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"Wenn nichts passiert, werden wir seltene Arten verlieren"

Rebellen, Wilderer, jetzt auch noch Ölfirmen: Nicht nur die Berggorillas sind im Virunga-Nationalpark in Gefahr. Im Interview mit GEO.de berichtet der stellvertretende Parkleiter, Ephrem Balole, über eine schwierige Situation

Interview:

Zu Gast in der Hamburger GEO-Redaktion: Ephrem Balole, stellvertretender Virunga-Parkleiter (Foto von: Rosa Kaiser/GEO.de)
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Zu Gast in der Hamburger GEO-Redaktion: Ephrem Balole, stellvertretender Virunga-Parkleiter

Herr Balole, Sie haben eine schwere Zeit hinter sich ...
Wir hatten in den vergangenen acht Monaten wegen des Krieges keinen Kontakt zu unseren Berggorillas. Und noch immer halten die M23-Rebellen etwa die Hälfte des Parks besetzt. Immerhin haben sie uns jetzt Zutritt zum Gorillasektor gewährt. Fünf von insgesamt sechs Familien haben wir schon wiedergefunden. Und was das Allerwichtigste ist: Wir haben auch fünf Babys entdeckt. Allen geht es gut.

In den vergangenen Jahren wurden immer wieder Gorillas getötet. Sind sie jetzt sicher?
Ja, die Gorillas sind sicher. Wir suchen zwar immer noch nach der Rugendo-Familie, aber bis jetzt haben wir keine Todesfälle registriert, die mit den Kriegshandlungen zusammenhängen.

Können Sie denn jetzt wieder normal arbeiten?
Das kann man nicht sagen. Wir haben immer noch keine Kontrolle über einige Teile des Parks. Der Gorillasektor wurde durch Bomben beschädigt. Und wir müssen den Wald nach Fallen absuchen. Die Menschen, die in der Region leben, haben schon immer wilde Tiere im Wald gefangen, mit Schlingen aus Nylon und Eisendraht. Heute ist das natürlich illegal, denn solche Fallen können auch für Gorillas tödlich sein. Aber die Menschen fingen mit dem Fallenstellen wieder an, als wir uns zurückziehen mussten.


Im Sommer 2007 wurden sieben Mitglieder der Familie dieses Berggorillababys aus Virunga erschossen (Foto von: Brent Stirton/Reportage by Getty Images)
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Im Sommer 2007 wurden sieben Mitglieder der Familie dieses Berggorillababys aus Virunga erschossen

Die Rebellen sollen sogar Touren zu den Gorillas durchgeführt haben ...
Ja, darüber haben wir Berichte. Sie sollen in den vergangenen vier Monaten Touren für 300 Dollar angeboten haben. Ein Spottpreis, normalerweise nehmen wir 400 Dollar. Aber diese Leute haben einfach in die eigene Tasche gewirtschaftet.

Jetzt wird im Park auch noch nach Öl gesucht. Ist das überhaupt legal?
Das Öl ist eine zusätzliche große Bedrohung für den Park. Wir haben Wilderer, die Elefanten oder Büffel jagen. Wir verlieren jede Woche ein Nilpferd, und zwar durch unsere nationale Armee, die FRDC. Wald wird abgeholzt, um landwirtschaftliche Nutzfläche zu gewinnen. Wir haben wachsende Städte auf dem Gebiet des Parks. Die Suche nach Öl verstärkt den Druck auf den Park enorm. Nach kongolesischem Gesetz ist Rohstoffgewinnung im Parkgebiet nicht erlaubt. Aber die Ölfirmen haben für ihre Erkundungen eine Genehmigung vom Präsidenten der Demokratischen Republik Kongo.

Wie gehen Sie damit um?
Die Ölfirmen dürfen außerhalb des Parks nach Öl suchen. Wir werden kontrollieren, ob die Ölfirmen im Park illegale Aktivitäten durchführen und gegebenenfalls darüber berichten. Immerhin ist der Park UNESCO-Weltnaturerbe. Und auch die UNESCO-Kommission ist sehr besorgt über diese Vorgänge.

