauern - bei den derzeit niedrigen Marktpreisen für Milch eine Herausforderung für viele, vor allem kleinere Betriebe. Für Leif Koch von der Welttierschutzgesellschaft kann das kein Argument gegen eine Haltungsverordnung sein. "Wer so argumentiert, erklärt Tierwohl zu einer Verhandlungsmasse. Das darf nicht sein."

Dass die Politik gefordert ist, Tierwohl und Ökonomie in Einklang zu bringen, betonen auch die Experten des BMEL-Gutachtens. Es brauche "große Anstrengungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die allerdings für die Erreichung einer gesellschaftlich akzeptierten Tierhaltung unerlässlich sind".

Natürlich sind auch die Verbraucher gefordert. Wer schon jetzt für - noch tierfreundlichere - Mindeststandards eintreten will, kann auf Produkte mit dem Bio-Label zurückgreifen.


Die Kampagne "KUH + DU" der Welttierschutzgesellschaft: www.kuhplusdu.de
Das Landwirtschafts-Gutachten des Expertenrats: www.bmel.de/DE/Ministerium/Organisation/Beiraete/_Texte/AgrVeroeffentlichungen.html



Mehr zu den Themen: Kuh, Tierschutz, Landwirtschaft, Milchwirtschaft

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