Wie sehen Sie die Zukunft des Parks?
Natürlich müssen wir den Park erhalten. Er wurde 1925 geschaffen, ist der älteste Naturpark Afrikas. Ihn jetzt aufzugeben, wäre verrückt. Wir haben trotz aller Bedrohungen in dieser langen Zeit nur eine einzige Tierart verloren, den Afrikanischen Wildhund. Aber wenn nichts unternommen wird, dann könnte der Druck auf die Lebensräume so hoch werden, dass wir weitere Arten verlieren. Darum sind wir auf die Hilfe der internationalen Gemeinschaft, von Freunden und Partnern angewiesen.

Welche Rolle spielt die lokale Bevölkerung?
Wir betreiben Naturschutz nicht als Selbstzweck, sondern mit dem Ziel, die ganze Region zu entwickeln. In Goma war nach dem Einmarsch der Rebellen die Wasserversorgung zusammengebrochen. Wir haben sie mit der Hilfe von großzügigen Spendern innerhalb von 24 Stunden wiederhergestellt. Im nächsten Jahr soll ein Wasserwerk in Betrieb gehen. Wir helfen beim Bau von Schulen und Ambulanzkliniken. Wir können den Park nur schützen, indem wir die Lebensgrundlagen der Menschen in der Region schützen, die Wirtschaft stärken. Und ich weiß: Es ist möglich.

Was machen Sie mit den Spendengeldern?
Wir brauchen Geld für unsere Ranger, die von der Regierung schlecht bezahlt werden. Für Verpflegung, Ausrüstung, Waffen, medizinische Versorgung. Für all die Arbeiten, die im Park anfallen. Im Jahr 2007 hatten wir nur ein einziges Auto. Jetzt haben wir weitere Geländewagen, Boote und ein kleines Flugzeug, um den riesigen Park zu überwachen. Das ist eine enorme Verbesserung. Leider ist die Unterstützung der EU und der UNESCO befristet und zweckgebunden. Darum sind wir sehr auf private Spenden wie die der GEO-Leser angewiesen.

Bis jetzt wurden 140 Ranger im Dienst getötet. Warum riskieren Sie und Ihre Männer ihr Leben?
Die Arbeit im Park ist gefährlich, ja. Allein am 24. Januar 2011 haben wir acht Männer verloren. In der ganzen Woche waren es elf. Aber es ist auch etwas ganz Besonderes. Wissen Sie, wir sehen uns als Hüter des Garten Eden. Wir bewahren etwas Einzigartiges für die ganze Welt. Darauf sind wir stolz.

Ephrem Balole berichtete am 13.12.2012 in Berlin und am 17.12.2012 in Hamburg als Gast einer Podiumsdiskussion von seiner Arbeit. Mehr Informationen und eine Fotostrecke gibt es hier.

"GEO schützt den Regenwald e.V." hat ein Spendenkonto eingerichtet:
Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 251 205 10
Konto-Nr. 845 31 00
Stichwort "Virunga"
Spenden auf dieses Konto sind steuerlich absetzbar.
Über www.virunga.org können Sie Ihre Spende auch direkt dem Virunga-Nationalpark zukommen lassen.


Mehr zu den Themen: Virunga, Berggorillas, Gorilla

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Kommentare zu ""Wenn nichts passiert, werden wir seltene Arten verlieren""

totilla | 14.12.2012 13:45

Es spielt keine Rolle, ob die Ölförderung innerhalb oder außerhalb des Parks passiert. So etwas zieht nur weitere Menschen an – mit Bedarf an Nahrung (Stichwort Bushmeat) und Brennstoff (Stichwort Holzkohle). Schade dass dafür auch deutsches Geld herhalten muss (s. http://www.focus.de/wissen/natur/tid-27777/berggorillas-bohrtuerme-gegen-berggorillas_aid_842277.html ). Welche verheerenden Auswirkungen die teilweise bereits jetzt auf mehr als 400 Einwohner pro qkm angewachsene Bevölkerungsdichte hat, sieht man ja ganz deutlich am Mikeno-Sektor, also dem Teil, in dem die Berggorillas leben. Man muss die Lebensbedingungen der Menschen verbessern, aber nicht mir Ölförderung, sondern mit Tourismus und anderen wirtschaftlichen Projekten, z. B. lokale Fleischproduktion. Das funktioniert aber erst wenn Frieden ist und er kommt nur mit ernst betriebener internationaler Unterstützung. s. a.
http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/lesezeit/164489/index.html
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